Der Leib Christi.

Predigt zum 25-jährigen Jubiläum der evangelisch/alt-katholischen Abendmahlsvereinbarung

 

Man wirft dem Christentum gern eine gewisse Leibfeindlichkeit vor. Schaut man in die Kirchengeschichte, so ist dieser Vorwurf nicht unberechtigt. Heute jedoch hat sich die Problematik eher verlagert: Wie vieles früher im Religiösen Beheimatete, hat auch die Einstellung zur Leiblichkeit eine merkwürdige, zweigesichtige weltliche Fortsetzung gefunden. Während einerseits mit einem nie da gewesenen, bis über den Tod hinausgehenden Körperkult jeder Verfall des Leibes vertuscht werden soll, können wir uns zum anderen Abend für Abend bei Bier und Erdnüssen an der Zerstörung menschlicher Körper ergötzen - an der echten wie der gespielten, die Grenzen verwischen. Einerseits wiegen wir uns in der Gewissheit, dass es uns im Augenblick nicht trifft. Andererseits spüren wir mit Erschauern, dass es uns sehr wohl angeht. Das ist unser ungelöstes Problem: Das, was uns Lust macht, ist zugleich sichtbar Ort unseres Verfalls, Wohnstatt unserer Ängste; Selbsthass - bisweilen mit tödlichem Ausgang - ist die Folge. Es ist, wie es so schön heißt, zum Aus-der-Haut-Fahren.

 

Ein Leib und viele Glieder

 

Paulus lässt uns das Vergnügen nicht. Nicht nur, dass wir mit unserem eigenen Leib schon genug zu tun hätten, er sagt noch dazu: Ihr seid Christi Leib. Das Leib-Sein ist also ein Schlüssel, nicht nur für unsere eigene Befindlichkeit und die Schlüsse, die wir daraus ziehen. Paulus will uns erstens in einem anschaulichen Bild klarmachen, dass wir Christen zu einem unverbrüchlichen Organismus zusammengefügt sind. An den verschiedenartigen Gliedmaßen eines menschlichen Körpers lässt sich dies gut demonstrieren. Wir brauchen sie alle: Die Hand-Menschen, ohne die nichts geht in der Kirche, die Martha-Menschen, die Praktiker, die Diakonischen; dann aber eben auch die Mystischen und Frommen, die Stillen, die, die Gott und den Menschen zuhören können, die Maria-Leute, die Ohren-Menschen. Es braucht in der Gemeinde Leute, die - wie der Stoffwechsel in einem Körper - alles transformieren und in andere Regionen und Sprachspiele übersetzen können, die Kommunikatoren, die Mobilen, die Vielseitigen. Es braucht die Empfindsamen, die Poeten und die Kunstsinnigen, die Liturgen und Sänger, die mit dem Feuer der Prophetie Begabten - und die Verstandesmenschen, die Nüchternen, die Naturwissenschaftler, die Ärzte und Rechner, die Historiker und Archivare und Planer, die, die uns wieder auf die Füße zurückholen. All diese Gaben und Dienste, vernetzt und aufeinander bezogen, das ist das Idealbild einer christlichen Gemeinde.

 

