Heilende Kraft und Stütze

Die Psalmen entdecken

 

Das Buch der Psalmen wird bis zum heutigen Tag gelesen und gehört, gesprochen und gesungen, ja sogar vertont und umgedichtet oder auch verfremdet. Den meisten sind die Psalmen schon aus den Kindertagen bekannt, aber viele Menschen in unserer Zeit erkennen nicht mehr den Bezug zu ihrem Leben. Findet man aber einen Zugang zu den Psalmen und kann man sich auf das Beten der Psalmen einlassen, dann fühlt man, dass die Psalmen auf eine besondere Weise berühren. Dadurch bringen sie das Innere zum Schwingen, auch wenn sie uns oft durch die Fremdartigkeit in ihren Worten verwundern und überraschen.

 

Vielen Menschen sind die Psalmen vertrauter als die anderen Bücher des Alten Testamentes, die in der Erinnerung nur noch selten präsent sind. Viele Schriftsteller, Poeten, Maler, Musiker und Philosophen haben sich mit den Psalmen beschäftigt, denn sie sprechen elementare Lebenssituationen an: Sie sprechen von Hoffnungslosigkeit und Hoffnung, man erfährt vom Kämpfen und vom Scheitern. Sie formulieren das Bitten sowie das Danken. Die Psalmen beschäftigen sich mit der Nähe des Todes, aber auch mit dem Mobilmachen der inneren Kräfte dagegen, mit Sorge um das tägliche Leben und immer wieder mit dem Aufschauen zu den Bergen, von welchen Hilfe kommt und wo ich Kraft für mein Leben holen kann.

 

Die Heilkraft der Psalmen

 

Die Psalmen geben uns keine Garantie, dass wir unser Leben mit ihnen bewältigen, aber wenn wir mit ihnen vertraut sind, geben sie uns eine große Stütze, um unser Ich, das wir selbst oft sehr stark fordern und dabei zeitweise überfordern, zu stärken.

Egal in welcher Situation wir sind, in den Psalmen finden wir immer die passenden Worte. Oft können wir den Eindruck haben, dass sie für uns ganz persönlich und für unsere Situation geschrieben wurden, weil sie uns in unserer augenblicklichen Lage genau ansprechen. Manchmal finden wir selbst nicht die passenden Worte, um sie vor Gott zu tragen, aber die Psalmen können uns helfen, die richtigen Worte zu formulieren, unsere Sprachlosigkeit zu überwinden.

 

Wenn man eine Weile mit den Psalmen meditiert hat, erkennt man die Weitmaschigkeit ihrer Formulierungen. So wird zum Beispiel bei den Psalmen zum Thema Schuld kein konkretes Vergehen benannt oder zum Thema Krankheit wird nicht deutlich, welche Krankheit angesprochen wird. Somit kann jeder Beter bis heute und auch zukünftig seine persönlichen Erfahrungen und Themen in den Psalmen unterbringen und ansprechen. Mit ihnen kann es gelingen, unser Leid, aber auch unseren Zorn auszusprechen. Wir können unsere Seele sprechen lassen, uns freisprechen, und mit der Zeit gewinnen wir wieder unsere eigene Sprache. Wir können uns auch wieder Menschen mitteilen, können lernen, wieder unsere Bedürfnisse und Gefühle auszusprechen. Dadurch erfahren wir eine innere Heilung aus der eigenen Ausweglosigkeit, die viele Menschen kennen.

 

Die Klagepsal-men zeigen uns das besonders deutlich. Die überraschende Wende: Klage wird hier zum Vertrauen und zur Zuversicht. Besonders die Dank- und Lobpsalmen werden uns befreien. Wir werden nicht mehr nur noch unser eigenes Schicksal im Blick haben, sondern wir beginnen uns den Menschen wieder zu öffnen und sind in der Lage, auch wieder deren Bedürfnisse und Nöte wahrzunehmen.

Die Psalmen sind eine Form der Therapie Gottes. Gott hat uns dieses Geschenk gemacht. Es sind Gottes heilende Worte, von Menschen ausgedrückt und niedergeschrieben. Die Psalmen sind uns von Gott durch die biblischen Beter in den Mund und in das Herz gelegt als eine Antwort auf seine Zuwendung zu den Menschen. Die Psalmen sind Botschaft und betende Antwort in einem. Was wir erleben und was uns beschäftigt, können wir in Beziehung zu Gott setzen.

 

Sprache der Psalmen

 

Jeder Vers in den Psalmen ist doppelzeilig gehalten, jeder Gedanke wird durch eine Parallelformulierung oder durch einen gegenläufigen Gedanken verstärkt. In den Psalmen finden wir eine Bildersprache, die unser Unbewusstes tief erreicht. Lesen wir die Psalmen nur mit unserem Verstand, dann erleben wir viele Widerstände sie überhaupt zu beten, weil wir diese Sprache und Worte so befremdend finden.

Aber wenn ich diese Bildersprache übersetze, dann formulieren die Psalmen meine ganz geheimen Ängste, meine Wut, meine Nöte und sie sprechen meine Sehnsüchte an. Sie wirken sich sehr auf meine Stimmung aus, lassen mich meinen Groll ausdrücken und ich fühle mich ernst genommen in meinen Schmerzen. Die Psalmen sprechen auch meine unbewussten und nicht ausgesprochenen Emotionen an. Sie können Hoffnungslosigkeit in tiefes Vertrauen verändern und eine kranke zerbrochene Seele heilen, um wieder ein emotionales Gleichgewicht herzustellen.

 

Zuspruch und Halt

 

Für uns kann das Wort Gottes eine Quelle der Ermutigung und des Trostes werden, besonders in den Stunden, in denen wir in großer Not sind und keinen Ausweg mehr sehen. In Gottes Wort finden wir einen Halt und eine Stütze. Die Zusagen in den Psalmen machen deutlich, dass der Herr seine Kinder leitet, versorgt, aufrichtet und bewahrt und zu einem inneren sicheren Ort führt. Gott macht uns Menschen damit ein großes Geschenk.

 

Die tägliche Meditation der Psalmen hilft  Menschen, die ein tiefes Vertrauen in Gott, unseren Vater, entwickeln wollen und Gottes heilende Worte nutzen möchten. Der Glaube an die Heilkraft der Psalmen kann uns helfen, unser Selbstwertgefühl, das Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten, unser Interesse für die Zukunft und unsere Lebensfreude wieder zu finden.

 

Ich fand in dem Gebet der Psalmen eine Methode, mit der mich Gott das Beten lehrte. Wenn ich die Psalmen bete, dann bewegen sich nicht nur meine Lippen, sondern die Psalmworte sprechen über meine Phantasie und über meine Vorstellungskraft meine Seele an. Sie erreichen nicht nur meine emotionale Oberfläche, sondern sehr tiefe Schichten meines Unbewussten.

 

Wenn ich die Psalmen bete, dann wird mir in den Psalmtexten so klar, dass ich nicht alleine mit meinen Nöten bin und dass Gott mir eine Hilfe und einen Halt bietet, wenn ich ihn darum bitte. Durch das regelmäßige Beten der Psalmen können auch Sie diese Erfahrung machen, und das wünsche ich allen, die sich mit der Meditation der Psalmen vertraut machen wollen.

 

Bruder Samuel,

Jesu kleiner Bruder aus Aachen