„Wir sind alle nur Busch…“

Besuch aus Gablonz in Neugablonz

 

Sie stehen ganz nah bei einander und weinen. Es sind Tränen der Freude, des Schmerzes, der Nostalgie, die den vier Frauen über das Gesicht laufen. Vier Frauen aus drei Generationen, zwei Ländern und zwei Städten mit besonderem Bezug, haben gerade eine Gemeinsamkeit entdeckt. Die Schwestern Jitka und Vladka sowie ihre Mutter Jitka stammen aus Gablonz an der Neiße, in Tschechien. Jitka, geborene Hladik, ist deutscher Abstammung. Ihre Mutter wiederum, Vladkas und „Klein-Jitkas“ Großmutter, entpuppt sich als beste Kindheits- und Jugendfreundin von Frau Maria Peter (86), geboren in Gablonz und seit der Vertreibung aus dem Sudetenland wohnhaft in Kaufbeuren-Neugablonz im Allgäu. Es kommt für alle unerwartet, das sieht man ihnen an. Dolmetscher und Vorbeikommende haben ebenfalls feuchte Augen, so sehr ist das Knistern dieser Szene zu spüren.

 

Es passiert am Ende des Besuchs Gablonzer Alt-Katholiken in Neugablonz. Kurz vor der Abreise, nach vier spannenden, ereignisreichen und emotionsgeladenen Tagen. Gerade haben wir eine deutsch-tschechische Eucharistiefeier gehalten, ein Gottesdienst voller fröhlicher Gelassenheit, voller tiefer Spiritualität und greifbarem Wunsch nach Versöhnung. Und nun werden sehr persönliche Beziehungen geknüpft und wiedergefunden...

 

Ein Kleinbus voller junger Menschen der alt-katholischen Gemeinde „Kreuzerhöhung“ aus Gablonz an der Neiße hat sich gemeinsam mit ihrem Pfarrer Dr. Karel Kolaček auf den Weg zu uns gemacht. Ein Brückenschlag zwischen Generationen und Jahrzehnten problematischer Geschichte. Ganz frisch ist die neu geschlossene Städtepartnerschaft zwischen Gablonz und Kaufbeuren – seit 2009 auch auf lokalpolitischer Ebene endlich Annäherung.

Ein klein wenig älter ist die Freundschaft zwischen unseren Gemeinden. Im Herbst 2008 fuhren mein Mann und ich kurzentschlossen nach Gablonz. Eigentlich zur Vorbereitung der baj-Jugendfahrt im Sommer 2009 nach Tschechien, mit Station Gablonz an der Neiße (Christen heute berichtete). In Wirklichkeit passierte bereits da noch viel mehr. Wir machten uns hautnah ein Bild davon, woher der Großteil unserer Gemeinde stammt. Wir lernten Karel kennen, und erfuhren von seiner Arbeit vor Ort: Wie es ist, im überwiegend atheistischen Tschechien die einst rege alt-katholische Gemeinde wieder zum Leben zu erwecken, die wundervolle Jugendstilkirche durch Bitten und Betteln an offiziellen Türen am Leben zu erhalten, und so weiter, und so weiter. Durch diese persönliche Begegnung begeistert, entstand die zarte Idee, Annäherung auf Gemeindeebene zu versuchen.

 

Nun dennoch beiderseits Überraschung. Wir sind erstaunt über das junge Alter und die Unkompliziertheit der Gäste. Sie wiederum hätten nicht mit so viel Offenheit und Herzlichkeit gerechnet, sagen sie. Gewinner beiderseits.

 

Verständigung geschieht vielschichtig. Deutsch, Englisch, Italienisch, Tschechisch, Hände, Füße und ganz viel Non-Verbales stellen die Kommunikation sicher. Zwei Gemeindemitglieder öffnen die Tore ihrer Schmuckbetriebe. Das Tänzelfest, das Stadtereignis schlechthin, bietet mittelalterliches Treiben und zwei offizielle Empfänge unserer alt-katholischen Delegation durch den Oberbürgermeister. Ausgerechnet beim geplanten Grillabend im Pfarrgarten lässt uns das Wetter in Stich. Tut der Stimmung aber keinen Abbruch. Bis spät in die Nacht hinein wird in der Gemeindeküche erzählt und gelacht, werden alte Bilder und Allgäu-Bildbände bewundert.

Und die Wellness kommt in diesen Tagen auch nicht zu kurz. Wie erklären Sie allerdings „Kneippen“ einem Nicht-Muttersprachler? Ein gemimter Storchengang führt da erwiesenermaßen lediglich zu großem Gelächter und der Annahme, so gehe man eben, nach einer vollbrachten Kneipen-Tour. Zum Glück ist Sebastian Kneipps Wirkungsstätte, Bad Wörishofen, nicht weit. Die vergnügliche Stadtführung endet zwangsläufig im Kneipp-Becken, wo unsere Gäste zu ihrem Erstaunen den Storchengang im kalten Wasser selbst ausprobieren.

 

Als es Zeit ist, Abschied zu nehmen, sind viele gleich wieder nah am Wasser. Frau Peter mag die Nachfahren ihrer verstorbenen Freundin gar nicht wegfahren lassen. Es hätte noch so viel zum Erzählen gegeben, zu Hause hätten noch so viele Bilder gewartet. Versonnen und immer noch fassungslos winkt sie dem Kleinbus nach. Spontan entsteht die Idee, dass wir schon nächstes Jahr zu einem Gegenbesuch aufbrechen könnten und Pläne sind schon zu hören für die Zeit „wenn sie wiederkommen“…

 

Freude, Freundschaft und Hoffnung hat uns erfüllt und angesteckt. Im tiefen Wunsch, diese Funken mögen auch diejenigen erreichen, denen Versöhnung heute noch schwer fällt.

 

Denn eines ist sicher: Viele Menschen haben diese Tage aktiv geplant und gestaltet. Ohne sie wäre diese Begegnung bloß eine gute Idee zweier junger Pfarrer aus Deutschland und Tschechien geblieben. Um es mit einem tschechischen Bild zu sagen: Im Grunde „sind wir alle nur Busch“ um eine herausragende Pflanze, Begleitung und Unterstützung einer eigentlichen Solistenstimme. Die tragende Rolle bei all dem, was sich gerade abspielen konnte und hoffentlich auch in Zukunft abspielen wird, übernimmt ein anderer. Der, der uns den Geist der Liebe und Versöhnung einflößt, uns berührt, verwandelt, bewegt und verbindet. Darauf können wir nach diesen Tagen vertrauen.

 

Corina Strenzl