Wenn es Nacht wird in Fouday…

 

Fouday? Was ist das denn? Als ich Anfang 1996 ins alt-katholische Bistum kam, wurde ich unmittelbar mit dieser kleinen klangvollen Vokabel konfrontiert – und dabei bin ich noch nicht mal der französischen Sprache mächtig. Was „das“ ist, Fouday, habe ich dann ein Jahr darauf (bereits als Bistumsjugendreferent) hautnah kennen gelernt: ein unscheinbarer (fast verwunschener) Weiler hinter dem ersten Vogesen-Hauptkamm, zwischen Straßburg und Saint-Dié, etwa 8 km hinter der Ortschaft Schirmeck. Man fährt normalerweise bis Straßburg und von dort in Richtung Saint-Dié (wenn ein Zusatzhinweis gegeben ist, immer den Hinweis: „par col“ nehmen; auf keinen Fall „par tunnel“ fahren, einige Leserinnen und Leser werden wissen, was gemeint ist), über Mutzig, Schirmeck, von Rothau geht es bis Devant-Fouday; dort gleich hinter einer Unterführung links hoch in Richtung Waldersbach / Col de la Charbonniere; nach dem Ortsende von Fouday geht‘s durch einen kleinen Flecken, der gekennzeichnet ist mit „le Trouchy“.

„Fouday“ wurde im alt-katholischen Bistum schnell zu einem Synonym für jenes Selbstversorgerhaus einer Straßburger evangelischen Kirchengemeinde, das offiziell den Namen „Maison Louise Scheppler“ trägt und das letzte Haus in „le Trouchy“ auf der linken Seite ist.  Der Weg dorthin führt über ein (fast baufälliges) Brückchen über den Bach Schirgoutte. An dem Brückchen ist ein kleines Hinweisschild angebracht (mindesten ebenso renovierungsbedürftig) „foi et culture“ – Glaube und Kultur.

Vermutlich würde wohl niemand in unserem Bistum Fouday kennen gelernt haben, wäre es nicht einer der Orte, die Bischof Joachim liebt und die er unzählige Male aufgesucht hat - zumeist mit Menschen aus den Gemeinden in Blumberg/Kommingen und Offenbach, später dann mit Menschen aus dem ganzen Bistum.

 

Der Tag

 

Fortan also fuhr ich jährlich mit dem baj zu „Episcopussy“ (unter penibler Einhaltung der oben skizzierten Route – meines Wissens die genaueste Beschreibung, die es gibt), später dann auch zu EpiscoPlus, zwischendrin noch das eine oder andere Mal zu den Herdenbrieftagen – und so wurde jenes erste Wörtchen meines Beitrags hier zu einer echten Kategorie in meiner alt-katholischen Existenz.

 

Die eine oder andere Facette der Fouday-Fahrten mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist ja mittlerweile legendenhaft verklärt – Wanderungen bei Wind und Wetter, Pilze-Sammeln als dauerhafte (und von manchen als völlig sinnlos empfundene) Unterbrechung dieser Wanderungen, Diskussions- und Kreativgruppen im meist völlig überfüllten Haus, mal tiefsinnige und mal heitere, mitunter sogar alberne Gespräche (also sehr heiter) beim Frühstückbereiten in der Küche oder abends beim Abspülen angesichts horrender Geschirrberge, ein Bierchen mit Drehverschluss bei Dunkelheit vor der Tür (ebenfalls bei Wind und Wetter). Ich vermute, dass Andere in dieser Ausgabe von Christen heute dazu einiges schreiben werden.

 

Die Nacht

 

Ich jedoch bin berufen, noch einige Sätze loszuwerden zu einem Thema, das die wenigsten „so“ erlebt haben dürften: Wenn es Nacht wird in Fouday…, ja dann war es stets die vornehmste Aufgabe des Bistumsjugendreferenten, mit Bischof Joachim das Zimmer zu teilen – ganz oben unterm Dach, möglichst weit weg vom Schuss, damit der restliche baj-Vorstand ungehindert in der Lage war, die jugendlichen Massen in bestimmten geordneten Verhältnissen zu bewahren.

 

Nun könnte man ja meinen, dies sei die beste Garantie für eine ruhige Nacht, doch weit gefehlt. Im Grunde genommen war der „Ablauf“ immer gleich: Der Bischof zog sich irgendwann unter dem Hinweis auf sein fortgeschrittenes Alter und das damit einhergehende Ruhebedürfnis zurück, der Bistumsjugendreferent tat noch ein, zwei Stündchen so, als fühle er sich ungleich jünger, um dann (mittlerweile natürlich der Älteste im Raum) ebenfalls den Rückzug unter Hinweis auf sein Ruhebedürfnis anzutreten.

