Im Geiste durch Groningen

Eine religiöse Reise vom Moor bis ans Meer

 

In Zeiten, in denen ein isländischer Vulkan so manche All-Inclusive-Reise nach Mallorca oder Antalya buchstäblich in Rauch aufgehen lässt und die Finanz- und Wirtschaftskrise zum Normalzustand wird, empfiehlt es sich für die Urlaubsplanung, nicht allzu sehr in die Ferne zu schweifen, denn das Gute liegt ja so nah.

 

In unserem Fall nur wenige Kilometer hinter der niederländischen Grenze, wo sich die Provinz Groningen vom Bourtanger Moor bis zur Nordsee erstreckt. Groningen war früher eine Art „Meck-Pomm der Niederlande“, eine Provinz weitab vom Schuss mit eigensinnigen und wortkargen Einwohnern. In den letzten Jahren hat sich diese „Provinzialität“ ins Gegenteil gewendet: Immer mehr Besucher streifen durch die Stadt Groningen und das Umland, weil sie keine Lust mehr haben, sich in den „holländischen Disneylands“ Amsterdam oder Gouda von Touristenströmen erdrücken zu lassen, sondern eine Region finden und schön finden möchten, die vorher nicht für sie erfunden wurde.

 

Ora et labora

 

Meine Reise beginnt im südöstlichen Zipfel der Provinz in Ter Apel, nur drei Kilometer vom Emsland entfernt. Hier findet man das einzig erhaltene von ehemals gut 50 Klöstern in Groningen, die wie kaum eine andere Landschaft in Europa die gesamte Provinz geprägt haben. Ter Apel liegt in der Region Westerwolde, was „westlicher Wald“ bedeutet – schließlich gehörte das Gebiet im Mittelalter zum Bistum Münster und war Ter Apel eine Gründung des Klosters Bentlage bei Rheine. Ein Spaziergang durch den Klosterkomplex und das Museum lässt in eine Zeit blicken, in der die Nonnen und Mönche aus dem öffentlichen Leben noch nicht wegzudenken waren. Die Klöster waren Kirchen, Krankenhäuser, Herbergen, Bierbrauereien, Universitäten und Forschungslabore unter einem Dach. Und auch echte Unternehmen: Nach dem Motto „ora et labora“ waren die Mönche und Nonnen unheimlich geschäftig. Hier im Süden der Provinz waren vor allem sie es, die die Moorgebiete zu kultivieren begannen und mit dem Torfabbau und dem Brennen von Backsteinen gewaltige Umsätze machten. Im Norden Groningens deichten die vielen Klöster die Landschaft ein, um sie vor Hochwasser zu schützen und den fruchtbaren Boden dort besser nutzen zu können.

 

Diese „Ter Apel GmbH“ macht mich nachdenklich: Warum denken wir heute meist, dass Kirche und Wirtschaft zwei getrennte Welten sein sollten? In der Wirtschaft wird heute immer stärker das Konzept des Sozialunternehmertums diskutiert und praktiziert: Geschäfte machen, aber nicht mit dem Ziel, möglichst viel Geld zu machen, sondern der sozialen und ökologischen Gewinnmaximierung. Überall müssen die Kirchen heute sparen. Können wir da nicht von den Mönchen und Nonnen lernen und als Kirche geschäftig sein, so dass „dienen“ und „verdienen“ wieder zu einem Wort werden?

 

Wahnsinn und Visionen

 

Durch die schöne Landschaft Westerwoldes führt mich mein Weg nach Bourtange, der gewaltigen, wieder neu aufgebauten Festung direkt an der deutschen Grenze. Reichtum lockt Menschen an, und so errichtete die junge, aufstrebende niederländische Republik im 16. Jahrhundert hier an der Grenze eine Festung, die die reiche Hansestadt Groningen schützen sollte – mit Erfolg, denn auch der Münsteraner Bischof (!) Bernhard von Galen alias „Bommenberend“ konnte 1672 die Festung mit seinen Kanonen nicht einnehmen.

 

Unsere Geschichtsbücher bestehen zum größten Teil aus Geschichten der Eroberungen, Vertreibungen und Versklavungen, eine Geschichte der scheinbar Geisteskranken. Während ich durch die neu errichteten Baracken und Kasernen und entlang der Synagoge für die jüdischen Soldaten in der Festung gehe, wird mir die kriegerische Natur des Menschen vor Augen geführt, die wir heute gerne verdrängen, indem wir unsere Konflikte weit draußen vor der Tür, z.B. in Afghanistan oder an den Grenzen der „Festung Europa“ im Mittelmeer lösen möchten. Was ist da der Mensch, dass Gott seiner gedenkt?

 

Der Weg von Bourtange in die Stadt Groningen führt mich durch die ehemaligen Moorgebiete, deren Geschichte das Moormuseum in Veendam eindrucksvoll erzählt. Der hier in Massen abgebaute Torf war das Erdöl des Mittelalters, der bis ins 20. Jahrhundert die Menschen und die Wirtschaft mit Energie versorgte. Hätte man um 1850 einem Moorarbeiter erzählt, dass keine 100 Jahre später Torf kaum noch eine Rolle spielen, sondern alles auf Erdöl und Kohle laufen würde, so hätte der gute Mann wohl milde lächelnd abgewinkt. Kann sich heute jemand vorstellen, dass wir in 20 oder 30 Jahren vollständig auf Kohle und Öl verzichten können? Und sind nicht gerade die Kirchengemeinden für Visionen einer anderen, menschenfreundlicheren Welt zuständig?

