Breite Spitze

Eine Glosse, nicht nur zum Erntedank

 

Angenommen, Sie möchten einige Scheiben gekochten Schinken kaufen. Dann können Sie zum Bio-Metzger gehen und sehr viel Geld dafür ausgeben. Sie können auch zum normalen Metzger gehen, und es ist immer noch viel Geld. Oder Sie erliegen der Versuchung und kaufen billig beim Discounter. Dann ist der Schinken zwar abgepackt, hat aber einen unschätzbaren Vorteil, den ein deutlich sichtbarer Schriftzug auf der Packung kund tut: Es handelt sich um „Spitzenqualität“.

Man müsste schon naiv sein, um auf die Idee zu kommen, man könnte noch mehr sparen, weil es für so einen normalen Wochentag wie heute auch normale Qualität täte. Man muss nämlich nach Schinken in normaler Qualität gar nicht mehr suchen. Es gibt nur noch Spitzenqualität. Allerdings nur so lange, bis man ihn probiert hat. Wenn das die Spitze sein soll …

 

Ähnlich geht es einem, wenn man an einer normalen Wurstbude versucht eine Bratwurst zu kaufen. Geht nicht, die gibt es nicht. Stattdessen gibt es „Grillspezialitäten“. Doch sollte man nicht den Fehler machen, nach den Spezialitäten zu fragen – eine Spezialität ist ja eigentlich etwas, was ich habe und was die Anderen nicht haben. Ich werde schnell merken, dass es da nur das gibt, was es bei allen Anderen auch gibt. Von wegen Spezialitäten!

 

So ist das in unserer Gesellschaft, nicht nur wenn es um die Wurst geht. Jede Hochschule ist eine Elite-Universität, jede Firma produziert auf Welt-Niveau. Jede, die oder jeder, der mal im Fernsehen mehr Punkte für ein Lied bekommen hat als andere, ist gleich ein Superstar, alle, die beim Gehen in hochhackigen Schuhen nicht gleich umknicken, sind Top-Models. Und jede Kirche?

 

Es gibt nur noch Spitze, das Normale gibt es nicht mehr. Die Spitze ist so breit, dass alle darauf Platz haben. Darunter kommt nichts mehr, sie schwebt. Was wird erreicht mit dieser Angeberei? Rein gar nichts! Denn weil alle wissen, wie das ist, nimmt es niemand ernst. Erreicht wird höchstens, dass denen das Leben schwer gemacht wird, die wissen, dass sie einfach nicht spitze sind, nicht die Schönsten, nicht die Gescheitesten, nicht die Fittesten, nicht die Schlanksten.

 

Wenn ich eine Wurstbude eröffnen wollte, würde ich sie nicht „Grillpalast“ nennen, sondern „Wurstbude“. Es gäbe da keine Grillspezialitäten, sondern Bratwürste. Ich bin sicher, das brächte mir keine Einbußen. Denn die dauernde Angeberei, die sowieso keiner glaubt, geht den Menschen nur auf die Nerven.

 

Nun will ich aber gar keine Wurstbude eröffnen, sondern vertrete als Pfarrer eine Kirche. Dazu noch eine, die so klein ist, dass sie bei Aufzählungen regelmäßig vergessen wird. Die Gefahr ist besonders groß, dass wir uns lächerlich machen, wenn wir angeben. Gibt es wirklich etwas, worin wir besser sind als alle Anderen? Es wird schwer zu finden sein. Da ist es schon gut, dass wir nicht so sehr darauf bestehen, die alte katholische Kirche zu sein, die Kirche, die sich als einzige bis auf die Apostel zurück führen lässt. Das gäbe ein Gelächter!

 

Da lässt sich etwas lernen vom Kochschinken und der Bratwurst: Die Menschen erwarten gar nicht wirklich, dass immer alles spitze ist. Dem, der es behauptet, glauben sie es nicht. Und sie ärgern sich bei Etikettenschwindel, wenn „Spitzenqualität“ drauf steht und sie in Wirklichkeit nur mäßig ist. Deshalb gefällt mir, was in den letzten Monaten von Seiten unserer Kirche im Radio zu hören oder in der Zeitung zu lesen war. Ich fand da eine „neue Ehrlichkeit“, die auch unsere Kleinheit und die daraus entstehenden Schwächen offen ansprach. Vielleicht werden Menschen sich eine Gemeinschaft, die so deutlich nennt, wo sie ihre Schwächen hat, gar nicht erst anschauen. Vielleicht werden aber auch andere gerade deshalb kommen. Und niemand muss enttäuscht wieder gehen, weil sie oder er durch die Vorspiegelung falscher Tatsachen angelockt wurde.

Auch wenn nicht alles bei uns spitze ist, kann Ehrlichkeit dazu führen, dass erkennbar wird, wo unsere Spezialitäten liegen. Das sind die Dinge, die nicht unbedingt besser sind als bei anderen, aber die uns von ihnen unterscheiden. Es gibt die Menschen, denen gerade diese Dinge wichtig sind und andere, die wir nicht haben, nicht so wichtig. Wenn sie uns finden, ist das genug.

 

Es gilt übrigens nicht nur für unser Auftreten als Kirche. Es gilt ebenso für unseren Alltag, wenn wir uns herausputzen, um mehr aus uns zu machen, wenn wir Fassaden aufbauen, damit keiner merkt, wie klein wir wirklich sind. Es glaubt uns ja keiner den Schein, warum also sollten wir uns nicht geben, wie wir sind – wenn wir uns trauen? Ich bin sicher, es wäre für manche eine Erleichterung und ein Ansporn, es ebenfalls zu wagen. Eine neue Ehrlichkeit in unserer Gesellschaft, sie wäre eine Entlastung für viele. Warum sollten nicht wir Christen damit anfangen?

 

Gerhard Ruisch