Auferstanden von den Toten

Zum Osterglauben und zu den Bildern „Am dritten Tage auferstanden von den Toten“ und „Auferstehung der Toten“ aus dem Zyklus zum Glaubensbekenntnis von Christel Holl

 

 

Die Kritiker des Christentums laufen derzeit zu neuer Form auf. Auftrieb bekommen haben sie wohl vor allem durch den großen Erfolg der Omnibus-Kampagne in Großbritannien: „There’s probably no God. Now stop worrying and enjoy your life“ – „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Also hör auf dich zu sorgen und genieße dein Leben“, so konnte man auf den Bussen lesen, und das Echo war enorm. Aber auch die Theoretiker des Atheismus trumpfen auf. Leute wie Richard Dawkins versuchen nachzuweisen, dass das Christentum kompletten Unsinn vertritt, und sie erreichen mit ihren Büchern hohe Auflagenzahlen. Sie treten forsch und mit großem Selbstbewusstsein auf, und für Christen ist es gar nicht so einfach, ihren zum Teil schwer in Worte kleidbaren Glauben argumentativ zu vertreten. Das geht nun mal nicht in einfachen, plakativen Aussagen, sondern verlangt ein differenziertes Denken.

 

Dabei haben wir noch Glück, weil die Gegner des Christentums sich meist nicht besonders gut auskennen. Wollte man ihnen Futter für ihre Position in der Diskussion verschaffen, müsste man ihnen raten, Theologie zu studieren. Besonders die biblische Exegese, die genaue historisch-kritische Analyse der Texte hat schon manchen frommen Theologiestudenten in tiefe Glaubenszweifel gestürzt, also sollte sie doch auch sowieso schon ungläubigen Menschen manches Argument liefern.

 

Die Osterbotschaft ist da ein gutes Beispiel. Da gibt es vielleicht Widersprüche! Eine Kleinigkeit ist ja noch die Frage, ob der Engel sich wie bei Matthäus auf den Stein gesetzt hat, nachdem er ihn wegwälzte, oder ob er sich wie bei Markus ins Grab rechts hineingesetzt hat oder ob es gar zwei Engel waren, die hinzu traten, wie Lukas meint; Johannes wiederum bietet zwei Engel im Grab. Schwieriger wird es schon, wenn wir fragen, wie der Auferstandene eigentlich ausgesehen hat. Mehrere Evangelisten schreiben, dass die Jünger ihn zunächst nicht erkannt haben, etwa Maria von Magdala bei Johannes, die ihn für den Gärtner hielt, oder die Jünger, die im Lukas-Evangelium nach Emmaus unterwegs waren. Dafür erkennen Maria und die anderen Frauen ihn bei Matthäus sofort. Darf man Jesus nun nicht berühren, wie er im Johannes-Evangelium gegenüber Maria äußert, oder soll Thomas seine Hand in seine Seite legen dürfen, wie derselbe Johannes weiter hinten schreibt, oder sollen ihn nach Lukas die Jünger fest anpacken, damit sie glauben können, dass er lebt?

So ließe sich noch eine ganze Weile weiter machen. Allerdings ist es wohl nicht Aufgabe einer Kirchenzeitung, ihre Leser im Glauben zu verunsichern. Umgekehrt bringt es natürlich auch nichts, Lesern Widersprüche verschweigen zu wollen – früher oder später stoßen sie ja doch darauf. Es ist so: Nehmen wir die vier Evangelien als vier Protokolle des Auferstehungsgeschehens, so werden sie schnell unglaubwürdig wegen der vielen kleinen Widersprüche. Weiter kommen wir hier nur, wenn uns klar wird, dass es sich nicht um Protokolle handelt.

 

Vielmehr stehen die vier Evangelisten vor einer unlösbaren Aufgabe: Sie versuchen mit menschlichen Worten etwas zu beschreiben, was jede menschliche Erfahrung übersteigt, was unser menschliches Denken sprengt, wofür alle Worte viel zu klein und unzulänglich sind. Sie versuchen Bilder zu finden für eine überwältigende, unbeschreibliche Erfahrung, die sie noch dazu nicht selbst gemacht haben, sondern wieder nur aus Erzählungen der Jünger kennen, welche es miterlebt haben. Es kann gar nicht anders sein, als dass jeder, welcher den Versuch unternimmt, das Unsagbare in Worte zu fassen, um es dem Vergessen zu entreißen, anders stammelt, völlig unangemessen und unzulänglich nach Worten kramt und Bilder malt. Da lässt sich anders als bei einem Protokoll nicht fragen: Was stimmt den nun? Das oder das? Was geschehen ist, ist größer sowohl als dieses wie als jenes Wort.

 

Worin aber alle vier Evangelisten sich treffen, das ist die feste Überzeugung: Jesus lebt. Er ist den Jüngern lebendig begegnet. Vielleicht lässt sich schwer sagen, wie das genau war, aber es gibt keinen Zweifel, dass die Jünger ihn als lebendig erfahren haben. Das ist der Anfang des Osterglaubens. Dass das Grab leer war, ist ja noch kein genügender Grund. Aber dass Jesus ihnen begegnet ist, das hat es ihnen möglich gemacht, an die Auferstehung zu glauben.

 

Ich schätze das Auferstehungsbild aus dem Glaubensbekenntnis-Zyklus von Christel Holl sehr, weil sie nicht versucht, das Unmalbare in ein Bild zu fassen. Das kann allenfalls ein so begnadeter Maler wie Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar wagen. Gerade indem Frau Holl bei abstrakten Formen bleibt und vor allem das österliche Licht in ihr Bild zu bringen versucht, spricht sie mich an. Wie die Worte der Evangelisten unzulänglich versuchen, Unsagbares auszudrücken, so versucht Christel Holl mit ihren Farben und Formen etwas zu zeigen, was unsere Augen überfordert. Ihr Bild ist ein Bild für eine größere Wirklichkeit.

 

Ostern lässt sich nicht beweisen. Es wäre schön, wir könnten Menschen wie Richard Dawkins widerlegen und überzeugen, aber das wird uns nicht gelingen. Ebenso wenig wird es den kämpferischen Atheisten gelingen zu beweisen, dass Ostern ein Hirngespinst ist. Glaube lässt sich weder machen noch austreiben. Er entsteht dann, wenn etwas von jener unsagbaren und nicht zeigbaren Wirklichkeit etwas in unserem Inneren berührt.

 

Gerhard Ruisch