Schwierige Forderung

Gedanken über die Ausweitung der ökumenischen Bewegung

 

Vor einigen Wochen wurde unsere Satellitenschüssel auf digitalen Empfang umgerüstet. Seitdem können wir im Fernsehen nicht nur schlappe 40, sondern 300 Programme anschauen.

 

Schnell kam ich zur Erkenntnis, dass kein großer Gewinn an Lebensqualität mit der neuen Vielfalt verbunden ist. Mit Staunen und gelindem Entsetzen habe ich aber einige der Missionssendungen vorwiegend amerikanischer Freikirchen verfolgt, die da zu sehen waren.

Mir wurde bewusst, wie schwer die Forderung des Generalsekretärs des Ökumenischen Rates der Kirchen, Daniel Kobia, zu erfüllen sein wird (siehe Artikel auf der dritten Seite): Das neue Gesicht des Christentums, das „durch die von der Pfingst- und charismatischen Bewegung ausgelöste spirituelle Revolution“ geprägt worden sei, müsse anerkannt werden. Erst dann könne ein „fruchtbarer theologischer Dialog über Prioritäten und Verhaltensgrundsätze in der Mission“ stattfinden.

 

Natürlich hat er Recht. Wenn die neuen Pfingstkirchen vor allem in Lateinamerika ein rasantes Wachstum verzeichnen, dann können wir nicht einfach so tun, als gäbe es sie nicht. Gibt es neue Kirchen, gehen sie uns alte Kirchen etwas an. Es ist auch nicht damit getan, dass wir die neuen Gemeinden pauschal als „protestantische Sekten“ diffamieren, wie es weithin geschieht, denn sie sind ja meist eigenständige Gemeinden und können damit recht unterschiedlich sein. Aber ich gestehe, ich freue mich auf diese Aufgabe nicht.

 

Das Geld

 

Ich freue mich deshalb nicht auf diese Aufgabe, weil viele dieser neuen Bewegungen selbst sehr unökumenisch auftreten und äußerst rücksichtslos missionieren, das heißt auf Kosten der bereits bestehenden Kirchen. Ich denke, jede Kirche wird sich das Recht heraus nehmen, kirchlich heimatlos gewordene Menschen in ihre Reihen aufzunehmen, wenn sich zeigt, dass sie dort eine neue Heimat finden können. Das müssen nicht nur Menschen sein, die bereits aus ihrer bisherigen Kirche ausgetreten sind. Wenn aber eine Kirche aggressiv auf Kosten anderer Kirchen für sich wirbt, womöglich unter Einsatz von Versprechungen und finanziellen Zuwendungen, wie es die amerikanischen Neukirchen teilweise tun, dann ist das eben unökumenisches Abwerben, Proselytenmacherei, wie man es traditionell nennt.

 

Ja, das Geld ist ein eigenes Thema. Etliche der protestantischen neuen Gemeinden in Lateinamerika haben sehr großzügige Anschubfinanzierungen aus den USA erhalten. Mit deren Hilfe konnten sie leicht Fuß fassen in ärmeren Bevölkerungskreisen. Der Hintergrund ist ein politischer: Die noch vor wenigen Jahrzehnten von der Befreiungstheologie geprägte Katholische Kirche Lateinamerikas war diesen konservativen Kreisen in den USA zu links, zu sozialistisch. In diesem Punkt trafen sich die Interessen ausgerechnet mit denen des Vatikans. Dieser hat seit den 1980er Jahren gezielt der Befreiungstheologie das Wasser abgegraben und die Kirchenleitungen bewusst mit überwiegend konservativen Leuten besetzt, so dass der armen Bevölkerung ein wesentliches Element an Unterstützung verloren ging. Und nun konnten die neuen Kirchen mit finanziellen Hilfen locken. Kein Wunder, dass eine richtige Abwanderung einsetzte.

 

Die Menschen kehrten auch nicht zurück, als sich zeigte, dass dieses Geld in den meisten Fällen nicht genutzt wurde, um karitative Einrichtungen zu schaffen und so den Armen zu helfen. Dies widerspricht nämlich der Lehre, die häufig an eine alte Richtung aus dem reformierten Protestantismus anknüpft: Sie besagt, dass Gott diejenigen mit Gütern segnet, die er liebt. Wer also arm ist, wird von Gott nicht geliebt, und der wird schon seinen Grund dafür haben. Warum also sollte man einem helfen, den Gott aus gutem Grund nicht liebt? Wer aber Gott wohlgefällig lebt und von ihm geliebt wird, der wird auch beschenkt, wie man an den Kirchenführern sehen kann, die es ja zu Wohlstand gebracht haben. Zynisch, aber es funktioniert: So bringt man die Armen dazu, die Schuld bei sich selbst zu suchen und immer größere Anstrengungen zu einem Gott wohlgefälligen Leben zu unternehmen. Dass dazu in vielen Kirchen die großzügige finanzielle Unterstützung der Kirche gehört, selbst wenn man eigentlich kein Geld übrig hat, muss wohl kaum noch gesagt werden.

 

Wunder Punkt

 

Dazu kommt, dass viele dieser kleineren oder größeren bis hin zu Mega-Kirchen bei uns Alt-Katholiken an einen wunden Punkt rühren: Der Pastor an der Spitze tritt oft auf wie ein alttestamentlicher Prophet. Er weiß genau, was Gott will, er stellt Forderungen in Gottes Namen, er sagt, wo’s lang geht. Er hat deshalb das Selbstbewusstsein, dass er sich von einem anderen, weniger Erleuchteten nichts sagen lassen muss. Kurz: Er tritt päpstlicher auf als der Papst. Aber Leute, die sich noch viel unfehlbarer dünken als Benedikt XVI. sind sicher keine, mit denen Alt-Katholiken leicht Ökumene machen können.

 

Und schließlich die Botschaft. Entgegen der „ultramontanen“, von jenseits der Berge kommenden restaurativen Tendenzen haben unsere alt-katholischen Vorfahren im 19. Jahrhundert die Errungenschaften der Aufklärung hoch gehalten, allen voran die Freiheit der Wissenschaft und des Geistes. Die historisch-kritische Auslegung der Heiligen Schrift musste deshalb in unserer Kirche nicht erst so dicke Mauern einrennen wie in anderen. Das Bemühen darum, zu erkennen, wie biblische Äußerungen verstanden werden können, wenn man sie aus ihrer Zeit und ihrem Kontext heraus versteht, sie also nach ihrem Geist mehr als nach ihrem Buchstaben auszulegen, macht es möglich, gerade in theologischen, vor allem moraltheologischen, Fragen liberale Positionen zu vertreten – das sogar ohne schlechtes Gewissen. Mit Menschen, die Bibelverse unkritisch und deshalb auch willkürlich als Waffe für ihre Argumentation einsetzen, fällt alt-katholischen Theologen, die sich der kritischen Tradition verpflichtet fühlen, das Gespräch bestimmt nicht leicht.

 

Die Kirchen des Ökumenischen Rates können und sollen den Neukirchen das Gespräch anbieten und so der Aufforderung ihres Generalsekretärs entsprechen. Vielleicht müssen diese aber erst eine Entwicklung durchmachen, um gesprächsbereit zu werden, so wie es bei der Neuapostolischen Kirche ja auch viele Jahrzehnte gedauert hat, bis sie sich in den letzten Monaten für das Gespräch geöffnet hat. Auf jeden Fall zeigt sich: Das Bemühen um die Einheit der Christenheit wird immer wieder neue Herausforderungen bieten.

 

Gerhard Ruisch