Ohne Arbeit komme ich mir so sinnlos vor

Über die Bedeutung des Tätigseins

 

Ich werd hier grad noch mal verrückt, aber ohne Arbeit komme ich mir so sinnlos vor.“ Diese Aussage einer Klientin bringt die Situation auf den Punkt. Der Arbeitsmarkt ist seit einigen Jahren in einer Umbruchsituation. Produktionsgüter und Dienstleistungen sind zwar weiterhin gefragt, aber der Mensch, der sie produziert, ist als „Kostenfaktor“ zu teuer. Will ein Unternehmer im Wettbewerb bestehen, muss sein Unternehmen schlank sein, das heißt über effiziente Strukturen und Organisationsabläufe verfügen, innerhalb derer eine überschaubare Anzahl von Mitarbeitern die anfallenden Arbeiten erledigt. Aufgaben, die bisher von drei Personen wahrgenommen wurden, müssen fortan von zweien bewältigt werden. Die damit verbundene Last haben aber alle drei Kollegen zu tragen. Die beiden, die in der Firma verblieben sind, weil sie sich vor lauter Arbeit kaum noch drehen und wenden können und ihnen die Angst im Nacken sitzt, dass am Ende doch noch einer von ihnen gehen muss, und der, der raus geflogen ist, weil er, abgesehen von den finanziellen Einbußen, mit der Arbeit etwas verloren hat, das ihm Jahre oder gar Jahrzehnte vertraut gewesen ist und sein Leben strukturiert hat.

Acht Stunden am Tag, fünf Tage in der Woche, 44 Wochen im Jahr, 40-45 Jahre seines Lebens verbringt ein Mensch in der Regel mit Arbeit. Schon diese rein quantitative Bemessung zeigt, dass Arbeit im Leben eines Menschen ein entscheidender Faktor ist. Bewusst und vielfach auch unbewusst prägt Arbeit das Leben eines Menschen. Diese das Leben bestimmende Funktion von Arbeit, die scheinbar so selbstverständlich ist und dem Einzelnen oft erst dann richtig bewusst wird, wenn er keine Arbeit mehr hat, soll im Folgenden näher beleuchtet werden.

 

Arbeit sichert wirtschaftliche Unabhängigkeit

 

„Ohne Moos nix los!“ – das ist die grundlegende Erkenntnis eines jeden Azubi, wenn er das erste selbstverdiente Geld in Händen hält. Endlich nicht mehr die Kumpels oder die Eltern anpumpen müssen, wenn man sich was gönnen will. Endlich nicht mehr finanziell von anderen abhängig sein, sondern selbst bestimmen können, wofür man sein Geld ausgibt. Abgesehen davon, dass es Menschen gibt, die sich schwer damit tun, im Umgang mit Geld die richtigen Prioritäten zu setzen, ist es für das Selbstwertgefühl eines jeden von entscheidender Bedeutung, dass man sich das Geld, das man ausgibt, auch selbst verdient hat. Damit steht der Lohn im Gegensatz zu dem Geld, das man sich nicht verdient – egal ob es sich dabei um eine Sozialleistung handelt, auf die man einen rechtlichen Anspruch hat, oder eine finanzielle Zuwendung, mit der einem Freunde oder Verwandte in einer Notsituation wohlwollend unter die Arme greifen. Es bleibt immer der Beigeschmack, das Geld nicht selbst verdient zu haben und die damit verbundene Hemmung, es den eigenen Bedürfnissen entsprechend auszugeben. „Ich würd‘ ja gern arbeiten, statt dem Staat auf der Tasche zu liegen“ ist ein Satz, den ich in Beratungsgesprächen oft zu hören bekomme.

Durch ein geregeltes Erwerbseinkommen über wirtschaftliche Unabhängigkeit zu verfügen, ist für jeden Menschen von entscheidender Bedeutung – entscheidender aber noch für einen Menschen mit Behinderung. Aufgrund seiner Einschränkungen wird er oft mit einem Maß an Fürsorge konfrontiert, die neben aller Berechtigung auch sehr schnell als einengend erfahren werden kann. Wer seine Behinderung von Geburt an bzw. im Kindesalter erworben hat, wird spätestens in der Pubertät die Erfahrung machen, dass er sich in einem höheren Maß gegen die elterliche Fürsorge abgrenzen muss als seine nicht behinderten Geschwister. Und selbst im Erwachsenenalter wird er nicht selten mit der Erwartung konfrontiert, der „dankbare Behinderte“ zu sein, für den die Gesellschaft durch die Vorhaltung von Beratungsangeboten, Institutsambulanzen, Fachkliniken und vieles mehr gesorgt hat.

