Die Münchner Gemeinde St. Willibrord ist einer der Gastgeber beim ökumenischen Kirchentag

 

Zu Gast bei Freunden – dieses Motto der Fußballweltmeisterschaft 2006 soll auch unser Wunsch sein an alle, die zum 2. Ökumenischen Kirchentag vom 12. bis16. Mai nach München kommen. Die Vorbereitungen laufen seit fast zwei Jahren auf allen Ebenen, und wir freuen uns, dass wir uns als Münchner Gemeinde mit vielen Angeboten hier einbringen können.

Unsere Aktivitäten werden in der Regel in und um die Münchner Alt-katholische Kirche, St. Willibrord am Altstadtring, stattfinden. St. Willibrord liegt zentral an der U-Bahn-Station Sendlinger Tor und damit direkt an der U-Bahn-Linie, die Hauptbahnhof und Messegelände verbindet. Die Kirche wirkt jedoch an diesem Platz am Altstadtring und umgeben von urbanem Leben ein wenig überraschend, denn das Äußere erinnert an eine englische Dorfkirche.

Dieser Eindruck ist nicht falsch; die Kirche wurde 1911 als englische Botschaftskirche in München erbaut und St. George geweiht. Nach einigen wenigen Gottesdiensten verließen die Engländer mit Beginn des 1. Weltkriegs Bayern. Da nach dem Krieg und nach dem Ende der bayerischen Monarchie keine englische Botschaft mehr in Bayern bestand, wurde die Kirche von der alt-katholischen und der evangelisch-reformierten Gemeinde genutzt. 1929 wurde sie von den Alt-Katholiken schließlich gekauft. Im 2. Weltkrieg wurde die Kirche 1944 schwer beschädigt, konnte jedoch schon 1949 neu geweiht werden; seit damals hat sie den Namen St. Willibrord. Allerdings beschäftigten notwendige Renovierungsarbeiten in den nächsten Jahrzehnten immer wieder die Gemeinde, einer Renovierung in den 50er Jahren verdanken wir das schöne Glasfenster im Altarraum, der großen Sanierung in den 1990er Jahren die Wiedernutzbarmachung der Räume unter der Kirche als Gemeindezentrum. Weitere Maßnahmen wie der Austausch der Decke, die Erneuerung der Fenster und die Umgestaltung des Altarraums, die für 2009 vorgesehen waren und zum Ökumenischen Kirchentag abgeschlossen sein sollten, konnten aus bautechnischen Gründen leider noch nicht ausgeführt werden.

 

Doch ist St. Willibrord nicht die erste Kirche der Münchner Gemeinde gewesen, die sich bald nach dem 1. Vatikanischen Konzil als Gottesdienstgemeinde zusammenfand. München war der Wohnsitz von Ignaz von Döllinger (1799-1890), der einer der entschiedensten Kritiker des 1. Vatikanischen Konzils war. Er war der bedeutendste Kirchen- und Dogmengeschichtler seiner Zeit, Professor an der Universität München und Stiftspropst an der Theatinerkirche. Als er sich „als Christ, als Theologe, als Geschichtskundiger und als Bürger“ nicht den Bestimmungen des 1. Vatikanums anschließen wollte, wurde er förmlich exkommuniziert. Für viele Katholiken war Döllingers Exkommunikation der letzte Anstoß, sich in Katholikenvereinen zu organisieren.

 

In der Münchner Museumsadresse vom 10. April 1871 wurde der König gebeten, den Dogmen von der Unfehlbarkeit des Papstes und seines Jurisdiktionsprimates die staatliche Anerkennung zu verweigern, da diese Neuerungen auch das Verhältnis zwischen Staat und Kirche veränderten und deswegen staatsgefährlich seien. Die Regierung verweigerte die Anerkennung der Dogmen, womit kircheninterne Maßnahmen gegen die Gegner der Konzilsbeschlüsse zunächst keine Wirkung auf die politische oder bürgerliche Stellung der Betroffenen hatten.

Das so genannte Pfingsttreffen unter der Leitung von Döllinger lud zu einem Kongress nach München ein, der im September 1871 stattfand und der später als 1. Alt-Katholikenkongress gezählt wurde. 

Obwohl König Ludwig II. Döllinger dazu drängte, stand er nach seiner Exkommunikation keinem Gottesdienst mehr vor. Er nahm aber an Alt-Katholikenkongressen teil und leitete 1874 und 1875 die Bonner Unionskonferenzen. In diesen für das 19. Jahrhundert eher unüblichen ökumenischen Gesprächen wurden die Grundlagen für die Kirchengemeinschaft mit den Anglikanern und die theologischen Konsensgespräche mit der Orthodoxie gelegt. Döllinger wurde am 13. Januar 1890 auf dem Alten Südlichen Friedhof von seinem Schüler Prof. Johannes Friedrich nach alt-katholischem Ritus bestattet. Alljährlich gedenkt die Münchner Gemeinde zum Todestag mit einem Friedhofsbesuch dieses herausragenden „Vordenkers“.

Prof. Friedrich war es auch, der zusammen mit Professor Joseph Meßmer ab 1871 regelmäßig alt-katholische Gottesdienste angeboten hat, bis 1872 ein eigener Pfarrer angestellt werden konnte. Der Stadtrat hatte den Münchner Altkatholiken 1871 die kleine St. Nicolaikapelle am Gasteig zum Gottesdienst überlassen. Diese Überlassung wurde allerdings, als sich die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat änderten, 1882 wieder rückgängig gemacht. Danach hat die Gemeinde als erste eigene Kirche ein umgebautes Atelier in der heutigen Kaulbachstraße genutzt. Beschreibungen dieser Kirche klingen hinreißend, „die Kirche ist im Stil der italienischen Renaissance eingerichtet“, doch leider wurde die Kirche 1922 wegen Baufälligkeit verkauft und ist heute nicht mehr erhalten; auf dem Grundstück steht heute ein Kloster der Redemptoristen.

