Gelobet sei mein Gott

Annäherungsversuch an das Geheimnis der Dreifaltigkeit

 

Die erste religiöse Kost, die für mich als Kind greifbar war, bestand aus der Hochzeitsbibel meiner Eltern und einem Evangelischen Gesangbuch für Rheinland und Westfalen, das meine Mutter zu ihrer Konfirmation erhalten hatte. „Macht hoch die Tür“ war in diesem Gesangbuch das erste Lied – bekanntlich beginnt das Liturgische Jahr ja in der Westkirche mit der Adventszeit. Die erste Strophe endet mit „Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich an Rat“; die zweite Strophe schließt mit „Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß an Tat“; und schließlich lobt die dritte Strophe den dreifaltigen Gott mit dem Bekenntnis „mein Tröster früh und spat“. Schöpfer – Heiland – Tröster: auch wenn ich mit den Worten Dreifaltigkeit oder Trinitatis überhaupt noch nichts anfangen konnte und sie höchstens für eine besondere Bastelform meines Schokoladen-Adventskalenders gehalten hätte, begegnete mir so im mütterlichen Gesangbuch zum ersten Mal die Dreifaltigkeit. Ein gewisses Einlesen und Eingewöhnen war bei den Druckerzeugnissen aus den 1950er Jahren schon in der äußeren Form gegeben: Bibel und Gesangbuch waren in Frakturschrift gesetzt.

 

Alleinstellungsmerkmal

 

Unternehmensgründungen sind schwer, weil so vieles Unkalkulierbare bedacht sein will und man doch schlussendlich gezwungen ist, mit Annahmen und Zukunftsprognosen zu kalkulieren. Gibt es für das Produkt oder die Dienstleistung, die ich anbieten will, einen Markt? Wie stark ist der Markt schon durch Konkurrenzunternehmen gesättigt? Treffe ich mit meinem Angebot ein wirkliches Bedürfnis und gibt es etwas spezifisch Besonderes, einen „unique selling point“?

 

Ein solches Alleinstellungsmerkmal besitzt das Christentum in Lehre und Dogma vom dreifachen Wesen des einen Gottes. Trotzdem wage ich die These, dass es den meisten Christen in einem europäischen oder amerikanischen Kontext so geht wie dem kleinen Holger: man singt „Macht hoch die Tür“ und sogar darüber hinaus klassische Trinitäts-Lieder, doch der Inhalt wird übersehen oder trifft bei genauerem Nachdenken gar auf Unverständnis.

 

 

 

Stirnrunzeln bei den monotheistischen Geschwistern

 

Die Dreifaltigkeitslehre ist der Mutterreligion des Christentums, dem Judentum, nicht zu vermitteln. Das ist eine neutrale Feststellung und nichts Schlimmes, denn die jüdische Stellung zur Trinität folgt logisch aus der Einschätzung der Person Jesu. Ist Jesus weder Messias noch Gottessohn, sondern ein mit seiner kritischen (prophetischen) Botschaft am Kreuz Gescheiterter, muss sich die jüdische Theologie keine Gedanken über die Zuordnung des Auferstandenen zur göttlichen Wirklichkeit machen.

 

Der Islam als dritte Religion mit dem Bekenntnis zu nur einem einzigen Gott kennt zwar im Koran die Jungfrauengeburt Jesu, doch zieht er daraus nicht die Schlussfolgerung, auf die Lukas und Matthäus in ihren Berichten zielen: der im zugigen Stall Geborene ist von Beginn seines Erdenlebens an der Gottessohn. Ganz im Gegenteil schließt der Islam einen dreifaltigen Gott vehement aus, zur Freude von Konvertiten, die oft die größere Logik des Islam herausstellen. Da sei Eins nun mal Eins und nicht Drei (mathematisch durchaus hinterfragbar, denn 1x1x1=1).

