Der Bischof zum Anfassen

 

Wir fahren nach Fouday!“ – so offenbarte uns mein Vater Cornelius Schmidt 1996 das Ziel der Reise unserer Firmgruppe. Frankreich! Eine Jugendfreizeit mit unserem neuen Bischof Joachim! Die Katze auf dem Flyer sollte das Wortspiel verdeutlichen: Episcopussy. Damals hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass mich diese Fahrt für die nächsten 14 Jahre in der Jugendarbeit begleiten sollte wie ein roter Faden. Erst als Teilnehmer, dann als Leiter – und zum Schluss als einer, der als Geistlicher selber Jugendliche aus seinen Gemeinden nach Fouday mitbringt.

1996. Die Vorfreude war groß: Unsere Firmgruppe hatte den gerade geweihten Bischof schon zur Firmung im Vorjahr näher kennen lernen dürfen. Aus unserer Sicht war dieser Bischof so anders, er war gar kein typischer Bischof: Er hatte keine Berührungsängste mit uns Jugendlichen, er stellte sich unseren kritischen Fragen, er sang gerne moderne Kirchenlieder und nahm sich Zeit für jeden Einzelnen von uns. Ein richtiger Bischof „zum Anfassen“. Unsere Vorfreude war also groß, Bischof Joachim wieder zu sehen – und natürlich freuten wir uns auch, andere Jugendliche aus unserem Bistum wieder zu treffen. Es hatten sich auch einige Firmgruppen aus weit auseinander liegenden Gemeinden angekündigt, aus Kaufbeuren, aus Furtwangen, aus Bonn, aus Krefeld – und auch ein paar Einzelteilnehmer.

 

Das Haus

 

Nach der, schon von Jürgen Wenge erwähnten, besten Wegbeschreibung fuhren wir also im Frühsommer 1996 nach Fouday in das Selbstversorgerhaus, das Bischof Joachim schon seit seiner Komminger Zeit immer wieder mit Gruppen besucht hatte.

Es gab gerade für uns Jugendliche aus der Stadt viel zu meckern an diesem Haus: Es war dreckig und (jedes Mal) sauberer, wenn wir wieder abfuhren; die Duschen waren eine Katastrophe und der Flur war „zu laut“ konzipiert für unsere nächtlichen Eskapaden. Aber im Rückblick muss ich sagen: Gerade die Einfachheit dieses Hauses hatte ihren besonderen Charme. Vier bis fünf Tage einmal ganz einfach zu leben – das war für viele Jugendliche eine Offenbarung. Einmal selber Klos putzen müssen – für viele war das eine Premiere!

 

Das Programm

 

Auf dem Programm stand Singen (als ich meine Jugendfreundin Vicky fragte, wie sie Episcopussy charakterisieren würde, sagte sie: „Alta Trinità und Sana Sananina in einer süßen kleinen Kirche.“), Spiele, Wandern und Tagesausflüge nach Colmar, zur Hochkönigsburg und nach Straßburg. Und immer mit dabei: unser Bischof Joachim. Dieses Gefühl verstärkte sich mit jedem gemeinsamen Erlebnis. Mit den Gruppenspielen, dem gemeinsamen Kochen – und dem zehnten Spät-Nach-Mitternacht-Bierchen bei Speck und Rührei in der Küche – Joachim war immer mit dabei. Ja, es war wirklich unser Bischof. Er war sich nicht zu schade, selber mit anzupacken, und er konnte am (damals noch erlaubten) Lagerfeuer auch mal alle Fünfe gerade sein lassen und einfach nur ausgelassen mitfeiern.

Inhaltliche Workshops kreisten auch in den Folgejahren immer wieder um Identitäts-stiftende Fragen von Jugendlichen: Wie sieht mein Weg in Zukunft aus? Was für Arbeit finde ich einmal? Wie sieht mein Weg mit Gott aus? Gott – was ist das überhaupt?

 

Das Team

 

2000 stand für Bischof Joachim im Leitungsteam ein großer Wechsel an. Der baj-Vorstand war neu gewählt worden. Deborah Helmbold wechselte in die Synodalvertretung – Anja Keller und ich kamen neu hinzu.

 

Es war schön, nun aus Sicht des Leiters mit Bischof Joachim, Jürgen Wenge, Benedikt Birkhäuser, Volker Ochsenfahrt und Anja Keller gemeinsam die Tage in Fouday vorzubereiten. Als mein persönliches Highlight empfand ich Episcopussy 2003: Das Buch des Jahres – Harry Potter oder die Bibel. Kreativ tobten wir uns in diesem Spannungsfeld aus. Und wieder mittendrin dabei: unser Bischof. Er verschwand zwar jetzt immer etwas früher im Bett (wie Jürgen Wenge berichtet, hieß das aber anscheinend nicht, dass er schlafen ging), dafür tanzte er vorher ausgelassen mit.

Apropos: das mit dem Tanzen war so ne Sache in Fouday. Es löste nicht nur kleine Ehekrisen aus (gell Jürgen), nein, auch die Tanzfreudigkeit schwankte von Jahr zu Jahr. Es gab Jahre, da saßen die Jugendlichen vor allem um die Tanzfläche herum und wippten lediglich mit dem Kopf – während in anderen Jahren alle stundenlang ausgelassen tanzten, was die Tanzfläche hergab. Warum das so war, bleibt uns bis heute ein Rätsel.

 

Routine

 

In die Vorbereitung der Episcopussy-Tage trat eine gewisse Routine: Die Ausflugsziele waren bekannt („Hungerplatz“ und „Odilienberg“ sind einfach Klassiker), und auch die Themen wiederholten sich. Ich hätte gerne einmal ein neues Haus ausprobiert, aber Bischof Joachim überzeugte mich jedes Jahr aufs Neue, dass es gerade dieses Haus sei, was Episcopussy ausmache. Um etwas Neues auszuprobieren, wechselten wir nicht das Haus, sondern versuchten uns für ehemalige Episcopussy-Mitfahrende und andere junge Erwachsene in einem neuen Projekt: EpiscoPlus. (Scherzhalber kündigten wir damals schon die nächste Version der Fahrt nach Fouday an: EpiscoTabs). Fouday und Bischof Joachim, das sind einfach zwei Teile, die zusammengehören.

 

Umso mehr konnte ich Episcopussy genießen, als der baj-Vorstand abermals erneuert wurde: Der zwischenzeitlich hinzugekommene Bernhard Birkhäuser wurde 2006 neu unterstützt von Alexander Friedrich, Bettina Sigmund und Bistumsjugendreferent Armin Strenzl – später kam noch Judith Lampe hinzu. Nun war ich auf der Seite, die damals mein Vater für unsere Firmgruppe innehatte. Meine Ehre war es nun, jedes Jahr den Jugendlichen zu verkünden: „Wir fahren nach Fouday! Wer kommt mit?“

 

Vielen Dank Bischof Joachim für die tolle Zeit mit dir in Fouday!

 

Ulf Martin Schmidt