Der Tod des Alten

 

Der Alte kam vor zwei Wochen ins Dorf, damit Celestina ihn besser pflegen könne. Von uns erbat sie vier Sack Zement, mit dem sein Grab gebaut werden sollte. Sie suchte eine Stelle aus am äußersten Rande des Plateaus, auf dem die An-siedlung liegt, einen Platz mit weitem Blick auf den Pazifik, die gewaltigen Sonnenuntergänge und die Bergkette, die sich jenseits der Bucht im Fernen verlor.

 

Das Grab wurde fertiggestellt und wartete nun auf den Alten, bereit ihn aufzunehmen. Celestina betrachtete es mit zufriedener Miene. Jetzt war für al-les gesorgt.

 

Gestern Abend war es so-weit. Die Regenzeit naht. Die Tage sind verhangen und schwül, und nachts drängt der Mond mit trübem Licht durch die dunstigen Schwaden, die über den Himmel schleichen. Die Sterne halten sich zurück.

 

Celestina kam zu uns und bedeutete uns, dass ihr Vater gestorben sei. Sie lachte, als sie es uns erzählte und sprach mit dieser uns gegenüber oft überlauten Stimme, denn sie weiß, dass viele von uns ihre Sprache nur unzu-länglich verstehen. Und dann meint sie, wenn sie besonders laut spricht, könnten ihre Worte uns vielleicht trotz-dem erreichen. Wir haben sie wohl ver-standen, und es war eine freudige Nachricht.

 

Das irdische Leben des Vaters war zu Ende gegangen in der Gewissheit ei-ner glorreichen Erfüllung im Jenseits, denn er war ein guter Mensch gewe-sen, der zarte Alte, der jetzt im Kreise seiner Familie aufgebahrt lag vor der ärmlichen Hütte seiner Tochter, angetan mit seinem besten Zeug, einem wei-ßen Anzug, bedeckt von einem dünnen,weißbestickten Totentuch. Er hatte im-mer für sie gesorgt, so gut es eben ging in den dunklen Zeiten, die hinter ihnen lagen. Er hatte immer hart gearbeitet, und er hatte eine gute Hand gehabt für die Rinder. Ihm war viel geglückt. Ein guter Ehemann war er gewesen, treu auch der zweiten Frau, die er im Nach-bardorf am Wochenende besuchte, und der Freundin in San Juan. Das war so gewesen, seine Frau hatte es hinge-nommen; wie sie all die anderen Leiden der Vergangenheit hingenommen hatte, schweigend, gewohnt, das Schwei-gen wie einen sie unverletzlich ma-chenden Mantel des Stolzes zu tragen. Niemand wollte es ihm übel nehmen, jetzt zumindest nicht mehr.

 

Er war ein guter Sänger gewesen, und nun erwiesen ihm drei Männer die Ehre, die bei ihm saßen und Lieder von verzehrender Frömmigkeit an den Señor im Himmel richteten, damit er nicht umhin könne, den Toten mit den irdischen Augen seiner Freunde und Verwandten zu sehen und ihm gnädig zu sein in seiner Güte.

 

Über Nacht war vor der Hütte Celestinas ein Sonnendach errichtet worden. Besuch würde kommen, den ganzen Sonntag würden Verwandte und Freunde sich abwechseln in der Totenwache. Gab es denn Unwürdigeres, als den Toten der mörderischen, saugenden Sonne der nahen Regenzeit auszusetzen? Gab es Undankbareres, als die Menschen, die ihm auf seinem Weg in die Ewigkeit beistanden, der Glut des schattenlosen Platzes auszusetzen?

 

Ein Schwein, das sorglos über den Platz gestrichen war und seinen Mist gleichmütig verteilt hatte, wurde an einem Strick hinter die Hütte geführt. Die Menschen waren hungrig, und das Schwein hatte es gerochen und riss sich los. Sofort war eine wilde Verfolgungsjagd über den ganzen Dorfplatz im Gange. Die würdigen Männer der Siedlung gaben ihr Bestes, um das Schwein zu erwischen, keuchten hinter ihm her, schon schweißüberströmt, und erwischten es natürlich, wie sie die Schweine immer erwischten, es gab kein Entkommen.

