Darf die das?

Eine Ansichtssache zur Diskussion um die Kritik der EKD-Ratsvorsitzenden am Afghanistaneinsatz

 

Es ist jedes Jahr dasselbe. Am Weihnachtstag fahre ich morgens mit dem Auto zum Gottesdienst nach Passau und um 9 Uhr meldet der Rundfunk so oder so ähnlich: „Der Papst hat in seiner Weihnachtspredigt zum Frieden aufgerufen.“ Bei der Rückfahrt kann ich dann vernehmen, was von den Repräsentanten der beiden großen Kirchen zu hören war. Meistens forderten sie soziale Gerechtigkeit ein, riefen ebenfalls zum Frieden auf, in diesem Jahr gab es noch Anmerkungen zu Hartz IV und zum Thema „Gier der Manager“. Und jedesmal denke ich mir: Heilige Welt, das sind Nachrichten! Und denke es mir erneut an Neujahr, wenn sich das Schauspiel wiederholt.

Dass der Papst Bomben auf die Taliban oder die Bischöfe die Verstaatlichung der Großbanken fordern – das erwartet wohl niemand, aber das wären wirkliche Nachrichten im Sinne von „Neuigkeiten“. Alles andere ist in seiner Allgemeinheit und Unverbindlichkeit vorhersehbar und im Grunde austauschbar wie die Weihnachtsansprache eines Bundeskanzlers. Doch manch ein Bischof und manche Bischöfin werden es sich in diesem Jahr fünfmal überlegen, ob sie konkreter werden. Denn heuer gab’s ein Lehrstück der besonderen Art.

           

Nichts ist gut

 

„Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. (...) Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut, von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.“

 

Es waren diese Äußerungen der EKD-Ratsvorsitzenden und Bischöfin Margot Käßmann in ihrer Neujahrspredigt, die eine erstaunliche Debatte in Gang setzten und ihr einen Termin mit dem Verteidigungsminister und sogar eine Einladung zum Truppenbesuch in Afghanistan bescherte. Nun hat sich der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr in den letzten Wochen zu einem Tretminenfeld der politischen Debatte entwickelt. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Politiker selber nicht wissen, was sie von der derzeitigen Strategie halten sollen. In der Öffentlichkeit scheint darüber hinaus das Verständnis dafür, dass am Hindukusch die Freiheit verteidigt werde, zu schwinden.

 

Ein zweiter Diskussionsstrang

 

Aber es geht nicht nur um Afghanistan. Es gibt noch einen weiteren Diskussionsstrang, der uns unabhängig von dieser konkreten Frage länger beschäftigen könnte.

Etwas irritiert las ich in einem Interview der Süddeutschen Zeitung mit dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten und engagierten Protestanten, Günther Beckstein, die Frage, ob sich die Kirchen zu politischen Themen äußern dürften. Beckstein bejahte dies, da die Kirchen ein Teil dieser Gesellschaft seien, und andere taten es ihm in den vergangenen Wochen gleich, wenn auch häufig mit der Einschränkung im Hinblick auf die konkrete Tages- oder Parteipolitik. Irritiert war ich, dass man überhaupt diese Frage stellte. Denn für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass jeder, der in diesem Land lebt, seine Meinung zur Politik sagen darf. Vertreterinnen und Vertreter einer Kirche müssen lediglich darauf achten, dass sie nicht den Eindruck erwecken, sie würden für ihre Kirche sprechen, wenn sie ihre Meinung äußern. Aber ich sehe nicht, dass Bischöfin Käßmann dies getan hat. Sie hat als Predigerin vor dem Hintergrund des Evangeliums konkrete Anfragen an die Politik formuliert. Und nur eines kann man ihr als „Fehler“ vorwerfen: Dass sie nicht im vorhersehbar Allgemeinen einer Weihnachts- und Neujahrspredigt blieb, sondern konkret wurde, dass sie also nicht einfach zum Frieden in Afghanistan aufrief, sondern eine Bewertung abgab, die offensichtlich einigen gerade deshalb wehtut, weil da der Finger in eine offene Wunde gelegt wurde.

 

Konkret

 

Natürlich, wer konkret wird, setzt sich der Kritik aus. Es ist allerdings absurd, Bischöfin Käßmanns Äußerungen mit dem Hinweis auf ihren mangelnden militärischen Sachverstand zurückzuweisen. Solchen wird man auch bei vielen Politikern nicht finden. In einer Demokratie dürfen nicht nur die – oftmals vermeintlichen – Experten etwas zur Sache sagen.

Doch wie konkret dürfen sich Kirchenvertreter äußern? Der römisch-katholische Ruhrbischof Overbeck distanzierte sich von Käßmann. Kirchliche Interventionen hätten dort ihre Grenzen, „wo es um konkrete Handlungsanweisungen geht“, unterstrich der Essener Bischof. Er halte es für klug, „nicht genau darauf zu antworten“, welche Mittel zur Verfügung gestellt werden müssten, um Frieden in Afghanistan zu schaffen.

Gewiss, Kirche darf nicht zu einer Art Jukebox werden, die zu jedem Thema eine Melodie ausspuckt. Aber Kirchen, die sich im Allgemeinen-Unkonkreten wohlig einrichten, deren Botschaft taugt am Ende nur noch als Zuckerguss für Festtage. Es bleibt eine Gratwanderung, wann Kirche zu welchem Thema wie konkret werden soll und muss. Bei wichtigen Themen muss es gewagt werden – und sei es nur, um eine Diskussion anzustoßen. Dieses ist Bischöfin Käßmann gelungen – egal, wie man zu ihrer Meinung steht.

 

Matthias Ring