Fundraising und Kirche

Eine kleine Einführung

 

Wer Fundraising betreiben will, dem geht es wie Paulus auf dem Areopag in Athen (Apg 17,16-34). Paulus stellte sich mitten auf den Platz und erzählte den Athenern von seiner Botschaft und von seinem Gott. Im Endeffekt warb er um neue Anhänger für den christlichen Gott, in einer Umgebung, die von einer Vielzahl an Göttern geprägt war. Genau wie ein Fundraiser um Unterstützung für seine guten Projekte wirbt im Wettbewerb mit zahlreichen anderen unterstützungswürdigen Projekten und Organisationen.

Diese Geschichte, die in der Apostelgeschichte von Paulus erzählt wird, spricht darüber hinaus eine ganze Anzahl weiterer Aspekte an, die beim Fundraising wesentlich sind:

 

Unterstützung ist nicht nur Geld

 

Sehr häufig wird Fundraising mit Spendensammeln verwechselt. Das verengt den Blick sehr stark auf den finanziellen Aspekt und birgt gleichzeitig die Gefahr in sich, dass darüber das eigentliche Fundraising aus dem Auge verloren wird. Beim Fundraising steht der Mensch mit seinen Interessen, Bedürfnissen und Wünschen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Es geht darum, seine Interessen, Bedürfnisse und Wünsche wahr- und ernst zu nehmen. Vielleicht entdecke ich dann bei ihm einen Anknüpfungspunkt zu meinem Projekt, und kann ihn dadurch begeistern und als Unterstützer gewinnen. So wie Paulus in Athen und auf dem Areopag Unterstützer und Anhänger zu gewinnen sucht.

Wenn bei einem Menschen die Leidenschaft für ein Projekt entbrennt, wird er sich für dieses Projekt engagieren, in ganz unterschiedlicher Hinsicht. Mit seinem Engagement. Mit seiner Zeit. Mit seinem Wissen. Und vielleicht auch mit seinem Geld. Je mehr sich dieser Mensch das Projekt zu Eigen macht, es zu seinem Projekt macht, desto größer wird auch das Engagement, welches der Betreffende bereit sein wird zu investieren. Desto größer wird allerdings auch – was häufig übersehen wird – der Wunsch des Betreffenden, selber Einfluss auf die Gestaltung des Projektes auszuüben.

Hier kommt die synodale Struktur der alt-katholischen Kirche, in der man ein Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht hat, dem Fundraising sehr entgegen.

 

Keine Eintagsfliege

 

Das Projekt, welches Paulus vertritt, ist dabei keine Eintagsfliege. Der Glaube an Jesus Christus ist etwas, was das ganze Leben bestimmt und verändert. Die Unterstützer, die Paulus zu gewinnen sucht, sollen nicht nur einmal zu einem Gesprächskreis oder Gottesdienst kommen, sondern sich ganz der Sache Christi verschreiben – ihr restliches Leben lang.

Genau das Gleiche strebt auch das Fundraising an. Es sollen langfristige Beziehungen aufgebaut werden, weswegen sich einmalige Spendenaktionen, nach denen der Spender nie mehr etwas von dem beworbenen Projekt hört, von selbst verbieten. Wer Fundraising betreibt, wird seine Unterstützer hegen und pflegen, diejenigen, die sich mit Zeit und Arbeit engagieren genauso wie diejenigen, die ihr Geld in das Projekt investieren. Er wird sie regelmäßig über den Fortgang des Projektes, über Erfolge und über Schwierigkeiten informieren. Er wird sie zu besonderen Höhepunkten im Projekt oder zum Abschluss des Projektes – z.B. der Einweihung einer umgebauten Kirche – einladen.

Die Unterstützer des Projektes werden zu Freunden des Projektes. Und mit meinen Freunden halte ich selbstverständlich engen Kontakt und auch nicht nur dann, wenn ich ihre Unterstützung benötige.

