Von guten Mächten wunderbar geborgen

Eine Bibelbetrachtung zum Jahresrückblick

 

Evangelium vom Sonntag in der Weihnachtsoktav, 27. Dezember:

 

Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. (Mt 2, 13-15)

 

Zwischen den Jahren

 

„Zwischen den Jahren“ nennen wir die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Es sind wenige Tage des Übergangs, eine kurze Ruhepause zwischen den verschiedenen Festen am Jahresende. In den Medien häufen sich die „Rückblicke 2009“; es ist eine Chance innezuhalten. Natürlich können wir nicht wirklich aussteigen aus der Zeit, zwei Jahre auseinander schieben und somit eine Lücke schaffen, heraustreten und von außen uns selbst und unsere Eingebundenheit in den Lauf der Welt betrachten. Durch den kalendarischen Wechsel wird vielen von uns plötzlich das ansonsten alltägliche Phänomen der Zeit bewusst, wir fühlen uns ausgeliefert dem Zeitenstrom, auf dem wir treiben ohne eigenes Zutun, ohne die Möglichkeit auszubrechen. Wir werden von diesem Fluss mitgerissen, das Leben hetzt uns, die Zeit rast. Die Spanne zwischen Geburt und Tod zerrinnt unaufhaltsam. Entsetzen packt uns: „Schon wieder ein Jahr um?“

 

In Deutschland stand das Jahr 2009 selbst im Zeichen des Rückblicks. 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer lautete das Grundmotiv dieser Betrachtungen: Ausbrechen aus gewohnten Bahnen, Aufbruch in eine unbekannte Zukunft und Niederreißen von lebensfeindlichen Strukturen. „Doku-Soap“ ist ein moderner Begriff für den Versuch, historische Vorgänge nicht nur als nüchterne Geschichtsdarstellung zu vermitteln, sondern anhand einer fiktiven Einzelerzählung den eigentlichen Sinn eines Geschehens zu vermitteln, den Geist der jeweiligen Zeit zu spiegeln in individuellen Schicksalen. Bekannte Beispiele für dieses Herangehen an die friedliche Revolution in der DDR 1989 sind die Filme „Nikolaikirche“ oder „Das Wunder von Berlin“. Nicht die einzelne Spielszene beansprucht hierbei historische Authentizität, sondern die Vermittlung der Stimmung, der inneren Haltungen und Handlungsmotiven.

 

Matthäus

 

So arbeitet auch Matthäus. Sein Evangelium ist kein Geschichtswerk, sondern eine Glaubensschrift. Es geht ihm nicht um eine nach heutigen geschichtswissenschaftlichen Kriterien korrekte Biografie des Jesus von Nazareth. Seine Kernaussage berührt ebenfalls die Dimension der Zeit: Jesus Christus ist der Mittelpunkt der Zeit, Vergangenheit und Gegenwart bedingen einander. Die blutige Realität seiner eigenen Epoche – den Jüdischen Krieg gegen die römische Besatzung und die Zerstörung des Jerusalemer Tempels – stellt er als Folge der Nicht-Annahme des wahren Messias durch sein Volk dar; die prophetischen Schriften der Vergangenheit haben sich aus der Sicht des jüdischen Gelehrten Matthäus in Jesus Christus erfüllt. Seine Erzählung von der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten ist historisch nicht gesichert, es finden sich keine anderen Quellen über diese Begebenheit. Bei Matthäus dient diese Schilderung als Beweis: „Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ Der Prophet Hosea meint mit dem Ausdruck „meinen Sohn“ das Volk Israel selbst. Die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft ist ein zentraler Mythos des jüdischen Glaubens. Matthäus löst dieses Motiv heraus aus den geschichtlichen Strukturen, aus dem Strom der Jahre, aus dem Zeitenfluss. Die Befreiung, der Exodus, wird zum Grundmotiv selbst, zur Gotteserfahrung jenseits der historischen Authentizität.

