Congress ist nicht Kongress

 

Ich gebe zu, dieser Artikel hätte eigentlich vor vier Jahren erscheinen sollen, als der Alt-Katholiken-Kongress nicht in Zürich, sondern hier in Freiburg war. Aber leider fand ich erst hinterher in unserem Archiv den Protokollband „Der vierte Altkatholiken-Congress in Freiburg im Breisgau im Jahre 1874. Stenographischer Bericht. Officielle Ausgabe.“ Den 29. Kongress vor vier Jahren habe ich ja hautnah miterlebt, und da war es für mich spannend zu lesen, was 132 Jahre zuvor am selben Ort anders war. Wenn auch zu spät, schreibe ich den Beitrag jetzt doch noch in der Hoffnung, er kann eine kleine Einstimmung auf den Kongress in Zürich sein.

 

Orte

 

Der Kongress fand zum Teil buchstäblich am selben Ort statt. Zwar stand das Kolpinghaus damals noch nicht, in dem vor vier Jahren unsere Plenarsitzungen waren, auch nicht die Karlschule, in der die Gruppenarbeiten stattfanden, aber den großen Festempfang mit Bischöfen, darunter der Erzbischof von Canterbury und der Leitende Bischof der Iglesia Filipina Independiente, mit Ministerpräsident Öttinger und vielen anderen Ehrengästen nach dem Gottesdienst der Utrechter Union hielten wir in just dem historischen Kaufhaussaal, in dem 132 Jahre vorher die „Delegirten-Versammlungen“ waren. Teilnehmer waren also Gemeindedelegierte; man konnte sich nicht einfach aus Interesse anmelden, wie es heute üblich ist.

 

Ich erinnere mich, dass wir vor vier Jahren stolz waren und deshalb die zusätzliche Arbeit gerne in Kauf nahmen, dass wir noch einen weiteren Veranstaltungsort brauchten. Für den öffentlichen Vortrag von Erzbischof Rowan Williams von Canterbury und von Erzbischof Joris Vercammen von Utrecht war das Kolpinghaus zu klein. Deshalb fand er in der Ludwigskirche statt, die über 600 Sitzplätze hat und voll war. Auch der erste Freiburger Kongress bot öffentliche Vorträge und brauchte dafür einen zusätzlichen Veranstaltungsort. Das war die Festhalle, die heute nicht mehr steht. Sie fasste, wie die Einleitung des Bandes festhält, 4000 Personen. Auch sie war voll. Das waren noch Zeiten!

 

Sprache

 

Ein ganz auffälliger Unterschied ist für mich die Sprache. Wenn wir jemanden von heute in den Kaufhaussaal damals beamen könnten, würde die- oder derjenige überhaupt folgen können? So lang waren die Sätze, so gedrechselt die Formulierungen. So viele Umstände wurden auch gemacht. Zum Beispiel schlägt der Freiburger Kreisgerichtsrath Leiblein nach der Begrüßung der Gäste vor, „Herrn Geheimrath Dr. von Schulte aus Bonn“ per Akklamation zum Präsidenten des Kongresses zu bestimmen: „Wenn ich auch weiss, dass wir ihm mit dieser Wahl eine schwere Last auflegen, so bin ich doch überzeugt, dass er die Güte haben wird, auch diesmal wieder die Mühe des Präsidiums zu übernehmen. Wenn die Herren einverstanden sind, bitte ich sie, sich zu erheben.“

 

Doch ganz so leicht wollte von Schulte es ihm nicht machen: „Meine Herren! Es ist wirklich nicht Ziererei, wenn ich offen äussere, dass es mir lieber wäre, wenn Sie einen andern Herrn ersuchen würden, das Präsidium zu führen. Es ist auch nicht die Scheu vor der Arbeit, die mit dem Präsidium verbunden ist; aber ich glaube, es wäre ganz gut, wenn nicht immer derselbe das Präsidium führte, und Sie würden mir persönlich einen Gefallen thun, wenn Sie einen andern Herrn wählten. Ist aber dies die allgemeine Ansicht der Versammlung nicht, so würde ich mich freilich verpflichtet fühlen, dem Wunsche der Versammlung zu entsprechen. (Bravo! Bravo!)“ Was in unseren Ohren geschwollen klingt, lässt doch auch einen Reichtum und eine Präzision der Sprache erahnen, die wir zu einem guten Teil durch die völlig andere Medienwelt heute verloren haben.

