Haus mit Rosengarten

 

Es gibt Menschen, die ihren Platz in der Welt mit einer Selbstverständlichkeit einnehmen, die unsereinem immer fremd bleiben wird. Diese Menschen wissen, wohin sie gehören, und sie wissen es mit einer solchen Sicherheit, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, dass es auch anders sein könnte, warum auch. Sie sind außerstande sich vorzustellen, dass es Erdenbürger gibt, die weder in der eigenen Haut noch in einer der vielen anderen Häute, die sie sich im Laufe der Jahre wie eine abwechslungs-reiche Garderobe zugelegt haben, beheimatet sind, denn die ihre passt ihnen wie angegossen. Freundlich schmiegt sie sich um ihren Körper, den sie, als könne auch dies nicht anders sein, als ihren unantastbaren Besitz betrachten, eine Haut, die Hülle und Heimstatt ist, Schutz und Schmuck zugleich. Unsereinem fehlt beides, der Schutz wie der Schmuck.

Mit einem leisen Klicken fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Ich stellte den Koffer ab, drehte mich noch einmal um und warf den Schlüssel in den Briefkasten. Klick, machte es noch einmal, leiser und heller jetzt.

Ich war gekommen, um die letzten Gegenstände, die meine achtzehnjährige Anwesenheit in diesem Hause hätten bezeugen können, fortzuschaffen. Ich hatte nichts zurückgelassen, weder den abgewetzten, plattgedrückten Teddybären, noch den silbernen Serviettenring, den meine Patentante mir zur Taufe geschenkt hatte; kein einziges Buch, nicht einen Brief und auch nicht das Photoalbum mit den Kinderbildern, nein, nicht einmal das, gerade das nicht. Nicht ein Bild von mir sollte in diesem Hause bleiben. Als wollte ich nachträglich noch die Jahre, die ich hier verbracht hatte, auslöschen. Als könnte ich sie auf diese Weise zu einem bedeutungslosen Nichts erklären, ein paar Jahre, was sind schon ein paar Jahre. Als könnte ich mir mein Leben noch einmal neu erfinden, noch einmal ganz von vorne anfangen, neue Bilder, eine neue Geschichte, ein unbeschriebenes Blatt. Keine hässlichen Schmierereien, keine Risse, keine Brandmale. Als könnte ich mich in dem Glauben wiegen, ich hätte anderswo gelebt, irgendwo, es kam nicht darauf an, an einem wärmeren Ort jedenfalls.

Selbst die wenigen Kinderfotos aus dem Familienalbum nahm ich mit, aber ich tat es in der uneingestandenen Hoffnung, dass die gestohlenen Erinnerungen eine Lücke hinterlassen würden, eine Lücke, die auch sie nicht würden übersehen können. Wahrscheinlich aber – und da ich dies insgeheim wusste, fügte ich mir mit diesem Raubzug nur ein weiteres Mal überflüssigen Schmerz zu – würden sie gar nichts bemerken, es sei denn, sie fänden den Schlüssel im Briefkasten. Der Briefkasten aber wurde nur selten geöffnet, und auch das wusste ich nur zu gut. In dieses Haus, zu diesen in ihrer fugenlos abgedichteten Welt erbitterter Fehden schmerzhaft zusammengezurrten Menschen verirrte sich nur selten ein Brief.

Der Schlüssel würde unbemerkt im Briefkasten liegen, eine Woche, zwei Wochen, wer weiß wie lange. Ihnen würde nichts fehlen, nicht einmal die Erinnerung, die vergilbte Foliante der Liebe.

Damals, als meine Patentante starb, gab es im Dorf viel Geschwätz, denn mein Onkel ehelichte bereits ein halbes Jahr nach ihrem Tod eine andere Frau, obwohl er und meine Tante fast dreißig Jahre miteinander verheiratet gewesen waren. Wie kann er das tun, sagten die Leute. Sie nahmen es ihm übel, gerade so, als hätte er, der fromme Katholik, vor aller Augen die Ehe gebrochen. Manche grüßten ihn nicht mehr. Sie ist kaum unter der Erde, sagten sie voller Empörung, da ersetzt er sie schon durch eine Andere.

Ich sah das anders. Wieso begreifen sie nicht, dachte ich damals, dass ein Mensch, der keine Lücke hinterlässt – weder Schmerz noch Trauer noch Hass noch auch nur Ärger – nicht ersetzt werden muss, weil es nichts zu ersetzen gibt?

Genaugenommen hatte nicht er, sondern sie, meine stille freundliche Tante, die Ehe gebrochen. Ganz unerwartet hatte sie sich davongemacht, hatte sich dem unwiderstehlichsten aller Nebenbuhler ohne jeden Vorbehalt in die Arme geworfen, war mit ihm klammheimlich und auf Nimmerwiedersehen durchgebrannt. Nur auf ihren eigenen Seelenfrieden bedacht, hatte sie in naiver Rücksichtslosigkeit das Weite gesucht. Sie hatte genug von meinem Onkel, soviel stand fest. Eines Morgens lag sie mit einem unverschämt glücklichen Lächeln tot neben ihm im Bett.

In das Leben meines Onkels, der sie bis dahin kaum beachtet hatte, riss ihr Tod eine unerträgliche Lücke, und wie viele Verlassene war er, als er dies begriff, von der tiefen Furcht geplagt, dass die Lücke sich zu einem Abgrund weiten könnte. Er war nicht gleichgültig, mein Onkel. Nein. Es sind nicht die Gleichgültigen, die die Lücken sofort schließen. Es sind die Schwachen, die, denen der Mut fehlt, ihre Liebe sichtbar werden zu lassen, solange dafür Zeit ist und deren Kraft nicht reicht, um den Verlust zu tragen, wenn er schließlich und unabänderlich über sie hereinbricht. Menschen wie mein Onkel – und es gibt viele wie ihn – ziehen es vor, den Schmerz der Trennung mit allerlei List und Tücke zu umschiffen, statt womöglich selber Schiffbruch zu erleiden und unterzugehen.

