Eine Johannes-Kirche 

Neugestaltung des Altarraumes der alt-katholischen Johannes-Kirche in Kommingen

 

Es begann, wie so oft im Leben, zunächst ganz anders. Im Sommer 2008 hatte ich einen Osterleuchter für eine Krankenhauskirche gestaltet. Er war zusammengesetzt aus dem Rest eines alten, beschädigten Eichenbalkens und unterschiedlichen Holzstückchen, die in loser Folge darauf aufgetürmt sind. Das Zusammenspiel von massivem Unterbau und lockerem, vielfach durchbrochenem Aufbau gibt dem ganzen eine lebendige Spannung. Dieser wird abgeschlossen durch den Kerzenteller, auf dem die große Osterkerze steht, Symbol für den auferstandenen Christus, der „die Fesseln des Todes gesprengt hat und als Sieger emporstieg“ (Exsultet).

 

Mir gefiel diese Arbeit, die sich nach und nach entwickelt hatte, doch den Auftraggebern erschien der Leuchter zu groß. So fand er seinen Platz nicht im Altarraum jener Krankenhauskirche, sondern in unserer Autogarage, wo er am wenigsten störte.

Als die Gemeinde von Kommingen und Nordhalden am 30. November 2008 den 50. Jahrestag ihrer Kirchweihe feierte, stellten wir den Leuchter mit einer großen weißen Kerze dort auf, zur Feier des Tages. Dort blieb er dann fast ein Jahr lang stehen, bis die Kirche wegen anstehender Renovierungsarbeiten geschlossen und ausgeräumt wurde.

 

Inzwischen hatte sich die Gemeinde entschieden, die Kirche nicht nur außen zu sanieren und innen auszubessern, sondern den gesamten Kirchenraum zu erneuern. Bischof Joachim Vobbe hatte wiederholt darauf hingewiesen, dass der Altarraum einer Neugestaltung bedürfe und seine Unterstützung zugesagt. Pfarrer Armin Luhmer und Vikar Ulf Martin Schmidt schlugen dann vor, mich zu beauftragen, ein Konzept und ein Modell des künftigen Altarraumes zu erstellen. Dieses wurde in zwei Gemeindeversammlungen vorgestellt und besprochen. Schließlich erteilte mir der Kirchenvorstand mit seinem Vorsitzenden Rainer Happle den Auftrag, das überarbeitete Modell zur Ausführung zu bringen. Der Osterleuchter, der zunächst nur durch Zufall in diese Kirche geraten war, war nun ein Teil dieses Entwurfs.

 

Altarwand 

 

Die größte Herausforderung schien mir darin zu liegen, zum einen den Altar stärker als Mitte des Raumes spürbar werden zu lassen und zum anderen anstelle der ganzflächig bemalten Altarwand etwas Neues zu schaffen, das der großen Fläche gewachsen ist, ohne den Altar in den Schatten zu stellen. Das Pfingstbild, das bisher die Altarwand füllte, war nicht nur rissig geworden und hätte einer aufwendigen Sanierung bedurft, es strahlte auch eine etwas starre, graue Atmosphäre aus. Eine mögliche Lösung schien mir darin zu liegen, das wichtigste christliche Symbol, das Kreuz, dort sichtbar werden zu lassen, ergänzt durch vier Mosaiktafeln, so dass ein geschlossenes Bild entsteht.

 

Es war meines Erachtens ein Glücksfall, dass ich in dieser Zeit auf zwei alte Eichenbalken stieß, deren Platz einmal ganz woanders war, nämlich in einem Schweizer Kuhstall. An diesen Balken waren die Kühe festgebunden, wie noch deutlich an den Löchern zu sehen ist, die starke Abriebe zeigen. Gleichzeitig grenzten die Balken mit dem eingesetzten Spalier den Stellplatz der Tiere von der Futterkrippe ab. Die Balken waren also auch Teil der Krippe, einem Wort, das bei uns weihnachtliche Vorstellungen wachruft. Der innere Zusammenhang von Kreuz und Krippe wird in den Tagen der Weihnacht gerne bedacht. Außerdem wiesen beide Balken zusammen fünf Löcher auf, was wiederum bei einem Kreuz eine andere Assoziation weckt: die fünf Wundmale Jesu. Erst später fiel mir das große Buntglasfenster an der dem Altar gegenüberliegenden Seite auf, das den Auferstandenen darstellt, der seine leuchtend roten Wunden zeigt. So stellt das Kreuz aus diesen Balken Verbindungen her, die nicht gesucht, sondern gefunden wurden. Ergänzt wird das mächtig wirkende Kreuz durch vier Tafeln, welche die offenen Räume zwischen den Armen füllen. Diese sind in Mosaiktechnik mit verschiedenen Holzstückchen belegt. Ihre unterschiedliche Form und Farbe, die Bewegung der Linien, die jeweils andere Struktur der Tafeln geben dem Gesamtbild eine eigene Dynamik. Sammlung und Aufbruch werden spürbar, Ruhe und Bewegung.