 

Blickt man aber hinter die Kulissen der muslimischen Ablehnung, bekommt das „neu erfundene“ römisch-katholische Fest der heiligen Familie (erst 1893/1920 eingeführt) am Sonntag in der Weihnachtsoktav (seit 1969) einen fast kabarettistischen Charakter. Die christliche Dreieinigkeit wird im Islam als Gottvater, Jesus und Maria missverstanden und dementsprechend verworfen. Die Ablehnung der Trinität beruht somit auf biologischen Überlegungen: Allah zeugt kein Kind, weil Gott, der Einzige und Unteilbare, keine Gefährtin haben kann. Inwiefern am Missverständnis des Korans die Rede von Maria als „Mutter Gottes“ eine Rolle spielt, wäre eine interessante religionsgeschichtliche Untersuchung. Wäre es so, wie der Koran darstellt, könnte ich mit der Dreifaltigkeitslehre auch nichts anfangen, denn so röche sie mir zu sehr nach kleinbürgerlich-kleinfamiliären Herrschaftsstrukturen. Eines erscheint mir aus der Lektüre der Evangelien aber klar wie Kölnisch Wasser: Jesus hat sich nie als Einzelkind verstanden und war es höchstwahrscheinlich historisch auch nicht.

 

Tief im Herzen und doch

unendlich fern

 

Durch die Auferweckung des Gefolterten und Gekreuzigten stellte sich für die sich konsolidierende urchristliche Gemeinde sehr dringlich die Frage nach der Person und dem Wesen Jesu. Das ist der christologische Aspekt in der Denkbewegung auf die Dreifaltigkeit und das altkirchliche Dogma zu. Die Frage der Anwesenheit oder Abwesenheit Gottes in der Schöpfung stellt sich hingegen dem Judentum gleichermaßen wie dem Christentum. Einig sind sich Juden und Christen in der Ablehnung eines Gottesbildes, wo der Ewige die Schöpfung nur ins Rollen bringt, sich aber dann aus dem weiteren Entfaltungsprozess vornehm heraushält; der philosophische Fachbegriff für den distanzierten Gott lautet Deismus. Gott stößt nicht lediglich den ersten Stein im Domino-Effekt der Evolution an, der Ewige pustet auch nicht überm Kinderbett dieser Welt ins Perpetuum Mobile mit Sonne, Mond und Sternen und geht dann im himmlischen Fernsehzimmer Daily Soaps gucken. Der jüdisch-christliche Schöpfergott wohnt den unvorstellbar weiten Galaxien ebenso inne wie Pflanze, Tier und dem menschlichen Herzen.

 

Wie ist dieser Aspekt der Einwohnung Gottes in der Welt mit denkerischen und logischen Mitteln zu lösen, wenn Gott doch ein himmlisches Einzelwesen ist? Auch der strikte Monotheismus, den der Islam zu vertreten glaubt, schützt nicht vor Missverständnissen: Wenn ich Gott/Allah/HaSchem in Kategorien menschlicher Zählbarkeit einordnen kann, so kann ein fest zu umschreibendes himmlisches Herrscherwesen leicht die Züge eines feudal-absolutistischen Stammesfürsten annehmen, der nicht gleichzeitig der Natur und dem Menschen liebevoll einwohnen kann, weil das einen Zacken aus seiner vermeintlichen Ehre brechen würde.

 

Die jüdische Lösung

 

Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich mit der Charakterisierung der Kirche als pilgerndes Gottesvolk (Konstitution über die heilige Liturgie) ganz eng an die jüdische Mutterreligion angeschlossen, wo der Weltbezug Gottes (die Immanenz) dadurch gewährleistet ist, dass der Ewige sein Zelt bei den Menschen aufschlägt und unter ihnen wohnt. Nicht umsonst sind die Symbole von Feuerschein und Wolkensäule beim Auszug der Kinder Israels veränderlich und dynamisch. Der Gott Israels kommt zu den Menschen, um sie zu befreien und den wirren eigenen Zielen des menschlichen Egoismus seine Weisung und Weisheit an die Hand zu geben. Die Schechinah begleitet das auserwählte Volk als „Einwohnung“ und „Wohnstatt“ und stellt somit die weltzugewandte Seite Gottes dar. In der rabbinischen Tradition wird sie personifiziert und mit weiblichen Attributen ausgestattet. Die Einwohnung Gottes begleitet das Volk Israel ins Exil. Dem beziehungslosen Gott des Deismus setzen die Rabbiner das Wissen entgegen, dass Gottes Schechinah mitten unter den Menschen ist und am menschlichen Leid wie an der menschlichen Erlösung beherzt und liebevoll Anteil nimmt.

