Wenn ein Glied leidet …

 

Vermutlich erhalten Sie ebenfalls mehrere kostenlose Wochenblätter. Außer durch jede Menge Werbung, durch die sie sich finanzieren, sind sie gewöhnlich geprägt durch harmlose Artikelchen über meist lokale Ereignisse. Denn sie wollen ja möglichst viele Werbekunden haben und möglichst allen gefallen, also nicht anecken. Umso mehr verblüffte mich ein Artikel im Freiburger „Der Sonntag“ an Pfingsten. Die ganze Seite 3 war einem Thema gewidmet, das überschrieben war: „Die Kirche zerbröselt. Heute feiern die Christen Pfingsten – doch in der katholischen Kirche vermissen viele den Geist der Erneuerung“. Die letzten drei Wörter davon in rot und in Großbuchstaben. Illustriert war das Ganze mit einem Foto von einer Kirche, von der die Steinbrocken fallen, und einem kleinen Bild von Erzbischof Robert Zollitsch. 

 

In dem Artikel kamen lokale kirchliche Größen zu Wort, die sich äußerst kritisch gegenüber ihrer eigenen Kirche äußerten. Aber was mir auffiel: Auch der Chefredakteur des Blattes selbst, von dem der Artikel war, fand eine deutliche Sprache. „Der höfische und absolutistische Prunk, dem im Katholizismus immer noch gehuldigt wird, steht der Gottsuche im Weg, wie auch die Unflexibilität der Kirche dem Dialog mit der zeitgenössischen Gesellschaft“, heißt es da. Und weiter: „Zölibat, die Frau in der Kirche, die Sexualmoral, die stockende Ökumene – eigentlich haben die Kirche und die Menschen, die ihr angehören, eine Menge zu tun.“

Da hat sich etwas geändert! Noch vor einem Jahr hätte kein Redakteur gewagt, in der Bischofsstadt Freiburg solche Töne anzuschlagen. Inzwischen kann selbst so ein Werbeblatt den Papst und den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz frontal angehen. „Soll sich für Reformen einsetzen: Erzbischof Zollitsch“, so die Bildunterschrift zum Foto von Robert Zollitsch.

 

Die Werbezeitung ist nur ein Indiz. Mir hat es vor Augen geführt, wie sehr in den letzten Monaten das kirchliche Ansehen gesunken ist. Die Kirchenaustrittszahlen steigen rasant. Musste man sich früher noch dafür rechtfertigen, dass man aus der Kirche austrat, so muss man jetzt schon begründen, warum man trotzdem noch drin bleibt. Kirchenaustritt ist spätestens jetzt salonfähig geworden und in Mode gekommen.

 

Nun ist das ja in unserer kleinen Kirche etwas anders. Austritte gibt es bei uns nach wie vor wenige, aber einen deutlich spürbaren Anstieg an Menschen, die Kontakt zu uns aufnehmen, weil sie auf der Suche sind, und in der Folge auch an Beitritten. Die Zahlen bewegen sich natürlich nur im Promillebereich von der Zahl derer, die aus der großen Schwesterkirche austreten, aber es ist doch deutlich wahrnehmbar. Insofern profitieren wir als alt-katholische Kirche eindeutig von der Krise der Anderen.

Kommt da Freude auf? Ja, ich freue mich, dass Menschen bei uns anklopfen. Ich freue mich insbesondere, weil ich merke, dass das keineswegs die Laxen, die Gleichgültigen sind, die da für sich einen einfachen Weg suchen, wie manchmal unterstellt wird. Denn diese treten einfach aus und fertig. Da Konfessionslosigkeit keinen Makel mehr darstellt, ist das der einfache Weg. Vielmehr stelle ich fest, dass viele von den Interessierten geistlich anspruchsvolle Menschen sind, die nicht nur eine nominelle Kirchenzugehörigkeit wollen, sondern bereit sind, sich zu engagieren. Dass solche Menschen unsere Kirche bereichern, darüber kann ich mich freuen.

 

Was in mir aber ganz gewiss nicht aufkommt, das ist Schadenfreude. Für sie ist schon deswegen kein Raum, weil wir selbst mit betroffen sind. Die Kirche ist es, die in Misskredit geraten ist. Die Kirche hat einen großen Teil ihrer moralischen Autorität und Glaubwürdigkeit verspielt. Die Kirche hat sich lächerlich gemacht und blamiert. Die Kirche steht als unreformierbares Relikt aus alter Zeit da, das sich großmäulig aufbläst. Die Kirche aber, die da Schaden genommen hat, das ist nicht nur die Römisch-katholische Kirche, sondern das ist die Gesamtkirche, die Catholica, zu der wir selbst gemeinsam mit Protestanten, Orthodoxen und Römisch-Katholischen gehören. Das Christentum als Ganzes hat an Ansehen verloren. Dadurch ist es schwieriger geworden, christliche Positionen im Konzert der öffentlichen Meinungen zu vertreten und dadurch ist Mission in unserem Land schwieriger geworden – Mission verstanden als einladendes Nahebringen christlicher Spiritualität gegenüber Menschen, die aus keinem religiösen Umfeld kommen, aber nun im weiten Feld von geistlichen Angeboten aus zig Religionen und Richtungen ihren Zugang zu geistlicher Tiefe suchen. So stimmt das, was der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief (12,26) schreibt, ganz direkt: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit.“ Alle Christen erfahren es, dass sie in Mitleidenschaft gezogen sind, wenn die Römisch-katholische Kirche leidet.

 

Es kann aber auch keine Schadenfreude geben, weil das Wort des Paulus auch im übertragenen Sinne gilt. Worüber sollten wir uns freuen, wenn die große Schwesterkirche, mit der wir so viel gemeinsam haben, in eine Krise gerät? Wenigstens wir als Geschwister sollten das Positive nicht aus dem Auge verlieren, das die Römisch-katholische Kirche der Gesamtkirche und der Gesellschaft gibt, das vielfältige soziale Engagement, die Seelsorge, die geschieht, die vielen großen Theologen, auch die Bereitschaft zum Gespräch mit uns, wie in der römisch-katholisch/alt-katholischen Kommission geschehen. Dieses Gespräch hat große Übereinstimmung und viele Gemeinsamkeiten zwischen unseren Kirchen gezeigt. Auch wenn viele Alt-Katholikinnen und Alt-Katholiken ein problematisches Verhältnis zur Römisch-katholischen Kirche haben, weil sie sich einst in einem schwierigen Prozess von ihr gelöst und anders orientiert haben: Wie könnten wir bei all dem nicht mit leiden?

 

Gerhard Ruisch