Jugendzeltplatz oder Ort der Stille?

Eine Woche mit Jugendlichen in Taizé

 

Wer in der Woche nach Pfingsten auf dem Hügel von Taizé ankommt, der sieht zunächst einmal viele Zelte – sehr viele Zelte. Eine fast unüberschaubare Zeltstadt ist entstanden – bunt und fröhlich sieht sie aus.

 

Massen an jungen Menschen bewegen sich mehrmals täglich von einem zum anderen Ende des Geländes. Dreimal am Tag ist ihr Ziel die Kirche der Versöhnung. Auch sie erfüllt nicht das Bild, das wir gemeinhin von einem Kirchengebäude haben.

 

Wären auf dem hinteren Teil nicht die kleinen Zwiebeltürme mit orthodoxen Kreuzen angebracht, man würde an diesem unscheinbaren Gebäude einfach vorbei gehen.

 

Mehrfach bildet sich eine riesige Menschenschlange. Dann ist Essenszeit und alle warten geduldig auf ihre schlichte Mahlzeit. Und schließlich kommt wieder Bewegung in die Menschenmassen, wenn es zur Bibeleinführung oder zu einer praktischen Arbeit geht.

 

Während man immer wieder auf dem Gelände des Jugendtreffens unterwegs ist, kommt man an Gruppen vorbei, die singen und lachen oder in ein Gespräch vertrieft sind. Nein, ein Ort der Stille, den stellen wir uns wohl anders vor. Und doch, wenn man genau hinsieht, dann entdeckt man die ersten Anzeichen. Auf dem Weg zum sogenannten Stillegarten, der Quelle St. Etienne, sitzen Jugendliche einzeln auf der Wiese und denken über Impulsfragen aus der Bibeleinführung nach. Sie nehmen die Herausforderung an, eine Stunde alleine in Stille zu verbringen.

 

Vor den Gebeten stehen Jugendliche mit Schildern vor oder in der Kirche. Darauf steht in großen Lettern ein Wort: Silence. Und tatsächlich, wer die Kirche betritt, ist verwundert, wie leise 3000 junge Menschen sein können. Alle suchen sich einen Platz, setzen sich auf den Boden und warten, bis das Gebet beginnt. 3000 Menschen stimmen in die für Taizé so charakteristischen Gesänge ein. Und dann passiert das Unerwartete: alle sind für 8 bis 10 Minuten still. Dreimal am Tag – das ist eine halbe Stunde!

 

Taizé – das ist eben beides: Jugendzeltplatz und Ort der Stille. Diese halbe Stunde am Tag geht an niemandem spurlos vorüber – an Jugendlichen, Kindern und Erwachsenen nicht:

 

Die Stille im Gebet zwingt zum Nachdenken

Elisabeth, 26

 

Die Stille breitet sich unmerklich in mir aus, während außerhalb die Menschen umherwuseln

Diana, 43

 

In der Stille ist Platz für Gedanken und verschiedene Erinnerungen

Tino, 18

 

In Taizé kann man in der Stille oft über Dinge nachdenken, die einem sonst nicht wichtig genug erscheinen. Außerdem hat man Zeit, über sich oder auch sein Leben nachzudenken

Korinna, 15

 

Die Stille in Taizé ist friedlich

Lea, 15

 

Die Quelle Saint Etienne

Sophia, 16

 

Wenn man mit kleinen Kindern in Taizé ist, muss man oft für Stille sorgen und ist froh, wenn es für eine Zeit lang gelingt

Sabine, 42

 

Ich fand die Stille seltsam, weil man bei uns in der Kirche nicht so still sein muss. Aber lustig war, dass es eigentlich still sein soll und dann halt alle husten

Mia, 7

 

In der Stille kann man zu einer inneren Ruhe gelangen und die Gedanken ordnen

Christina, 21

 

Stille in der Gemeinschaft wird zu einer Quelle, bei der ich aus der Tiefe Kraft schöpfen und Gott und mich selbst besser erkennen kann

Dorrit, 32

 

Beim Abendgebet konnte ich soooo gut schlafen

Elias, 4

 

Eines der Bücher Frère Rogers, in dem er seine Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht hat, trägt den Titel „Im Heute Gottes leben“. Dieses Leben auf dem Hügel von Taizé ist vielfältig, bunt, manchmal auch laut und sehr fröhlich – und eben 30 Minuten am Tag ein stilles Da-Sein vor Gott. Diese 30 Minuten Stille sind nicht isoliert, sie strahlen vielmehr auf das Leben auf dem Hügel aus. Sie machen auch das laute und fröhliche Taizé zu einem Ort, wo Menschen im Heute Gottes leben.

 

Alexandra Caspari