Die Herdenbriefe

Ein Vermächtnis des scheidenden Bischofs

 

Briefe eines Bischofs an die Gemeinden seines Bistums gibt es in der Kirche nahezu von Anfang an. Allerdings erschienen solche Schriften, die in der Tradition der Apostelbriefe und nachapostolischen Gemeindeschreiben gesehen wurden, nur gelegentlich und keineswegs regelmäßig. Bedeutung erhielten die bischöflichen Briefe in Deutschland in der römisch-katholischen Kirche erst im 18. Jahrhundert. Sie enthielten Stellungnahmen zu ethischen, pastoralen und gesellschaftspolitischen Fragen und wurden den Gläubigen jeweils in der Eucharistiefeier vorgelesen. Die evangelische Kirche kennt eine solche Tradition nicht. Im 19. und 20. Jahrhundert machten manche Bischöfe von der Möglichkeit, sich durch Briefe an die Gläubigen zu wenden, bisweilen exzessiv Gebrauch. So verfasste der Breslauer „Fürstbischof“ Adolf Kardinal Bertram, langjährig Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz, in seiner Amtszeit als Bischof von 1914 bis 1945 etwas mehr als 250 Hirtenworte, zum Teil mit Stellungnahmen zu brisanten politischen Fragen.

Wiewohl die Bezeichnung „Hirte“ für den Leiter einer Gemeinde in der Briefliteratur des Neuen Testamentes vielfach vorkommt, geriet sie gerade durch manche Hirtenworte allmählich in Misskredit. Das Empfinden, durch bischöfliche Weisungen bevormundet und für unmündig gehalten zu werden, wuchs. Seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts trafen sich in Deutschland und Österreich kritische Katholiken aus den Bewegungen „Kirche von unten“ bzw. „Wir sind Kirche“, um auf umstrittene Hirtenworte mit Herdenbriefen zu reagieren, die sie bewusst so nannten, um die Vorstellung vom autoritären Hirten und von der unmündigen Herde zu ironisieren.

Die Hirtenworte, die regelmäßig vor allem in der Fastenzeit verlesen werden sollten, waren aber, wie ich sie erlebt habe, zumeist nicht provokativ, sondern schlichtweg langweilig. Sprachlich klangen sie meist sehr amtlich steif. Willkommen geheißen wurden sie aber oft vom Pfarrklerus: Gewährten sie doch einen predigtfreien Sonntag. Ganz arbeitsfrei ließen die Hirtenbriefe unsereinen allerdings nicht. Da sie die Länge einer normalen Predigt übertrafen und einer Gemeinde vermutlich nicht zumutbar waren, wurde der Bleistift gezückt, um Streichungen vorzunehmen, die möglichst nicht den Sinn entstellten. Man musste es wagen, dem Bischof „ins Wort zu fallen“. Auf dem skizzierten Erfahrungshintergrund erscheinen mir die Hirtenbriefe Bischof Joachims bemerkenswert.

 

Eine neue Art von Hirten-briefen und deren sprachliche Wucht

 

Hirtenbriefe haben auch in unseren alt-katholischen Bistümern Tradition. Lesenswert sind nach wie vor die Hirtenworte des ersten christkatholischen Bischofs, Eduard Herzog. Aufschlussreich für die Anfänge der alt-katholischen Kirche sind auch die Hirtenbriefe des ersten „Katholischen Bischofs der Alt-Katholiken im Deutschen Reich“, Joseph Hubert Reinkens, als Buch veröffentlicht nach seinem Tod 1887 und als Reprint erhältlich im Ordinariat unseres Bistums. Sie „dürfen wohl als das Schönste betrachtet werden, was derselbe in der späteren Periode seines Lebens seit 1870 geschrieben hat. Es sind ihrer nicht viele im Verhältnis zu der Dauer seiner bischöflichen Amtsthätigkeit, da er nicht regelmäßig zu jährlich wiederkehrenden Zeiten Hirtenbriefe ausgehen ließ; um so reicher sind diese wenigen an innerem Gedankengehalt.“ So schreiben Mitglieder der Synodal-Repräsentanz als Herausgeber in der Einleitung. Eine ähnliche Beachtung verdienen meines Erachtens die Hirtenworte Bischof Joachims über sein Episkopat hinaus.

