Alles, was Atem hat, lobe Gott

Weltgebetstag 2010

 

Kamerun, das Land mit seiner 400 Kilometer langen Atlantikküste und einer Ausdehnung bis zum Tschadsee im Norden, ist eine Brücke zwischen West- und Zentralafrika. Die Republik nennt sich selbst „Afrika im Kleinen“, denn Kamerun hat alles: schwarze Vulkansandstrände, noch ursprünglichen Regenwald, Wasserfälle, Mangrovensümpfe, Hochgebirge, Seen, Savanne und Sahelzone. Dazu hat der Vielvölkerstaat Kamerun über 200 ethnische Gruppen mit eigenen Traditionen, Sprachen und ihrer jeweils einzigartigen Kultur.

Kamerun gilt in Bezug auf die Bevölkerung als junges Land. 42 Prozent der Menschen sind unter 15 Jahre alt und nur vier Prozent der Einwohner sind älter als 65 Jahre. Grund dafür ist eine Lebenserwartung, die bei Frauen und Männern nur bei knapp über 50 Jahren liegt; dazu kommt eine hohe Geburtenrate, die darauf zurückzuführen ist, dass Frauen häufig keine modernen Verhütungsmittel zur Verfügung stehen.

 

Geschichte und Politik

 

Kamerun ist nach dem Krabbenfluss benannt, der von den portugiesischen Seefahrern „Rio de Cameroes“ genannt wurde. Heute heißt der Fluss Wouri.

Nachdem im 15. Jahrhundert die ersten portugiesischen Schiffe gelandet waren, entwickelte sich die Küste Kameruns bald auch für holländische, englische und französische Händler zum Umschlagplatz für Sklaven, Palmöl und Elfenbein. Im Zuge der Berliner Konferenz 1884 teilten die Kolonialmächte die „Rechte“ an Afrika untereinander auf. Schutzverträge, die das deutsche Kaiserreich unter anderem mit den regionalen Herrschern Kameruns schloss, machten das Land zur deutschen Kolonie. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs verlor Deutschland seinen Hoheitsanspruch an das Land, Kamerun wurde in zwei Teile geteilt und unter das Völkerbundmandat Frankreichs und Großbritanniens gestellt. 1946 ist das Land zum Treuhandgebiet der Vereinten Nationen erklärt worden. Nach einer Pause der inneren Autonomie erlangte das bis dahin französisch verwaltete Ostkamerun 1960 seine Unabhängigkeit. Ein Jahr später schloss sich der südliche Teil Britisch Westkameruns an und die Bundesrepublik Kamerun entstand.

Die Präsidialrepublik Kamerun ist in zehn Provinzen aufgeteilt und hat 18,6 Millionen Einwohner. Die Landeshauptstadt ist Yaoundé. Es wird Englisch und in weiten Teilen Französisch gesprochen; weit verbreitet ist auch das sogenannte Pidgin-Englisch. Der amtierende Präsident Paul Biya ist seit 1982 an der Macht. Es gab immer wieder Forderungen nach einer weniger restriktiven Politik und nach Einführung des Mehrparteiensystems. Doch Präsident Biya sprach sich wiederholt gegen eine Reform aus. Im Mai 1990 kam es zu Demonstrationen und Generalstreiks, die eine innerpolitische Krise auslösten. Zum Jahresende fand dann das Mehrparteiensystem Eingang in die Gesetzgebung und Oppositionsparteien waren zugelassen. Im März 1992 fanden schließlich die ersten freien Wahlen statt, bei denen Biya allerdings erneut die Mehrheit erlangte. Trotz der formalen Demokratie, zu der sich Kamerun mittlerweile bekennt, behält Präsident Biya seinen autoritären Regierungsstil bei. Verletzungen der Pressefreiheit, Korruption und Klientelismus stehen an der Tagesordnung und stellen große Entwicklungs- und Investitionshemmnisse dar.

 

Wirtschaft, Soziales

und Gesundheit

 

Kameruns wichtigster Wirtschaftssektor ist die Landwirtschaft. Rund 90 Prozent der Produktion stammen aus kleinbäuerlichen Familienbetrieben. Durch den breiten Anbau von Grundnahrungsmitteln wie Hirse, Mais, Maniok und Kochbananen ist die eigene Versorgung weitgehend gedeckt.

Die eigentlichen Ausfuhrprodukte sind jedoch Erdöl, Kautschuk, Holz, Eisenerz, Aluminium, Kakao, Kaffee und Baumwolle, von denen Kamerun seit der Kolonialzeit abhängig ist.