Zweitens: Das etwas gebrochene Verhältnis, das manche christlichen Konfessionen zum Wein der Eucharistie haben, hat gewiss verschiedene Gründe. Einer aber ist ganz sicher der: Das Brot scheint das handfestere, leibhaftigere Element zu sein. Die auch sonst nicht gerade umwerfende Rechtschreibereform hat leider diesen Tatbestand von der Verwandtschaft des Brot-Laibes und des Menschen-Leibes nicht bestätigt. Brot zerrinnt nicht zwischen den Händen. Der Brot-Gott ist der Gott zum Anfassen. Der Wein-Gott dagegen ist der Bewegende, Berauschende, der, der im Fluss ist. Auch Paulus lässt sich einen Augenblick von der Handgreiflichkeit des Brot-Leib-Gedankens hinreißen. „Der Segenskelch, den wir segnen, ist er nicht Teilhabe (koinonia) am Blut Christi, und das Brot, das wir brechen, ist es nicht Teilhabe am Leib Christi?‘ (1. Kor 10,16) Und dann bleibt er beim Brot hängen: Weil ein Brot, „sind wir, die vielen, ein Leib, denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ Das ist die zweite Komponente unseres Textes: Wir Christen werden von unserem Herrn in einer wunderbaren Weise handgreiflich daran erinnert, dass wir ein Leib sind. Paulus erinnert mit dem Wort von dem einen Leib auch an den Laib Brot, den Christus uns hinterlassen hat und von dem er sagt: Nehmt und esst, das ist mein Leib. Auch dieses Bild ist so schön und einleuchtend, dass es schon auf den ersten Blick wieder eine Menge praktischer Konsequenzen zeitigt. Davon wird noch zu reden sein.

 

Drittens: Es gibt nur einen Leib Christi. Die Kirche ist von ihrer Grundgestalt her eine einzige, nicht eine bessere und eine schlechtere, nicht eine wahre und eine falsche, sondern eine. Eigentlich ein wundervoller Gedanke. Welche Organisation auf dieser geschundenen Erde, die in vielem Einheit und Einmütigkeit so sehr braucht, kann schon seit so langer Zeit sagen: Wir sind von der Wurzel her eins, auf Einheit angelegt. Die Internationale ist keine Erfindung der sozialen Bewegungen des vorigen Jahrhunderts, entstanden aus einer Idee von Gleichheit und Gerechtigkeit. Die viel ältere Internationale ist das paulinische Modell eines universalen Christusleibes, einer universalen, gottgegründeten, leibhaftigen Einheit in der Vielfalt und Verschiedenheit der Menschen und Völker. So weit die großen, ganzheitlichen Visionen vom Leib. Aber: Es bleibt eben auch die Grundeinsicht zu beachten: Leib, so lange er irdisch ist, ist Verfall, ist Zeichen von Wunde, Schmerz und Tod. Auch der Auferstehungsleib Christi trägt noch die Wundmale. Die Kirche, sein mystischer Leib, ist übersät von Wunden.

 

Wunden

 

Wunde eins: Das Bild von dem einen Leib und den vielen Gaben, den vielen Begabungen, ist so wundervoll und einleuchtend, dass an jedem Kirchweihfest bei uns begeistert darüber gepredigt wird, etwa in dem Tenor: Ihr vielen unterschiedlichen Begabungen in der Gemeinde, lasst einander zu, erfreut euch an eurer Vielfalt, neidet einander nicht. Aber ist es nicht unser eigentliches Problem geworden, unsere eigentlich offene Wunde in diesem Bereich, dass wir in unseren Gemeinden oftmals weit von einer Konkurrenz der Charismen entfernt sind, weil weit mehr Begabungen fehlen als zur Vollständigkeit eines Leibes vorhanden sein müssten? Fehlt es nicht in unseren Gemeinden immer wieder an Händen und Füßen? Was tun wir, wo der Leib Christi vor Ort nur noch ein Torso ist? Resignieren wir ganz? Oder halten wir im Gegenteil hektisch und unbegnadet eine Fassade aufrecht, auch wo wir die geeigneten Begabungen nicht haben? Oder tun wir zuversichtlich mit geringen Kräften das, was wir ehrlich tun können in dem Bewusstsein, dass die Kirche, der Leib Christi, größer ist als meine kleine Gemeinde? Das macht die Sache ja erst spannend.