 

Die christliche Lösung

 

Das Johannesevangelium wirft in den Abschiedsreden Jesu selbst die Frage auf, was denn mit der Jüngergemeinde geschehen soll, wenn Jesus ganz und gar in die Herrlichkeit des Vaters eingegangen ist. Mit der Himmelfahrt ist ein klarer Schlussstrich unter die körperliche Anwesenheit auch des Auferstandenen bei den Jüngern gesetzt. Gott aber bleibt seiner Kirche im Parakleten nah, im Tröster, im Heiligen Geist. Der Heilige Geist lenkt und leitet die Kirche, mehr noch: mit der Austeilung der Gaben wirkt er (oder sie – im Hebräischen wie in der Darstellung der Trinität in der Kirche von Urschalling ist der Heilige Geist weiblich) die Gegenwart Gottes wie die Vergegenwärtigung des Heilsgeschehens in Jesus immer und immer wieder neu. Damit stellt die dritte „Person“ der Dreifaltigkeit einen unlösbaren Zusammenhang zwischen dem Geistwirken und der lebendigen Gegenwart Jesu Christi in der Kirche und in der Welt her. Bezeichnenderweise beschreibt Paulus in 1 Korinther 13 die fundamentalen Gaben des Heiligen Geistes wiederum als Dreiklang: Glaube/Liebe/Hoffnung. In der Kirche aber spielte die Zahlensymbolik der 7 sowohl in der Ausformulierung von Tugenden, von Todsünden wie bei der Zahl der Sakramente eine große Rolle. So kam man auch auf Sieben Gaben des Heiligen Geistes, wobei die römisch-katholische Tradition die höchste Geistesgabe nach Paulus (2 Korinther 3,17) schlicht unbeachtet ließ: libertas – die Freiheit!

 

Die primäre Gabe des Heiligen Geistes ist aber nichts, das sich in Kategorien einfangen oder per kirchlicher Ordnung produzieren lässt: die höchste Gabe des Geistes ist die Gegenwart Gottes beim Menschen und die Teilhabe an Gott selbst.

 

Die Geistvergessenheit

überwinden

 

Im „Großen Küry“ (Die Altkatholische Kirche – Ihre Geschichte, ihre Lehre, ihr Anliegen) wird schon in der ersten Auflage 1966 darauf aufmerksam gemacht, dass die Lehrer der orthodoxen Ostkirchen der Heilswirksamkeit des Heiligen Geistes von jeher größere Aufmerksamkeit geschenkt haben als in der lateinischen Westkirche. „Es wird darum eine der Aufgaben der westlichen Theologie sein, in Zusammenarbeit mit der östlichen Theologie die personhafte Selbständigkeit des Hl. Geistes und die Besonderheit seines Heilswerkes besser zur Geltung zu bringen.“

Hierüber besteht heute ökumenische Einigkeit (Wegweisend immer noch der Lima-Text „Taufe, Eucharistie und Amt“ von 1982), doch historisch standen sich römisch-katholische Tradition einerseits und orthodoxe wie altkatholische Tradition andererseits lange Zeit noch gegenüber. In der römischen Kirche war den Einsetzungsworten im Eucharistiegebet eine derart übergeordnete Stellung gegeben, dass die wandelnde Kraft des Geistes hinter der Priestervollmacht fast vollständig vergessen wurde. Die alt-katholischen Kirchen bekannten zusammen mit der orthodoxen Anschauung von der Eucharistie, dass die Herabrufung des Heiligen Geistes (Epiklese) unverzichtbar für das Wandlungsgeschehen ist. In evangelischen Gottesdienstbüchern hat sich die römische Vernachlässigung des Geistes mit der Streichung aller Opferpassagen im Eucharistiegebet noch potenziert: auch heute gibt es in Deutschland noch zahlreiche evangelische Abendmahlsgottesdienste, die reduktionistisch einfach nur die Einsetzungsworte zitieren.

