Von Kanonenkugeln und gescheiten Mädchen

St. Ursula in Freiburg wird 300

 

Zwei vergebliche Anläufe machten die Ursulinen aus Luzern, die ihre Wurzeln in Dôle in Burgund hatten, um in Freiburg eine Niederlassung zu gründen. Zwar hatten sie eine revolutionäre Idee, aber es war keineswegs so, dass man in Freiburg nur auf sie gewartet hätte. Der Mädchenbildung hatten sich die Schwestern verschrieben – aber deren Notwendigkeit sahen damals keineswegs alle gleich ein. Sie „hab Klöster und Geistliche genug“, argumentierte die Freiburger Bürgerschaft – und das nicht ohne Grund, hatte die Stadt mit ihren etwa 6000 Einwohnern im 17. Jahrhundert doch bereits über 30 Klöster zu erhalten. Außerdem argumentierte man damit, dass hinter der von Vauban errichteten Festungsmauer kaum noch Platz sei. 1653 und 1667 gelang es, die Klostergründung zu verhindern.

 

Allerdings mobilisierten die Ursulinen nun ihrerseits Fürsprecher: Das Gouvernement der 1677 von Vorderösterreich an Frankreich gefallenen Stadt, einflussreiche Bürger und vor allem den Jesuitenorden, mit dem die Lehrschwestern sich eng verbunden fühlten. Da die Jesuiten fast alle Professoren der Universität stellten, waren sie in der Stadt ein Machtfaktor. 1696 durften die Ursulinen einen provisorischen Schulbetrieb in Privathäusern eröffnen, und nun gewannen sie schnell an Ansehen bei Kindern, Eltern und Bürgerschaft. Großzügige Spenden ermöglichten den Kauf eines Grundstücks direkt an der westlichen Stadtmauer.

 

Am 31. April 1708 war die Grundsteinlegung für den Bau eines Klostergebäudes samt Kirche, am 5. August 1710 bereits, dem Fest Maria Schnee, benedizierte Stadtpfarrer Dr. Helbing die noch „ärmlich ausgestattete“ Klosterkirche „zum heiligsten Herzen Jesu“. Über einem einfachen Altartisch hing ein gemaltes Herz-Jesu-Bild an der Wand. Am 16. September konnten die Schwestern das Kloster beziehen, das bald nach ihrer Tracht das „Schwarze Kloster“ genannt werden sollte. Architekt Heinze überreichte im Pilgergewand nach einem Festmahl auf silberner Platte den Schlüssel des Hauses.

 

Krieg

 

Hat das Schwarze Kloster viel später die beiden Weltkriege weitgehend unbeschadet überstanden, so war der Anfang umso turbulenter. 1713 belagerten die Franzosen das inzwischen schon wieder österreichisch gewordene Freiburg und beschossen die Stadt mit Kanonen. Da das Kloster direkt an der Stadtmauer lag, trug es schwere Schäden davon. Dasselbe geschah noch einmal im Jahr 1744, als die Truppen Ludwigs XV. die Stadt eroberten. Die wenige Jahrzehnte zuvor von den Franzosen selbst gebauten Befestigungsanlagen wurden nun gesprengt; wieder trug das Kloster schwere Schäden davon – die letzten Schäden am Dachstuhl wurden bei einem Umbau im Jahr 1982 beseitigt. Ein Jahr später rettete die Wiener Fürstin Theresia von Liechtenstein das Kloster mit großzügigen Stiftungen. Nun konnte repariert und restauriert, der Stuck erweitert und die Sakristei reich ausgestattet werden.

 

Der gute Ruf der Schule und die Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1774 führte zu einem ständigen Anwachsen der Schülerinnenzahlen auf 500 im Jahr 1810 und 600 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Um diese Zeit wuchs die Freiburger Bevölkerung stark an, wodurch sich die Zahl der Schülerinnen noch einmal fast verdoppelte.