 

Halleluja strömte aus den Kehlen der Sänger. Immer waren es die Männer, die von irgendwo die Kunst des Gitarrenspielens lernten und das Instrument, auf dem sie schluchzten und stöhnten, liebten wie ein junges Mädchen, dessen Zauber man sich nicht zu entziehen vermag.

 

In der zweiten Reihe saßen die Frauen. Sie sangen mit, aber leise, leise. Die Kinder standen am Rande und schauten zu. Sie waren schmutzig. Natürlich hatte man ihnen frühmorgens saubere Kleider angezogen, wie es sich für einen solchen Tag gehörte. Aber nach einer Runde über den Platz, mit nackten Füßen durch den Unrat von Mensch und Tier, nachdem sie einmal hingefallen, einmal einen Baum hinaufgeklettert waren und den verrotzten kleinen Bruder auf den Arm genommen hatten – der durfte noch nackt sein - war es schon wieder vorbei mit der Feiertagsherrlichkeit des Totengedenkens.

Der Alte würde neben dem Baby beerdigt werden. Das Kind, erst vier Tage alt, hatte als erstes in der Siedlung ein Grab erhalten, ein winziges Grab, ein kleines Loch für ein kleines, armes, kurzes Leben, das niemand gewollt hatte. Die Mutter, achtzehnjährig und taubstumm, vergewaltigt und geschlagen mit der Frucht ihres Leibes. Es hätte Rettung gegeben für das Kind, das mit einer rostigen Schere entbunden worden war. Aber es geschehe der Wille des Herrn und der unglücklichen Mutter.

 

Unter Tränen war das Kind zu Grabe getragen worden, ein kleiner Engel mit faltiger Haut, eingefallen und verschrumpelt, zum Himmel geflohen unter dem heulenden Wehklagen der Trauergemeinde, wie die vierzig Kinder vor ihm, die unter Qualen des Durstes in der Hitzes des Tages den Atem verloren hatten, hechelnd zu Tode gekommen, nach Luft schnappend, in der Einsamkeit des Fieberwahns nach der Mutter rufend, die doch nahebei saß, Tränen der Angst in den erloschenen Augen. Es war also wiederum vergeblich gewesen. Eine begrabene Hoffnung mehr, ein stolzer kleiner Mensch weniger auf dieser Erde, einer, der wohl gewusst hätte, was er auf der Welt noch hätte anfangen wollen. Das war damals gewesen, als sie vertrieben wurden von ihrem Land, das einer beanspruchte, der die Macht hatte und auch die Gewehre; damals, als sie ausgesetzt wurden in der Wüste, in der unbarmherzigen Sonne der Trockenheit. Große Sonne, du gibst Leben und bist doch grausam in deinem Unmaß.

Nachts erwachte ich aus schweren Träumen. Seit Tagen lagen die Schiffe dort draußen, jeden Tag wurden es mehr, und droben im Norden tobte der Krieg und fraß die Kinder der Revolution. Der Friede war begraben, und unter den Freunden waren die Verräter wie immer im Gewande brüderlicher Freundlichkeit. Der Boden wankte mir unter den Füßen. Schwindel erfasste mein ängstliches Herz. Etwas ist im Gange. Ich warte auf das Pfeifen der Kugeln und die Leuchtspuren am Himmel. Ich horche auf das Gedröhne des Flugzeugs und krümme mich in Erwartung der Detonation. Viele Tote wird man beweinen.

 

Dann aber sehe ich, dass die nächtliche Unruhe ein anderes Zentrum hat.

Der Alte liegt aufgebahrt im feierlichen Ernst der letzten Stunden, und um ihn torkeln die Brüder der Nacht im Rausch des Schmerzes, von Übelkeit geschüttelt und gejagt von der Furcht, dass niemand auf dieser Welt je etwas wissen könnte von ihnen. Da sucht einer Trost bei dem Alten, der doch schon alle Kümmernisse hinter sich gelassen hat und alles weiß über Liebe und Hass. Der das seltene Glück hatte, in diesem armen Land, in dem die Menschen früh sterben, acht Jahrzehnte unter ihnen zu verbringen. Der nun alles weiß und für ewig schweigt. Der die Trunkenen alleinlässt und die lallenden Frager starr abweist, als könnte er noch anders, als stünde mehr in seiner Macht.

 

Claudia Renkewitz