Maria duftet nach Kampfer

Ein Besuch bei anglikanischen Benediktinern in Südafrika

 

K

öln ist immer eine Reise wert, nicht nur zum Straßenkarneval, der hoffentlich in diesem Jahr schneefrei bleiben wird. Sowohl für Kunstinteressierte als auch für religiöse Pilger eignet sich unsere Domstadt am Rhein hervorragend, lagern doch im bescheidenen Bau der Kölner „Bahnhofskapelle“ die Gebeine der Heiligen Drei Könige. Die Kunstinteressierten werden vielleicht eher vom Südhausquerfenster im Dom angezogen, das 2007 nach einem Entwurf des Malers Gerhard Richter in die gotische Steinhülle über dem Dreikönigsschrein eingebracht wurde. Natürlich laden auch die zwölf wunderschönen romanischen Kirchen zu einem Kölnbesuch ein. Im Mittelalter war Köln nicht nur die größte deutsche Stadt, es bekam aufgrund der vielen Kirchen und angehäuften Reliquienschätze auch den Namen „das hillige Coellen“ (et hillije Kölle).

 

Sucht man auf der südlichen Erdhalbkugel nach einer Stadt der Heiligen, wird man in Grahamstown/Südafrika fündig. Grahamstown (auf Afrikaans: Grahamstad) entwickelte sich ab 1812 aus einem britischen Militärstützpunkt heraus, den man als Schutz der britischen Siedler gegen die einheimischen Xhosa etabliert hatte. Mit dem Auto fährt man heute rund 80 Kilometer, um den Indischen Ozean zu erreichen. Grahamstown hat etwa 125.000 Einwohner, ist aber als Kleinstadt sehr bekannt für Rhodes University, eine der ältesten und renommiertesten Universitäten von Südafrika. Die Grahamstown (www.grahamstown.co.za) umgebende Provinz heißt Ostkap. Grahamstown ist mit der Kathedralkirche St. Michael & St. Georg nicht nur Bischofssitz einer anglikanischen Diözese, es besitzt für das Stadtgebiet auch erstaunlich viele Gottesdienststätten. Deshalb hat sich der Spitzname „Stadt der Heiligen“ (City of Saints) eingebürgert. Es gibt römisch-katholische Kirchen, methodistische, reformierte, baptistische, charismatische und pfingstlerische sowie Quäker-Versammlungsräume, daneben aber auch einen Hindu-Tempel, Mormonen-Tempel und eine Moschee.

 

Am Reiseziel

 

Ich traf Mitte November 2009 in Grahamstown ein, weil ein Mönchsorden der Episkopalkirche (Anglikaner in den USA) hier eine Niederlassung hat und von dort eine Internet-Einladung zu Kloster-Schnuppertagen bestand. Ein ziemlicher Luxus, für eine Woche nach Südafrika zu fliegen, ohne Zeit für die vielen Schönheiten des Landes mitzubringen, dachte ich noch. Doch es gibt Phasen im Leben, in denen der Zugang zur eigenen spirituellen Mitte auf Platz eins der Aufgabenliste steht – noch weit vor Arbeit, Urlaubszielen oder sonstigen Vergnügungen. Mit den Mönchen vom Kloster Mariya uMama weThemba (Orden vom Hl. Kreuz) hatte ich nur vereinbart, dass ich vom Flughafen in Port Elizabeth abgeholt werde.

 

Es fing schon gut an: alle hatten ihre Gepäckstücke, nur ich nicht. Doch dass ich dafür quasi als Entschädigung auf der folgenden Autofahrt Deutsch reden konnte, damit hatte ich nicht gerechnet. Ein Bekannter, der als gebürtiger Bayer viele Jahre für die Episkopalkirche in Chicago gearbeitet hatte und jetzt in Vancouver/Kanada Dienst tut, holte mich vom Flughafen ab. Wir kennen uns nicht nur aus meiner Vikariatszeit in Los Angeles, sondern auch von anglikanisch-altkatholischen Theologenkonferenzen in Europa. Ich wunderte mich nicht, dass sich Markus auch für mönchisches Leben interessierte, und es ist sicher ein Unterschied, ob man Landsleute im Ausland als grölende Peinlichkeiten am Ballermann trifft oder sie als unerwarteter Chauffeur auftauchen. Da fingen meine Kloster-Schnuppertage dann wirklich gut an.