 

Der Versuch allerdings, die Erfahrung von Befreiung zu vereinnahmen, sie für ein Volk zum Besitzstand zu erheben, widerspricht genau dessen Grundprinzip. Im Hinblick auf den eigenen sozialen und religiösen Kontext fordert Matthäus solch eine beharrende Geisteshaltung als „auserwähltes Volk“ heraus. Das Pessahfest markiert die zentrale Glaubenserfahrung: Gott führt sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft heraus! Matthäus provoziert nicht nur, indem er den jüdischen König Herodes als brutalen Gewalttäter herausstellt, der aus lauter Machtversessenheit sogar einen Kindermassenmord begeht. Es ist zudem eine ungeheure Irritation, dass er die Heilige Familie ausgerechnet nach Ägypten fliehen lässt – in das Land, das im jüdischen Mythos für Unterdrückung und Knechtschaft steht. Matthäus verwirft damit nicht das Exodus-Motiv selbst, sondern er rüttelt wach aus dem Irrglauben, dass diese existenzielle Erfahrung besitzbar sei. Darum betont auch der jüdische Glaube, dass sich die Bedeutung von Pessah nicht in einer bloßen Gedenkfeier erschöpft, sondern im eigenen Vergegenwärtigen dieser Erfahrung: die Befreiung aus der Gefangenschaft.

 

Selbstzufriedenheit

 

Auch im Hinblick auf den Umgang mit dem Mauerfall 1989 ist dieser Einwand berechtigt. Die Gefahr der Selbstzufriedenheit, des satten Zurücklehnens und geistigen Verharrens ist verführerisch groß! Bei den 20-Jahres-Feiern 2009 waren auch kritische Stimmen zu hören: Wo ist die Aufbruchstimmung heute geblieben? Schlug der Mut der DDR-Oppositionellen nicht schnell in Resignation um? Die Begeisterung der Bürgerrechtsbewegung von 1989, ihre kreativen Ideen für eine basisdemokratische Politik – brachen sie nicht schnell zusammen? Der Elan der Bürgerrechtler verpuffte, der Westen hat den Osten geschluckt. Diese einmalige deutsche „Sternstunde“ (wie das ZDF in Anlehnung an das Himmelslicht zu Bethlehem titelte), dieses helle Aufflammen von Freiheit währte nur kurz, der ostdeutsche Aufbruch mündete schnell im etablierten und selbstgerechten West-System. Weder direkte politische Beteiligung noch eigenständige Ideen haben den Herbst 1989 überlebt, die Bürgerrechtsbewegung ging letztlich sang- und klanglos im bundesrepublikanischen System auf.

 

Und das Christentum – war das nicht ähnlich? Ist es nicht ebenfalls schnell entschärft worden? Nach der ersten Begeisterungswelle ist der Glaube an die Befreiung des Menschen durch Jesus Christus doch auch in den irdischen Machtstrukturen aufgegangen? Das römische Reich wird in den Evangelien noch als irdischer Gegenentwurf zum Reich Gottes herausgestellt. Wer Jesus nachfolgen wolle, solle sein Ziel nicht auf die Etablierung, auf die Machtverführung im Diesseits richten, sondern auf die Überwindung der Ich-Bezogenheit, die Loslösung aus dem Vordergründigen der Welt (vgl. Mt 22, 21). Die Strukturen des römischen Reiches werden letztlich fast reibungslos von der Kirche übernommen, nicht mehr Befreiung, sondern Unterdrückung der Andersdenkenden wird seit der Etablierung des Christentums als Staatsreligion zur Maxime. Die Päpste schlüpfen in die Rolle der Caesaren und befehlen per Dekret. Die Kirche beansprucht für sich den Besitz der Wahrheit.

 

Josef

 

Aber auch wir müssen heute aufpassen. Die Gefahr ist groß, voller Selbstgerechtigkeit spirituell zu verharren, in der falschen Sicherheit, wir hätten ja den Glauben in der Tasche. Es ist gut, dass gerade nach den Bildern der Geborgenheit der Weihnachtsgeschichte uns heute das Motiv der Flucht vorgehalten wird. Matthäus stellt am Beginn seines Evangeliums die Figur des Josef in den Mittelpunkt: ein Mann, der die Konventionen verlässt, gegen alle Moralvorstellungen zu seiner schwangeren Verlobten steht, diese nicht verstößt. Auch nach der Geburt des Kindes verfällt er nicht ins etablierte Denken, in Bequemlichkeit und Selbstgerechtigkeit. Als Gegenbild zum ich-bezogenen Herodes bleibt Gottes Gegenwart für Josef erfahrbar. Er ist bereit zum Aufbruch: im Vertrauen auf Gott erkennt er dessen Pläne ganz selbstverständlich jeweils „im Traum“. Josef ist offen für diese andere Dimension der Wirklichkeit. Wenn es wie Josef gelingt, die Mauer zu Fall zu bringen, hinter der unser „Herodes-Ich“ sich verschanzt, vielleicht können auch wir dann wie Josef ganz selbstverständlich jene Anwesenheit Gott erfahren. Könnte es sein, dass wir dann tatsächlich heraustreten aus der Zeit – hinein in eine andere Dimension? „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, Dietrich Bonhoeffer baut auf Gottes Allgegenwart. Noch ein Jubiläum: im Dezember vor 65 Jahren schickt Bonhoeffer dieses Gedicht an seine Verlobte und seine Eltern. Zum Jahreswechsel wird das Lied regelmäßig in den Kirchen gesungen. Es wäre schade, wenn es uns ebenso zu einer liebgewordenen Gewohnheit wie die Weihnachtsroutine würde, ohne dass wir das Urvertrauen, das dieser Text ausstrahlt, als Geschenk für uns selbst annehmen.

