Kopten – Leiden und heilen mit Christus

 

Im ägyptischen Nagi Hamadi stieg ich am 7. Februar aus der Eisenbahn. Zwei Kirchtürme wiesen mir den Weg in die Kirche der Jungfrau, wo ich um einen Führer in die Straße des 30. März bat. Dieser führte mich auf meinen Wunsch zu der Stelle, wo in der Nacht zum 7. Januar – in der koptischen Weihnachtsnacht – Bischoi Farid erschossen worden war und anschließend zur Familie Farid. Im Wohnzimmer wurde ich von der ganzen Familie empfangen. Als mir der Vater als Gastgeschenk ein großes Bild des sechzehnjährigen Jungen überreichte, brach ich in Tränen aus. Die Mutter, die Schwester und der Vater Bischois weinten nicht. Für sie war Bischoi, der für den Christusnamen starb, zur „Freude und Krone“ (vgl. Phil 4,1), zum „Ruhm“ (vgl. 1 Thess 3,19) geworden. Im Vorraum zum Wohnzimmer saßen Frauen still da. Vor einem Bild Bischois, der mit einer Krone dargestellt war, steckte man brennende Kerzen in den Sand.

 

Christenverfolgung

 

Nicht weit von der Straße des 30. März starben auf einem Platz in derselben Heiligen Nacht ebenfalls nach dem Gottesdienstbesuch die Jungen Abu Nob, Paul und Ayman auf dieselbe Weise. Aus einem Auto feuerte ein Schütze, der von zwei Männern begleitet wurde. Innerhalb einer Stunde traf er neben den Vieren noch drei weitere außerhalb des Ortes Nagi Hamadi: den einunddreißigjährigen Rafiq, den Ältesten unter ihnen, der zum Fest seinen Vater besucht hatte, und dessen Mitarbeiter Mina sowie einen Muslim, einen Hilfspolizisten, die mit ihm im Auto saßen. Der Polizist war zu dieser Zeit nicht im Dienst; er scheint mit christlichen Freunden gefeiert zu haben.

Dieser Vorfall ist keine einmalige Heimsuchung der ägyptischen Christen. Einen Monat zuvor waren Geschäfte und Häuser von Kopten im benachbarten Farschut ausgeraubt, zerstört und zum Teil auch in Brand gesteckt worden. Angriffe auf Einrichtungen der Kopten und auf diese selbst werden von islamischen Eiferern (ich rede nicht von Extremisten, denn diese Leute sind keine Außenseiter) in Gang gesetzt und weiten sich auf Grund des Zögerns der Polizei und der Zurückhaltung von Gerichtsbarkeit und Regierung aus. Sachschäden und Verletzungen werden selten entschädigt, und mit dem Mord an einem einheimischen Christen befasst sich kaum ein Gericht.

Wie das so zugeht, erklärten mir Christen beim Mittagessen einer Großfamilie im Dorf Adaysat südlich von Luxor – ein gesetzter Mann, der bei der Sonntagsliturgie in derselben Reihe wie ich in der Kirche stand, hatte mich eingeladen. Er hat, im Gegensatz zum Ortspfarrer, der offensichtlich Angst hatte, auf meine Fragen freimütig geantwortet. Der Mörder sei bekannt, laufe nach einem einmonatigen Gefängnisaufenthalt frei herum, Entschädigung für die 16 Verletzten gebe es keine. Ein Rechtsanwalt aus der Gegend fügte hinzu, nach dem Angriff zum Epiphaniefest 2006 habe es gar keinen Prozess gegeben.

Der Regierung Ägyptens geht es offensichtlich nicht um Recht, sondern um Stabilität, Befriedung und Befriedigung der Mehrheit, deren Stimmen bei den Wahlen dienlich sind. Die Behörden veranstalten gewöhnlich eine „Versöhnungskonferenz“, bei der Opfer und Täter auf die gleiche Stufe gestellt einander zur Versöhnung die Hand reichen. Die Opfer verzichten damit auf ihr Recht und die Täter können ungestraft an anderen Orten weitermachen. Weigert sich die Kirche, in eine derartige Versöhnungskonferenz einzuwilligen, so wird sie durch die Verhaftung eines Kopten erpresst. Dies geschah vor etwa zwei Jahren in der Diözese Mallawi, wo zwei Mönche des Epiphanios-Klosters zum Aufsagen des islamischen Glaubensbekenntnisses gezwungen werden sollten, indem man sie folterte und die landwirtschaftlichen Kulturen verheerte. So bleiben die Christen Ägyptens zögerlich geschütztes Frei- oder Jagdwild.

 

Wirklich das Kreuz Christi auf sich nehmen Muslime, die sich taufen lassen. Manche tun dies heimlich, einige stehen offen dazu wie Mohammed Hagazy. Aus Anlass dieser Taufe forderte Suad Salah, Rektor der islamwissenschaftlichen Fakultät der Al-Azhar-Universität in Kairo, die Todesstrafe für jeden Muslim, der öffentlich erklärt, dass er zum christlichen Glauben übergetreten ist. Nach Artikel 2 der ägyptischen Verfassung wäre das möglich, die Außenpolitik verhindert jedoch die Anwendung, da Mohammed Hagazy über Ägypten hinaus bekannt geworden ist. Im vorigen Jahr wurde ich gewürdigt, mit diesem Bekenner bei Nacht zusammen zu treffen. Als ich ihn nach seiner schwangeren Frau fragte, erklärte er mir freudestrahlend, sie habe ein Töchterchen geboren. Auf meine Frage sagte er, er sei arbeitslos; niemand wage, ihm einen Arbeitsplatz zu geben, auch niemand in der von Jesus versprochenen größeren Familie (Markus 10,28-31), die er beim Ausschluss aus der elterlichen Familie gewonnen hatte.

Kommt man im Gespräch auf das Ungemach der ägyptischen Christen, so fällt von diesen häufig der Satz: „Es gibt den Herrn, der Herr ist da.“

 

Das Charisma der Heilung

 

Wer Muslime und Christen zusammen bringt, ist Pfarrer Makarios. Zu ihm strömen sie an Freitagen im Kairoer Stadtteil Chlodbig, weil er im Ruf steht, dass Christus durch ihn heilt. Schon um 13 Uhr drängten sich die Menschen vor den verschlossenen Türen der alten Kathedrale Kairos. Eine Stunde später öffneten sich die Pforten. Fast wäre ich im Gedränge umgefallen; ein rechtzeitig einsetzender Gegenschub brachte mich wieder auf die Beine. Drinnen wurden Bänke eng zusammen geschoben, so dass jeder einen Sitzplatz bekam. Bei mir saßen viele Muslime; weither, von Assiut und Sohag waren sie gekommen. Nach einiger Zeit ertönten koptische Hymnen, dann spielte eine Band zu modernen Gesängen. Um 18 Uhr zog ohne Pomp fast unbemerkt Abbuna Makari ein. Er las Zettel und Briefe, die an ihn geschrieben worden waren, einige las er vor. Dann predigte er: „Jesus ist jetzt hier.“ Ob Muslime oder Christen, alle hätten es nötig zu lieben und zu glauben.

Nach der Predigt betete der Priester; schließlich drehten sich alle in Richtung Osten, zur Ikonostase, und beteten. Gebet war hier keine Stilübung, sondern ein Ringen. Vater Makari ging zu den Kranken und betete. Ob an diesem Abend eine Heilung erfolgte, weiß ich nicht. Mir wurde klar: In der koptischen Kirche gibt es noch die von Jesus gegebene Vollmacht zu heilen. Wie steht es bei uns?

 

Dieter Prinz