Umgeben von Farmland und Hügeln mit einem Blick aus der Kapelle St. Peter’s on the Rock hinein in eine Talschlucht brachte das Kloster schon rein äußerlich Ruhe. Das empfand offensichtlich nicht nur ich so, denn auch viele Vögel steuerten immer wieder die Tränken auf dem Klostergelände an, um zu baden, zu trinken oder sich auszuruhen. Bunte Farben und Vogellaute, die ich noch nie in meinem Leben vorher gehört hatte, erinnerten mich daran, dass ich wirklich auf einem anderen Kontinent in der Sommerzeit gelandet war.

 

Dem Gottesdienst nichts

vorziehen

 

Sich auf Gebet, Gemeinschaft und Austausch zu konzentrieren, genau das hatte ich gesucht und beim Order of the Holy Cross (anglikanische Benediktiner) in Südafrika auch gefunden. Die Ordensgemeinschaft, die vom amerikanischen Priester James Otis Sargent Huntington 1884 in New York begründet wurde, hatte sich in den 1980er Jahren die Benediktsregel bewusst neben Huntingtons Regel zur Leitlinie mönchischen Daseins genommen. Damit war kein Bruch gegeben, war doch der Orden vom Hl. Kreuz schon durch den Gründer und das anglikanische Bistum New York stark im Geist der anglo-katholischen Komponente innerhalb der Anglikanischen Kirchengemeinschaft geprägt. Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass diese Entscheidung genau die Richtige war, denn die Benediktsregel läuft nun wirklich gegenläufig zum Zeitgeist.

 

In einer Zeit, in der Schnelligkeit einen unhinterfragten Eigenwert bekommen hat und die Optimierung von Zeitabläufen so das Klügste ist, was ein Arbeitnehmer als Verbesserungsvorschlag in sein Unternehmen einbringen kann, verlangt die Benediktsregel von den Lesern eine Geduldsprobe. Auf den ersten Blick wirkt sie etwas autoritär und altbacken; ohne weiteres bekommt der Leser keinen Zugang zu ihr. Dem Leser oder der Leserin wird zugemutet, sich mit der Regel häufig und immer wieder auseinanderzusetzen – ähnlich wie es die Bibellektüre jedem Christen abverlangt. Erst mit sehr viel Geduld gelingt es, das Ärgerliche und Zeitgebundene hinter sich zu lassen und den Wert zu erkennen, den Benedikt hier mit einem angeleiteten Weg zu Gott gibt. Ohnehin ist die andauernde Popularität wohl nicht allein der Tatsache zuzuschreiben, dass Karl der Große im 9. Jahrhundert die Benediktsregel im Abendland zur allein verbindlichen erklärte. Offensichtlich hatte der „Vater des abendländischen Mönchtums“ (Benedikt lebte ca. 480-550) mit der Mischung einer einfachen und praktischen Regel ohne Kompromisse, aber einer Anpassungsfähigkeit an die konkrete Lebensgestaltung, eine Mischung erschaffen, die sich als umfassende Lebensweisheit nun immer noch als attraktiv erweist. Dass dem Gottesdienst nichts vorzuziehen sei (so die Benediktsregel), das wünsche ich mir manchmal als Volksweisheit, wenn ich in Hagen am Altar stehe. Aber unabhängig vom Blick auf das Verhalten der anderen taten die strukturierten Stundengebetszeiten der eigenen Seele einfach gut. Und so habe ich in den Schnuppertagen schon allein aus Gründen eigener seelischer Erholung dem gemeinsamen Gebet nichts vorgezogen, auch keinen Mittagsschlaf.

