… was kam, war die Kirche

 

In der provozierenden Sprache, die junge Leute gerne pflegen, sagte mir eine Jugendliche vor einiger Zeit: „Der Welt wäre viel erspart geblieben, wenn es die Kirche und den christlichen Aberglauben nicht gäbe!“ Das war noch vor dem Missbrauchsskandal. Heute könnte sie sicher noch ganz anders vom Leder ziehen, so wie die Kirche im öffentlichen Ansehen inzwischen abgestürzt ist. So eine Aussage ließ mich natürlich erst einmal schlucken, vor allem, weil sie ja nicht einfach falsch ist. Richtig daran ist, dass sich die Kirche allzu oft in ihrer Geschichte nicht mit Ruhm bekleckert, ja sogar den Auftrag Jesu verraten hat. Die viel zitierten Auswüchse wie Hexenverbrennungen und Ketzerverfolgungen hätte es ohne die Kirche – vielleicht – nicht gegeben. Was Matthias Ring auf 900 Seiten über die alt-katholische Kirche im Dritten Reich zusammengetragen hat, kann einen auch vor Scham erröten lassen. Vielleicht wäre der Welt tatsächlich so manches erspart geblieben ohne die Kirche, ja sogar sicher.

 

Pfingstereignis

 

In der gegenwärtigen Situation, in der der Finger so in die kirchlichen Wunden gelegt wird, ist die Stimmung innerhalb der Kirche sicher nicht gerade pfingstlich-offensiv. Die Jünger, erzählt die Apostelgeschichte, hatten durch das Pfingstereignis ihre bis dahin herrschende Beklemmung abgelegt, die Angst vor Verfolgung verloren, die Trauer überwunden und sind auf die Straße gegangen, haben begeistert und freimütig von ihrem Glauben und ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen gesprochen, und das so, dass die Begeisterung die Menschen in Jerusalem erfasst hat. Heute dagegen geht es doch eher wieder verschämt und geduckt zu; viel Begeisterung ist da nicht zu spüren, die überspringen könnte. Und wenn Bischöfe, wie geschehen, versuchen aus der Defensive zu kommen und die Flucht nach vorne anzutreten, indem sie die schlechte Presse angreifen, welche die Kirche derzeit hat, oder die 1968er sexuelle Revolution für den Missbrauch von Kindern verantwortlich machen, wird es nur peinlich. Es ist schon etwas dran an dem bösen Wort, das nicht mehr neu ist: „Jesus verkündigte das Reich Gottes, und was kam, war die Kirche.“

 

Gemeinschaft

 

Und dennoch ist die Frage zu stellen, ob es der Welt wirklich besser ginge, wenn es die Kirche nie gegeben hätte. Ganz abgesehen von dem, was Christen an Halt, Zuversicht und Hoffnung für ihr Leben aus ihrem Glauben ziehen, gäbe es nach meiner Überzeugung auch in unserer säkularen Gesellschaft viel Gutes nicht ohne das Christentum, und zwar das Christentum nicht nur als Idee, sondern als konkrete Gemeinschaft von Menschen. Die Menschenrechte, die humanistischen Ideale, die Idee, dass eine Gesellschaft für ihre Schwachen zu sorgen hat, sie alle wurzeln letztlich in der Bibel. Halten wir uns nur vor Augen, wie brutal es im Römischen Reich zur Zeit Jesu zuging, wie bedenkenlos Völker unterworfen und versklavt wurden, so kann uns bewusst werden, wie viel der biblische Gedanke der Nächstenliebe verändert hat, auch wenn es Jahrhunderte gedauert hat und auch heute noch mehr als genug Barbarei besteht. So war die Kirche leider oft genug eher Hemmschuh als Triebfeder für eine gerechtere und liebevollere Welt, aber letztlich eben doch das Gefäß, in dem die Botschaft Jesu erhalten und weiter gegeben und in die Welt getragen wurde.

 

Heiliger Geist

 

Dass es in unserer Welt nicht nur egoistische, zerstörerische Kräfte gibt, sondern auch einende, dass es nicht nur Hass gibt, sondern auch Liebe, das ist das Wirken des Heiligen Geistes. Auch dass überhaupt die Jesusbewegung nach der Erschütterung des Kreuzestodes sich nicht einfach aufgelöst hat, sondern zu einer Welt umfassenden Kirche wurde, wirkt Gottes Geist. Ihm ist es zu verdanken, dass die Jünger Jesu nicht verängstigt und verhuscht geblieben sind, sondern sich begeistern ließen und die Frohe Botschaft verbreitet haben. Was wäre passiert, hätte nicht der Geist eingegriffen und Liebe und frischen Wind und Feuer in die Jünger gebracht? Sie wären wohl noch ein paar Mal zusammen gekommen, um Erinnerungen über Jesus und sein Wirken und Lehren auszutauschen, aber ansonsten hätten sie sich zerstreut und versucht, jeder mit seiner eigenen Technik, über das Trauma hinweg zu kommen, das der Tod Jesu für sie alle bedeutet hat. „Die Jünger trafen sich noch öfters, fingen an, sich zu langweilen - und die Mittelmäßigkeit erlebte Höhepunkte. Mit den Jahren starben sie. So ging die Sache Jesu zu Ende. Man redete nicht mehr viel darüber, denn Belanglosigkeiten haben das gleiche Schicksal wie Eintagsfliegen“, so heißt es in einer Verfremdung des bekannten Pfingsttextes aus der Apos-telgeschichte.

 

Feuer des Geistes

 

Aber nein, der Geist Gottes hat die Jünger eben herausgerissen aus ihrer Lethargie und sie in die Gänge gebracht. Er hat das nicht nur einmal gemacht, am Anfang der Kirchengeschichte. Er tut es immer wieder, und nur dadurch bringt die Kirche auch Segen – nur dadurch, aber sie tut es. Bei allem, was zu Recht kritisiert werden kann und muss: Die Welt wäre nicht besser dran ohne die Kirche. Sie besteht zwar nur aus fehlbaren Menschen, aber Gottes Geist macht ihr immer wieder Feuer unterm – äh, wollte sagen auf den Häuptern. 

 

Zu Recht steht Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, im Ansehen der Kirche auf einer Stufe mit Weihnachten und Ostern. Ich wünsche uns allen zum Pfingstfest, dass wir das Wirken des Heiligen Geistes auch in unserem Leben erfahren!

 

Gerhard Ruisch