100 Jahre Ökumene

 

Sie gilt als Ausgangspunkt der modernen ökumenischen Bewegung, die Weltmissionskonferenz, die im Juni 1910 unter dem Leitwort „Evangelisation der Welt in dieser Generation“ im schottischen Edinburgh stattfand. Wir Alt-Katholiken möchten natürlich gerne ein Fragezeichen dahinter machen: Haben nicht bereits 1874 und 1875 die Bonner Unionskonferenzen unter der Federführung von Ignaz von Döllinger stattgefunden? Und haben diese nicht viel eher die Bezeichnung „ökumenisch“ verdient angesichts der Tatsache, dass in Bonn anglikanische, orthodoxe, evangelische und alt-katholische Vertreter zusammen kamen, während es in Edinburgh ausschließlich Abgesandte evangelischer Missionsgesellschaften waren?

Dass von 1200 Delegierten aus 159 Missionsgesellschaften ganze 17 aus Ländern stammten, die man später als Länder der „Dritten Welt“ bezeichnen würde, stellt die Titulierung „ökumenisch“ auf andere Weise in Frage. Dazu kommt, dass die Konferenz von Edinburgh einen traditionellen, konservativen Missionsansatz verkörpert, der die „Verkündigung des Evangeliums an die Heiden“ mit der Ausbreitung der westlichen Kultur verknüpft. Edinburgh 1910 war eine Konferenz zu den Missionsthemen der Jahrhundertwende, eine Konferenz derer, die damals die missionarischen Strukturen vertraten, d. h. überwiegend weiße, protestantische Männer aus der nördlichen Hemisphäre. Sie arbeiteten innerhalb eines westlichen Gefüges und verstanden Mission als das, was der „christliche Westen“ im „nichtchristlichen Rest der Welt“ zu tun gefordert war. Die Idee von Partnerschaft war noch in weiter Ferne, schreibt Jet den Hollander, die Exekutivsekretärin für das Missionsprojekt des Reformierten Weltbundes. Folglich richtete V.S. Azariah aus Indien, einer der wenigen Delegierten aus dem Süden, eine ergreifende Bitte an die versammelten Missionsgesellschaften: „Ihr habt uns eure Gaben gegeben, um die Armen zu speisen. Ihr habt eure Leiber dahingegeben, um verbrannt zu werden. Wir bitten euch aber um eure Liebe. Schenkt uns Freunde.“

 

Vision

 

Wenn Edinburgh 1910 als Geburtsstätte der ökumenischen Bewegung betrachtet wird, dann wegen der Resolution aus der sechsten von acht Kommissionen (der Resolution zur Zusammenarbeit und Förderung der Einheit), die zur Gründung eines internationalen Missionsausschusses aufrief und gegenseitige Beratungen und praktische Zusammenarbeit in der Mission forderte. Dadurch wurde die Konferenz trotz aller Einschränkungen aus heutiger Sicht zu einem Ausgangspunkt. Bahn brechend war die Vision der Kirche als einer wahrhaftig Welt umspannenden Gemeinschaft. Neu war die Erkenntnis, dass Mission nicht heißen kann, jedes kirchliche Grüppchen versucht neue Mitglieder zu gewinnen, sondern dass Mission nur gelingen kann, wenn die Kirche sich als Einheit sieht, die als Ganze die Aufgabe hat, das Evangelium weiter zu tragen.

