Symbole eines Tages

Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum der eucharistischen Gastfreundschaft zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Katholischen Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland in Kaufbeuren.

 

Stellen Sie sich vor, Sie hätten keine Ohren. Oder keine Hände. Oder hätten am ganzen Körper nur Beine. Wir wären weniger funktionsfähig, geschweige denn im Gleichgewicht. Stellen Sie sich vor, in Ihrer Gemeinde gäbe es nur die Praktiker, keine Visionäre. Nur die Kritiker, keine Enthusiasten. Nur die Träumer, keine Realisten. Nur die Redner, keine Tatkräftigen. Wir wären weniger lebendig, geschweige denn eine ausgewogene, harmonische Mischung, ein komplementäres Ganzes.

 

Stellen Sie sich vor, auf der Welt gäbe es keine Katholiken, keine evangelischen Christen, keine Juden, keine Hindus und so weiter - nur die Gemeinschaft der Glaubenden. Nun, das wäre schon eher etwas. Eine runde Sache, im Sinne des Einen, Allumfassenden. Aber das bleibt wohl ein Traum, wenn nicht gar eine Utopie. Glaubt man der Hypothese unseres Bischofs Joachim Vobbe, so wird es volle Kirchengemeinschaft als Übereinstimmung aller theologischen Lehrmeinungen „erst 14 Tage nach dem jüngsten Tag geben“.

Der Weg zur vollen Kirchengemeinschaft bleibt also noch lang und herausfordernd, nehmen wir nur einmal das Christentum allein in den Blick. Umso wichtiger ist es dabei, die Stärkung der Glieder, die sich aufmachen ein Leib zu werden, nicht zu vergessen. Und Etappenziele zu feiern.

 

Der eine Leib

 

Ein solches Etappenziel ist es, auf dem Weg zusammen Mahl zu halten. So wie sich Kopf, Rumpf und Gliedmaßen eines Körpers wie selbstverständlich an einem Tisch einfinden, so können die Teile des einen Leibes Jesu Christi, der Kirche, zusammen von dem einen Leib und dem einen Kelch essen und trinken. Seit nunmehr 25 Jahren ist dies zwischen der Alt-Katholischen Kirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland praktizierte Realität. Einheit in der Vielfalt ist möglich, wenn der Blick auf das Verbindende gerichtet wird.

Wir dürfen also feiern, dass wir gemeinsam feiern dürfen. Ein Vierteljahrhundert eucharistische Gastfreundschaft vereinten den Leitenden Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands Dr. Johannes Friedrich, den alt-katholischen Bischof Joachim Vobbe und zahlreiche Besucherinnen und Besucher unter dem Zeichen der Gemeinsamkeit im bayrisch-schwäbischen Kaufbeuren im Allgäu. Die alt-katholische Gemeinde Christi Himmelfahrt und die evangelische Dreifaltigkeitsgemeinde, zusammen mit ihren Pfarrern Armin Strenzl und Thomas Kretschmar, hatten eingeladen.

Ein festlicher Gottesdienst war das Ergebnis in der evangelischen Dreifaltigkeitskirche - nicht von ungefähr ein ursprünglicher Festsaal -, musikalisch hervorragend gestaltet von Chören und Bands der Dreifaltigkeitsgemeinde.

Als ein Glanzpunkt die fulminante Predigt unseres Bischofs Joachim, die ein regelrechtes Knistern im Raum bewirkte. Am Ende seiner Worte hatte man für zwei Sekunden das Gefühl, offener Beifall würde folgen. So richtig traute man sich dann wohl doch nicht. Schade eigentlich.

Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand folgerichtig das gemeinsame Mahlhalten. Die große Anzahl der Besucher bewirkte ein schönes, aussagekräftiges Symbol: Die Kommunionkreise umfassten nicht wie üblich nur den Altarraum, sondern den gesamten Innenraum der Kirche. Eine buchstäblich runde Sache im großen Maßstab.