 

Methode und Themen

 

Haben heutige Kongresse Züge von kleinen Kirchentagen angenommen, so dass es nach wie vor Vorträge gibt, aber daneben eine Fülle anderer Angebote kreativer, kultureller und unterhaltsamer Natur, so gab es damals nur Vorträge und Aussprache im Plenum. Und können wir heute einen Kongress unter ein beliebiges Thema stellen, so mussten damalige Kongresse sich der Organisation der Kirche widmen; schließlich war Josef Hubert Reinkens gerade erst im Vorjahr zum ersten deutschen Bischof gewählt und geweiht worden. Sie beschäftigten sich mit Gesetzentwürfen, die die Rechtsverhältnisse der Alt-Katholiken regelten, erließen Resolutionen dazu und mussten sich um die Finanzierung der Kirche sorgen.

 

Zu dieser, insbesondere zur Teilung des Kirchenvermögens, hatte Advokat-Anwalt Riffart einen originellen Vorschlag. Er macht aufmerksam, dass die Alt-Katholiken ihre Rechte auf Anteil am Kirchenvermögen nicht durch die Ablehnung von Unfehlbarkeit und „Allgewalt des Papstes“ verloren haben können. Die Frage sei nur: „in welcher Weise soll eine Vertheilung des Genusses dieses Kirchen-Vermögens stattfinden?“ „Es ist in dieser Beziehung meines Erachtens in Preussen ein Missgriff gemacht worden, als man zur Bildung der altkatholischen Pfarreien schritt, dass der Staat das Verlangen an die Katholiken stellte, welche ihrem alten Glauben treu geblieben waren, sich zu erklären, dass sie das Vatikanum nicht anerkennen. Das allein Richtige ist offenbar dies, dass der Staat von denjenigen, die zu dieser Neuerung übergehen wollen, welche sich dem Dogma unterwerfen wollen, eine Erklärung verlangt, das sie eben zu dem Alten, das sie bisher geglaubt haben, auch das Neue acceptiren wollen, dass sie sich der Unfehlbarkeit und Omnipotenz des Papstes unterwerfen. … Es ist selbstverständlich, dass Viele sich, sei es durch Trägheit, sei es durch Kränklichkeit oder durch irgend welche andere Rücksichten abhalten lassen, die Erklärung, dass sie zu dem neuen Dogma sich nicht bekennen, abzugeben. Anders ist es aber, wenn der Staat von den Neukatholiken verlangt, dass sie sich als solche dokumentiren.“ Eigentlich doch schade, dass diese Idee nie eine Chance hatte zum staatlichen Gesetz zu werden, nicht?

 

Frauen

 

Der auffälligste Unterschied hat sich schon in der Anrede „meine Herren“ gezeigt: Frauen waren nicht unter den Delegierten der ersten Kongresse. Jede öffentliche Vertretung lag beim Mann, die Frau hatte für den Haushalt und die Kindererziehung zu sorgen. In einer Zeit, in der Frauen noch kein Wahlrecht hatten, kam auch niemand auf die Idee, sie könnten Kongressdelegierte sein, auch nicht in unserer Kirche.