 

Zweite Wunde: Die Eucharistie, das Abendmahl ist der Ausdruck der Leib-Christi-Gemeinschaft. Wenn die Eucharistie oder das Abendmahl, wie die Evangelischen gern sagen, der Brotlaib, uns handgreiflich, Stück für Stück daran erinnert, dass wir alle der Leib Christi sind, dann darf sie, wie Luther richtig wiederentdeckt hat, keine Feier nur in den Winkeln und Ecken sein, keine nur private Erlösungsfeier, aber mithin auch kein dürftiges Anhängsel an den „Normal-Gottesdienst“. Abendmahl als Leib-Christi-Feier ist möglichst Feier der ganzen Gemeinde, eigentlich sonntäglich, am ersten Tag der Woche, wie es in der Didachä, dem ältesten außerbiblischen Zeugnis über die Eucharistie, heißt. Abendmahl ist keine private Heilsveranstaltung in dem Sinne, dass es düster die eigene Schuld betrachtet. Als Leib-Christi-Feier ist es vor allem Fest der Freude und Zuversicht. Es ist ja der Auferstandene, der sich uns beim Abendmahl schenkt. Diese Freude und Zuversicht sollte den Gestaltungsrahmen unserer Eucharistiefeiern immer mitbestimmen. Da gibt es noch allerhand zu heilen, an den Traditionen in unseren Köpfen und in unseren Liturgien.

 

Dritte Wunde: Die Kirche, der Leib Christi, ist und bleibt von ihrer Grundgestalt her eine. Kurz gesagt: Es ist und bleibt ein Skandal, wenn das Abendmahl, die Eucharistie, an verschiedenen Altären gefeiert wird und wenn wir die jeweils anderen ausladen.

 

Damit sind wir beim Thema eucharistische Gastfreundschaft, deren 25jähriges Jubiläum wir heute zwischen der lutherischen Kirche in Bayern, die den Anstoß gab, und dem alt-katholischen Bistum begehen. Nicht von unseren eigenen Kirchen, wohl aber gelegentlich von außen wird das, was wir hier tun, ja immer noch hinter vorgehaltener Hand als Skandal betrachtet: Evangelische und Alt-Katholiken, Kirchen, die keine volle Kirchengemeinschaft haben, feiern miteinander das Heilige Mahl. Erst, so sagen die Kritiker, muss doch volle Kirchengemeinschaft da sein, dann folgt die Abendmahlsgemeinschaft - vielleicht. Und unter voller Kirchengemeinschaft verstehen dann die, welche die ökumenischen Zäune gern bunt anstreichen, die gegenseitige Übernahme beziehungsweise Deckungsgleichheit möglichst aller Lehren und Theologien, die jemals von der je anderen Seite über Abendmahl und Amt und dergleichen erdacht und aufgeschrieben wurden.

 

Irrtum! Paulus sieht das viel einfacher. Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft (V. 13). Gott sei Dank ist es ja selbst den größten Eiferern noch nicht gelungen, die Einheit der christlichen Taufe und die Einheit der christlichen Urbekenntnisse auseinander zu dividieren. Es gibt, streng genommen, keine evangelische, keine alt-katholische, römisch-katholische oder orthodoxe Taufe. Die Taufe ist einmalig und unwiederholbar und sie ist und bleibt somit ein ökumenisches Urzeichen. Sie ist ein Quell aus dem Fels, aus dem Grundstein geschlagen. Sie erinnert uns: Von dieser gemeinsamen Quelle her besteht Kirchengemeinschaft schon seit jeher und immer noch weiter. Wir werden beim jüngsten Tag nicht danach gefragt werden, ob es uns gelungen ist, die jeweils eigenen theologischen Spekulationen unserer Kirchen als ewige Wahrheiten gegeneinander verteidigt zu haben, sondern ob wir die in der Wurzel unzerstörbare, unauslöschliche Einheit der Kirche des ersten Jahrtausends, geschaffen aus einem Gottesgeist und geschöpft aus einer Taufe, auch in der Eucharistie bekannt und »dynamisiert“ haben, das heißt als Kraftquelle zur Veränderung auf Christus hin, als Speise auf dem Weg verstanden haben.

 

Kirchengemeinschaft verstanden als dogmatisches Ziel, also als Übereinstimmung aller theologischen Lehrmeinungen, wird es erst vierzehn Tage nach dem Jüngsten Tag geben. Kirchengemeinschaft aber von der Taufe und vom Geist, also vom Weg Christi her, gibt es schon heute, freilich nicht einfach als Ruhepunkt, sondern als Verpflichtung.

