Ein Rabbi bei der Bischofsweihe

 

Am Ende des Bischofsweihe-Gottesdienstes von Bischof Dr. Matthias Ring sprach der anwesende ehemalige Landesrabbiner und jetzige Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam, Dr. Walter Homolka, ein Segenswort. Er berichtete schmunzelnd, dass seine Studierenden es schon als ungewöhnlich empfunden hätten, als er ihnen am Vortrag mitgeteilt habe, dass er am nächsten Tag – dem Sabbat – zu einer katholischen Bischofsweihe nach Karlsruhe reisen würde.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass mit Dr. Homolka ein Vertreter des Judentums an dieser Weihe teilgenommen hat. Die besondere Bedeutung der Anwesenheit von Homolka wird durch einen Blick auf die Geschichte unserer Kirche deutlich: Teile der Alt-Katholischen Kirche sind im so genannten Dritten Reich den Versuchungen des Nationalsozialismus erlegen. Bischof Matthias hat diesen unrühmlichen Teil der Geschichte der Alt-Katholischen Kirche in seiner 2005 eingereichten Promotion “Katholisch und deutsch – Die alt-katholische Kirche Deutschlands und der Nationalsozialismus” gründlich aufgearbeitet.

 

Vor zehn Jahren

 

Bereits die Pastoralsynode in Bad Herrenalb im Jahr 2000 hatte vor nunmehr 10 Jahren, ebenfalls in Anwesenheit von Landesrabbiner Dr. Homolka, ein deutliches Schuldanerkenntnis für das Versagen der Alt-Katholischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus abgelegt. Der Vorgänger von Bischof Matthias, Bischof Joachim Vobbe, sagte damals in seiner Ansprache zur Einleitung der Vergebungsbitte: „Es gab eben nicht nur die Schuld dieses oder jenes Christen, dieses oder jenes Alt-Katholiken, die ganz persönliche Schuld, die die Betroffenen mit sich selbst abmachen müssen oder mussten. Es gab und gibt auch die Schuld der Institution und ihrer offiziellen Vertreter in offizieller Mission! Es wurde von Pfarrern und synodalen Gremien hier und da der Anbruch der neuen Zeit bejubelt! Es wurde die öffentliche Stellung einiger missbraucht zu Lobeshymnen auf den Führer. ... Es wurde auch vor dem Heiligsten nicht haltgemacht: Vereinzelt wurden Predigten missbraucht zur Hetze, Sakramente zum Ausschluss!“ Und bis auf einzelne Ausnahmen sei die Suche nach einigermaßen mutigen Äußerungen oder wenigstens deutlichen Abgrenzungsversuchen der Kirche in der fraglichen Zeit gegenüber dem Nationalsozialismus vergeblich.

 

In dem Schuldbekenntnis der Synode wurde daher sehr deutlich gemacht, dass damit auch die kleine Alt-Katholische Kirche mitschuldig daran geworden ist, dass jüdische Frauen, Männer und Kinder in Konzentrationslagern und im Terror ermordet wurden. Die Synode bekannte dieses Versagen und bat Gott darum, uns Schritte in eine bessere Zukunft mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern zu schenken.

 

Rabbi Homolka sagte damals in Erwiderung auf das Schuldbekenntnis: „Dass wir uns nach diesen schrecklichen Geschehnissen die Hand wieder reichen können, ist ein Anfang, von dem ich hoffe, dass wir in der Zukunft vor Wiederholungen des Vergangenen verschont bleiben.“ Aus seinen Worten bei der Bischofsweihe wurde, denke ich, deutlich, dass diese Hoffnung nicht enttäuscht wurde: Er fühle sich hier als Freund unter Freunden, und dürfe stellvertretend die Grüße von 2 Millionen liberalen Juden übermitteln. Juden und Christen, so Homolka, hätten einen gemeinsamen Auftrag: “Es ist die gemeinsame Aufgabe von Juden und Christen, die Botschaft von dem einen Gott auf Erden zu verbreiten.”

 

Ein besonderes Geschenk

 

Ein besonderes Zeichen der Verbundenheit war auch das Geschenk, welches er Bischof Matthias mitgebracht hatte: Eine Mesusa. – Die Mesusa ist ein kunstvoll gefertigter Behälter, welcher in traditionellen jüdischen Häusern an jedem Türpfosten angebracht wird. Er enthält zwei Schrifttexte aus dem Buch Deuteronomium, die Abschnitte 6,4-9 und 11,13-21. Und Rabbi Homolka erzählte die Geschichte, warum die Mesusa schräg am Türpfosten angebracht werde: Es sei eine Kompromisslösung gewesen, da die jüdischen Gelehrten darüber diskutiert hätten, ob die Mesusa senkrecht oder waagerecht anzubringen sei; man habe sich dann gut salomonisch auf die geneigte Stellung geeinigt.

 

Homolka stellte die Vermutung an, dass es mit dem Dienst eines Bischofs nicht unähnlich sei. Auch dieser hätte oftmals die Aufgabe, zwischen zwei kontroversen Positionierungen einen salomonischen Kompromiss zu finden. Von daher sei die Mesusa wohl das geeignete Geschenk für den neu geweihten Bischof.

 

Walter Jungbauer