Kamerun hat mit 75 Prozent eine der höchsten Alphabetisierungsraten in Afrika. Die Einschulungsquote ist mit 79 Prozent relativ hoch, wobei dieser Durchschnittswert allerdings einem starken Nord-Süd-Gefälle unterliegt. Der Besuch der Primarschule ist kostenlos. Schuluniformen, Schulmaterial und Verpflegung müssen jedoch von den Eltern finanziert werden. Der Unterschied zwischen Stadt und Land sowie zwischen den sozialen Schichten ist groß. Besonders in ländlichen Regionen ist die Infrastruktur sehr schlecht. Es gibt nur wenige Schulen, was für viele Kinder einen sehr weiten Weg zur Schule bedeutet und in vielen Fällen einen Schulbesuch unmöglich macht. Vor allem Mädchen haben wesentlich geringere Chancen. Nur 20 Prozent aller Mädchen besuchen eine weiterführende Schule.

In den größeren Städten des Landes gibt es sowohl staatliche als auch private Universitäten.

Das Bildungssystem ist weiterhin unausgeglichen. Die technischen Ausbildungen stecken noch in den Kinderschuhen, und der allgemeine Bildungsweg geht an den Bedürfnissen der Fertigungs- und Weiterverarbeitungsindustrie vorbei. Die hohe Abhängigkeit der Wirtschaft vom Export der Rohstoffe behindert die Weiterentwicklung der lokalen Industrien. Hohe Arbeitslosigkeit bestärkt die Landflucht der jungen Leute und führt zunehmend zu wirtschaftlichen und sozialen Problemen. Etwa die Hälfte der in Städten lebenden Bevölkerung ist arbeitslos oder unterbeschäftigt. Seit dem Jahrtausendwechsel verfolgt die Regierung eine Strategie der wirtschaftlichen Privatisierung, von der im Wesentlichen ausländische Unternehmen profitieren. Ausländische Investoren halten sich jedoch in dem stark von Inflation und Korruption geprägten Land zurück.

Die Infrastruktur ist insgesamt schwach ausgebaut, besonders mangelhaft ist das Gesundheitswesen. Die niedrige Lebenserwartung, der akute Ärztemangel, die hohe Säuglingssterblichkeit und die Müttersterblichkeit weisen auf die schlechte Gesundheitslage und -versorgung hin.

In den großen Städten sind die sozialen Gegensätze besonders stark sichtbar. Armut und Reichtum treffen hier unmittelbar aufeinander. Vor allem die zunehmende Verstädterung führt zu immer mehr Armenvierteln. Allerdings bleibt das Herkunftsdorf ein wichtiger Bezugsort, an den man bei wichtigen traditionellen Angelegenheiten wie Beerdigungen und Feierlichkeiten zurückkehrt. Neben dem Kontakt zu den Ahnen und den eigenen Wurzeln bietet das Dorf einen wichtigen Zugang zu Lebensmitteln, den sich viele in den Städten nicht mehr leisten können.

Kamerun ist mit seinen mehr als 200 Stämmen und Völkern ein Schmelztiegel mit zahlreichen kulturellen Einflüssen. Die eigene Ethnie spielt eine große Rolle und stellt zum Teil ein Hindernis für gutes Zusammenleben dar. Fußball allerdings ist mehr als nur ein nationaler Sport. Er hat dem Land internationales Ansehen verschafft und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kameruner verstärkt.

 

Religion

 

Kamerun ist ein Land, in dem unterschiedliche Religionen friedlich zusammenleben. Menschen mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen besuchen sich bei wichtigen religiösen Feierlichkeiten in der Nachbarschaft gegenseitig und unterstützen sich.

Dass seine Nichte Pastorin wird, ist für den muslimischen Sultan kein Grund zur Aufregung. Drei Religionen in einer Familie – auch das ist kein Problem.

Über 65 Prozent der Bevölkerung gehören dem christlichen Glauben an. Das Christentum ist vor allem im Süden und im Zentrum des Landes verbreitet. Der Norden und Westen Kameruns sind mehr vom islamischen Glauben geprägt, zu dem sich rund 25 Prozent der Bevölkerung bekennen. Viele Kameruner sind nach wie vor Anhänger traditioneller afrikanischer Religionen, deren Bräuche und Riten ebenfalls in den christlichen Glauben integriert wurden. Christentum und Polygamie beispielsweise sind für viele kein Widerspruch. Auch der Ahnenglaube spielt eine große Rolle.

 

Frauen

 

Allgemein zutreffende Aussagen über Frauen in Kamerun sind schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Die Unterschiede im Leben und Alltag der Frauen zwischen ländlichen Regionen und den größeren Städten sind immens. Auf dem Land leben viele Frauen noch immer nach den althergebrachten Traditionen, während von Seiten der berufstätigen Frauen in den Städten der Widerstand gegen diese Bräuche zunehmend größer wird. Sie stehen ein für die Gleichberechtigung der Frau in Beruf und Gesellschaft, kämpfen gegen die Akzeptanz von körperlicher Gewalt in der Familie, gegen staatlich gestattete Polygamie und vor allem gegen Genitalverstümmelung, die noch immer weit verbreitet ist. Viele afrikanische Traditionen haben ihren Sinn verloren, dennoch werden sie weiter praktiziert. Vor allem die Frauen leiden darunter, wie zum Beispiel unter den Witwenritualen, dem Brautgeld und der Polygamie. Durch das Brautgeld, das die Familie des Bräutigams zahlen muss, wird die Braut mehr oder minder Besitz der Familie des Ehemannes. Bei Tod des Ehemannes verliert die Witwe meist alle Rechte; auch das Erbe wird ihr vorenthalten als Rache für den hohen Brautpreis, für den sich viele Familien in Schulden stürzen mussten.

