Jahrzehntelanger Einsatz für die Ökumene

Zum Tod von Bischof Kemp

 

Am 28. November 2009 starb der frühere Bischof von Chichester, Eric Waldram Kemp, DD, DLitt. Er war in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wohl derjenige Geistliche und Theologe der Kirche von England, der sich für die Beziehung zwischen Anglikanern und Alt-Katholiken am engagiertesten eingesetzt hat.

Eric W. Kemp wurde 1915 in der Nähe von Grimsby (Lincolnshire) geboren. Er studierte in Oxford (Exeter College, St. Stephen’s House) Theologie, wo er dann später auch Kirchenrecht und Kirchengeschichte des Mittelalters unterrichtete. 1969 wurde er Dean in Worcester, und von 1974 bis 2001 war er Bischof von Chichester.

Bischof Kemp galt als eine Autorität in Fragen des Kirchenrechts, an dessen 1969 abgeschlossenen, tiefgreifenden Revision er maßgeblich beteiligt war.

 

Kirchenrecht und Ökumene

 

Dieses ist für die Kirche von England und ihre Sendung wegen der geschichtlich engen Bindung an den Staat von ganz anderer Bedeutung als bei uns. Kemp war bekannt für seine kritische Einstellung gegenüber staatlichen Eingriffsmöglichkeiten in kirchliche Angelegenheiten – das zeigen etwa seine bekannten „Bampton Lectures“, die 1961 unter dem Titel „Counsel and Consent“ veröffentlicht wurden. Das mag auch seiner politischen Einstellung entsprochen haben: Er war kein „Tory“, sondern ein Liberaler in der Linie von Gestalten wie etwa William Gladstone. So war er auch lange Zeit Vorsitzender des „National Liberal Club“.

Ein anderer Bereich, dem Kemps Aufmerksamkeit galt, war die Ökumene. Er war daran interessiert, die Folgen der Spaltungen in der Christenheit aufzuarbeiten und zu mindern. Bekannt ist sein Einsatz für den (1972) letztlich gescheiterten Plan einer Wiedervereinigung der Kirche von England und der Methodistischen Kirche. Mit dem römisch-katholischen Bistum von Chartres stand seine Diözese in einer besonderen Beziehung.

 

Anglikanisch-altkatholische Beziehungen

 

Was in der britischen kirchlichen Öffentlichkeit vielleicht nicht mehr so bekannt ist, ist sein jahrzehntelanger Einsatz für die Vertiefung der Beziehungen seiner Kirche mit der Utrechter Union. Auf den elf altkatholisch-anglikanischen Theologenkonferenzen, die in die Jahre 1957 (Rheinfelden) bis 1985 (Chichester) fallen, war er als Teilnehmer und meist auch als Referent immer dabei. Ihm war daran gelegen, dass sich die kirchliche Gemeinschaft angesichts stets neuer ökumenischer und gesellschaftlicher Herausforderungen in einem gemeinsamen Reflexionsprozess bewähren kann und die Bonner Vereinbarung von 1931 nicht bloß ein verehrtes Stück Papier bleibt, das bei Jubiläen beschworen wird. Exemplarisch dafür steht der Titel seines Vortrags aus dem Jahr 1960: „Grundsätze für die Beziehungen zwischen bischöflichen Kirchen, die miteinander Gemeinschaft haben“. In den ersten zehn Jahren seines Episkopats war er auch der anglikanische Ko-Präsident dieser Theologenkonferenzen, die bis 1994 bestanden und dann einem andersgearteten Gremium mehr bürokratischen Zuschnitts Platz machen mussten. Besonders eindrücklich war sein Engagement auf der letzten von ihm besuchten Konferenz, bei der er der Inspirator und federführende Redaktor der gemeinsamen Erklärung „Autorität und Primat in der Kirche“ war. Im Blick auf dieses Wirken hat ihm (zusammen mit dem orthodoxen Metropoliten Damaskinos Papandreou) die Christkatholisch-theologische Fakultät der Universität Bern 1987 die Ehrendoktorwürde verliehen.

 

Eine Führungsgestalt

 

Bischof Kemp war ein klassischer Vertreter des anglo-katholischen Spektrums der Kirche von England und darin – auch als Präsident der „Church Union“ und anderer kirchlicher Vereinigungen – bis zuletzt eine verehrte Leitfigur. Es mag ihn (und andere Freunde des Alt-Katholizismus, die zur selben spirituellen Ausrichtung gehören) wohl geschmerzt haben, dass die alt-katholischen Kirchen in ihrer Mehrheit den Weg der Ordination von Frauen zum priesterlichen Dienst gingen, den er aus Gründen einer universalen ökumenischen Verantwortung strikt ablehnte. Allerdings stimmte er als Bischof einer Regelung der Generalsynode zu, wonach dennoch in seiner Diözese Priesterinnen wirken konnten.

In Oxford hat Eric Kemp seine spätere Frau, Patricia Kirk, die Tochter des damaligen Bischofs von Oxford, kennengelernt. Mit Oxford blieb er auch dadurch verbunden, dass er jahrelang zum Leitungsgremium des „Pusey House“ gehörte, dessen Bibliothekar er 1941 bis 1946 war und das nach dem Zweiten Weltkrieg einige christkatholische Theologen zur Weiterbildung beherbergte. Hier sah ich ihn 1970 persönlich zum ersten Mal.

Die Umstände der letzten Begegnung waren um einiges eindrücklicher: Er lud mich, als ich während eines „sabbatical“ 1997 in Cambridge weilte, zum Mittagessen ins „House of Lords“ in London ein. Im Oberhaus war er als ein kompetenter, wenn auch nicht mitreißender Redner in verfassungsrechtlichen Fragen geschätzt.

 

Verantwortung für die Kirche

 

Im Jahr 2006 erschienen seine autobiographischen Erinnerungen unter dem witzig doppeldeutigen Titel „Shy but not retiring“. Dieser spielt einerseits auf seine klare und konsistente Linie als Theologe und Bischof an, die nicht auf wohlfeile Kompromisse aus war, und auf seine Menschlichkeit, die sich dem Gesprächspartner erst allmählich erschloss. Andererseits aber musste jede einigermaßen informierte Leserin den Titel auch auf den Umstand beziehen, dass Eric Kemp der letzte Bischof war, der nicht gemäß einer Regelung von 1975 mit dem 70. Altersjahr zurücktreten musste. Da er weit über dieses Alter im Amt blieb und angesichts seiner geistigen Frische und körperlichen Gesundheit keine Anstalten machte, seinen Dienst zu quittieren – mochte es auch dem damaligen Erzbischof von Canterbury, George Carey, missfallen –, machte unter seinen wohlmeinenden Freunden die Preisfrage die Runde: Was wird früher eintreten: die Wiederkunft Christi oder der Rücktritt von Bischof Eric? R.I.P.

 

Urs von Arx