Agenda 2020 oder Kirche der Zukunft?

Gesamtpastoralkonferenz unseres Bistums in Neustadt an der Weinstraße

 

In einer Arbeitsgruppe fiel das einem nicht mehr amtierenden US-Präsidenten zugeschriebene Zitat: „Die Zukunft wird morgen besser sein.“ Wer angesichts derartiger Geistesblitze nun aber Bedenken bekommt, kann diese ruhig zurückstellen: Mehr als 50 haupt- und ehrenamtliche Geistliche unseres Bistums befassten sich auf ihrer diesjährigen Zentralkonferenz nicht mit frommer Science-Fiction, sondern versuchten durchaus realistische Ideen für die zukünftige Arbeit in unseren Gemeinden und unserer Kirche zusammen zu stellen.

Dabei ging es erwartungsgemäß nicht nur um rein organisatorische Verbesserungen wie dem vermehrten Einsatz von Kommunikations-Technologie, um Zeit und Geld zu sparen. Oder etwa wie einer Intensivierung überregionaler Zusammenarbeit in den Dekanaten und im Bistum durch klarere Strukturen in der Dienstaufsicht und einer (noch zu schaffenden) Mitarbeitendenvertretung. Generell wurde auch über Möglichkeiten zur Verstärkung der Synodalität und des Einsatzes von ehren- bzw. nebenamtlichen Geistlichen nachgedacht.

Vielmehr ging es auch um Grundansätze: Unsere Gemeinden werden künftig nicht mehr nur Sammlungsort von durch die römische Kirche enttäuschten Christinnen und Christen sein können. Der rapide Verfall volkskirchlicher Verhältnisse in Deutschland wird schon rein statistisch in absehbarer Zeit dieser unserer bisherigen „ökumenischen Nischen-Füllung“ klare Grenzen aufzeigen. Bereits in wenigen Jahren müssen wir ganz andere missionarische Impulse umsetzen und uns weit mehr als heute auf Menschen einstellen, die von ihrer Biografie her keinerlei Kirchenanbindung mehr mitbringen. Die Zeiten konfessioneller Nabelschau gehen spürbar ihrem Ende entgegen: Selbst Begriffe wie „Gottesdienst“, „Verkündigung“ und „Diakonie“ werden bald Ausdruck einer kirchlichen Binnen-Sprache sein, mit denen viele Menschen „draußen“ nichts mehr anfangen können. Darauf werden wir uns einstellen müssen. Aber genau das bringt auch gerade für unsere kleinen, überschaubaren Gemeinden große Chancen.

 

Die Pastoralkonferenz befasste sich auch mit dem theologischen Dialogdokument „Kirche und Kirchengemeinschaft“, das von einer gemischt römisch- und alt-katholischen Kommission aufgestellt worden war. Die Art und Weise, wie Fachleute aus beiden Konfessionen bei diesem ökumenisch relativ „heißen Eisen“ vertrauensvoll zusammengearbeitet hatten, wurde positiv bewertet.

Allerdings gab es auch deutlich kritische Anfragen an das Papier, etwa warum unsere Vereinbarung mit der Evangelischen Kirche Deutschlands über die gegenseitige Einladung zur Teilnahme an der Feier der Eucharistie dort nicht erwähnt wird.

Und die Gegensätze beim Thema der Berufung von Frauen zum geistlichen Dienst werden als unüberbrückbar bewertet. Die unterschiedlichen Auffassungen beider Kirchen im Umgang mit Fragen der Ethik (etwa bei wiederverheirateten Geschiedenen) und Fragen der menschlichen Sexualität werden gar nicht erwähnt.

 

Die Mitglieder der Konferenz dachten auch über Modelle einer gerechteren eigenen Besoldung nach. Gerade angesichts der Tatsache, dass die jüngsten Geistlichen im Rahmen des Generationenvertrages zum Beispiel später einmal einen wesentlich größeren Beitrag für die Rentenversorgung der Älteren leisten müssen als das heute noch überhaupt vorstellbar erscheint, sollte das enorme Lohn-Gefälle zwischen Alt und Jung in unserem Klerus abgeschwächt werden. Auch bei dieser Frage wird es keine raschen Lösungen oder Patentrezepte geben, aber die Notwendigkeit weiterer Arbeit am Thema wurde deutlich.

Angesichts der massiven öffentlichen Kritik, in welche das Papstsystem aktuell geraten ist (indem Rom tatsächliche oder vermeintliche moralische Verfehlungen in der „weltlichen“ Gesellschaft unentwegt gegeißelt und vorhandene innerhalb der Kirche fortgesetzt vertuscht hat) und in Anbetracht relativ dehnbarer theologischer Formulierungen auf alt-katholischer Seite zum „historischen Primat“ des Bischofs von Rom wurde im Ausblick auf die nächste Konferenz unter anderem das Thema vorgeschlagen „Wie sah das römische Petrusamt im 1. Jahrtausend wirklich aus?“

Dass wir alles in allem gesehen eine echt spannende Tagung erleben konnten (und dies nicht nur mit der parallel laufenden Fußball-WM zu tun hatte) zeigt sich vielleicht auch darin, dass die Geistlichen erstmals seit fast 40 Jahren auf ihren „Betriebsausflug“ verzichteten - kaum eine oder einer hat ihn echt vermisst.

 

Cornelius Schmidt