 

Fast schon zu Beginn seiner Amtszeit hat sich Joachim Vobbe für seine Hirtenbriefe ein Projekt vorgenommen, an das ich hier erinnern möchte: Er wollte nicht Hirtenworte über dieses und jenes Thema, schon gar nicht Stellungnahmen zu Tagesfragen schreiben, sondern den Gläubigen die spirituelle, „vom Geist gewirkte“ Gestalt der sieben Sakramente erschließen. „Was uns Alt-Katholiken miteinander geistlich verbindet und als Kirche auch international lebendig hält“, schreibt er begründend, „ist nicht eine Institution wie etwa der Vatikan, aber auch kein gemeinsames Kirchenrecht und auch keine gemeinsame ‚Leitfigur‘ wie Martin Luther oder Johannes Calvin, sondern die Feier der Sakramente.“

Jahr für Jahr erschien ab 1997 eine Broschüre (mit einer ansprechenden Bildgestaltung auf dem Umschlag) zu einem der Sakramente. Die Hefte waren demgemäß umfangreicher als gemeinhin Hirtenbriefe sind. Sie sind entsprechend nicht als Briefe zum Vorlesen gedacht, sondern zum Lesen und richten sich in etlichen Passagen an die Amtsträger, zumeist aber unmittelbar an die Laien in unserer Kirche. Darüber hinaus sind sie als Handreichung gedacht für das ökumenische Gespräch und als Information für an unserer Kirche Interessierte. Glücklicherweise konnte der Bischof nach Abschluss der Reihe die Briefe geschlossen in einem Buch mit festem Umschlag erneut veröffentlichen (ergänzt durch zwei Briefe zur Frauenordination und zur Jahrtausendwende 2000). Dadurch sind die Hirtenbriefe den Gemeinden über das ursprüngliche Publikationsjahr hinaus verfügbar. Das Buch trägt den Titel „Brot aus dem Steintal. Bischofsbriefe“ (Alt-Katholischer Bistumsverlag, Bonn 2005).

Apropos Bischofsbriefe. Der Bischof nennt sie gern Herdenbriefe. Den Briefen zugrunde liegen nämlich „Herdenbrieftage“, ein etwa einwöchiges Treffen von Christen aus unserem Bistum und gelegentlich auch aus anderen Kirchen. In den letzten Jahren gibt es zwar auch in römisch-katholischen Teilkirchen solche Hirtenbriefe, besonders zu sozialpolitischen Themen, die nach Konsultationsprozessen abgefasst sind. Um Rat gebeten wurden aber gezielt Fachleute, die zu der jeweiligen Thematik etwas zu sagen hatten.

 

Anders bei den „Herdenbrieftagen“. Es kamen dort - entsprechend der Unterkunftsmöglichkeit im Louise-Scheppler-Haus im elsässischen Fouday, eben im Steintal - etwa 20 Teilnehmer in zufälliger Zusammensetzung in der Reihenfolge der Anmeldung zusammen. Selbstverständlich durften auch Fachleute vorab einen Beitrag einreichen. Entscheidend aber war der Austausch von Erfahrungen und von Einfällen, die mittels eines „Brainstorming“ geäußert wurden. Sie fanden unmittelbar oder indirekt Eingang in die Briefe. Abgefasst wurden sie dann selbstverständlich vom Bischof und nicht nur im Sinne einer Endredaktion. Sie erweisen ein besonderes Konzept des Bischofs, auf das ich sogleich zu sprechen komme, und sind in einer erfrischend neuen Sprache abgefasst, die nicht in einen Fachjargon fällt. Offensichtlich hat Bischof Joachim überdies Freude an Wortspielen, ja an neuen Wortschöpfungen schon im Titel, die aufhorchen lassen. So gibt er beispielsweise dem Heft über die Eucharistie den Titel „Denk-mahl (!) göttlicher Zukunft“.

 

Der „phänomenologische“ Ansatz der Briefe

 

Ausgang der Darlegungen ist zumeist eine „phänomenologische“ Betrachtung (um es treffend in der Wissenschaftssprache zu sagen), das heißt es wird ins Bewusstsein gehoben, was die Sinne an Dingen oder Handlungen wahrnehmen, um von dort auf wesentliche Aussagen zu kommen. Alltägliche Erfahrungen werden bewusst gemacht; und somit werden Menschen an die Sakramente nicht wie an Erscheinungen aus einer ganz anderen Welt herangeführt.