 

Säkularisation und Kulturkampf

 

Mit dem Übergang des Breisgaus an Baden 1805/06 griffen die Bestimmungen der Säkularisation auch in Freiburg. Zwar blieb das Schwarze Kloster im Besitz des Ordens, aber das schulische Leben wurde stark staatlich reglementiert. Nach 1871 spitzte sich der Konflikt zwischen Staat und Kirche um die Bildungshoheit zu und eskalierte zum „Kulturkampf“, der in Baden besonders heftig tobte. Als der badische Landtag 1876 die Einführung der überkonfessionellen „Simultanschule“ beschloss, weigerte sich St. Ursula, dem zu folgen. Darauf erklärte die Landesregierung das Lehr- und Erziehungsinstitut ab Ostern 1877 für geschlossen. Vergeblich hatten 3.000 Frauen aus der Stadt eine Petition gegen die Schließung unterzeichnet. Die Ursulinen mussten Schule und Kloster verlassen. In Privatquartieren hielten sie notdürftig den Unterrichtsbetrieb aufrecht, bis die Lage sich entspannte und die badische Regierung den Bau einer neuen Schule erlaubte. Heute ist das katholische Mädchengymnasium St. Ursula das größte allgemeinbildende Gymnasium in Freiburg; dazu kommen die St. Ursula-Realschule, Sozialwissenschaftliches und Ernährungswissenschaftliches Gymnasium und eine Altenpflegeschule. Das Schwarze Kloster wäre für all das viel zu klein. Aber es ist nie in den Besitz des Ordens zurück gekehrt.

 

Neues Leben

 

Das Kloster ging in den Besitz der städtischen Adelhausenstiftung über. Im Gebäude richtete die Stadt eine städtische Mädchen-Volksschule ein. Nach vielfältiger Nutzung als Verwaltung und Werkstätten der Stadtwerke, Branddirektion, Krankentransportzentrale und Gewerbebetrieb zog 1982 die Volkshochschule Freiburg in das „Schwarze Kloster“ ein, das seitdem wieder der ursprünglichen Aufgabe, der Bildung dient. So war das Klostergebäude für die verschiedensten Zwecke sehr gefragt; die Kirche aber stand seit 1877 leer.

Die neu entstandene alt-katholische Gemeinde nutzte die nur 200 Meter entfernte Universitätskirche der Jesuiten zunächst mit, dann alleine, nachdem der Papst Simultannutzungen verboten hatte. Das war verständlicherweise den Jesuiten ein Dorn im Auge; in den 1890er Jahren drängten sie immer mehr bei der Stadt darauf, das alleinige Nutzungsrecht an der Kirche zurück zu erhalten. Nun konnten die Alt-Katholiken nach dem badischen Alt-Katholiken-Gesetz nicht einfach auf die Straße gesetzt werden; man musste ihnen eine Alternative anbieten. Es lag nahe, die leer stehende St. Ursula-Kirche zu offerieren – doch die Gemeinde lehnte ab, war die Kirche doch in keinem guten Zustand und man munkelte sogar von Abrissplänen. Schließlich musste sie widerwillig doch zustimmen, denn man ließ ihr letztlich keine andere Wahl; seit 1894 ist St. Ursula alt-katholische Pfarrkirche. Heute können wir nur sagen: Welch ein Glück!

 

Not macht ökumenisch

 

Wie schon gesagt, trugen die St. Ursula-Kirche und das Kloster im zweiten Weltkrieg kaum Schäden davon. Die meisten übrigen Gebäude der Altstadt außer dem Münster wurden dagegen in einer Bombennacht im November 1944 zerstört, darunter auch die nahe gelegene St. Martinskirche (in der vor vier Jahren beim Alt-Katholiken-Kongress der Festgottesdienst der Utrechter Union war) und die Jesuitenkirche. Als die römisch-katholische St. Martinsgemeinde anfragte, ob sie nicht bis nach dem Wiederaufbau ihrer Kirche St. Ursula mitbenutzen könnten, lehnte der Kirchenvorstand zunächst ab, ließ sich aber schließlich doch darauf ein. Die damals recht kleine alt-katholische Gemeinde zog sich in die geräumige Sakristei zurück und überließ der Nachbargemeinde die Kirche – damit allerdings nicht allzu viel Berührung entstehen konnte, wurde der Durchgang zugemauert. Die Akten lassen erkennen, dass das Nebeneinander nicht immer reibungslos ging, aber letztlich arrangierte man sich doch.