 

Das Projekt steht im Mittelpunkt

 

Vielleicht fällt es Ihnen auf: Paulus stellt in dem Abschnitt aus der Apostelgeschichte nicht eine Gemeinde oder eine „Kirche“ in den Mittelpunkt seiner Botschaft, der man sich anschließen soll. Er konzentriert seine Botschaft vielmehr auf das „Projekt“, also auf die Mission für Jesus Christus. Auch das ist ein Aspekt, der im Fundraising berücksichtigt werden muss: Wenn ich Menschen als Unterstützer gewinnen will, interessieren sich diese im Regelfall nicht so sehr für die Organisation, die hinter dem Projekt steht. Ich gewinne Unterstützer vielmehr über das Projekt. Unterstützer wollen helfen, das Problem zu lösen, welches im Hintergrund des Projektes steht. Die Organisation hinter dem Projekt ist zweitrangig.

Jede ausführliche Selbstdarstellung einer Gemeinde führt beim Fundraising daher erst mal in die falsche Richtung. Selbst wenn die Gemeinde sehr viel über sich zu berichten weiß und in der Fundraising-Broschüre gerne auch noch auf die theologische Grundlegung eines Projektes, auf Kindernachmittage und die Gottesdienste hinweisen will: Solche Selbstdarstellung ist etwas für Informations-Broschüren zur Gemeinde, zu ihrem Selbstverständnis oder zur Kirche, nichts aber für die Werbung um Unterstützung für ein Projekt.

 

Mitten in der Welt

 

Wenn Sie Fundraising betreiben, stellen Sie sich – genau wie Paulus – mitten auf den Markt, mitten in die Welt. Wenn Sie nur in ihren eigenen Reihen und in ihren engen Räumen eingeschlossen bleiben, werden Sie bestenfalls diejenigen gewinnen, die ohnehin schon immer dabei waren. Für neue Unterstützer gilt dann Fehlanzeige. Für ein Fundraising-Projekt, welches immer zahlreiche Unterstützer und eine wachsende Unterstützerzahl benötigt, um realisiert werden zu können, wäre das fatal.

Wer mich und mein Projekt nicht kennt, der kann mich auch nicht unterstützen. Wenn ich aber nur in den eigenen Reihen bleibe, nehme ich allen potentiellen Interessierten von vornherein die Chance, mein Projekt und mich kennenzulernen. Also: Über den eigenen Tellerrand hinausschauen, neue Zielgruppen in den Blick nehmen und für das Projekt gewinnen. Vielleicht werden mittelfristig sogar neue Gemeindeglieder daraus.

 

Leidenschaft

 

Paulus ist von seiner Sache überzeugt und vertritt sie mit Leidenschaft; sie können das in der Apostelgeschichte nachlesen. Auch das ist eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches Fundraising. Ich muss das Projekt, für welches ich um Unterstützung werbe, mit meiner ganzen Leidenschaft vertreten. Wenn ich selber tiefe Zweifel an dem Projekt oder an dessen Unterstützungswürdigkeit habe, dann wird es mir sehr schwer fallen, andere Menschen für die Unterstützung des Projektes zu gewinnen.

Und natürlich sollte ich auf die Frage gefasst sein, ob ich denn selber das Projekt unterstütze, mit ehrenamtlichem Engagement, mit Zeit, mit Geld. Wenn ich diese Frage dann nicht positiv beantworten kann, habe ich mit meiner Unterstützungs-Werbung ein Problem.

 

Ich bin Ich

 

Paulus stellt in dem Abschnitt aus der Apostelgeschichte sehr klar dar, wo sich der christliche Gott von anderen Göttern unterscheidet – selbst da, wo Paulus beim Bericht von der Auferstehung Jesu dann auch Spott erntet. Er scheut sich nicht, sein Projekt mit einem ganz klaren Profil darzulegen, und auch aufzuzeigen, wo die Unterschiede zu anderen bestehen. Im Fundraising und in der Öffentlichkeitsarbeit redet man hier vom „Alleinstellungsmerkmal“, welches eine bestimmte Organisation oder ein bestimmtes Projekt auszeichnet und von anderen unterscheidbar macht.

Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, der nicht nur in der Öffentlichkeitsarbeit, sondern auch im Fundraising berücksichtigt werden muss. Denn der potentielle Unterstützer gibt seine Unterstützung im Regelfall nicht blind, sondern sehenden Auges.