In einer Rede bei der ersten öffentlichen Versammlung – hier waren Frauen zugelassen -, offenbart Professor Huber aus München auch sein Frauenbild, das typisch für die Zeit war, wie der Beifall zeigt – und bei dem wir nur staunen können: „In diesen Tagen des heissen Streites ist auf jede Kraft gerechnet; nicht blos auf die Kraft der Männer, sondern auch auf die der Frauen. Wir bedürfen der Hingebung und der Begeisterung der deutschen Frauenseele für die Sache der Wahrheit und Sittlichkeit. … Und so zusammenwirkend mit allen Kräften, die Männer mit dem begründenden und die Wahrheit erforschenden Denken, oder mit festem unbrechbarem Willen, die Frauen mit der vollen Innigkeit des religiösen Gemüths, hoffen wir, dass das Christenthum auferstehen werde aus dem Schutt und den Trümmern, in die es geworfen wurde. (Lebhafter Beifall.)“ Wie hätte Huber gestaunt, hätte er gewusst, dass eine Präsidentin, Priesterin und Professorenkollegin dem nächsten Kongress in Freiburg vorstehen würde, Angela Berlis!

 

Heisser Streit“

 

Ebenso ungläubiges Staunen hätte wohl auch die Gästeliste des 2006er Kongresses bei den Altvorderen hervorgerufen. Anglikanische und orthodoxe Gläubige und Bischöfe gut – sie waren auch im 19. Jahrhundert schon dabei. Aber evangelische Bischöfinnen und Bischöfe? Und gar der römisch-katholische Erzbischof von Freiburg, der nicht nur ein Grußwort spricht, sondern dem der Kongress gar noch ein Geburtstagsständchen singt! 1874 war dessen Vorgänger ein ausgesprochener Alt-Katholiken-Fresser.

 

Gruß aus der Schweiz – und zurück

 

Weil’s – bis auf einen Satz, den wir heute als Entgleisung empfinden, - so schön ist, möchte ich gerne schließen mit einem Auszug aus dem Grußwort von Landammann Keller aus Aarau, das er bei der öffentlichen Versammlung gesprochen hat: „Hochverehrte Festversammlung, deutsche Männer, deutsche Mütter und Töchter! Empfanget im Namen der Delegirten der Schweiz, im Namen des freisinnigen Schweizervolkes durch mein schwaches Organ (Heiterkeit) den Gruss der Freundschaft, den Gruss guter Nachbarschaft, (Bravo!) den Gruss der Eintracht in Gesinnung und That. (Bravo!) … Ich hätte zwar nicht nothwendig Euch den Gruss meines Vaterlandes im Hochgebirge zu bringen; stündlich bringt Euch, verehrte deutsche Männer und Freunde, der grösste und, weil seine Wiege bei der Schöpfung von dem ersten Morgenroth beschienen war, der erste Sohn des Gotthardt, der traute Vater Rhein bringt Euch stündlich den Gruss seiner Heimath, den Gruss der Freiheit, den Gruss der Kraft, welcher nichts widersteht, den Gruss der Eintracht, welche so viele Ströme in sich vereinigt, den Gruss vorwärts in seiner unaufhörlichen Strömung, getragen von dem Gottvertrauen, das er in seinen blauen Augen mit sich bringt …, und zwar ganz euch bringt, seitdem der … Rhein, getauft in dem Blute der tapfern deutschen Armee, nicht mehr Deutschlands Grenze, sondern Deutschlands Strom geworden ist. (Bravo!) … Die Congresse der altkatholischen Kirche, das sind Tage, die der Herr gemacht hat. (Bravo!) … Ich sehe Ostern, den neuen Auferstehungsmorgen sehe ich nahen, und meine Ohren in den grauen Haaren, sie hören das sausende Windesbrausen eines neuen Pfingstfestes. Also unverzagt, meine Verehrten!“

 

Was könnten wir dem 30. Kongress, der in diesem Monat in Zürich stattfindet, mehr wünschen als das, was der eidgenössische Vertreter dem ersten Freiburger Kongress gewünscht hat: Dass die Teilnehmenden die Kongresstage als Tage erleben, die der Herr gemacht hat und dass sie das Windesbrausen des Pfingstgeistes spüren dürfen! So geben wir diesen Wunsch zurück über den Rhein in das Land seines Ursprungs, damit der Kongress zu einem Fest der Vielfalt und Einheit unserer Kirche wird.

Gerhard Ruisch