Weil Gott es so von mir will!

Berufung zum Kleinen Bruder in der alt-katholischen Kirche

 

Als ich überlegte, was ich denn über meine Berufung zum Kleinen Bruder schreiben möchte, fiel mir eine Frage ein: Ein Leben im Geiste Charles de Foucaulds zu führen, was bedeutet das für mich? Das ist eine sehr persönliche Frage, sozusagen die Frage nach meinem Bruder Charles. Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt: Wer oder was ist dieser Bruder Charles für mich und was ist es, was mich so an ihm und seinem Leben fasziniert?

Zum ersten Mal habe ich in meinem Noviziat in der Benediktiner-Abtei in Jerusalem vor vielen Jahren ein Buch von ihm gelesen. Ich war tief beeindruckt, ja sogar etwas berschämt über die Radikalität, mit der Bruder Charles dem Ruf Gottes folgte. Dieser Mann und sein Leben hatten mich in Bann genommen und mich immer wieder beschäftigt.

Doch in meinem Klosterleben merkte ich, dass solch ein Leben im Orden, so wie ich es kennenlernen durfte, nicht möglich war. So machte ich mich zuerst einmal, nur in meinem Inneren, auf den Weg und fing an, auf den Willen Gottes zu achten, zu hören und ihm zu vertrauen. In meinem Ordensleben und auf meinem Glaubensweg lernte ich mit der „Révision de vie“ mich dem Willen Gottes ganz anzuvertrauen und fand Vertrauen in die Macht der Vorsehung Gottes.

 

Wie in der Berufungsgeschichte des Samuel verstand ich auch nicht gleich, was denn Gottes Stimme und Gottes Wille ist, aber in den Zeiten der Einsamkeit und Stille des Klosters habe ich lernen können, dieses Vertrauen zu finden. Seit dieser Zeit lese ich immer und immer wieder das Evangelium, um die Taten, die Worte und die Gedanken Jesu vor Augen zu haben, um zu entdecken, was meine Berufung und was der Wille Gottes ist. Mir wurde klar, dass ich nicht zum Priester berufen bin, sondern berufen ein Bruder zu sein, ein Bruder für die Armen, für die Kranken, für die Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen.

 

In Bruder Charles entdeckte ich meinen geistlichen Führer. Er stärkte mich in meiner tiefen Sehnsucht, Jesus zu lieben und ihn in meinem Nächsten zu erkennen. Er stärkte in mir meinen Glauben, meinen Glauben an die unendliche Liebe Gottes.

 

Glaube ist ein Geschenk, etwas, das Gott in uns hinein pflanzt. Ich fand das absolute Vertrauen in die Liebe Gottes, und ich spüre die Gewissheit, meinen Glauben an diese Liebe kann nichts und niemand mehr erschüttern. Durch seinen Geist gibt er mir die Kraft zum Glauben. Jeder von uns kann ihn um diesen Geist bitten.

In meinem Glauben geht es nicht nur um bestimmte Erkenntnisse, schöne Erlebnisse oder Erfahrungen in einem Gottesdienst. Das ist auch wichtig für mich und bedeutet mir sehr viel, aber ich habe erfahren, dass mein Glaube nur lebendig bleibt, wenn ich ins Leben gehe. Mein Glaube will mitten im Leben gelebt werden, dort wo Menschen sind, dort wo Menschen einsam, krank und arm sind, im Gefängnis sitzen, Menschen eben, die am Rande stehen. So wie Bruder Charles bin auch ich aus dem Kloster ausgetreten, um meiner ganz persönlichen Berufung zu folgen, die ich erkennen durfte, weil Gott es so von mir will. Jesus ruft mich, ihm nachzufolgen, nachzufolgen als Bruder für die Menschen, das ist meine Berufung.

Seitdem ich meine Berufung fühlte, bin ich bis heute auf diesem Weg geblieben. Ich trat aus dem Kloster aus, verließ die römisch-katholische Kirche und Gott führte mich in die alt-katholische Kirche. In Aachen fand ich eine neue spirituelle Heimat und sorge mich hier für die Menschen, an die kaum jemand oder gar niemand mehr denkt. Geführt von Gottes Hand, so bin ich überzeugt, erkannte ich, dass ich in der alt-katholischen Kirche den richtigen Ort für meine Berufung finde.

 

Haben nicht die ersten Christen genauso gelebt? Die Sorge um die Menschen, die am Rande standen, war ihr größtes Anliegen. Christus stand im Mittelpunkt der gesamten Liturgie, so wie in unserer Kirche. Da unsere Kirche, besonders auch unsere Gemeinde, sehr klein ist, gehen die Menschen nicht verloren, die unsere Hilfe brauchen. Ihr Anliegen bekommt einen Namen und eine Person, es geht nicht unter in der Anonymität. Ich kann in unserer Gemeinde und in unserer Kirche, so wie Bruder Charles, das Evangelium leben, und Gott schenkt mir die Kraft, um die Menschen in Ihrer Not zu begleiten.