 

Altar, Ambo und Priestersitz

 

Der Altarraum wurde etwas tiefer gelegt und erweitert, so dass mehr Raum für das „liturgische Spiel“ gegeben ist. Altar, Ambo und Priestersitz sind aus dem gleichen Material gestaltet, altem Eichenholz, das eine eigene Kraft und Lebendigkeit ausstrahlt. So wird der innere Zusammenhang dieser liturgischen Orte gewahrt. Bänke und Sitze sind alle dem Altar zugewandt, der die eigentliche Mitte des Raumes bildet und als Symbol für Christus selbst das Zentrum ist. In seine vordere Seite ist ein Mosaikbild eingesetzt, das Bezug nimmt auf die dritte Ostererscheinung im Johannesevangelium. Jesus steht am Ufer des See von Tiberias und lädt die Jünger ein mit den Worten: „Kommt und esst“ (Johannes 21,12). Als sie an Land gehen, sehen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Diese Einladung ergeht immer neu auch an uns, wenn wir aus unserem Alltag mit seinen Höhen und Tiefen heraustreten, um ihm zu begegnen, dem Auferstandenen,  in der sonntäglichen Feier der Eucharistie.

 

Auch der Ambo in seiner klaren, festen Art lässt etwas spüren von der Kraft der biblischen Botschaft. „Lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert“ heißt es im Hebräerbrief (4,12). Diese Botschaft ist nicht immer leicht zu verstehen, dennoch ist sie kostbar. Sie nährt unseren Glauben und erinnert uns daran, dass wir in einem großen Zusammenhang stehen, in der Gemeinschaft des Volkes Gottes.

 

Taufstein    

 

Der Taufstein mit dem Taufbecken stand bisher im hinteren Teil der Kirche, einem kleinen Nebenraum. Er hat nun seinen Platz im Altarraum gefunden, sichtbar für alle.

So kann die Spendung des Taufsakramentes bewusster von allen mitgefeiert und die Erinnerung an die eigene Taufe wachgehalten werden. Die Osterkerze steht in unmittelbarer Nähe und verbindet das einmalige Geschehen von Ostern mit dem Ereignis der Taufe als geschenkter Anteilnahme daran.

 

Tabernakel

 

Wie der Taufstein stammt auch der Tabernakel aus der alten Kircheneinrichtung. Sein Platz ist nun aber nicht mehr in der Mitte, auf dem Altar, sondern an einem eigenen Ort an der Seite. Ein Geflecht aus Hölzern mit dem eingefügten Ewigen Licht hebt diesen Ort hervor, an dem das eucharistische Brot aufbewahrt wird. So kann den Kranken und Sterbenden jederzeit die Kommunion gebracht werden und der Raum als ganzer bekommt die für eine katholische Kirche typische Atmosphäre.

 

Kerzenleuchter

 

Diese Atmosphäre wird noch verstärkt durch die hohen Kerzenleuchter, die mit dem Osterleuchter den Altarraum einfassen. Nicht nur die einzelnen Orte wie Altar, Ambo, Tabernakel oder auch der ganze Altarraum sind „sakrale Orte“, sondern der ganze Kirchenraum, in dem sich die Gemeinde Christi versammelt. Dieser ist nun auch viel deutlicher in seiner Gesamtheit spürbar, durch die hellen Fenster, die gewölbte Holzdecke, die nicht mehr durch hängende Lampen verstellt wird und auch das Buntglasfenster an der hinteren Seite, das jetzt erst richtig zur Geltung kommt.

 

 

Pfingstbild

 

In der vormaligen „Taufkapelle“ hängt jetzt ein rundes Holzmosaik, das noch einmal die Brücke schlägt zum vorherigen und jetzigen Kirchenraum. Während das große Pfingstbild verschwunden ist, taucht dieses Motiv im Tonrelief wieder auf, das die Apostel mit Maria, der Mutter Jesu, zeigt. Auf sie kommt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube herab. Das Holzmosaik, das diese Szene einrahmt, schließt den Bogen zum jetzigen Bild an der Altarwand. Dieses Pfingstbild versteht sich auch als Einladung zum persönlichen Gebet. Die Apostelgeschichte zeigt die Kirche in einem ersten Bild als betende Gemeinde (Apg  1, 12-14) und verweist darauf, uns in die Schar der Betenden einzureihen. Die Möglichkeit, an dieser Stelle ein kleines Licht anzuzünden, kann dabei helfen, „denn wir wissen nicht, wie wir in rechter Weise beten sollen“ (Römerbrief 8,26).

 

Eine Johannes-Kirche 

 

Ein ausdrückliches Bild des Apostels und Evangelisten Johannes ist zwar nicht zu sehen und doch ist etwas spürbar vom Geist des Kirchenpatrons der Komminger Kirche. So lässt das große Kreuz an die Worte aus Johannes 19,37 denken:

„Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben“. Das Bild auf der Vorderseite des Altares ruft die Szene aus Johannes 21 in Erinnerung, mit der stets neuen Einladung: „Kommt und esst!“. Das Buntglasfenster zeigt die Erscheinung des Auferstandenen, der am Abend des ersten Wochentages (Sonntag!) den Jüngern erscheint und seine Hände und seine Seite zeigt (Johannes 20,20). Unter den Aposteln auf dem Pfingstbild ist er auch zu finden, dieser Jünger Jesu, dem wir die weihnachtliche Botschaft verdanken: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Johannes 1,14).

 

Peter Klein