„Da ist ein Mensch mit seinen Grenzen“

Ein persönliches Gespräch mit Bischof Ring

 

Ich treffe Dr. Matthias Ring nach einer langen Ökumene-Sitzung Anfang März in einem Frankfurter Tagungshaus. Seit der Wahlsynode im November ging das Alltagsgeschäft als Pfarrer und Theologe ganz normal für ihn weiter. Er wirkt etwas angespannt, so kurz vor der Bischofsweihe. Pfr. Ring sagt, dass es noch ungewohnt für ihn sei, wenn ein Mikrofon vor ihm stehe. Er müsse noch lernen, sich diplomatischer auszudrücken, gesteht er. Aber er freue sich auf die Aufgaben des Bischofs und den neuen Blick auf das Bistum und seine Gläubigen.

 

CH: Über Inhalte haben wir schon vieles gelesen, lassen Sie uns über Ihre Gefühle reden. Was geht einem durch den Kopf, wenn man zum Bischof gewählt wird?

 

Ring: Es braucht ein paar Tage, bis sich das Ganze gesetzt hat. Es ist natürlich ein schönes Gefühl, dass man das Vertrauen geschenkt bekommt. Manchmal bin ich aber auch erschrocken darüber, welche Erwartungen formuliert werden, denn am Bischof hängt ja nicht die ganze Kirche.

 

CH: Hat Sie nach der Wahl etwas besonders berührt?

 

Ring: Ja, die Reaktion meiner Verwandten. Ich komme ja aus einfachen Verhältnissen, und obwohl alle römisch-katholisch sind, spielt es keine Rolle, dass ich alt-katholisch bin. Bischof ist Bischof! In der Verwandtschaft ist man unheimlich stolz. Immer wieder bekam ich den Satz zu hören, der mich sehr berührt: „Deine Eltern wären stolz auf Dich gewesen.“

 

CH: Wie haben Sie die Tage nach der Wahl verbracht?

 

Ring: Die Arbeit als Pfarrer ging ganz normal weiter. Allerdings habe ich mehr telefoniert als sonst, manchmal drei Stunden. Ich befinde mich eben in einer Umbruchphase; sie wird erst am 20. April mit dem Umzug enden. Ich habe auch versucht, die Glückwunschschreiben zu beantworten, was aber vollständig gar nicht möglich ist. Heute kommen Glückwünsche meist per E-Mail. Unmittelbar nach der Wahl waren das ungefähr 140.

CH: Gab es auch Glückwünsche aus der Ökumene?

 

Ring: Das hat sich ganz unterschiedlich aufgeteilt. Aus den evangelischen und anglikanischen Kirchen kamen viele Glückwunschschreiben, darunter von der Präses der EKD, der EKD-Ratsvorsitzenden, der Präsidentin des Kirchentages sowie einigen Landesbischöfen. Von orthodoxer Seite gratulierte unter anderen Metropolit Augoustinos.

 

CH: Bischof Joachim Vobbe hinterlässt große Fußspuren. Wie werden Sie damit umgehen?

 

Ring: Ich denke, Bischof Joachim hat einige Fähigkeiten und Stärken, die ich nicht habe, und insofern werde ich manches sicher schlechter machen, als er es gemacht hat. Andererseits habe ich einige Stärken, die er nicht hat und insofern hoffe ich, einiges besser machen zu können. Aber das ist ganz normal und bei jedem Amtswechsel so.

 

CH: Was würden Sie als Ihre Stärke bezeichnen?

 

Ring: Ich glaube, dass ich sehr strukturiert arbeiten, Probleme gut analysieren und dann nüchtern bewerten kann.

 

CH: Gibt es etwas, was Ihnen an Ihrem neuen Amt Angst macht?

 

Ring: Heute zum Beispiel verbringe ich neun Stunden auf Reisen für vier Stunden Sitzung. Natürlich kann man im Zug arbeiten, aber schönreden sollte man solche Sitzungstage auch nicht. Das Beamen wurde leider noch nicht erfunden.  Ich sehe schon die Gefahr, sich zwischen vielen Terminen zu verzetteln und letztlich selber zu verlieren.

 

CH: Wie wollen Sie das konkret verhindern?