Spitzfindigkeiten – könnte man gegen die Unterschiede im liturgischen Vollzug einwenden. Dem ist aber ganz und gar nicht so! Der evangelische Systematische Theologe und Privatdozent Dr. Matthias Haudel zeigt in seiner Habilitationsschrift „Die Selbsterschließung des dreieinigen Gottes“ (Grundlage eines ökumenischen Offenbarungs-, Gottes- und Kirchenverständnisses; FsöTh 110; Göttingen 2006), wie mit den Einseitigkeiten im Verständnis der Trinität auch Unterschiede im Kirchenverständnis und konfessionellen Charakter einhergehen. Das Schlagwort „Einheit in Vielfalt“ ergibt sich für Haudel nicht aufgrund Resignation vor einem ökumenischen Auf-der-Stelle-Treten oder einer Toleranz, die nicht so genau hinsieht. Das biblisch-altkirchliche Paradox, dass der eine Gott zugleich in drei Personen existiert, wird ihm zur gegenwärtigen ökumenischen Herausforderung. Die Kirchen sollen in Entsprechung zur trinitarischen Einheit in Vielfalt leben, aber sich zugleich intensiv um die Auflösung von Einseitigkeiten bemühen. Haudel plädiert in seinem Buch für eine ökumenische Orientierung an den gemeinsamen Grundlagen. Ich schätze, dass dabei die Aufarbeitung von Defiziten nicht nur dem Heiligen Geist viel abverlangt (denn die theologisch Verantwortlichen müssen die Defizite und Ergänzungsbedürftigkeit ihrer eigenen Konfessionen nicht nur einsehen, sondern auch noch im zwischenkirchlichen Dialog offen zugeben), auch den Kirchenmitgliedern wird dieser Prozess noch einige ökumenische Geduld abverlangen, denn tragfähige Ergebnisse lassen sich nicht mal schnell mit einem Mehr an Vereinigungs-Euphorie herbei-hudeln.

 

Hoffnung für die Ökumene

 

Die Geistvergessenheit zu überwinden und ein Gottes- und Kirchenverständnis in ökumenischer Perspektive zu entwickeln, ist dann auch das Ende der Profilneurosen einzelner Konfessionen, auch unserer eigenen alt-katholischen. Der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar bemerkte schon 1971 in seinen „Klarstellungen“: Der Heilige Geist „ist ein scharfer, schneidender Wind, der uns das Zähneklappen beibringen kann. Wer wird sich vermessen, er habe den Geist? ... Keine Partei fängt die Taube für sich ein. Sie kommt und sie geht. Sie schwebt herab, aber sie setzt sich nicht. Der Geistbraus stürmt, wo er will!“

 

Für Haudel ist die Öffnung der Kirchen für die gemeinsame Grundlage einer biblisch fundierten altkirchlichen Lehre von der Dreifaltigkeit eine Notwendigkeit. Aber gerade darin liegt die große ökumenische „Chance, ihre grundlegenden Unterschiede im Kirchen- und Amtsverständnis auf der Basis einer Annäherung in der Gotteslehre zu überwinden.“

 

Haudel schreibt über den Heiligen Geist: „Der Heilige Geist, der innergöttlich die Gemeinschaft der Liebe vollzieht und vollendet, vollzieht auch die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch … In Gottes Liebesgemeinschaft sollen auch wir Menschen zu unserer Liebesgemeinschaft finden, was die ökumenischen Bemühungen der Kirchen zur Verpflichtung werden lässt.“

 

Dass die Umsetzung dieser Verpflichtung noch eine zwei- oder dreistellige Zahl an Ökumenischen Kirchentagen erfordern wird, dürfte meines Erachtens kein Gegenargument sein. Den Kirchen kann als Organisationen Schlimmeres passieren, als theologische Symposien abzuhalten und sich an Ökumenischen Kirchentagen zu beteiligen!

 

Oremus

 

Die anglikanische Internetseite www.oremus.org hat zum Dreifaltigkeitsfest in diesem Jahr folgendes Gebet in den liturgischen Texten zur Verfügung gestellt:

Gepriesen bist du, ewiger dreifaltiger Gott, den wir als Vater, Sohn und Geist verehren.

In Jesus Christus hast Du das Wort gesprochen, das diese Welt ins Dasein rief.
Mit Heiligem Geist brachtest Du Ordnung aus dem Chaos hervor und hauchst Deinen Geschöpfen das Leben ein.

In elterlicher Liebe stehst Du zu uns trotz unserer Taubheit für Deinen Anruf; in gnädigem Zurechtweisen korrigierst Du uns und heißt uns erneut in Deinen liebevollen Armen willkommen.

Für Deine Liebe und für alle Deine Gnadengaben preisen wir Dich: Vater, Sohn und Heiliger Geist!

 

Holger Laske