Die einen werden nicht beweint, weil sie vergessen sind, noch bevor sie zur Erinnerung hätten werden können, die anderen, weil alle Trauer nicht ausreichen würde, um die Qual des Verlustes in den Trost der Erinnerung zu verwandeln. Meine Tante gehörte zu den Letzteren. Unsereins gehört zu Ersteren. Wir durchschreiten das Wasser, und es schließt sich hinter uns. Unsere Peiniger aber leben an den Ufern, an denen wir saßen und weinten, als wäre nichts geschehen.

Selbst als ich meinen Eltern vor zwei Monaten eröffnete, dass ich heiraten würde, blieben sie ungerührt und stumm. Tu, was du für richtig hältst, sagte mein Vater, einen einzigen, teilnahmslos dahergeredeten Satz. Er war auf das Thema nicht mehr zurückgekommen. Meine Mutter hatte sich, wie immer, wenn es darauf angekommen wäre, in Schweigen gehüllt. Zwei Menschen, die ihren Vorrat an Worten für sich selbst verbrauchten.

Ich gehe aus ihrem Leben, dachte ich müde, wie ich gekommen bin: ein unwillkommener, nur ungern geduldeter Gast, dessen Verschwinden sie einen Herzschlag lang mit Erleichterung vermerken würden, bevor er dem Vergessen anheimfiel.

Und doch würde etwas fehlen. Ihm wenigstens konnte ich etwas nehmen. In den Stunden seiner nachtschweren Einsamkeit wenigstens würde er mich vermissen, in jenen dunklen Stunden wenigstens, in denen der Rausch die gespaltenen Zungen seiner Dämonen löste und sie, vom Fluch der Stummheit befreit, ihre peinigenden Stimmen erhoben, ihn mit ihrem gehässigen Gezischel quälten; in jenen Stunden, in denen er nun und in alle Zukunft nicht mehr wissen würde, wohin er seine schweren, stolpernden Schritte lenken sollte, um die lärmenden Stimmen, das bösartige Getuschel und Gewisper zum Schweigen zu bringen, indem er sich jene schale, alles vergiftende Erleichterung verschaffte.

Dieser Gedanke erfüllte mich mit bitterer, schmerzhafter Zufriedenheit.

 

Achtzehn Jahre. Ein einziger Koffer. Langsam stieg ich die Treppenstufen in den Vorgarten hinunter. Die Rosen standen in ihrer ersten überwältigenden Blüte. Ich liebte den Garten. Gierig hatte ich nach allem für mich nur irgend erreichbaren Schönen gegriffen, hatte es in mich aufgesogen, mich daran festgeklammert; ein Enterhaken, den ich auswarf, um nicht davonzutreiben, ein wackliger Brückenschlag in die Welt der behausten Menschen, ein Unterpfand für die Hoffnung, dass das Leben auch für mich anderes bereithalten könnte.

Jenseits der Straße dehnte sich silbrigblau das Roggenfeld. Der Westwind fächelte durch die hochaufgeschossenen Reihen der Halme und wiegte das Korn in sanft schwingende Wellen, deren verspielte Dünung nicht in die erdige Schwere der Landschaft passen wollte. Im Wind rauschten die Pappeln ihr kühles Lied.

Plattes, weites Land, Heimat der schwerfälligen Kaltblüter und der wiederkäuenden Kühe. Land des ewigen Westwindes, Land der Wolken, die sich Sommers wie Winters in dicken Schichten über den Himmel türmten, sich zu grauen Regenbänken verdichteten, ihre feuchte Fracht über Wiesen, Felder und Kühe ergossen, auseinandertrieben, eilig von dannen zogen, um sich alsbald neu zu formieren.

Wolkenkuckucksheim, Wechsel, der immer wieder von Neuem nur das zuvor schon Gewesene hervorbrachte. Sommer, die sich von den übrigen Jahreszeiten oft nur durch einige wenige Wärmegrade unterschieden, verwaschenes Grau in Grün, so selten die Tage, an denen der Himmel klar, die Sonne licht und wärmend war. Regenland, kühles Regenland. Ich sehnte mich nach Wärme.

Für einen Augenblick blieb mein Blick an dem schmuddeligen Weiß des Heiligenhäuschens hängen, das sich klein und unscheinbar an den Rand des Kornfeldes drückte. Wie immer brannte vor dem Heiligenbild in seinem Inneren eine Kerze, eine kleine, flackernde Flamme, beschützt von einer roten Ampel, eine winzige Quelle der Wärme, die mir in all den Jahren ein zuverlässiger, wenn auch unbestimmter Trost gewesen war.

Ich nahm meinen Koffer auf – er war leicht, als wögen die Erinnerungen kaum – und ging den Plattenweg entlang, der durch den Vorgarten zur Straße führte. Noch einmal stellte ich den Koffer ab, um meine Jacke zu schließen. Es war zu kühl für die Jahreszeit. Mit einem kräftigen Ruck zog ich den Reißverschluss bis zum Hals hoch. Das Geräusch erinnerte mich an zerreißenden Stoff.

Dann wandte ich mich endgültig ab und ging zügig davon. Das Echo meiner Schritte hallte hinter mir her, als wolle es mich überholen.

Der Koffer war doch nicht so leicht, wie es mir anfangs erschienen war.

Sein Gewicht zerrte schwer an meinem Arm.

 

Claudia Renkewitz