 

Den Engel stellt Josef nicht in Frage, obwohl dieser nach menschlicher Logik Wahnsinniges verlangt, nämlich den Aufbruch in eine völlig ungewisse Zukunft. Josef lebt in der Gegenwart Gottes. Dies ist eine Berufungsgeschichte wie die des Abraham, der ebenfalls gegen alle Vernunft dem Ruf Gottes folgt und sich – nach den Maßstäben des irdisch-absichernden Menschen – auf ein irrwitziges Wagnis einlässt. Ob es gelingt, dass auch wir heute hören, dass Gott uns zu solch einem Abenteuer ruft? In einem tiefenpsychologischen Verständnis lebt in unserer Seele sowohl das „Josef“-Prinzip – also die Offenheit für Gott, das Vertrauen, das zum Aufbruch Bereite – als auch das „Herodes“-Prinzip, d.h. die Selbstversessenheit, Absicherung und Vernichtung dessen, was anders ist und Angst macht. Diese Geisteshaltung führt in den Tod, in die vernichtende und leblose Selbstbezogenheit.

 

Bonhoeffer und Josef

 

Auf den ersten Blick besteht ein Gegensatz zwischen Bonhoeffer, der aktiven Widerstand gegen den Naziterror leistet und deswegen im April 1945 hingerichtet wird, und Josef, der vor der Schreckensherrschaft des Herodes flieht. Auch das DDR-Regime ist ein Unterdrückungssystem. Indem immer mehr Menschen sich im wahrsten Sinne distanzieren – innerlich, aber eben auch äußerlich durch die Massenflucht in den Westen – wird es ausgehöhlt und bricht in sich zusammen. Widerstand und Flucht – beide Ansätze gehören zusammen. Bonhoeffer und Josef überwinden den Panzer der Selbstbezogenheit, durch diese spirituelle „Maueröffnung“ erfahren sie Leben, das jenseits der menschlichen Gesetze von Zeit und Absicherung besteht. Matthäus überliefert die Jesusworte: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 16, 25). Dass spirituelle Sesshaftigkeit, Selbstgerechtigkeit und geistige Unbeweglichkeit auch für uns eine tödliche Gefahr darstellen, dass andererseits die innere Bereitschaft zu stetem Aufbruch über den irdischen Tod hinaus das eigentliche Leben verheißt, hat Hermann Hesse in seinem Stufengedicht anschaulich gemacht: „Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...“

 

Bonhoeffer spricht in seinem Lied nicht nur von sich selbst, er kreist trotz aller existenziellen Bedrohung nicht um sein eigenes Schicksal, sondern denkt an seine Verlobte und seine Eltern. Auch Josef wird aufgefordert, Maria und das Kind mitzu­nehmen. Als synodale Kirche verstehen wir uns als Weggemeinschaft, wir brechen immer wieder gemeinsam auf zur Erfahrung des Göttlichen. Wenn wir versuchen innezuhalten und Gottes Ruf zu spüren, brechen wir tatsächlich aus dem üblichen Zeit-Erleben aus. Wir sind keine Getriebenen, sondern Handelnde. Auch Bonhoeffer spricht in seinem Lied davon, dass er selbst entscheidet, dass er nicht passiv vom Lauf der Zeit gehetzt wird, er selbst schreitet in die Zukunft. „So will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

                                   

Christian Flügel