 

Schluss mit der Ablenkung

 

In einer Woche konnten wir als Teilnehmer an den Schnuppertagen natürlich nur einen kleinen Einblick in die benediktinische Spiritualität bekommen. Ein fast unübersichtlicher Haufen an Literatur dazu lag im Kaminzimmer aus. Immerhin ist die landessprachliche Liturgie in England zur Reformationszeit ohne benediktinische Einflüsse undenkbar. Deswegen wird jeder, der mit dem Allgemeinen Gebetbuch der Anglikaner (Book of Common Prayer) vertraut ist, im benediktinischen Stundengebet schnell Vertrautes wiederentdecken. Wir bekamen darüber hinaus Informationen, wie sich ein mönchischer Formationsprozess gestaltet und wie wichtig das eigene Lesen der Schrift (lectio divina) für den eigenen Glaubensweg in allen Benediktinerkonventen hochgeschätzt wird. Was mir allerdings zunächst spontan als typisch amerikanisch vorkam, sich hinterher aber als echter Sehgewinn herausstellte, war eine DVD der englischen BBC, die einfach mit „Das Kloster“ (The Monastery) betitelt war.

Die BBC hatte aus zahlreichen Bewerbern fünf Männer ausgesucht, die sich verpflichteten, 40 Tage und 40 Nächte mit dem römisch-katholischen Benediktinerkonvent Worth Abbey in Sussex/England zu verbringen. Die Mönche wussten nicht, was auf sie zukam, doch nach einiger Zeit stellte sich heraus: die Freiwilligen wussten es auch nicht, nämlich ein erschreckender Blick in den eigenen Spiegel ohne die alltägliche Ablenkung. Die Stille, die sie plötzlich umgab, führte dazu, dass es in ihnen allen laut wurde. Für uns als Zuschauer war es erstaunlich, welche Baustellen aus der Kindheit fast alle von ihnen mit sich herumtrugen, besonders solche, die außerhalb der Klostermauern als cool und erfolgreich gelten. Aber es war kein hämischer Blick, mit dem wir uns auf die DVD einließen, es war vor allem die Erkenntnis, dass ein Klosteraufenthalt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch etwas in uns in Bewegung bringt.

 

Wer sich für die DVD und Appetithappen daraus interessiert, sei auf YouTube (The Monastery 2005 parts 1-18) verwiesen. Ich kehrte mit der Gewissheit nach Köln zurück, dass die anglikanischen Benediktiner in Grahamstown mir soviel Heimat und Zuhause boten, dass ich in absehbarer Zeit einen längeren Aufenthalt dort zur persönlichen Lebensplanung verbringen werde.

 

Protestantische Klöster?

 

Wer sich an seinen eigenen Geschichtsunterricht erinnert und an die Gründe denkt, die unter dem englischen König Heinrich VIII. zur Unabhängigkeitserklärung der englischen Kirche von Rom geführt haben, wird über die Existenz anglikanischer Ordensgemeinschaften wohl erstaunt sein. Unter Heinrich VIII. waren alle Klöster aufgelöst worden und – ein Schelm, der Böses dabei denkt – die Besitztümer der englischen Krone zugeschlagen worden. Aber mit der Rückbesinnung auf die katholischen Bestandteile der englischen Reformation in der so genannten Oxford-Bewegung erwachte auch wieder ein Interesse am monastischen Leben als einer gültigen christlichen Lebensform. Zwischen 1850 und 1950 (als grobe Zeitangabe) erblühten zahlreiche anglikanische Kommunitäten, nicht lediglich benediktinische und auch nicht allein nach Geschlechtern getrennte Orden. Möglicherweise nicht ganz ohne Einfluss des englischen Pragmatismus zeichnen sich auch heute noch viele anglikanische Klöster und Kommunitäten durch eine Verbindung des kontemplativen mit dem (sozial-) aktiven Leben aus. Ähnlich wie im römisch-katholischen klösterlichen  Leben machen Nachwuchsprobleme den meisten anglikanischen Orden zu schaffen, das gilt aber nicht für die meisten Entwicklungsländer, und es gilt auch nicht für den Order of the Holy Cross in den USA. Auf den Anglikanismus haben und hatten die Mönchs- und Nonnenorden jedoch einen Einfluss, der ihre numerische Stärke weit übersteigt.