Im Heft über die Taufe wird zuerst das Wasser in unserer Erfahrung betrachtet. Ganz augenfällig ist, dass Wasser Leben ist. Es begleitet unser Leben und ist lebensnotwendig. Das Untertauchen ist aber unter Umständen auch eine lebensbedrohliche Angelegenheit. Diese Doppelgesichtigkeit des Wassers umfasst in dessen Symbolgehalt Tod wie Leben. So kann die Taufe nach Paulus als eine Teilhabe an Christi Tod und Auferstehung begriffen werden. Sie weist einen Weg „aus allen Begrenztheiten, einen Weg aus der Todverfallenheit und Aussichtslosigkeit aller irdischen Wege. Sie eröffnet mir unvergängliches Leben.“

 

Am ausgiebigsten wird über ein Element des alltäglichen Lebens meditiert in der Broschüre über die Firmung wie in den Betrachtungen über die Krankensalbung. Öl oder Salbe für die Haut: dies ist von medizinischer oder kosmetischer Bedeutung und verbindet sich besonders heutzutage mit dem Bedürfnis nach „Wellness“, nach Sich-gut-Fühlen und Heil-Sein. Der Bischof regt an, dass in den Gemeinden zum Verständnis des Sakraments der Krankensalbung u.a. Elemente aus der Massagepraxis mit Öl etwa an Händen oder Füßen versucht werden.

 

Vorrang der Pastoral

 

Bischof Joachim liegt es fern, trockene akademisch-theologische Ausführungen zu schreiben. So bietet er in dem Heft übers Weihesakrament keine Begründungen für die zwingende Notwendigkeit eines bleibenden Dienstes in der Kirche; er beschreibt lediglich seinen Charakter: Das Sakrament des „Ordo“ ist das Sakrament der geordneten kirchlichen Ämter und Dienste, von Christus gewollt und zum Aufbau der Kirche wichtig. Wichtiger sind ihm die Eigenschaften, die einen Amtsträger auszeichnen sollen: die Christusnachfolge, ein Leben in der Gegenwart Gottes, die Bereitschaft, geschwisterlich zu teilen (nicht nur materiell), das Bemühen um Einheit und das Zuhören-Können. Wesentlich für die Amtsführung hinsichtlich der Gemeinde ist eine Geh-Struktur statt einer Komm-Struktur. Wir Amtsträger sollten diese pastoralen Weisungen immer wieder einmal meditieren und unser Verhalten überprüfen.

 

In all dem steckt auch unausgesprochen so etwas wie eine Theologie der Weihe. Der Bischof ist aber gegebenenfalls auch bereit, theologische Einsichten zugunsten der Pastoral zurück zu stellen. Ein Beispiel: Die theologiegeschichtliche Forschung hat das Sakrament der „letzten Ölung“, das Sterbesakrament, zu der es im Mittelalter geworden war, als Krankensalbung wieder ins Leben zurückgeholt. Dabei ist sie nicht nur als Salbung bei lebensbedrohlich Kranken zu verstehen. „Der Grad der Betroffenheit von der eigenen Krankheit ist weitgehend Sache des persönlichen Empfindens“, wie Bischof Joachim sagt. Was aber, wenn Angehörige eines Menschen, der im Sterben liegt, den Priester oder die Priesterin zur „letzten Ölung“ rufen? Dann sollte den Angehörigen kein theologischer Vortrag über die Bedeutung der Krankensalbung gehalten werden, die in dieser Lage nicht mehr sinnvoll sei. Schließlich könne man nicht voraussetzen, dass eine neuere theologische Entwicklung schon überall angekommen sei. Und der Besuch des Priesters könnte in dieser Familie der letzte gewesen sein.

 

So wichtig dem Bischof die Gestaltung der Liturgie ist, so versichert er gleich zweimal, dass er kein liturgischer Purist sei und eben die Pastoral in bedeutsamen Fragen auch über liturgiegeschichtliche Gegebenheiten setze. Auch hier ein Beispiel: das Kyrie zu Beginn der Eucharistiefeier. Als römisch-katholische Liturgiewissenschaftler dem Konzilsauftrag entsprechend daran gingen, in einem internationalen Gremium die Liturgie der Eucharistie neu zu gestalten, hatten die Franzosen den Wunsch, den Ruf „Herr, erbarme dich“ zu einem Bußgebet auszubauen, zumal beschlossen war, das Stufengebet mit dem Confiteor („Ich bekenne..., dass ich gesündigt habe in Gedanken, Worten und Werken“) wegfallen zu lassen. Die Deutschen hielten entgegen, dass dieser Ruf dem Kaiserkult entstamme, daher kein Bußruf sei, sondern eine Huldigungsadresse an den Kaiser, die auf Christus übertragen wurde und als solche zu Beginn der Eucharistiefeier sinnvoll sei. Bischof Joachim möchte hingegen, da die bußbezogenen Gebetsformeln selten geworden seien, dass der Priester das Kyrie mit einer Vergebungsbitte an Gott weiterführt, wenngleich dies nicht in unserem Altarbuch berücksichtigt ist.