 

Aber es bleibt nicht nur bei drei Wunden, den drei Einwänden gegen die drei Ganzheitsforderungen des Leib-Christi-Gedankens. Den katholisch Geprägten unter uns sind ja ohnehin die heiligen fünf Wunden als Betrachtungsgegenstand des mystischen Leibes Jesu vertraut, und ein wenig sollte man die Sache noch abrunden.

 

Vierte Wunde also: Die Welt. Die eigentliche Hostie, das, was es eigentlich zu heiligen und zu konsekrieren gilt, ist nicht nur der Einzelne, auch nicht nur die Kirche, sondern die Welt. Wenn wir die Erde betrachten, fallen uns vermutlich mehr Wunden ein als Heil. Christus aber will den ganzen Kosmos auf seine Ankunft hin heiligen.

 

Der verstorbene rheinische Präses Peter Beier meinte einmal in einem Gespräch mit mir: „Die Kirche hat leider zu einem guten Teil ihren missionarischen Elan verloren“. So ist es. Demgegenüber steht der Anspruch Christi zur Heiligung, zur Welttaufe, zur Einverleibung. Teilhard de Chardin wagt das Bild, die Welt sei eine gewaltige Hostie, von Christus in einen gewaltigen Heils-, Konsekrationsprozess hineingezogen. Die Kirche könne, müsse so etwas wie die Konvergenzachse dieser Heiligung sein. Das heißt auf gut Deutsch: In der Kirche müssen sich alle Kräfte sammeln und von ihr alle Kräfte kräftig ausgehen, die das Heil der Welt wollen. Das meint einmal Engagement für Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, dann aber vor allem: Vermittlung der Zuversicht, dass jenseits aller technisch machbaren und kosmetischen Verbesserungen der Welt eine Hoffnung geschenkt wird, die nur im Glauben erreichbar ist. Ohne diese jenseitige Hoffnung auf einen Heiland, der selbst erfahren hat, was Leiblichkeit und mithin Verwundung und Tod ist, bleibt die Welt ein trostloses Rätsel. Es bleibt eben nicht beim vergänglichen Corpus „Kirche“, es findet Wandlung statt in den unverweslichen Christusleib. Die riesige Kluft zwischen dem Ist-Zustand „Menschheit, Erde“ und dem Ziel des Christusleibes „vollendete Welt“ müsste schon missionarischer Impuls genug sein.

 

Und die fünfte und letzte Wunde: Ernesto Cardenal schreibt in seinem „Buch von der Liebe“: „Wir Menschen sind mit einem verwundeten Herzen geboren“. Das ist wahr: In unserem Herzen schreien wir unersättlich nach immer noch mehr Liebe, immer noch mehr Anerkennung, immer noch mehr Verständnis, Zuwendung, Trost und Heil. Der uns dieses Heil schenken kann, der Heiland, ist mit einem verwundeten Herzen, einem offenen Herzen gestorben. Der Leib, den er uns hinterlässt, ist ein Leib mit offenem Herzen. In diesem Leib sind wir arme Sünder schon gerechtfertigt, um es in der evangelischen Terminologie auszudrücken. Er, der verwundbare Gottessohn, will uns an sein offenes Herz ziehen, damit wir den Mut finden, zu unseren Verwundbarkeiten zu stehen und einander die Herzen zu öffnen. Die frühen Theologen der Kirche sahen im Blut und dem Wasser aus Jesu Seite gern ein Sinnbild von Taufe und Eucharistie, den Haupt-Sakramenten der Kirche. Wenn die Kirche bei den Sakramenten bleibt, diese Sakramente in ihrem Vollsinn ernst nimmt, bleibt sie auch als Ganze seinem Herzen nahe, bis sich ihr Leib verklärt in die Gemeinschaft derer, die ihn unverhüllt schauen.

 

Joachim Vobbe