Ein Hinweis auf den „Protestantismus“ der Anglikaner sei gestattet: Im Englischen bedeutet die Bezeichnung protestantisch in erster Linie „nicht römisch-katholisch“. Das Erbe des Anglikanismus liegt in seiner Weite, die katholische wie evangelische Elemente mit einschließt, oft aber auch noch von ostkirchlich-orthodoxen Einflüssen geprägt ist, wie der Festkalender der US (Protestant) Episcopal Church. Dass die alt-katholisch initiierten Bonner Unionskonferenzen relativ rasch zu einer Einigung zwischen der Utrechter Union und den anglikanischen Kirchen über die volle Katholizität der jeweils anderen Seite führen konnte, ist somit nicht wirklich eine theologische Überraschung.

 

Die schwarze Madonna

 

Wenn man mich fragt, was mir aus meiner Südafrika-Woche an eindrücklichen optischen Erinnerungen hängen geblieben ist, so fällt mir nach dem bunten und ungewohnten Federkleid der Vögel sofort die Marienstatue in der Klosterkapelle St. Peter on the Rock ein. Ganz im Sinne einer theologisch legitimen Inkulturation wird Maria als Schwarzafrikanerin mit einem Krauselhaar-Jesuskind vorgestellt. Die einfachen und ausdrucksstarken Züge von Mutter und Kind passten ganz harmonisch zur mönchischen Lebensweise. Nach dem englischen Salve Regina der Komplet (Mary, we hail you) bin ich oft an die Statue herangetreten, um sie auch zu „beschnuppern“. Das Schnitzwerk ist aus einem soliden Stück Holz aus einem Kampferbaum gearbeitet und duftet immer noch danach. Ich habe nicht nachgeprüft, ob der Kampfergeruch auf mich durchblutungsfördernd gewirkt hat oder nicht; ich freute mich über die Erfahrung, nicht nur schöne Ikonen wie in unserer Hagener Kirche betrachten zu können, sondern die Gegenwart der Muttergottes riechen zu können. Ich betrachtete und roch die Statue jedoch als Europäer. Es wäre schön, die europäische und amerikanische Theologie lernten von dem Selbstbewusstsein so mancher Christen in den Entwicklungsländern und würden die europäische Aufklärung mit Trennung von Staat und Kirche, mit dem Ende der unseligen Religionskriege, mit dem Recht auf eigene Meinung, auch wenn die Kirchenoberen diese Meinung nicht teilen, mit der Zivilstandsehe ohne Sippendruck und der Gleichberechtigung von Mann und Frau, Reich und Arm, mit der Überwindung des religiösen Fundamentalismus und obrigkeitshörigem Fanatismus und so vielem anderen mehr als klare Errungenschaft unserer Kultur schätzen und feiern. Ich kann das Geklage und Geweine über die westliche Dekadenz und den moralischen Verfall moderner und aufgeschlossener Theologie aus dem rechten Lager des Christentums, aus Russland, Afrika und Asien genauso wenig hören wie aus dem Lager islamischer Staaten, die mit dem Schlechtmachen europäischer Kultur nur von der Unfähigkeit und Korruption der eigenen Regierungen ablenken. Wenn es ein Land auf der Welt gibt, das die Möglichkeit von Verständigung und Versöhnung bei aller Unvollkommenheit beweist, dann ist es Südafrika. Ein fester Bestandteil des täglichen Gebets war: God bless Africa and her children!

 

Holger Laske