Darf die das auch noch?

Eine Ansichtssache

 

Die evangelische Bischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Margot Käßmann scheint klare Worte und Auseinandersetzungen nicht zu scheuen. „Darf die das?“ hat Matthias Ring in der letzten Ausgabe gefragt, nachdem die Bischöfin in ihrer Weihnachtspredigt mehr Fantasie für Frieden und gewaltlose Konfliktlösungen in Afghanistan gefordert hatte. Bei den Politikern hat sie dabei in ein Wespennest gestochen und manche hätten ihr am liebsten den Mund verboten. Ring hat ein solches Ansinnen als absurd bezeichnet und die Meinung vertreten, dass Kirchen bei wichtigen Themen auch konkret werden müssen.

 

Aber nun hat Frau Käßmann auch noch dem Papst auf die Zehen getreten. In Berlin hat sie bei einer Veranstaltung gesagt, in der Ökumene erwarte sie vom Papst nichts. Zitiert wurde sie mit den Worten: „Wenn etwas zu erwarten gewesen wäre, hätte sich das bis jetzt gezeigt.“ Das ist natürlich nicht gerade zurückhaltend formuliert. Entsprechend heftig fiel die Reaktion aus dem Vatikan aus.

Kardinal Walter Kasper, der als wirklicher Ökumeniker geschätzte Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, hat die Kritik Margot Käßmanns als „zutiefst unökumenisch“ bezeichnet und ihr „ökumenische Uninformiertheit“ vorgeworfen. Er verwies darauf, dass Papst Benedikt XVI. sich seit seinem Amtsantritt vor fünf Jahren wie kein anderer Kirchenführer für die Einheit der Christen eingesetzt habe.

 

Darf die das?

 

So stellt sich wieder die Frage, ob „die das darf“. Es gibt zwei Möglichkeiten. Wenn sie nur Aufsehen erregen, stänkern und in die Presse kommen wollte, wie Kardinal Kasper ihr ebenfalls wenig feinfühlig – natürlich nicht wörtlich, aber sinngemäß – vorwirft, ist die Antwort klar: Das darf sie natürlich nicht, als Bischöfin schon gar nicht. Wenn es aber so ist, dass sie beobachtet, dass in der Ökumene nichts mehr weiter geht und dass Papst Benedikt einer der großen Bremser ist, dann darf sie das sagen. Man kann fragen, ob es so schroff geschehen musste, wie es zitiert wird, aber bei aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten ist das schwer einzuschätzen.

Sie darf das sagen, mehr noch, wenn sie von einem anderen Kirchenführer verursachte Stagnation in der Ökumene feststellt, dann ist es ihre Pflicht als Bischöfin, das zu sagen. Die Einheit unter seinen Jüngerinnen und Jüngern ist schließlich eines der grundlegenden Anliegen Jesu.

Dass sie nur stänkern wollte, kann ich mir nicht gut vorstellen. Wenn Bischöfin Käßmann aber ausgesprochen hat, was sie für ihre Pflicht hielt, dann gehört eine solche Äußerung ernst genommen, und es gilt sich der Frage zu stellen, ob sie nicht vielleicht Recht hat. Denn sicher sollen Bischöfinnen und Bischöfe klug und feinfühlig sprechen und agieren. Aber sie sind nicht in erster Linie der Diplomatie, sondern der Wahrheit verpflichtet.

 

Hat sie Recht?

 

Zunächst einmal hat sicher Kardinal Kasper Recht, wenn er feststellt, dass der Papst einen großen Teil seiner Arbeitszeit der Ökumene widmet. Und wir als Alt-Katholiken können festhalten, dass immerhin eine vom Vatikan und der Internationalen alt-katholischen Bischofskonferenz eingesetzte Gesprächskommission fünf Jahre lang bis vor wenigen Monaten gearbeitet hat und zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen ist. Die Vorschläge der Kommission in Richtung einer begrenzten Kirchengemeinschaft können so etwas wie ein Prüfstein dafür sein, wie ernst es dem Vatikan mit der Ökumene uns gegenüber tatsächlich ist, aber natürlich auch umgekehrt. Doch diese Reaktion steht noch aus.

Bis jetzt lässt sich feststellen, dass Papst Benedikt tatsächlich sehr aktiv für die Einheit der Kirche eintritt. Aber es ist auch zu beobachten, dass die Aktivität sich sehr auf die traditionalistischen Abweichler aus der eigenen Kirche, auf die ganz konservativen Anglikaner und auf die Orthodoxen Kirchen richtet. Für die Evangelischen Kirchen dagegen geht es noch immer nicht wirklich über die Aussagen des 2. Vatikanischen Konzils hinaus, die vor 45 Jahren fortschrittlich waren, aber inzwischen doch nicht mehr ganz neu sind. Es gilt nach wie vor die Ökumenevorstellung der konzentrischen Kreise: In der Mitte steht die Römisch-Katholische Kirche, in der die Kirche Jesu Christi verwirklicht ist. In einem inneren Kreis darum ziehen sich die Kirchen, welche – nach römisch-katholischer Vorstellung – die kirchlichen Ämter unversehrt erhalten haben; das ist die Orthodoxie und auch – ohne dass es ausdrücklich genannt wird – die Alt-Katholische Kirche.

 

Im äußeren Kreis befinden sich nach diesem Modell alle Kirchen, welche das Amt nicht gültig bewahrt haben und in denen die Sakramente folglich nicht gültig gespendet werden. Sie werden deshalb auch nicht Kirchen, sondern nur „kirchliche Gemeinschaften“ genannt. Dazu zählt der Vatikan die Evangelischen Kirchen, aber auch die Anglikanische. Alle Gespräche zwischen evangelischen Kirchen und Römisch-Katholischer Kirche wie etwa die Vereinbarung zur Rechtfertigungslehre von 1999 haben daran nichts ändern können.

 

Das bleibt natürlich eine Kränkung für die evangelischen Mitchristen. Nimmt man dazu, wie lebendig zwar die Ökumene zwischen einzelnen Gemeinden sein kann, wie müde und festgefahren aber die offizielle Gremienökumene oft erscheint, höflich, diplomatisch, unverbindlich, so wird der Frust von Frau Käßmann und anderen verständlich.

 

Das auszusprechen allerdings kommt einem Tabubruch gleich, einem Tabubruch, für den ich Bischöfin Käßmann sehr dankbar bin.

 

Gerhard Ruisch