 

Der dahinter stehende Grundgedanke: Man kommt in einen dunklen Raum, in dem der Bischof bereits friedlich schläft, legt sich selbst möglichst lautlos in das zweite Bett, um umgehend in Tiefschlaf zu verfallen und morgens erholt aufzuwachen. Soweit die Theorie. Die Realität jedoch sah anders aus: Nachdem ich mich mühsam bis unters Dach hinaufgekämpft hatte, betrat ich einen Raum, der von einer schummerigen Nachttischlampe erhellt war, der Bischof lag in seinem Bett – und las.

 

Oberlin

 

So weit so gut. Damit hatte sich das möglichst leise Niederlegen erübrigt, aber auch an Schlaf war nicht zu denken: Alle möglichen nächtlichen Gespräche über Gott und die Welt standen an. Oft auch über das jeweils aktuelle Buch, das Bischof Joachim gerade las. Im Grunde musste ich nachts zu intellektueller Hochform auflaufen – mühsam nach den Wanderungen und Arbeitskreisen des Tages. Und gab es grade nichts Aktuelles mehr zu diskutieren, dann gab Johann Friedrich Oberlin, der langjährige evangelische Pfarrer im Steintal immer noch genug Gesprächsstoff her: Oberlin verbesserte den Obstbau, die Wiesenanlagen und die Landwirtschaft, legte Brücken und Straßen an, die er mit den einheimischen Bauern selbst baute, und gründete, unterstützt von seinem Basler Freund Johann Lukas Legrand, mehrere Industriebetriebe. Auf seine Initiative hin entstanden auch Kleinkinderschulen, deren erste, die „salle d‘asile“ in Waldersbach, von seiner Haushälterin Louise Scheppler geleitet wurde. Er gründete eine Leih- und Kreditanstalt und letztendlich konnte mit deren Hilfe eine Seidenband-Fabrik im Steintal angesiedelt werden. Oberlins Erziehungsgrundsatz war: „Erzieht eure Kinder ohne zuviel Strenge, mit andauernder zarter Güte, jedoch ohne Spott.“ Um die Erwachsenen zu fördern, gründete er landwirtschaftliche Vereine und führte moderne Saat- und Anbaumethoden ein. Durch sein sozialpädagogisches Wirken eröffnete Oberlin auch Frauen einen Weg in die anerkannte Berufswelt. Ein Mann mit vielen Ecken und Kanten, aber in jeder Hinsicht faszinierend.

Hätte ich all das je erfahren, ohne die Nächte mit Bischof Joachim?

 

Schlaflos im Steintal

 

Wenn dann die Müdigkeit alle Beteiligten doch übermannte und ich auf andauernden Schlaf hoffte, welche Enttäuschung. Morgens, so gegen 4.30 Uhr, machte es „Klick“ – ein untrügliches Zeichen dafür, dass die schummerige Nachttischlampe wieder ihren Dienst aufnahm und dem Bischof zu erneuter Lektüre verhalf. Meist habe ich so getan, als ob ich noch nicht von den Toten zu erwecken wäre.

Ein einziges Mal habe ich versucht, während einer nicht ganz ausgebuchten Fahrt in einem dunklen (!) Nachbarzimmer zur Ruhe zu kommen, aber auch das ging gründlich schief: Bischof Joachim war so besorgt, ich könne unter all den Jugendlichen vollkommen unter die Räder gekommen sein, dass er mich mitten in der Nacht laut polternd und unter Schlagen verschiedener Türen suchte: Flucht war also auch keine Lösung für mein „Problem“.

Das Ende vom Lied: Nach diesen Fahrten kam ich stets übermüdet und mit Ringen unter den Augen nach Hause – dort wurde immer vermutet, das sei ein Resultat meiner Aufopferung im Dienste der Bistumsjugend. Ich habe nie widersprochen…

Für mich sind das (natürlich nicht nur das) unvergessliche Erinnerungen an einen Ort, der auf den Landkarten kaum verzeichnet ist, und der mich in den letzten fast fünfzehn Jahren permanent im Jahreslauf begleitet hat.

Lieber Bischof Joachim, für all diese Fouday-Erfahrungen (in der Nacht und am Tag) sage ich Dir ganz einfach „Danke“.

 

Jürgen Wenge