Entschiedener Bischof

Einführung der Frauenordination

 

Amtsperioden werden oft dadurch charakterisiert, dass geschrieben wird, „unter ihm geschah dieses und jenes“. Als Historikerin machen mir solche Zusammenfassungen eher Mühe: erstens, weil nicht immer die Führungspersönlichkeit maßgeblich zu etwas beigetragen, sondern manchmal „nur“ unterschrieben hat; zweitens, weil bei dieser Art der Geschichtsschreibung die vielen anderen, die vor- und mitgearbeitet haben, nicht berücksichtigt werden. Dies gilt auch für die Frauenordination, die ja nicht erst 1996 mit der ersten Priesterweihe von Frauen eingeführt worden ist.

Die Anfänge der Diskussion über die Frauenordination in unserer Kirche reichen in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Ab Mitte der siebziger Jahre wurde kirchenweit über die Frage der Zulassung von Frauen ins Amt diskutiert. Dabei ging es zunächst um den Diakonat für Frauen. Einer Umfrage des Frauenbundes „baf“ Mitte der siebziger Jahre zufolge konnten sich viele eine Frau als Diakonin vorstellen. Die Erklärung der Internationalen Bischofskonferenz (IBK) von 1976, in der Diakonat, Presbyterat und Episkopat für Frauen unter Berufung auf das Handeln Jesu und die Tradition abgelehnt wurden, stieß auf Kritik.

Diese setzte zunächst beim Diakonat an. 1981 sprach sich die deutsche Synode (übrigens fast zeitgleich mit der Schweizer Synode) für den Diakonat von Frauen aus. Ein Jahr später reagierte die IBK und stellte jeder alt-katholischen Kirche die Zulassung von Frauen zum ständigen Diakonat frei; „ständig“ bedeutete, dass es sich hier nicht um einen „Durchgangsdiakonat“ auf dem Weg zum Priesteramt handele. Damit war der erste Schritt in Richtung Frauenordination getan. Die Internationale Liturgische Kommission, der auch Bischof Dr. Kraft angehörte, entwarf ein Weiheformular, das Mitte der achtziger Jahre zur Verwendung frei gegeben wurde.

Damals gab es jedoch immer noch Stimmen, die den ständigen Diakonat von Frauen als Amt „eigener Art“ deuten wollten. Faktisch hätte dies eine Zweiteilung des Amtes bedeutet: Frauen wären zu einem Dienst in der Kirche zugelassen worden, der nicht dem von Männern ausgeübten dreifachen apostolischen Amt gleichgestellt gewesen wäre. Bischof Dr. Sigisbert Kraft bezog in dieser Frage eindeutig Stellung, als er im November 1988 Ralph Kirscht und mich in Essen gemeinsam und mit dem gleichen Weiheformular zu Diakon und Diakonin weihte. Bischof Kraft machte damit deutlich, dass es in unserem Bistum kein für Männer und Frauen unterschiedliches Diakonat gebe, sondern ein und dasselbe Amt für beide Geschlechter.

 

Bischof im Spagat

 

Viele werden sich noch daran erinnern, wie die Bistumssynode 1989 erstmals einen Beschluss zur Ordination von Frauen ins Priesteramt fasste. Zwei weitere Synodenbeschlüsse (1991 und 1994) folgten. Der Weg zum Priesteramt für Frauen gestaltete sich schwieriger als der zum Diakonat. Dies hatte verschiedene Gründe: Im Gegensatz zum Frauendiakonat war bei der Frage des Priesteramtes ein Rückgriff auf eine bereits bestehende Tradition nicht so einfach möglich. Es war außerdem zu erwarten, dass unsere ökumenischen Partnerkirchen einen derartigen Schritt unterschiedlich bewerten würden, ablehnend die Einen (Orthodoxie), befürwortend die Anderen (Anglikanische Kirchengemeinschaft).

Auch inner-alt-katholisch würde ein derartiger Schritt nicht auf einhellige Zustimmung stoßen. In den Alt-Katholischen Kirchen der Utrechter Union hatte die breite Diskussion darüber erst angefangen, und die IBK hatte obendrein bei einer ihrer Konferenzen im Jahr 1991 einen koordinierten Verlauf der Debatte geplant, um so zu einer gemeinsamen Lösung der Frage zu finden. Aus damaliger Sicht war es naheliegend, dies anzustreben. Aus heutiger Sicht muss man sich fragen, ob eine gemeinsame Lösung realistisch war und den unterschiedlichen Kontexten der einzelnen alt-katholischen Kirchen genug Rechnung trug. So hatte die alt-katholische Schwesterkirche in den USA, die Polnische National-Katholische Kirche (PNCC), bereits Mitte der siebziger Jahre gegen die in der amerikanischen Episkopalkirche eingeführte Priesterweihe von Frauen ablehnend Stellung bezogen und die volle Kirchengemeinschaft mit dieser Kirche einseitig beendet. Andere alt-katholische Kirchen hatten Ende der 1980er Jahre einen Meinungsbildungsprozess erst begonnen. Der eigene gesellschaftliche, kulturelle, theologische und ökumenische Kontext spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle.