 

Freakshow gestern und heute

 

Den weiten Weg in die Stadt Groningen sind im Mittelalter Scharen von Pilgern gegangen, die den garantiert echten Arm Johannes des Täufers anbeten wollten, der in der Martinikerk mit seinem mächtigen Turm aus Bentheimer Sandstein lagerte. Pilger gibt es heute kaum noch, dafür aber Touristen, die immer auf der Suche nach dem garantiert echten Urlaubserlebnis sind und allerorten mit dem Versprechen von Erholung und Heilung geködert werden. Der Mensch bleibt halt ein Mensch. Die Pilger fanden damals Unterschlupf in den zahlreichen Stiften, von denen viele im Zentrum Groningens heute noch besichtigt werden können.

 

Am besten schließt man sich dazu einer Führung an, die seit kurzem auch von deutschen Studenten angeboten werden, die es hier zu Tausenden gibt. In Groningen und in Amsterdam werden ab 2011 auch die zukünftigen Pfarrer der Protestantischen Kirche in den Niederlanden ausgebildet. So wird man z.B. von einer deutschen Studentin durch das St. Anthonystift geführt, das Pilgern, Kranken und Alten eine Bleibe bot, in dem aber auch Menschen eingeschlossen wurden, mit denen man nichts anzufangen wusste, zum Beispiel Epileptiker, Behinderte oder schwer Depressive. Über dem mittelalterlichen Eingangstor prangt auf Niederländisch der Spruch: „Bespotte nicht eine alte Frau oder Mann, niemand weiß, was einem selbst geschehen kann“. In Zeiten, als es noch kein Musikantenstadl oder DSDS gab, musste man sich anderweitig vergnügen, und so besuchten die „normalen“ Einwohner manchmal solche Orte, um sich ein wenig zu gruseln und dann wieder schnell das Weite zu suchen. Das dunkle Mittelalter ist zum Glück Vergangenheit, heute sind unsere Altenheime und psychiatrischen Kliniken ja intensiv ins gesellschaftliche Leben integriert und gibt es keine Berührungsängste mehr zu Menschen, die uns an unsere Sterblichkeit und Verwundbarkeit erinnern...

 

…und das Meer ist nicht mehr

 

Von der quietschlebendigen Stadt Groningen mit ihren schönen Grachten und Gassen geht es weiter nach Norden durch eine der ältesten Kulturlandschaften Europas, die vom Kampf mit dem Meer geprägt ist. Bereits sehr früh siedelten hier Menschen, wuchs doch auf dem regelmäßig vom Meer überschwemmten und daher sehr fruchtbaren Land fettes Gras, während weiter südlich der Sand- und Moorboden nichts hergab. Die Menschen warfen daher unzählige Hügel (Warften) auf, die sie bewohnten und auf ihnen kleine Kirchen errichteten, von denen die meisten heute noch die Landschaft zieren und zu einem Besuch einladen. Dutzende von Klöstern, wie z.B. das riesige Kloster Aduard bewirtschafteten das Land und legten Deiche an. Mein Weg führt mich entlang der einsamen Warftkirche von Oostum entlang des Reitdiep zum schönen Warftmuseum in Ezinge und von dort nach Pieterburen, dem Startpunkt des 450 km langen Pilgerwegs „Pieterpad“, der bis zum Pieterberg bei Maastricht führt. In Pieterburen werden auch einige Opfer der Expansionslust des Menschen, kranke Seehunde, wieder aufgepäppelt und später im Wattenmeer wieder ausgesetzt.

Dort am Meer angekommen, erwartet mich im einsamen Noordpolderzijl auch das Ende meiner Reise. Vom Deich blicke ich auf den kleinsten Fischerhafen der Niederlande, in dem meist nur ein einziges Boot liegt und der ansonsten nur ein uriges Café aufweist, in dem Bob Dylan schon einmal einen Koffie geschlürft hat. Ansonsten trifft man hier nur auf einige Wattwanderer. Ich blicke aufs Meer hinaus und auf meine Reise zurück. Warum wandert und reist man eigentlich? Meistens rennt man vor etwas davon, vor der Arbeit, der Langeweile, den Menschen. Oft flieht man vor sich selbst, aber diese Person nimmt man ja immer mit.

Mein Weg endet hier. „Und das Meer ist nicht mehr…“ hallt die Endzeitvision aus der Offenbarung beim Blick auf die Fluten in mir nach. Kann ich mir nicht vorstellen, dass das Meer einmal nicht mehr da ist. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich eines Tages nicht mehr gehe, sehe, atme. Was soll schon noch sein, wenn ich nicht mehr bin? Und doch wird, so heißt es, mir dieser Verlust in Jesus mein größter Gewinn. Gute Reise. Für mehr Informationen siehe www.groningen.de

 

Jan-Henry Wanink