 

Waren auch nur evangelische Gruppierungen anwesend, so hatten die Teilnehmer doch das Gefühl, dass ein neuer Geist herrscht. So schreibt Professor D. Meinhof aus Hamburg, der Vorsitzende des deutschen Laienmissionsbundes: „Eine Versammlung wie die in Edinburg hat es in der Welt noch nicht gegeben. Man kann sagen, erstaunlich war die Verschiedenheit, aber noch erstaunlicher die Einheit. … eine wahre Musterkarte theologischer Lehrmeinungen, geschichtlicher Kämpfe und starker Unterschiede. Wer ein Ohr für diese Verschiedenheiten hatte, hörte sie ja auch hindurch durch die Reden der Delegierten – aber – und das ist das Merkwürdige – niemals gab es Streit. … Ihnen allen gemeinsam war der Geist des Gebetes.“

 

Entscheidenden Anteil an der Ausrichtung der Konferenz hatte die Eröffnungsrede des Präsidenten Lord Balfour of Burleigh, in der es heißt: „Wir sind zwar in vieler Hinsicht getrennt, aber wir sind geeint unter das eine große Kommando: Gehet hin und lehret alle Völker! … Dies ist die große Lektion, welche wir jetzt lernen, dass keiner von uns die Aufgabe allein erfüllen kann. … Wahrhaftig, dessen ist mehr, was uns eint, als dessen, was uns voneinander fern hält.“

 

Ganz begeistert berichtet Missionsdirektor Schreiber von der Norddeutschen Missionsgesellschaft in den „Blättern für Mission des Evangelisch-lutherischen Hauptmissionsvereins im Königreich Sachsen“ von 1911: „Eins im Glauben an Jesum Christum …, das war das große Erlebnis aller derer, die von nah und fern in einem Geist vor einem Herrn in Edinburgh versammelt waren. Eins in der Arbeit! … ‚Nisi dominus frustra‘ – ‚Ohn‘ Gottes Gunst all Tun umsunst.‘ So steht es geschrieben im Stadtwappen Edinburgs. Auch in der Mission liegt es nicht an unserem Rennen und Laufen, an unserem Raten und Taten. An Gottes Segen ist alles gelegen. Aber wenn wir tun, was wir können, dann wird Gott tun, was wir nicht können.“

 

Abschluss eines Studienprozesses

 

Mit etwa 250 Frauen und Männern, die zur Jubiläumskonferenz vom 2. bis 6. Juni 2010 in Edinburgh erwartet werden, soll sie wesentlich kleiner werden als vor 100 Jahren und doch auch wesentlich ökumenischer. Zu den Beteiligten gehören Orthodoxe, Anglikaner, Lutheraner, Reformierte, Methodisten, Baptisten, Siebenten-Tags-Adventisten, römische Katholiken, Evangelikale, Pfingstler und Unabhängige, so Juan Michel, Medienbeauftragter des Ökumenischen Rates der Kirchen – ob Alt-Katholiken tatsächlich nicht vertreten sind oder nur vergessen wurden, weiß ich nicht. Die Konferenz soll der Abschluss eines überkonfessionellen, weltweiten Studienprozesses sein, den der Ökumenische Rat vor fünf Jahren in Gang gesetzt hat. Er sollte bewusst dezentral stattfinden, um die Beteiligung vieler Organisationen und Bewegungen zu ermöglichen.

 

Die Themen reichen von den Grundlagen christlicher Mission bis hin zu gegenwärtigen Formen missionarischen Engagements und schließen Aspekte wie interreligiöse, postmoderne und andere zeitgenössische Kontexte ein, in denen die Kirchen missionarische Arbeit leisten. Auch die Wechselbeziehungen zwischen Mission und Macht sowie Einheit und Spiritualität werden thematisiert. Die Koordinatorin des Studienprozesses, Kirsteen Kim, legt Wert darauf, dass acht von neun Arbeitsgruppen international zusammengesetzt und auch konfessionell repräsentativ sind.

 

In Edinburgh nun sollen die Ergebnisse zusammen getragen werden. Die Koordinatorin hat die Studiengruppen gebeten, darüber nachzudenken, wie sie ihre Arbeit gestalten können, damit sie „für die Mitglieder der an der Konferenz Beteiligten und für die Kirchen insgesamt kreativ und bedeutungsvoll wird“. Die Organisatoren sehen die Konferenz als Gelegenheit, gemeinsam Gottes Wirken im Wachstum der Kirche während des vergangenen Jahrhunderts zu feiern, Buße für die Fehler zu tun, die in der Mission begangen worden sind und sich neu zu einer gemeinsamen Vision für die Gegenwart und Zukunft von Gottes Mission in der Welt zu verpflichten.