Für das Selbstwertgefühl eines Menschen mit Behinderung ist es daher von entscheidender Bedeutung, sich aus dieser Fürsorgerolle zu emanzipieren. Über selbstverdientes Geld zu verfügen, über dessen Einsatz man anderen keine Rechenschaft ablegen muss, ist zwar nicht der einzige, aber ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Selbstbestimmtheit und Autonomie.

Arbeit schafft zeitliche

Struktur

 

„Ohne Werktag kein Sonntag“ – ein abgedroschener Spruch, an dem viel Wahres dran ist, denn Arbeit mit ihren zeitlichen Vorgaben schafft eine klare Struktur. Durch die Arbeitszeit ist definiert, wann ich morgens das Haus verlasse und wann ich abends wieder heim komme. Ohne die Werktage würde die unverbindlichere und entspanntere Zeitstruktur des Wochenendes nicht zum Tragen kommen. Das gute Gefühl, am Sonntag einmal ausschlafen zu können, kann sich nur dann einstellen, wenn ich an den Werktagen früh aus den Federn muss. Ohne eine klare Vorstellung von Arbeitszeit wäre die Definition von Freizeit recht beliebig. Ohne eine zeitliche Struktur, eine klare Unterscheidung von Phasen der Anspannung und Entspannung kann der Mensch auf Dauer nicht gesund leben. Während in agrarisch orientierten Gesellschaften der Lauf der Natur diese Phasen der Anspannung und Entspannung vorgibt, haben in der Produktions- und Dienstleistungsgesellschaft Arbeitszeitverordnungen und betriebliche Vorgaben die Steuerung dieses Wechselspiels übernommen. Davon abgesehen, dass dieser durch die Arbeit erzwungene Rhythmus oft nicht der inneren Uhr des Menschen entspricht, garantiert er doch eine wichtige, wenn auch oft unbewusst verinnerlichte Strukturierung des Alltags. So richtig deutlich wird dies vielen Menschen erst dann, wenn sie in einer längeren Phase von Arbeitslosigkeit einen verbindlichen Rhythmus von Aktivität und Entspannung entwickeln müssen, der sich nicht an den Notwendigkeiten von Arbeitszeit orientiert. In der Beratung erlebe ich immer wieder, dass Menschen nach längerer Arbeitslosigkeit einerseits froh sind, wieder einer geregelten Beschäftigung nachzugehen, es ihnen aber andererseits oft schwer fällt, sich wieder in vorgegebene Zeitläufe einzubinden.

Die Strukturierung von Zeit durch Arbeit ist gerade für Menschen mit einer seelischen Behinderung von entscheidender Bedeutung. Je nach Art und Schwere der Behinderung durchleben sie oft Phasen einer inneren Leere und oft fehlen ihnen die Motivation und der Antrieb, diese Leere wieder mit Leben und Struktur zu füllen. Da kann es sehr hilfreich sein, eine durch die Arbeitszeit vorgegebene ritualisierte Zeitstruktur zu haben. Auch wenn es mitunter schwer fällt, früh aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, erleben es viele Menschen mit seelischen Problemen als hilfreich, sich am Geländer der vorgegebenen Arbeitszeit durch den Tag hangeln zu können. In Krisenzeiten ist es für einen Menschen mit einer seelischen Behinderung oft schwer genug, die Freizeit zu bewältigen, da er sich aus Aktivitäten im Freundeskreis oder im Verein meist immer mehr zurück zieht. Umso wichtiger ist es, dass er einen Arbeitsplatz hat, der ihn mit seinen Anforderungen und zeitlichen Vorgaben strukturiert und somit leichter durch die Krise trägt.

