Ein Tummelplatz von Interessen

Die Geschichte der Päpstin Johanna

 

Die Päpstin Johanna hat das Interesse … noch nicht verloren.“ Diese Feststellung Ignaz von Döllingers aus dem Jahr 1863 hat auch heute nichts an Aktualität eingebüßt. Das im vergangenen Herbst in deutschen Kinos angelaufene Historiendrama „Die Päpstin“ und der ihm zugrunde liegende Roman von Donna W. Cross machen dies deutlich.

 

Ignaz von Döllinger

und die Päpstin Johanna

 

Döllinger veröffentlichte 1863 einen Artikel über „Die Päpstin Johanna“ in dem kleinen Buch „Die Papst-Fabeln des Mittelalters“. Im 20. Jahrhundert wurde es mehrfach neu aufgelegt. Dieser Artikel war einer der ersten kirchenhistorischen Beiträge, die ich 1984 als junge Studentin las. Davor hatte ich noch nie von dieser legendären Päpstin gehört. Ein Jahrzehnt später (1994) legte die römisch-katholische Kirchenhistorikerin Elisabeth Gössmann eine umfangreiche Studie über die Art und Weise vor, mit welchen Erzählmomenten und Deutungen die Geschichte der Päpstin im Laufe der Jahrhunderte überliefert wurde. Als Donna Woolfolk Cross 1996 ihren Roman veröffentlichte, wurde das Thema erst recht populär. Dies ist allerdings nichts Neues, denn es gab schon in früheren Jahrhunderten breite Diskussionen über Johanna und die Frage, ob an ihrer Geschichte etwas Wahres dran sei oder nicht. Um es gleich vorweg zu sagen: historische Beweise für ihre Nicht-Existenz sind genauso schwer zu erbringen wie für ihre Existenz. Döllinger verwies die Päpstin ins Reich der Fabel, andere Forscher hingegen vertraten die Meinung, es habe wirklich einmal eine Frau auf dem päpstlichen Stuhl gesessen. Viel interessanter als die Frage nach Wahrheit oder Fiktion ist jedoch, die Überlieferungsgeschichte zu klären und die Argumente zu sichten, die im Laufe der Zeit für oder gegen ihre Existenz angeführt wurden.

 

Wie „wahre“ Geschichten entstehen

 

Die erste schriftliche Bezeugung einer Päpstin findet sich in einer aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammenden Universalchronik des Dominikaners Jean de Mailly. Er setzt ihre Regierungszeit am Ende des 11. Jahrhunderts an und stellt fest, sie werde nicht im Katalog der Päpste geführt, da sie als Frau das Mannsein nur simuliert habe. De Mailly spricht „ihm“ eine große Begabung zu; ihre wahre Identität sei öffentlich geworden, als sie beim Reiten ein Kind gebar. Die Päpstin wurde daraufhin an den Schwanz des Pferdes gebunden, durch die Stadt geschleift und schließlich vom Volk gesteinigt. Seit Beginn des 14. Jahrhunderts sorgte eine Chronik des Troppauer Dominikanermönchs Martinus Polonus über Päpste und Kaiser für die weite Verbreitung der Geschichte. Da Martinus päpstlicher Kaplan und Pönitentiar war, galt sein Buch als „offizielle“ Papstgeschichte. Allerdings hat Martin selbst die Päpstin gar nicht gekannt, sondern die Geschichte wurde später von anderen in seine Chronik eingefügt. Wie weit die Geschichte geglaubt wurde, zeigt sich zum Beispiel darin, dass in der Kathedrale von Siena Anfang des 15. Jahrhunderts eine Büste der Päpstin zwischen denen anderer Päpste eingereiht wurde. Erst 200 Jahre später wurde diese in einen anderen Papst (Zacharias) umgeformt. Die „Tatsache“, dass es eine Frau auf dem römischen Papststuhl gegeben habe, wurde übrigens nicht positiv gewertet, sondern als Zeichen für die nicht-bestehende Irrtumslosigkeit der Kirche bzw. des Papstes.

Wie es bei derartigen Geschichten so geht, wurde sie novellenartig mit weiteren Informationen angereichert: So bekam die anfangs Namenlose einen Namen (Agnes) und den in der Geschichte häufigsten Papstnamen: Johannes. Ihre Lebenszeit wurde ins 9. Jahrhundert und ihr Geburtsort nach Mainz verlegt. Über die Aufdeckung ihrer wahren Identität, ihre Strafe und ihren Tod entstanden unterschiedliche Varianten.

 

Zur Entstehung der Fabel

 

Wie kam es zu der Fabel? Döllinger beschreibt ausführlich, wie die Fabel von der Päpstin aus einem Konglomerat verschiedener Begebenheiten entstanden ist, die zusammengereimt eine Geschichte ergaben: eine Straße in Rom, die ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr für päpstliche Prozessionen durch die Stadt benutzt wurde (da zu eng geworden), ein antiker Stuhl mit einem Loch in der Sitzfläche, der bei der Einsetzung eines neugewählten Papstes benutzt wurde (der Volkswitz erklärte dies als Usus, das Geschlecht des Gewählten festzustellen), ein aufgefundener Stein mit Inschrift (angesehen als Grabdenkmal für die Päpstin, in Wirklichkeit aber der Stein eines Mithraspriesters aus älterer Zeit) und eine an derselben Stelle gefundene Statue mit, wie angenommen wurde, weiblichen Gewändern und einem Kind. Die Kombination dieser vier „Indizien“ ergab eine zusammenhängende „Geschichte“, in der die Stelle von der Geburt des Kindes und dem Tod der Päpstin vermeldet und die „Vermeidung“ der Straße ebenso wie der Gebrauch des eigentümlichen Stuhles mit dem Loch in der Sitzfläche erklärt werden konnten.