St. Willibrord hingegen wird seit 1919 von den Alt-Katholiken genutzt, gemeinsam mit anderen Konfessionen. Die Evangelisch-Reformierte Gemeinde war viele Jahre weiter Mitnutzerin, bis sie in eine eigene Kirche ziehen konnte. Auch die Anglikaner haben die Kirche bis in die 1970er Jahre genutzt, bevor sie ihre Gottesdienste in die größere evangelische Emmaus-Kirche in Harlaching verlegten. Seit über 30 Jahren ist in St. Willibrord auch die Gemeinde der rumänisch-orthodoxen Kirche in München zu Gast.

Mit diesen Gemeinden zusammen haben wir uns im Rahmen der so genannten „Gartenhausgespräche“ auf den Weg zum Kirchentag gemacht. An vier Terminen haben sich die jeweiligen Gemeinden vorgestellt, und wir konnten untereinander ins Gespräch kommen. Mit ihnen werden wir nun auch im Rahmen des Kirchentages Tagzeitengebete in St. Willibrord gestalten. Dabei wird jeweils eine der beteiligten Gemeinden für das Tagzeitengebet verantwortlich sein und es in der eigenen Tradition gestalten, doch werden immer auch Mitglieder einer anderen Gemeinde beteiligt sein.

 

Während des Kirchentags wird in St. Willibrord die Ausstellung „Sehen-Glauben-Leben – ein Bilderzyklus zum Glaubensbekenntnis“ gezeigt. Zu sehen sind sechzehn Bilder der Künstlerin Christel Holl (geboren 1945) aus Rastatt, die einen visuellen Zugang zu den theologischen Aussagen des Glaubensbekenntnisses ermöglichen. Die Kirche soll dann auch die ganze Zeit geöffnet sein, und der Eine-Welt-Laden wird sein Angebot um kirchentagsbesucherkompatible Snacks erweitern, so dass nicht Hunger von der Bildbetrachtung ablenkt.

 

Außer den Tagzeiten und der Ausstellung gibt es in St. Willibrord beziehungsweise im Döllingersaal unter der Kirche ein Gute-Nacht-Café, das von 21 bis 24 Uhr mit Getränken und kleinen Snacks einlädt, den Tag ausklingen zu lassen. Hier ist auch für Samstagnachmittag ab 15.00 Uhr ein Alt-Katholikinnen- und Alt-Katholiken-Treff geplant, bei dem bei Kaffee und Kuchen Kirchentagseindrücke ausgetauscht werden können. Um 18.00 Uhr ist dann in St. Willibrord ein gemeinsamer Gottesdienst mit der anglikanischen Gemeinde, zu dem auch die Bischöfe erwartet werden. Eine weitere Eucharistiefeier wird an Christi Himmelfahrt um 9.30 Uhr sein, bevor wir dann zur zentralen ökumenischen Feier am Odeonsplatz aufbrechen. Am Freitagabend gibt der Gospelchor Joyful Voices aus Mannheim um 19.30 Uhr ein Konzert in der Kirche.

Gastfreundlich wollen wir uns auch schon zur Eröffnung zeigen und haben am Abend der Begegnung einen Verpflegungsstand, wie auch die Augsburger Gemeinde. Am Mittwochabend wird der Altstadtring zu einer großen Flaniermeile, auf der Stände aus ganz Bayern die Besucher mit Essen und Trinken versorgen werden. Wir sind dabei zwischen Odeonsplatz und Stachus zu finden, die Augsburger in der Sendlinger Straße in der Nähe unserer Kirche.

Für die Münchner Gemeinde gibt es außer der Kirche noch einen zweiten wichtigen Veranstaltungsort, das Gartenhaus in der Adalbertstraße, in dem sich kleinere Gruppen regelmäßig treffen. Dort finden unter anderem die Kirchenvorstandssitzungen, die Treffen der baf-Frauengruppe, aber auch die Treffen der Meditationsgruppe, die Exerzitien im Alltag und die bereits erwähnten Gartenhausgespräch statt. Das Gartenhaus liegt in der Nähe der Ludwig-Maximilians-Universität, wird aber, da es nur Raum für kleine Gruppen bietet, für den Kirchentag nicht genutzt. Hier in der Adalbertstraße 32 befinden sich auch das Pfarrbüro und die Pfarrwohnung.

Unsere Gemeinde hat ca. 620 Mitglieder, von denen ungefähr die Hälfte im Stadtgebiet München leben, die anderen verteilen sich auf die angrenzenden Landkreise. Neben München gibt es noch Gottesdienstangebote in Erding und in Bad Tölz, wobei Bad Tölz eine mehr oder weniger selbstständige Filialgemeinde ist, die ehrenamtlich von Kurat Peter Priller betreut wird. Als Seelsorger in München wirken neben Pfarrer Siegfried Thuringer Dirk Faulbaum als Priester mit Zivilberuf und Karl Harrer, Pfarrer im Ruhestand.

 

Wir freuen uns über alle, die wir als Gäste beim 2. Ökumenischen Kirchentag begrüßen dürfen, und laden herzlich zu den Veranstaltungen in St. Willibrord ein.

 

Dr. Liesel Bach, Siegfried Thuringer