Die deutsche Synode hatte ab 1989 als erste alt-katholische Kirche einen befürwortenden Beschluss zur Priesterweihe gefasst und damit eine eigene Gangart eingeschlagen. Für den deutschen Bischof bedeutete dies einen Spagat zwischen seiner eigenen Kirche und dem von der IBK abgesteckten Kurs.

 

Zur Anerkennung der priesterlichen Berufung von Frauen

 

Als Bischof Joachim Vobbe 1995 die Leitung des alt-katholischen Bistums übernahm, waren die Spannungen auf dem Höhepunkt. Denn 1994 hatte die Synode beschlossen, dass der Einführung der Priesterweihe von Frauen nichts entgegen stünde. Gleichzeitig wuchs der internationale Druck, diesen Beschluss vorläufig nicht auszuführen. Der Preis war zunächst der Verlust des Stimmrechts des deutschen Bischofs in der Bischofskonferenz.

Dass es Bischof Vobbe in dieser Situation gelungen ist, die Stellung des deutschen Bistums in der IBK zu behaupten und zur Befriedung beizutragen und zugleich den eingeschlagenen Kurs des deutschen Bistums fortzusetzen, ist kein geringer Erfolg gewesen. Es brauchte viel Fingerspitzengefühl und diplomatisches Geschick, aber auch viel Selbstvertrauen und Sicherheit, dass dieser Weg der richtige war.

Wäre Bischof Vobbe jemand gewesen, der Zweifel an der Frauenordination gehabt hätte, wäre es ihm nicht gelungen, diesen Spagat durchzustehen. Sein Engagement dafür begann schon lange zuvor.

Als Bischof Joachim Vobbe (ab Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre) in Blumberg Pfarrer war, gab es dort ein Mädchen, das den Wunsch äußerte, Theologie zu studieren und Pfarrerin zu werden. Die Reaktion des damaligen Pfarrers Vobbe war positiv; er bestärkte die junge Frau in ihrem Wunsch, obwohl damals die Signale für die Frauenordination noch auf rot standen. Pfarrer Vobbe zeigte damals, dass er bereit war, die Berufung von Frauen wahr- und ernst zu nehmen. Dieses Wahrnehmen und Annehmen-Können der geistlichen Gaben von Frauen ist etwas, das viele in unserem Bistum in den siebziger und achtziger Jahren gelernt haben. Dadurch wurde letztlich den Weg zur Frauenordination geebnet.

Bischof Joachim Vobbe erwies sich zudem als jemand, der bereit war, dies theologisch zu verantworten und in die Praxis umzusetzen. Sein erster Hirtenbrief, „Geh zu meinen Brüdern… Vom priesterlichen Auftrag der Frauen in der Kirche“ (1996), fand ein großes Echo weit über die Alt-Katholische Kirche hinaus. Der Hirtenbrief erwägt nicht mehr Pro und Contra der Frauenordination, sondern schlägt einen anderen Weg ein; Bischof Vobbe zeigt darin auf, dass Frauen in der ganzen Kirchengeschichte ihre geistlichen Gaben zum Wohl der Kirche eingesetzt haben. Seit der Berufung Maria Magdalenas, ihren Brüdern die Auferstehung zu verkündigen, haben Frauen Leitungs- und Verkündigungsdienst an Gemeinde und Kirche wahrgenommen.

Bischof Joachim Vobbe war sicher nicht der Einzige, der zur Einführung der Frauenordination im deutschen Bistum beigetragen hat. Aber er war als Bischof derjenige, welcher der erkannten Eigenverantwortung Raum gab. Mutig und vorausschauend hat er die Beschlüsse der Synode umgesetzt, weitergeführt und nach innen wie nach aussen vertreten. Im genannten Hirtenbrief schrieb er: „Wir, unsere Kirche und mit ihr verbundene andere Kirchen, befinden uns in einem Stadium der praktischen Umsetzung, in dem wir auch mit Widerspruch rechnen und uns ihm stellen müssen. Mit gutem Gewissen, guten Gründen und guter Zuversicht tun wir dies.“

Angela Berlis