Was nun Johannas Herkunft angeht, so finden sich in den Quellen widersprüchliche Angaben. Die einen machen sie zur Mainzerin, die anderen zur Engländerin. In der glättenden Überlieferung machte man sie zur Tochter von Engländern, die in der im Mittelalter sehr bedeutenden Stadt Mainz geboren wurde.

 

Die Päpstin als

konfessioneller Streitapfel

 

Die bereits genannte Kirchenhistorikerin Elisabeth Gössmann hat Döllingers Analyse noch viele wichtige Quellen aus acht Jahrhunderten und weitere Einsichten hinzugefügt. So weist sie darauf hin, dass die Päpstin in der Auseinandersetzung zwischen Katholizismus und Protestantismus eine Rolle spielte: Katholiken versuchten nach der Reformation meist zu beweisen, dass es eine Päpstin nie gegeben habe, während Protestanten auf der Wahrheit der Geschichte beharrten – letztlich ging es gar nicht um die Päpstin selbst, sondern um einen besonders abscheulichen kirchlichen Schandfleck. Denn in diesem Punkt waren sich katholische wie protestantische Autoren einig: Es sei eine Schande gewesen, dass die Kirche einmal von einer Frau geleitet worden sei. Die Vermessenheit, ein Amt zu erschleichen, das dem weiblichen Geschlecht nicht zustehe, endete denn auch – nach Überzeugung der Überlieferer zu Recht – mit ihrer Tötung. In der frühen Neuzeit wurde die Argumentation um die Päpstin zunehmend frauenfeindlicher. Gössmanns Untersuchung und Wiedergabe verschiedener Schriften über die Päpstin liest sich denn auch wie eine – sehr ambivalente – Geschichte des Frauenbildes in der christlichen Tradition. Auch die Dichtung hat sich der Päpstin angenommen, zuletzt im bereits genannten Buch von Cross.

 

Der Film „Die Päpstin

 

Der Film „Die Päpstin“ ist eine Produktion von Sönke Wortmann. Er weicht nur an wenigen Stellen von der Buchvorlage ab. Er beginnt bei Johannas Geburt in Ingelheim bei Mainz. Ihr Vater ist ein aus England stammender Priester, der seiner Frau ihren heidnischen Glauben mit Gewalt auszutreiben versucht. Schon bald zeigt sich Johannas außerordentliche Begabung. Auf mühsamem Weg gelingt ihr der Eintritt in die Domschule, wo sie allerdings als einziges Mädchen vom Schulleiter immer wieder ausgegrenzt wird. Die Kirche dieser Zeit wird meist negativ gezeichnet: entweder pedantisch-rechtgläubig oder – in Rom – verkommen. Johanna tut sich durch ihre von ihrer Mutter erlernte Heilkunst hervor, zuerst in einem Kloster in Fulda, wo sie viele Jahre als Mönch lebt, dann in Rom, wo sie den Papst heilt. Als sie selbst überraschend zum Papst gewählt wird, entschließt sie sich zur Annahme des Amtes und tut viel Gutes, nicht zuletzt für die Bildung von Mädchen. Schließlich stirbt sie jedoch während der Osterprozession infolge einer Fehlgeburt, während ihr Geliebter zur gleichen Zeit einem Anschlag ihrer Gegner zum Opfer fällt.

 

Film und Buch greifen die bestehende Geschichte auf, deuten Johanna jedoch viel positiver als Autoren früherer Jahrhunderte. Buch und Film stammen deutlich aus der zweiten Hälfte des 20. bzw. dem Anfang des 21. Jahrhunderts, in dem die Nicht-Zulassung von Frauen zum Amt nicht mehr einfach akzeptiert wird. Johanna wird positiv gezeichnet, auf Bildung bedacht und mit viel Herz für die Menschen; die anderen Vertreter der Kirche hingegen kommen bis auf wenige Ausnahmen schlecht weg. Sie sind blind, weil sie in ihrer Verbohrtheit nicht sehen, welche Möglichkeiten diese Frau in Amt und Amtsverständnis einbringt. Zum Teil wirkt der Historienfilm dadurch klischeehaft, konventionell und manchmal sogar ein bisschen langweilig, weil alles chronologisch, vorhersagbar, in insgesamt 148 Minuten erzählt wird. Die Hauptrolle ist mit Johanna Wokalek (als erwachsene Johanna) gut besetzt, und es gibt ein paar schöne Dialoge über die religiöse Gleichberechtigung von Frauen. Der Film kann als Plädoyer für die Anerkennung der Rolle und Autorität von Frauen in der Kirche und als Anklage gegen die damalige und heutige römisch-katholische Kirche verstanden werden. Wie viel er allerdings tatsächlich zur wirklichen Diskussion beitragen kann, ist fraglich. Bei denen, die im Kino den Film sehen oder die Bücher von Cross oder Gössmann zur Hand nehmen, wird er jedenfalls die Urteile über kirchliche Frauenfeindlichkeit bestärken. Mit diesem Film ist ein weiterer Baustein zur Überlieferungsgeschichte der Päpstin Johanna entstanden, auf einer Baustelle, die insgesamt ein „Tummelplatz von Interessen“ (Gössmann) ist.

 

Angela Berlis