 

Arbeit erfordert Aktivität

 

Arbeit schafft sich nicht von selbst weg. Es bedarf der Aktivität des Mitarbeiters, um sie zu erledigen. Legt dieser die Hände in den Schoß, stapelt sich die Arbeit auf seinem Schreibtisch und droht ihn nach einer gewissen Zeit wie eine Lawine zu überrollen. Ein gut organisierter Arbeitsplatz ist so austariert, dass er den Mitarbeiter in seinem Bedürfnis, aktiv etwas zu vollbringen, herausfordert, ohne ihn zu überfordern.

Von seiner Veranlagung ist der Mensch ein aktives Wesen, der das befriedigende Gefühl braucht, etwas vollbracht zu haben. Daher tut es dem Selbstwertgefühl des Menschen gut, nach getaner Arbeit auf den Tag zurückblicken und sich sagen zu können, dies und jenes hast du heute getan, das ist der Erfolg deiner Arbeit. Dieser vollbringende Aspekt von Arbeit ist für Menschen mit seelischer Behinderung von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Gerade in Phasen einer Krise, in denen sich ein depressiv veranlagter Mensch oft wie gelähmt und antriebsschwach erlebt, ist es für ihn wichtig, dass er von außen Impulse erhält, die seine Aktivität mobilisieren und ihm deutlich machen, dass ohne sein Zutun ein Vorgang unterbrochen ist und nicht abschließend bearbeitet werden kann. Diese Ausrichtung des gemeinsamen Arbeitens auf ein Endprodukt hin, das nur dann zustande kommt, wenn jeder Mitarbeiter seine Aufgaben sorgfältig erledigt, unterscheidet die Erwerbsarbeit von der Beschäftigungstherapie, bei der nicht das Endprodukt, sondern das Tun um des Tuns willen im Vordergrund steht.

 

Arbeit ermöglicht soziale Erfahrungen

 

In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft arbeitet keiner für sich allein. Produktionsabläufe müssen koordiniert und Dienstleistungen aufeinander abgestimmt werden. Das erfordert Austausch und Kommunikation. Dieser Austausch gestaltet sich im Alltag oft recht banal, ist aber wichtig, damit die Arbeit und das kollegiale Miteinander funktionieren. Kollegen müssen sich darauf verständigen, wer wann in die Frühstückspause geht, dass der eine das Telefon des anderen bedient, wenn dieser eine Zigarettenpause einlegt, wie laut der eine Radio hören darf, ohne dass es den anderen stört oder wie oft das Fenster geöffnet wird, um einmal richtig durchzulüften. Außerdem entspricht es nicht dem Wesen des Menschen, stumm wie die Fische nebeneinander her zu arbeiten. Wo mehrere Kollegen in einem Raum zusammen sind, wird geredet und sei es auch über scheinbar noch so nebensächliche Themen wie „Was hast du am Wochenende gemacht?“ oder „Hast du am Samstag das Eintracht-Spiel gesehen?“ Diese soziale Erfahrung, sich aufeinander zu beziehen, den anderen als Menschen mit ganz persönlichen Wünschen und Bedürfnissen wahrzunehmen und im Gegenzug auch selbst mit seinen eigenen Befindlichkeiten wertgeschätzt zu werden, ist ein wichtiger Aspekt von Arbeit. Menschen, die sich aufeinander beziehen, bewältigen die zu erledigenden Aufgaben leichter als solche, die sich gegeneinander abgrenzen. In diesem Zusammenhang ist mir immer noch die Äußerung einer Klientin im Ohr, die schon einige Zeit zurückliegt: „Wissen Sie, wenn man das ganze Wochenende allein war und dann am Montag jemand Guten Morgen sagt und man die eigene Stimme antworten hört, dann hat man das Gefühl, wieder unter Menschen zu sein.“

 

Arbeit stiftet Identität

 