Überlegen Sie also: Wo sind die Besonderheiten, die Ihr Projekt von anderen unterscheidet? Wo besitzt Ihr Projekt ein Alleinstellungsmerkmal, welches Ihr Projekt regional oder überregional einzigartig macht? Je klarer und markanter das Profil des Projektes ist, desto eher wird man im Fundraising auch die Menschen gewinnen, die sich für genau solch ein Projekt engagieren wollen. Wenn das Profil unklar und diffus bleibt, sinkt bei Unterstützern im Regelfall die Bereitschaft sich zu engagieren, denn sie wissen ja gar nicht wirklich, in was sie ihre Unterstützung investieren.

Nicht alle sind erreichbar

 

In den letzten Versen aus dem erwähnten Abschnitt der Apostelgeschichte wird klar: Es sind nicht alle erreichbar. Aber: Einige schließen sich Paulus an und werden gläubig. Darauf sollte man sich auch im Fundraising einstellen und entsprechende Frustrationstoleranz mitbringen: Nicht alle Menschen, die ich für ein Projekt gewinnen möchte, werden sich dafür begeistern können. Viele werden mir vielmehr zu verstehen geben, dein Projekt interessiert mich nicht.

Deswegen ist es auch wichtig, sich über so etwas wie „Zielgruppen“ Gedanken zu machen, über Personengruppen oder Einzelpersonen, von denen im Vorhinein aus verschiedenen Gründen angenommen werden kann, dass sie sich für das Projekt interessieren könnten. Je genauer ich meine Zielgruppe treffe, desto größer ist im Regelfall der Erfolg.

 

Das richtige Instrument

 

Dass Paulus auf dem Areopag das Instrument der Rede wählt, um die anderen Menschen zu erreichen, ist der Situation, dem Ort und der spezifischen Zielgruppe geschuldet. Mit einem Brief hätte er in diesem Moment wohl auch kaum Erfolg gehabt. In anderen Fällen ist sein Instrument natürlich der Brief (wie beispielsweise die beiden Briefe an die Gemeinde in Korinth, in denen er im 16. Kapitel des ersten Briefes und im 8. Kapitel des zweiten um Spenden für die Gemeinde in Jerusalem bittet).

Beim Fundraising werden je nach Situation, Ort und spezifischer Zielgruppe immer unterschiedliche Fundraising-Instrumente eingesetzt, im Regelfall ein Fundraising-Mix aus verschiedenen Instrumenten, mit denen über verschiedene Kommunikationswege die potentiellen Unterstützer gewonnen werden sollen. Wer sich auf ausschließlich ein Instrument konzentriert, riskiert, dass verschiedene Zielgruppen für ihn schlicht unerreichbar bleiben. Zudem schöpft er auch die Möglichkeiten nicht aus, durch die Nutzung unterschiedlicher Kommunikationswege und -instrumente möglichst intensive und enge Beziehungen zu Unterstützern aufzubauen.

 

Unser Potential

 

Ende September fand in Hannover nun zum zehnten Mal die „kollekta“ statt. Sie ist ein spezieller Fundraisingkongress für Fundraiserinnen und Fundraiser aus Kirche, Diakonie, Caritas, Mission und Entwicklungshilfe. Wer diesen Kongress besucht, wird schnell feststellen, dass sich bereits zahlreiche Gemeinden und Einrichtungen im kirchlichen Fundraising tummeln und ihre entsprechenden Kompetenzen aufbauen, erweitern und professionalisieren. Vor allem die evangelischen Landeskirchen in Deutschland haben mittlerweile nahezu flächendeckend das professionelle Fundraising für sich entdeckt. Und auch einzelne römisch-katholische Bistümer sowie Freikirchen sind bereits aktiv.

Ich denke, dass im Fundraising auch Potential für die Alt-katholische Kirche verborgen liegt. Schon die Frage, wer genau sich für unsere Projekte interessiert, wer also zu unserer Zielgruppe zu zählen ist, wird unseren Blick weit über den Tellerrand unserer Kirche hinausführen.

Vielleicht ist es gut, wenn wir uns mit unseren Projekten – gleich dem Paulus – öfters mal auf den Areopag unserer Städte stellen. Ich denke, wir könnten hier zahlreiche Unterstützer für unsere Projekte und für unsere Kirche gewinnen.

 

Walter Jungbauer