Hinsichtlich des Bußsakramentes befürwortet der Bischof einen festen Ritus, der tröstend die Vergebung Gottes zuspricht, ob in einer Bußandacht oder bei einer persönlich gewünschten Privatbeichte. Er wehrt aber einem jeden Ritualismus, der sich auf einen bloß formelhaft vollzogenen Ritus beschränkt, ohne dass er im Umfeld konkret auf Umkehr und Versöhnungssehnsucht hinwirkt, die Lösung liegen gebliebener Konflikte anstrebt oder wenigstens bespricht. Bischof Joachim bringt es auf die Formel: Versöhnung zuerst. Ob die verschiedenen menschlichen Wege, auf denen diese angegangen wird, in ein sakramentales Geschehen münden, ist situationsabhängig.

 

Ein wichtiger theologischer Akzent in einem Hirtenbrief

 

Dass Bischof Joachim Vobbe in Hirtenbriefen – man nannte sie früher auch „Pastorale“ – den pastoralen Aussagen den Vorzug gibt, erscheint angemessen. Diese Tatsache bedeutet aber nicht, dass die Briefe ganz und gar keine ausgesprochen theologischen Aussagen enthielten. Solche sind besonders im bischöflichen Brief zur Ehe enthalten, wo sie einen neuen Akzent setzen. Das geschieht besonders bei der Frage der Begründung der Sakramentalität der Ehe. Zum ersten Mal wird in unserem deutschen Bistum ausgesprochen, dass nicht schon das Ja-Wort der Brautleute, das jeder Ehe, ob bei religiösen oder ungläubigen Menschen, die Gültigkeit verleiht, ihr auch schon den sakramentalen Charakter verleiht. Vielmehr kommt hier – wie bei allen anderen Sakramenten – der Herabrufung des Hl. Geistes („Epiklese“) entscheidende Bedeutung zu. Die unverdient ausgeteilte Gnade Gottes, die für die Ehe erbeten wird, kann man sich halt nicht selber geben.

Die begründende Bedeutung des Segens für die Sakramentalität wurde in der alt-katholischen Kirche in den Niederlanden von Anfang an vertreten, dann auch in der christkatholischen Kirche der Schweiz übernommen. Lediglich die polnischen Alt-Katholiken können sich dazu noch nicht überwinden. Nichtsdestoweniger stellt der Bericht der Internationalen Römisch-katholisch/Alt-katholischen Dialogkommission 2009 verallgemeinernd fest: „Konstitutiv für die Eheschließung ist der Konsens der Brauleute. Die Sakramentalität der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau kommt nach römisch-katholischer Auffassung durch den Konsens von getauften Brautleuten zustande, der von einem hierzu bevollmächtigten Amtsträger der Kirche erfragt und entgegengenommen wird, nach alt-katholischer Auffassung durch deren Segnung durch einen ordinierten Amtsträger.“ (Kirche und Kirchengemeinschaft, Seite 18.)

 

Mit dem Werkbuch muss gearbeitet werden!

 

Auch der Ehehirtenbrief des Bischofs im Ganzen will sich keineswegs in theologischen Belehrungen erschöpfen, sondern ist grundsätzlich eine spirituell-pastorale Weisung. Wie alle anderen Briefe zu den Sakramenten enthält er im Anhang Materialien und Denkanstöße von den verschiedensten Autoren, seien sie christlich oder nicht, und aus allen Zeiten. Sie weisen die Broschüren als Arbeitshefte aus und das die Briefe versammelnde Buch als Werkbuch, das nicht nur gelesen, sondern in der Gruppe erarbeitet, meditiert und disputiert werden soll. Dazu bieten sich in der Gemeinde viele Gelegenheiten: die Vor- und Nachbereitung der Sakramentenspendung mit Kindern und vor allem Eltern und interessierten Gemeindemitgliedern. Ich wünschte, ich täuschte mich: Ich habe aber den Verdacht, dass die Briefe in den Gemeinden viel zu wenig genutzt werden.

 

Klaus Rohmann