 

„Wir brauchen ein neues Edinburgh und können nur hoffen, dass die für 2010 geplante Feier ein Schritt in diese Richtung sein wird“, sagte der Generalsekretär des ÖRK, Samuel Kobia, am 27. April in einem Vortrag vor Ort. Für sinnvoll bezeichnete er die Fortführung nur, wenn es gelingt, auch die neueren dynamischen Missionsbewegungen einzubeziehen. Diese „entstammen christlichen Traditionen, die in keinem der formellen, aus den Strukturen des letzten Jahrhunderts erwachsenen Foren vertreten sind“. Erst wenn das neue Gesicht des Christentums, das „durch die von der Pfingst- und charismatischen Bewegung ausgelöste spirituelle Revolution“ geprägt worden sei, anerkannt werde, könne ein „fruchtbarer theologischer Dialog über Prioritäten und Verhaltensgrundsätze in der Mission“ stattfinden. Zumindest in der europäischen Ökumene sind die pfingstlerischen Neukirchen, die vor allem in Lateinamerika gewaltige Missionserfolge verzeichnen können, noch kaum im Blick; insofern ist das sicher ein wichtiger Gedanke des Generalsekretärs (siehe hierzu auch die Ansichtssache auf der letzten Seite).

 

 

Von den Missionsvorstellungen, wie sie vor 100 Jahren in Edinburgh noch vorherrschend waren, ist Kobia weit entfernt. Es sei besonders dringlich, dass Mission „in einer Weise verstanden und praktiziert wird, die nicht zu einem weiteren Ansteigen von Hass und Gewalt führt“, sagte er. Neue Formen „einer nicht-aggressiven Evangelisation“ müssten „das mutige Zeugnis von Christus und dem Reich Gottes zusammenhalten mit dem fundamentalen Respekt vor Männern, Frauen und Kindern mit den unterschiedlichsten Glaubensüberzeugungen“.

 

Die Feierlichkeiten

 

Höhepunkt der Konferenz wird die gemeinsame Feier am Sonntag, dem 6. Juni, sein. Die Teilnehmenden werden sich an diesem Tag auf Einladung der schottischen Kirchen zu „einer bedeutungsvollen Feier“ – wie es die Organisatoren erwarten – in der Aula versammeln, in der 1910 die erste Weltmissionskonferenz tagte. Jet den Hollander vom Reformierten Weltbund meint: „Es wird eine Zeit des Dankens sein für das, was Gott in den letzten hundert Jahren bewirkt hat, manchmal durch die Kirche, manchmal auch trotz der Kirche. Das Ereignis in Edinburgh wird weltweit mit unzähligen anderen Feiern verbunden werden, um hervorzuheben, dass die Kirche Christi überall ist und ganz besonders stark und kreativ im Süden.“

 

Während Edinburgh 1910 indirekt zur Gründung des Internationalen Missionsrates und der Entstehung der modernen ökumenischen Bewegung führte, soll Edinburgh 2010 keine neue Einrichtung oder Struktur hervorbringen. Die Einrichtungen und Strukturen sind längst geschaffen und haben sich bewährt. Aufgabe des 21. Jahrhunderts wird es sein, mit den vorhandenen Einrichtungen und in den Strukturen die Frohe Botschaft gemeinsam zu den Menschen zu bringen, nicht nur in den klassischen Missionsländern, sondern zunehmend auch in Europa. „In all dem hoffen wir, miteinander über alle geographischen und konfessionellen Grenzen hinweg beten zu können, dass der Geist die Welt und die Kirche erneuere und verwandle“, so noch einmal Jet den Hollander.

 

Gerhard Ruisch