 

In den letzten Monaten ist es mir wie Bruder Charles ergangen. Auch ich wurde von einer äußerst starken inneren Gnade getrieben, mich endlich hinzusetzen und eine Regel für eine Gemeinschaft im Geiste Bruder Charles zu schreiben und über die Vision einer Gemeinschaftsgründung nachzudenken. Wenn dich Gott dazu beruft, dann lässt er dich nicht mehr los. Das verstehe ich darunter, auf Gottes Stimme zu hören und das verstehe ich auch unter Gehorsam. Die Liebe zu Christus drängt mich, an dieser Vision festzuhalten.

 

„Ich habe euch ein Beispiel gegeben“, sagt Jesus bei der Fußwaschung. Sein ganzes Leben ist beispielhaft, auch das Leben in Nazaret. Dreißig Jahre lang hat er in Nazareth in Einfachheit und Armut gelebt, den Glanz seiner Gottheit geringgeachtet, um Mensch zu werden. Bruder Charles nahm es als Modell, und das ist seine große Entdeckung: „Nimm bei allem und in allem als Maßstab das Leben Jesu in Nazaret in seiner Einfachheit und Liebe zu den Menschen.“ Dieser Auftrag, das Beispiel, das Jesus uns in seinem Leben gegeben hat, ist mein Lebensweg geworden.

 

Immer wieder spricht Bruder Charles von „imiter“ – „nachahmen“. Es geht nicht um den unmöglichen Versuch, Jesus zu imitieren oder zu kopieren, um ein sklavisches Nachmachen. Nachahmung ist für ihn Nachfolge, und der geheime Motor der Nachfolge ist die Liebe.

 

Ich betrachte es heute als Gottes Fügung, im Heiligen Land gelebt zu haben, denn dort konnte ich, wie Bruder Charles, fühlen und entdecken, wie das bescheidene und verborgene Leben Gottes, der in Jesus Mensch geworden war, ausgesehen haben mag. Im heiligen Land verstärkte sich meine Liebe zu Jesus. Tiefer und heftiger als je zuvor in meinem Leben begann ich Jesus mit aller Kraft zu lieben. Das ist das Geheimnis meines Lebens. Auch ich habe mein Herz an diesen Jesus von Nazaret verloren, und ich verbringe mein Leben, indem ich versuche, ihm auf meinem Weg zu folgen.

 

Das erste Wort Jesu an seine ersten Jünger lautet im Johannesevangelium: „Kommt und seht!“ Dazu schreibt Bruder Charles: „Jesus sagt sein erstes Wort an seine Apostel, sein erstes Wort an alle, die sich danach sehnen, ihn kennen zu lernen: Kommt und seht! Fangt an zu kommen, indem ihr mir nachfolgt, mich nachahmt, meine Lehren praktiziert. Und dann werdet ihr sehen, ihr werdet euch am Licht freuen im Maße, wie ihr praktiziert. Kommt und seht.“

 

Die Wahrheit dieser Worte habe ich auch durch meine Berufung erleben dürfen. Für Jesus zu leben und ihn von Herzen zu lieben, das ist bis heute meine Berufung. Das habe ich mit Bruder Charles gemeinsam und das ist unsere gemeinsame Leidenschaft. Wenn ich auf die Krippe und das Kreuz schaue, dann fühle ich die unendlich große Liebe, die Jesus uns Menschen schenkt. Das tägliche Stundengebet, die stille Anbetung am frühen Morgen und die tägliche Meditation des Evangeliums, das ist meine Antwort auf seine große Liebe und Ausdruck des Verlangens Jesus nachzufolgen. ´

So fing das bei den Jüngern an, so fing das bei Bruder Charles an, so hat es auch bei mir angefangen, so wird es immer anfangen, und ich wünsche mir, dass Gott Männer beruft, die mit mir ein Leben im Geiste Charles de Foucaulds führen wollen.

Die Gemeinschaft „Jesu kleine Brüder“ soll eine Gemeinschaft werden aus Männern mitten in der Welt. Die Brüder werden die Erfahrung machen, dass sich das kontemplative Leben in den Städten, mitten unter den Menschen, genauso entfalten kann wie in der Zurückgezogenheit eines Klosters. Das ist das Besondere dieser Gemeinschaft.

Denn kontemplativ heißt für mich: Überall den Blick auf Jesus richten, mitten unter den Menschen, mit ihm sprechen wie mit dem geliebtesten Menschen auf Erden und ihm nachfolgen. Nachfolgen heißt aber auch für mich in der Barmherzigkeit zu leben, ohne Empfindlichkeit oder Enttäuschung zu kennen. Mich einfach verschenken mit der ganzen Glut meines Herzens, frei, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, so wie es Jesus uns vorgelebt hat. Dabei hilft mir das Vertrauen in die Kraft des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist – wie Paulus sagt – wird uns die Liebe Christi offenbaren, diese unbegreifliche Liebe, „die alles Verstehen übersteigt“. Durch diesen Geist wirst du „die Länge, die Weite, die Höhe und die Tiefe der Liebe ahnen“.

Wenn ich mir zum Schluss noch einmal die Frage stelle, was denn die Summe der Gemeinsamkeit zwischen Bruder Charles und mir ist, dann antworte ich, ohne hochmütig sein zu wollen: Die leidenschaftliche Suche nach Gott, der uns in Jesus von Nazareth mit seiner ganzen Liebe mitten unter den Menschen begegnet, weil Gott es so von mir will.

 

Bruder Samuel aus Aachen,

Jesu Kleiner Bruder