Ökumene = Plural

 

Wenn über Ökumene geredet oder geschrieben wird, begegnet immer wieder der implizit mit geäußerte Wunsch, dass alle Konfessionen doch zu einer einzigen Kirche verschmelzen mögen. Ein verständlicher Wunsch, da das ökumenische Miteinander auch immer gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt. Ein Wunsch, der durchaus auch von Menschen geäußert wird, die damit nicht unbedingt eine „Rückkehr-Ökumene“ unter das Dach einer speziellen Konfession im Blick haben.

 

Ich denke allerdings, dass dieser Wunsch illusorisch ist, denn schon im Urchristentum setzte eine Pluralisierung der Wege in der Nachfolge Jesu von Nazaret ein. Bereits zwischen der Urgemeinde in Jerusalem und der urchristlichen Missionstätigkeit des Paulus ist eine Entwicklung der Gemeinde auf unterschiedlichen Wegen feststellbar. Und in den vergangenen 2000 Jahren ist diese Entfaltung ständig weiter gegangen - nicht selten auf Grund von Entwicklungen und Verkrustungen in den Kirchen. Diese haben einzelne Menschen und Gruppen in der entsprechenden Konfession dazu motiviert, sich neu zu orientieren oder einen neuen Impuls in die eigene Kirche einzubringen. Und oft entstanden aus einem solchen Impuls neue Konfessionen, weil dieser von der Herkunftskirche nicht aufgenommen wurde oder aufgenommen werden konnte.

 

Einheitskirche

 

Problematisch finde ich den Wunsch nach einer Einheits-Kirche aber auch, weil er die Gefahr in sich birgt, um der Einigkeit der Christenheit willen den konfessionellen Reichtum über Bord zu werfen. Die Folge: Die Vielgestaltigkeit der Wege von tiefgläubigen Christinnen und Christen zu Gott, die manchmal sehr unterschiedlich sein können, würde extrem eingeschränkt. Vielleicht sogar so sehr, dass zahlreiche Menschen in dieser Einheits-Kirche ihren eigenen Weg nicht mehr finden könnten.

 

Vielfalt

 

Ich glaube, jede Kirche würde vielmehr ein glaubwürdiges Zeugnis von Frieden und versöhnter Geschwisterlichkeit in dieser Welt geben, wenn sie die jeweils anderen Kirchen so sein lassen, annehmen und achten würde, wie sie sind: Als Facetten in der Vielfalt der Konfessionen, die gemeinsam den einen Leib Christi abbilden. Die Kirchen würden damit letztlich auch von unserem Gott selber ein glaubwürdiges Zeugnis ablegen: Ein Gott, der nach christlichem Glauben in der Drei-Einigkeit Einheit und Vielfalt in sich selber birgt. Im Moment bleiben die Kirchen ein solches Zeichen noch viel zu häufig schuldig.

 

Kirchengemeinschaft

 

Die Vereinbarung zur Kirchengemeinschaft, wie sie zwischen den Anglikanischen Kirchen und den Alt-Katholischen Kirchen bereits 1931 getroffen wurde, ist für mich hier ein sehr gutes Vorbild gegenseitiger Achtung. Dort heißt es: „Volle Kirchengemeinschaft verlangt von keiner Kirchengemeinschaft die Annahme aller Lehrmeinungen, sakramentalen Frömmigkeit oder liturgischen Praxis, die der anderen eigentümlich ist, sondern schließt in sich, daß jede glaubt, die andere halte alles Wesentliche des christlichen Glaubens fest.“

 

Beide Kirchen bleiben hier in ihrer jeweiligen Eigentümlichkeit erhalten. Die Alt-Katholische Kirche wird nicht anglikanisch und die Anglikanische nicht alt-katholisch. Aber dennoch stehen beide Kirchen in voller Kirchengemeinschaft. Ähnliches haben die Alt-Katholischen Kirchen dann 1965 mit der Philippinisch-Unabhängigen Kirche vereinbart. Das Anders-Sein ist keine Bedrohung. Das Anders-Sein ist eine Bereicherung.

 

Die Vielfalt der Konfessionen kann eigentlich nur als Mangel empfunden werden, wenn man die Ansicht vertritt, es gäbe die eine, wahre Konfession. Wenn wir die in den Geschichten aller Konfessionen immer wieder auftretende Fehlbarkeit Ernst nehmen, dürfte eine solche Sichtweise allerdings nur schwerlich aufrecht zu erhalten sein. Und auch Gottes Größe würde diese Sicht wohl kaum gerecht.

 

Ökumenischer Kirchentag

 

Auch unter diesem Blickwinkel freue ich mich, dass wir auf dem bevorstehenden Ökumenischen Kirchentag in München wieder gemeinsam mit der Evangelischen Kirche und der Anglikanischen Kirche bei einer Lima-Liturgie am 13. Mai in der Münchener Erlöserkirche gemeinsam Abendmahl feiern werden. In diesem Jahr besonders vor dem Hintergrund des 25jährigen Jubiläums der gegenseitigen Einladung zur Eucharistie, wie sie 1985 zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Katholischen Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland vereinbart wurde.

 

Ich würde mich freuen, wenn wir auf diesem Weg der ökumenischen Annäherung weiter voranschritten und auch zu weiteren Konfessionen, wie z.B. zur Evangelisch-methodistischen Kirche, solche Gespräche aufnehmen würden.

 

Auf dass wir alle eins seinen, in der Vielfalt unserer Konfessionen.

 

Walter Jungbauer