 

Wandlung im Diesseits - eine Stola mit Nebeneffekt

 

Das Knistern der Feier und ihre Symbolträchtigkeit setzte sich beim anschließenden Stehempfang fort. Nicht nur, dass die dort vorgetragenen Musikstücke allesamt „Fantasien“ waren. Die träumerische Perspektive fand sich auch in den Worten des evangelischen Bischofs Dr. Johannes Friedrich wieder. Er wies in seiner Ansprache unter anderem auf den Modellcharakter hin, den diese Vereinbarung auch im Hinblick auf die römisch-katholische Kirche haben kann. „Es kann sehr einfach sein, von Konkurrenz zu Gemeinsamkeit zu kommen. Dazu müssen wir nur die Mauern der Abgrenzung niederreißen, die in aller Regel aus Angst errichtet werden“. Dass die Angst in den einzelnen Gliedern und auf persönlicher Ebene sehr viel leichter überwunden werden kann als bisweilen im gesamten Corpus Kirche, zeigte der römisch-katholische Gratulant und Kaufbeurer Stadtpfarrer. „Ich spüre eine gewisse Erwartung“, verkündete er in seinem Grußwort, nicht ohne ein Lächeln einerseits und Bedauern über den einen oder anderen institutionellen Graben andererseits. Er rundete die Feier allerdings mit einem aussagekräftigen Symbol und ökumenischer Geste ab: Als Zeichen der Einheit trugen die vier Hauptzelebranten des Festgottesdienstes gleiche Stolen - Leihgabe des römisch-katholischen Stadtpfarrers.

Das Jubiläum als solches und diese Feier im Besonderen zeigte, dass die künstliche Trennung anhand von Ideologien und Theologien mit mutigen Schritten bereits vor dem jüngsten Tag überwunden werden kann. Damit alles Hand und Fuß hat und wir uns vom irdischen Torso zum allumfassenden Ganzen wandeln.

 

Der goldene Bischofsstab

 

Damit sollte dieser Festtag jedoch noch nicht abgerundet sein. Als umfassendes Ganzes wurde am Nachmittag im Josef-Reinkens-Saal der Christi-Himmelfahrt-Gemeinde das Wirken unseres Bischofs Joachim gewürdigt. Vertreter der Kemptener Gemeinde hatten sich ebenfalls in Kaufbeuren eingefunden. Gemeinsam hielten wir Rückschau auf ganz persönliche Glanzpunkte, auf besondere Erlebnisse und Erinnerungen an die Amtszeit von Joachim Vobbe. Als Symbol der „runden Sache“ wäre eine Goldmedaille sicher angebracht gewesen. Aber was liegt für einen Bischof näher als ein goldener Bischofsstab als Zeichen der Anerkennung und des Dankes? Als kleine Anstecknadel allemal ein Symbol für die neu gewonnene Leichtigkeit. Der echte, oft auch schwere Amtsstab, wird bald übergeben - es bleibt die Erinnerung an glänzende Momente.

 

Eingestimmt

 

Auf diese Weise eingestimmt, kehren wir zurück zu unserem jeweiligen Alltag. Was bleibt von einem derartig reichen Festtag, an dem Freude und Nos-talgie nah beieinander lagen? Auf jeden Fall Hoffnung, dass sich mutige erste Schritte lohnen und über Jahrzehnte Kreise ziehen können. Perspektive und Fantasie für Wandlung in der Zukunft: für uns als alt-katholische Kirche und Glied des großen Ganzen, sowie für den einen Leib der Kirche insgesamt. Begleitet von der Gewissheit, das unsere menschliche Schwäche auf jeder Ebene getragen wird. Der Weihespruch des scheidenden Bischofs Joachim drückt dies als bleibendes Symbol des Tages und seiner Amtszeit im Lied aus: „Denn größer bist du Gott als unser Herz“.

Corina Strenzl