Bischof soll er sein!

 

Vorhin im Zug, während der Heimfahrt von der Bischofsweihe in Karlsruhe, habe ich unsere Kinder, sieben, acht und elf Jahre alt, gefragt, was sie denn besonders beeindruckt hat. Sie mussten nicht lange überlegen, um zwei Antworten zu finden: Der brausende Gesang in der Kirche und wie Matthias Ring sich auf den Boden gelegt hat.

Diese beiden Antworten kann ich gut verstehen. Es ist ja auch eindrucksvoll, wenn in einer randvollen, großen Kirche nahezu alle mitsingen. Einleuchtend war auch die Begründung: „Du singst ja fast am lautesten in unserer Kirche. Und die anderen Pfarrer machen das auch so. Und die waren heute alle da.“ Natürlich waren auch aus den Gemeinden die ganz Aktiven anwesend, welche die Lieder kennen und meist das Mitsingen gewohnt sind. Das ist einfach ein Erlebnis, das Alt-Katholiken sonst selten haben und deshalb um so mehr genießen können.

Und wenn bei einer Weihe, gleich ob Diakonen-, Priester- oder Bischofsweihe, der Kandidat sich während der Allerheiligenlitanei auf dem Boden ausstreckt, dann berührt auch mich das jedes Mal tief. Es ist einfach ein sehr starkes Zeichen. Deutlicher kann man kaum ausdrücken, dass nun der Moment gekommen ist, an dem man nichts mehr selber tun kann, an dem jeder Aktionismus und auch jedes Planen aufhören muss. Nun liefert sich der Weihekandidat aus: Dem fürbittenden Gebet der ganzen Gemeinde, ja der ganzen Kirche und des ganzen Himmels und vor allem dem Wirken Gottes. Eigentlich ein sehr schlichtes, monotones Gebet, diese Allerheiligenlitanei, und gerade darin stark.

(Nur ein aufmüpfiger Gedanke schoss mir dabei kurz quer durch den Kopf und störte meine Andacht, ist aber nur eine Randbemerkung in Klammern wert: Müssen wir Alt-Katholiken eigentlich zeigen, dass wir die besseren Katholiken sind, dass die Geistlichen, die wir erwählen, die härteren sind? Oder warum bekommen die angehenden Diakone, Priester und Bischöfe in der großen römisch-katholischen Schwesterkirche dicke Perserteppiche, um sich darauf zu legen, während unsere Leute sich auf den blanken Steinboden legen müssen? Vielleicht eine Anregung für Weihehandlungen, die Bischof Matthias künftig vornehmen wird: Gönnt doch den zu Weihenden wenigstens einen bescheidenen Läufer als Unterlage, und auch ein kleines Kniekissen fördert eher die Andacht, als dass es jemanden zum Weichei macht!)

 

Ja, mit Gottes Hilfe!

 

Freilich habe auch ich selbst mir die Frage gestellt, was mich denn besonders beeindruckt hat. Es hängt durchaus zusammen mit dem Ausstrecken auf den Fußboden. Dazu muss ich kurz erläutern: Die Karlsruher evangelische Stadtkirche, in der die Weihe stattfand, wurde im Krieg durch Bomben zerstört. Das prächtige klassizistische Portal von Friedrich Weinbrenner wurde originalgetreu wieder aufgebaut, was der Kirche vom Marktplatz her das Aussehen eines griechischen Tempels verleiht. Das Kirchenschiff dagegen wurde modern mit schlanken, hohen Betonsäulen wieder errichtet. Im Altarraum aber findet sich wieder originalgetreu ein sehr hoher, wuchtiger Bogen aus großen Quadern. Vor einem der gewaltigen Pfeiler dieses Bogens stand aus meiner Perspektive Matthias Ring und sah für mich auf einmal recht klein und schmächtig aus. Und legte sein Versprechen ab, indem er auf jede einzelne Frage eines ganzen Katalogs antwortete: „Ja, mit Gottes Hilfe!“

Die Fragen waren so gewaltig wie der Pfeiler. Für was der neue Bischof alles Sorge tragen sollte, für die Kinder, Alten, Bedürftigen ebenso wie für die Geistlichen, für die Verkündigung, für die Einheit der gesamten Kirche und das Wohlergehen der ganzen Welt! Die einzige angemessene Antwort schien mir in diesem Augenblick zu sein: „Ich bin doch nicht verrückt!“ Aber nein, stattdessen sagte er: „Ja, mit Gottes Hilfe!“

Ich bin natürlich froh darüber, dass Matthias Ring Ja gesagt hat. Und ich bin froh, dass nicht nur der künftige Bischof etwas versprechen muss, sondern auch die ganze Gemeinde gefragt wird. Alle, die mitgefeiert haben, haben versprochen, Bischof Matthias in der Ausübung seines Dienstes zu unterstützen. Danach erst folgte das Glaubensbekenntnis und die schon genannte Allerheiligenlitanei, wo er nichts mehr versprechen und keine „Haltung bewahren“ muss, sondern von da an wird an ihm gehandelt, durch die Mitbetenden, durch die Konsekratoren, welche ihn weihen, ihn salben und ihm die bischöflichen Insignien überreichen und – wie wir glauben – in all dem durch Gott selbst, der hinter all unserem Tun ihn erwählt hat und weiht.

Deshalb nur konnte Matthias Ring „Ja“ sagen, nicht weil er so toll und so stark wäre – er ist natürlich toll, sonst hätten wir ihn ja nicht gewählt, aber es wäre immer noch vermessen. Er konnte „Ja“ sagen, aber nur mit dem Zusatz „mit Gottes Hilfe“. Er durfte es wagen, weil Gott ihm in der Weihe seine Unterstützung zugesagt hat. Er durfte es wagen, weil er wusste, wir würden ebenfalls gefragt werden, ob wir bereit sind, ihn zu respektieren und ihn zu unterstützen. Ich hoffe, die Anwesenden haben ihr Ja ebenfalls bewusst und mit Überzeugung gesprochen, und ich hoffe, die abwesenden Gläubigen unseres Bistums sagen ihr Ja im Inneren ebenfalls noch. Das wurde mir bewusst in diesem Weiheritus: Matthias Ring ist sehr mutig, hier sein Ja zu sprechen. Er kann es tun im Vertrauen auf Gott und im Vertrauen auf die Gläubigen seines Bistums. Auch wir stehen da in der Pflicht.

Eine Pflicht übrigens, die Bischof Matthias in seinem spontanen Dankeswort am Ende des Gottesdienstes in einem Bild ausgesprochen hat: Er sei gerne bereit, sich als Ochse vor den Pflug spannen zu lassen. Aber ein Pflug bewirkt nur etwas, wenn andere ihn lenken. „Diese Anderen sind Sie!“, sagte der neue Bischof.

Dies als erster Eindruck vom heutigen Weihetag, 20. März. In der Mai-Ausgabe von Christen heute werden Sie ausführlichere Berichte aus anderen Perspektiven und von den beeindruckenden Gruß- und Segensworten lesen und weitere Bilder sehen können.

 

Gerhard Ruisch