Wirbel gab es dann noch einmal, als sechs Jahre später die Martinskirche fertig war und aus dem Erzbischöflichen Ordinariat Bestrebungen laut wurden, St. Ursula trotzdem nicht wieder zu räumen. Man argumentierte unter anderem damit, dass „die Zahl der den Gottesdienst besuchenden Personen seit langem so außerordentlich gering geworden“ ist, „daß deren gottesdienstliche Bedürfnisse ausreichend in der Sakristei der St. Ursula-Kirche befriedigt werden können“. Mit der weiteren Überlassung für römisch-katholische Gottesdienste wäre „eine künstlerisch wertvolle Kirche der Allgemeinheit wieder zugänglich.“ Dem damaligen Pfarrer von St. Martin, Josef Oechsler, ist es zu danken, dass er auf die Rückgabe der Kirche drängte mit der Begründung, er habe schließlich sein Wort gegeben. So war der Beginn der Beziehungen beider Gemeinden nicht freiwillig und nicht ungetrübt, aber bis heute besteht zwischen ihnen ein gutes Verhältnis.

 

Ironie des Schicksals

 

Bevor die Kirche die Heilige Ursula als Patronin erhielt, hatte sie schon zwei andere Patrozinien: Sie war Herz-Jesu-Kirche und, wegen des Weihedatums, Maria-Schnee-Kirche. Dies zeigt sich vor allem im Gemälde des Hochaltars. Wir sehen Papst Liberius und den Patrizier Johannes, die im 3. Jahrhundert einen Traum gehabt haben sollen: An der Stelle, an der es im August in Rom schneit, soll eine große Marienkirche gebaut werden – die Gründungslegende der Kirche Santa Maria Maggiore. In der Tat kann man ein grauweißes Schneefeld in Form eines Kirchengrundrisses erkennen. Dass es in Rom spielt, kann man an drei römischen Gebäuden erkennen: Das von Michelangelo gebaute Rathaus auf dem Kapitol, wie es im 18. Jahrhundert aussah, die Kirche Il Gesù, die größte Kirche der Jesuiten, und die Engelsburg.

 

Darüber befindet sich, getragen und umgeben von Engeln, ein Bild im Bild, eine Mariendarstellung aus der Kirche Santa Maria Maggiore, die „Salus Populi Romani“ oder im Volksmund Jesuitenmadonna genannt wurde. Vor allem die Jesuiten verbreiteten Kopien davon in der ganzen Welt, wohl auch weil die Legende die Urheberschaft dem Evangelisten Lukas zuschreibt. Ganz oben thront Gott-Vater.

 

Dank der engen Verbindung von Ursulinen und Jesuiten ist St. Ursula die römischste Kirche von Freiburg und weit darüber hinaus. Und ausgerechnet diese super-ultramontane Kirche ist nun auch schon wieder seit 116 Jahren alt-katholische Pfarrkirche.

 

Am 19. September wollen wir ab 14 Uhr mit einem Festgottesdienst und einem Fest im Innenhof das Jubiläum feiern. Wir hoffen, wir können dazu die vereinen, die alle im Lauf von drei Jahrhunderten eng mit dem Schwarzen Kloster verbunden waren: die Ursulinen, von denen nur noch sehr wenige in Freiburg leben, die Ursula-Schulen, die Stiftungsverwaltung als Eigentümerin, die Volkshochschule, die St. Martins-Gemeinde und natürlich die Alt-katholische Gemeinde.

 

Gerhard Ruisch