Ansichtssache – oder welche Ansichten bieten wir von unserer Kirche?

 

Kirche ist Ansichtssache. Und sie macht sich auch selber zur Ansichtssache. Gerade in einer Medien- und Informationsgesellschaft muss sie sich anschaulich machen, sich ein Profil geben.

 

Blättere ich etwa die Ausgaben unserer Kirchenzeitung von Juni und Juli dieses Jahres durch, gewinne ich auf den ersten Blick ein durchaus buntes Bild von der kleinen alt-katholischen Herde. Da wird viel Kirchenvolk bei verschiedensten Anlässen und Aktivitäten sichtbar. Amtsträger und Amtstrachten dominieren das Image der Kirche keineswegs, sehe ich einmal ab von dem „kopflosen Bäffchen“ auf der Titelseite der Juni-Ausgabe. Deuten diese womöglich an, dass die Probleme der christlichen Ökumene maßgeblich von den Amtsträgern, den Theologen der Kirchen bestimmt werden? Indes, Bäffchen sind nun einmal keine (alt-) katholischen Amtsabzeichen; ein Schelm, der Böses dabei denkt.

 

Richtig gut finde ich den Internetauftritt unserer Kirche, gut durchdacht und einladend. Die Vielfalt der Menschen in unserer Minikirche wird schon auf der Startseite mit sympathischen Bildern anschaulich. Dass das Kapitel (der Link) Gemeinde vor dem Kapitel Bistum figuriert, imponiert mir. Die Basis wird ernst genommen, sagt mir das.

 

Unter Bistum wird betont, dass wir eine „bischöflich-synodale Kirche“ sind. Aha. Und warum nicht umgekehrt? Ist es nicht so, dass der Bischof durch die Wahl der Synode zu seinem Amt kommt? Seine bischöflichen Befugnisse beruhen also auf einer „Ermächtigung“ der alt-katholischen Kirchengemeinschaft. Wenn dem so ist,  sollten wir uns eher als eine synodal-bischöfliche Kirche vorstellen. Im Grundgesetz der Bundesrepublik werden auch zuerst die gesetzgebenden Körperschaften und erst danach die Regierung benannt. Der Vergleich hinkt? Ich meine: nein. Die alt-katholischen Gründerväter haben seinerzeit den damals noch stramm obrigkeitlich, hierarchisch und undemokratisch aufgebauten kirchlichen wie staatlichen Institutionen mit der Schaffung synodaler Strukturen ein leuchtendes Vorbild gegeben. Zudem: warum wird im Rahmen unserer Internet-Präsentation der Synode als dem obersten gesetzgebenden Organ unserer Kirche kein eigener Link gewidmet, sondern nur ein Unterkapitel, das man unter dem Link Bistum, aber weit abgeschlagen an sechster Stelle hinter Bischof, Generalvikar und anderen findet? Ich bin jedenfalls schon einmal zufrieden damit, dass unsere Internet-Ansicht nicht mehr „auf den ersten Blick“ den Bischof zeigt, wie das, wenn ich mich recht erinnere, noch bis vor nicht allzu langer Zeit der Fall war.

 

Einen ganz hervorragenden Anlass für die „Ansichtssache“ Alt-katholische Kirche in Deutschland bot im Frühjahr die Weihe von Bischof Matthias in Karlsruhe. Dazu  erschien ein prächtiger Bilderbogen in Form einer Hochglanzbroschüre. Ich hatte einige Mühe, darin die Alt-katholische Kirche wiederzuerkennen, der ich unter anderem wegen ihrer demokratisch-synodalen Grundstruktur beigetreten bin! Diese Broschüre stellt dem Betrachter nämlich auf 50 Seiten eine Kirche vor, die ihre Identität, ihre Erscheinung von den Amtsträgern, von den Bischöfen und Priestern zu beziehen scheint. Das beginnt auf den ersten beiden Seiten mit der Abbildung der bischöflichen Amtsinsignien Stab, Mitra und Ring, und es setzt sich über Seiten hinweg fort mit zahlreichen Porträt- und Gruppenfotos der an dem Weiheakt teilnehmenden Geistlichen unserer und anderer Kirchen, allesamt in eindrucksvoller Amtstracht. Die abgebildeten Prozessionen des Klerus erinnerten mich, im Kleinen natürlich, an die Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils damals 1962 in Rom. Ähnlich wie auf den Bildern von dort und damals spielen in der Broschüre das Volk, die normalen Gläubigen, eine recht bescheidene Rolle, sie kommen eigentlich, fast, nur als Statisten vor. Das fotografische Verhältnis von Klerikern zu Volk schätze ich auf 90:10.

 

Nach dem Weiheakt gab es einen Empfang für etwa 800 Gäste. Wenn mich nicht alles täuscht, enthält die Broschüre kein einziges Foto von dieser Versammlung. Aber klar – was macht eine bunte Menschenmenge, lachend oder ernsthaft parlierend, Brezeln essend und mit Weingläsern in den Händen schon her – angesichts einer Schar von in wallenden, weißen und schwarzen Gewändern und seltsamen Kopfbedeckungen würdevoll einherschreitenden (sehr wenigen) Frauen und Männern! Ich hätte mir mindestens ein Foto gewünscht, das den neuen Bischof inmitten des Kirchenvolks gezeigt hätte – nach dem Weiheakt, außerhalb der Kirche, wohlg         emerkt. So aber wurde er nur, jedenfalls in der Broschüre, als einer ansichtig, der seinesgleichen angehört, den Bischöfen und den Geistlichen.

 

Nun gut, die Broschüre hat gewiss auch oder vielleicht sogar zuerst den Zweck, eine Erinnerung an ein seltenes Ereignis in unserer Kirche und vor allem im Leben unseres Bischofs in schönen Bildern zu bewahren. Ich gucke mir auch immer wieder einmal gerne unsere Hochzeitsbilder an, und ich bin der Letzte, der Bischof Matthias solche „Lichtbilder“ an einem einzigartigen Tag in seinem Leben missgönnt.

 

Trotzdem, für meinen Geschmack ist die Broschüre eine Ansichtssache, welche die Alt-katholische Kirche in ein allzu hierarchisch-klerikales Licht taucht. Ich habe die Fantasie, dass das auch unser neuer Bischof so sehen könnte.

 

Nichts in der Bildbroschüre weist übrigens darauf hin, dass sie offiziell von der Kirche herausgegeben sein könnte; ich finde keinen Herausgeber, keinerlei kirchliches „Imprimatur“. Das ist sehr gut so und ich hoffe, es wird auch dabei bleiben.

 

Veit Schäfer