Arbeit ist kein anonymes Produkt. Sie ist ein dynamischer Prozess, an dem konkret benennbare Personen teilnehmen, ohne deren aktives Tun das Produkt bzw. die Dienstleistung nicht zustande kommen. Menschen geben der Arbeit ein Gesicht und umgekehrt prägt die Arbeit den Menschen. Durch diesen wechselseitigen Prozess stiftet Arbeit Identität. Der arbeitende Mensch kann sagen „Das Produkt bzw. die Dienstleistung ist ein Teil von mir; ich habe daran mitgewirkt, dass es zustande gekommen ist“ – und darauf darf er auch stolz sein. Diese Ressource Identitätsstiftung, die den Mitarbeiter motiviert und eine innere Beziehung zur Arbeit herstellt, ist in Betrieben sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt Unternehmen, in denen sich eine hohe Kultur der Wertschätzung von Mitarbeitern entwickelt hat, Unternehmen, in denen der Mensch im Mittelpunkt der Prozesse steht und als Person wahrgenommen wird, der die Arbeit, je nach Tagesform und persönlicher Sorgen und Nöte, die sie belasten, mal besser und mal weniger gut von der Hand geht. Allerdings gibt es auch ebenso viele Firmen, in denen es immer noch als absolut selbstverständlich angesehen wird, dass der Mitarbeiter jeden Tag pünktlich erscheint und unbeschadet seiner persönlichen Befindlichkeit und Tagesform seine Arbeit in stets gleich bleibender hoher Qualität erledigt.

Jeder arbeitende Mensch ist auf die wertschätzende und identitätsstiftende Dimension von Arbeit angewiesen, um nicht im Laufe der Zeit Schritt für Schritt die Lust an der Arbeit zu verlieren. Für einen Menschen mit einer seelischen Behinderung, der aufgrund seiner persönlichen Problematik oft eher als andere dazu neigt, sich selbst in Frage zu stellen und an den eigenen Fähigkeiten und Begabungen zu zweifeln, ist diese Identität stiftende Funktion von Arbeit ein wichtiger Faktor zur persönlichen Stabilisierung und Erlangung eines inneren Gleichgewichts. Da diese Wertschätzung nicht von der Arbeit an sich ausgeht, sondern von Menschen, die die Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen zu verantworten haben, kommt es oft nicht so sehr darauf an, in welcher Branche jemand arbeitet. Vielmehr ist die Fähigkeit von Vorgesetzten gefragt, Mitarbeiter als Menschen mit einer unterschiedlichen Tagesform wahrnehmen, die einerseits persönliche Probleme am Arbeitsplatz nicht wie einen nassen Mantel ablegen können, andererseits aber auch zu überdurchschnittlichen Leistungen fähig sind, für die sie eine besondere Anerkennung verdienen.

 

Das Gleichgewicht muss

stimmen

 

Die eben beschriebenen fünf Dimensionen von Arbeit bedingen einander und sind voneinander abhängig. Sie gleichen einem Mobile, in dem die einzelnen Figuren nur dann ein harmonisches Gefüge bilden, wenn sie sich in einem inneren Gleichgewicht zueinander befinden. Arbeitsbedingungen, die diesen Kriterien gerecht werden, halten die Beschäftigten innerlich im Lot. Wird auch nur eines dieser Qualitätsmerkmale von Arbeit vernachlässigt, gerät der Mitarbeiter aus dem Gleichgewicht – auf Kosten von Motivation und Arbeitsqualität. In den wenigsten Fällen wird sich eines dieser Qualitätsmerkmale von Arbeit so abrupt verändern, dass der Mitarbeiter von jetzt auf gleich aus der Bahn geworfen wird. In Beratungsgesprächen mache ich vielmehr immer wieder die Erfahrung, dass sich die Gewichte langsam verschieben, dass es ein Frühwarnsystem gibt, dass der Mitarbeiter oft selbst spürt, dass er an der Arbeit aus dem Lot kommt – und das lange, bevor es auch die Kollegen und Vorgesetzten bemerken. Bei rechtzeitiger Intervention gelingt es meist, die betroffene Person innerlich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, bevor es zu größeren Abstürzen kommt, die dann auch anderen nicht verborgen bleiben.

In der aktuellen Beratungsarbeit mache ich daher immer wieder die Erfahrung, dass es vielen Menschen mit Behinderung gelingt, mit professioneller Unterstützung scheinbar verfahrene Situationen am Arbeitsplatz wieder ins Lot zu bringen. Dabei ist von entscheidender Bedeutung, dass es einerseits gelingt, Menschen mit einer Beeinträchtigung an die Normen der allgemeinen Erwerbsarbeit heranzuführen. Andererseits muss es Unternehmen gelingen, die zu erbringende Arbeitsleistung so zu strukturieren, dass sie von der „Maschine Mensch“ mit ihrer individuell unterschiedlichen Belastungskurve und einem persönlichen Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung ohne größere Reibungsverluste erbracht werden kann.

 

Christopher Weber