Man könnte sagen, dass die Wirtschaftskrise in Kamerun Anfang der neunziger Jahre der Auslöser für eine Veränderung des Standes der Frau war. Frauen waren nun gezwungen, zum Familieneinkommen beizutragen. Die neue Selbstständigkeit, die sie durch harte Arbeit und eigenes Einkommen erlangten, setzten sie für Veränderungen ein. Sie ermutigten ihre Töchter, die Schule zu besuchen, und bemühten sich darum, ihnen eine Ausbildung zu verschaffen. Mit dem Demokratisierungsprozess nahmen sich Frauen zunehmend Freiheiten, die vorher für sie undenkbar gewesen sind. Es gibt immer mehr nationale und internationale Organisationen, die die Frauen in Kamerun auf ihrem Weg unterstützen. Seminare zu geschlechterspezifischen Thematiken, zu Frauenrechten und Mikrokrediten sowie zu Gesundheit und gewaltfreier Erziehung stehen vielfach zur Verfügung.

Da 70 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit von Frauen verrichtet wird, und sie in der Regel einen Acker zum Anbau von Grundnahrungsmittel für die Familie bewirtschaften, ist das Landleben geprägt von der starken Präsenz von Bäuerinnen. Besonders die Nutztierhaltung ist eine Domäne der Frauen. Nach vielen Jahren der Förderung von Tierhalterinnen in der Entwicklungszusammenarbeit fällt nun ein Schatten in diesen Bereich: europäische Hähnchenteile und europäisches Milchpulver werden massenhaft auf den kamerunischen Märkten angeboten und machen die Verkaufspreise kaputt. Die Bäuerinnen können ihr Hühnerfleisch und die Milch nicht mehr verkaufen und bleiben somit auf ihren Schulden sitzen. Brot für die Welt zeigt zum Weltgebetstag in einer neuen Broschüre, wie Lebensmitteldumping Frauenexistenzen in Kamerun zerstört.

 

Seitdem der Internationale Frauentag 1986 in Kamerun anerkannt wurde, ist der 8. März eines jeden Jahres immer wieder ein großes Ereignis. Frauen nutzen diesen Tag, um ihr Leben als Ehefrau und Mutter zu zelebrieren, aber auch, um ihren Status neu zu überdenken. Für die Kleider der Feierlichkeiten wird jedes Jahr ein neuer Stoff mit besonderem Motiv erstellt. Für die meisten Frauen ist es ein Muss, diesen Stoff am Frauentag zu tragen. Es gibt in der Hauptstadt eine Parade, zu der immer wieder einflussreiche und bekannte Frauen geladen werden. Viele Kamerunerinnen nehmen unter großem Applaus in ihren neuen Kleidern am Umzug teil und ziehen so große Aufmerksamkeit auf sich. Wichtiger Bestandteil dieses Tages sind besonders die unzähligen Diskussionsrunden in Funk und Fernsehen genauso wie an Schulen und Universitäten. Frauen diskutieren über die Themen, die sie bewegen und die von aktueller Bedeutung sind. Abends trifft man sich zum Feiern. Für die meisten Hausfrauen und Mütter ist dieser Tag eine der wenigen Gelegenheiten im Jahr, Freunde zu treffen und auszugehen.

 

Weltgebetstag

 

Seit etwa 50 Jahren wird in Kamerun der Weltgebetstag gefeiert. An der Erarbeitung der Liturgie haben fast 50 Frauen aus den verschiedenen Regionen Kameruns und aus elf verschiedenen Kirchen mitgewirkt.

In ihrer Liturgie besingen die Frauen in vielen Bildern, mit mitreißenden Liedern und anhand biblischer Texte, mit welcher Freude und Selbstverständlichkeit sie Gott immer wieder loben: für die Vielfalt, die Fruchtbarkeit und Schönheit des Landes und für das Leben selbst. Sie benennen auch, was ihre Lebenssituation erschwert und welche Probleme sie in ihrem Alltag und in ihrem Land bewältigen müssen. Aber am Ende stehen wieder Dank und Lob: „Gott vermag es mit seinem Atem, unsere Gemeinschaften immer wieder neu zu beleben“.

Die Kameruner Frauen laden uns ein, in ihr Loben und Danken mit einzustimmen.

 

Anneliese Harrer