 

Ring: Indem ich Termine bündele. Ich habe bald eine Firmung in Südbaden, und dann bleibe ich gleich von Samstag bis Dienstag, um dort einerseits mit den Kirchenvorständen zu sprechen, den Schulunterricht zu besuchen und mir die Gemeinde anzuschauen, aber auch, um an der Pastoralkonferenz des Dekanates teilzunehmen.

 

CH: Sie könnten ja auch Firmungen den Dekanen übertragen.

 

Ring: Ja, das stimmt, aber ich halte es gerade am Anfang für wichtig, die Gemeinden alle kennen zu lernen. Dort, wo jedes Jahr Firmung ist, könnte man die Firmspendung dann alle drei bis vier Jahre den Dekanen übertragen.

 

CH:  Auf was freuen Sie sich im Bischofsamt?

 

Ring: Dass ich das Bistum jetzt von einer ganz anderen Seite kennen lernen werde. Ich habe zwar durch meine verschiedenen bisherigen Funktionen schon viel vom Bistum gesehen, aber es wird jetzt ganz andere Begegnungsmöglichkeiten geben. Ich freue mich auch auf die Gestaltungsmöglichkeiten, die das neue Amt bietet.

 

CH: Gibt es etwas, das man als Bischof noch lernen muss?

 

Ring: Ja, sich diplomatisch auszudrücken. Ich muss mir immer wieder sagen: Du sprichst jetzt nicht mehr als Pfarrer von Regensburg. Was der sagt, interessiert nur einen begrenzten Zuhörerkreis. Jetzt spreche ich als der erste Vertreter einer Kirche und das ist dann schon was anderes.

 

CH: Die Alkoholfahrt von Frau Käßmann hat eine Debatte um die Glaubwürdigkeit öffentlicher Personen entfacht. Spüren Sie für sich diesen hohen moralischen Anspruch an Sie und Ihr Amt?

 

Ring: Ich erlebe diese Debatte in gewisser Weise als „verlogen“. Wenn man die Maßstäbe, die an Frau Käßmann angelegt werden, einmal an Politiker anlegen würde, wer bliebe dann noch übrig? Darf man sich zu Sachfragen jetzt nur noch äußern, wenn man rundum unangreifbar ist? Manchmal frage ich mich, ob sich unsere Gesellschaft nicht Vorbilder konstruiert, die etwas erfüllen sollen, was der einzelne selbst nicht leisten kann oder leisten will.

 

CH: Stichwort Frömmigkeit. Der neue christkatholische Bischof in der Schweiz hat von sich gesagt, mit ihm habe man nicht den Frömmsten zum Bischof gemacht. Sind Sie fromm?

 

Ring: Ob ich wirklich fromm bin, das müssen andere beurteilen. Ich würde mich schon als fromm bezeichnen, wohl wissend, dass dieses Wort von einer Antiquiertheit ist, die da und dort die falschen Assoziationen auslöst. Meine Frömmigkeit ist sehr stark von meiner Herkunft geprägt, und da habe ich einen sehr ungezwungenen, bodenständigen Katholizismus erlebt.

 

CH: Mal ganz praktisch: Hat ein Bischof ohne Familie überhaupt Zeit zu kochen?

 

Ring: Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, wenn er nicht verkommen will. Das war übrigens ein Rat meines Regens, das ist der Direktor, im Bamberger Priesterseminar: Deckt Euch wenigstens einmal am Tag den Tisch. Meine Kochkünste reichen übrigens nicht an die von Bischof Joachim heran.

 

CH: Darf ich ein Geheimnis verraten? In Regensburg war es an Ihrem freien Tag schon Tradition, mittags Bratwürste zu machen und anschließend spazieren und ins Café zu gehen. Werden Sie diese Tradition in Bonn aufrecht erhalten?

 

Ring: Bratwurstmäßig ist das Rheinland leider Diaspora. Die Rheinländer mögen mir dies verzeihen. An meinem freien Tag wird man mich aber sicherlich Zeitung lesend in einem Bonner Café antreffen.

 

CH: Was wünschen Sie sich von den Menschen im Bistum, wenn Sie an Ihre Amtszeit denken?

 

Ring: Dass sie mich auch als Menschen wahrnehmen und nicht nur als Amtsträger. Das heißt, dass sie auch sehen: Da ist ein Mensch mit seinen Grenzen.

 

Interview: Stephan Neuhaus-Kiefel