Bischof mit Humor und Diplomatie

 

Joachim Vobbes Leitungsjahre

 

Mit der Übergabe des Hirtenstabs an den neuen Bischof unseres Bistums, Dr. Matthias Ring, wird der Leitungsdienst von Bischof Joachim Vobbe beendet sein. Fünfzehn Jahre lang hat der inzwischen 63-Jährige ihn ausgeübt. Schauen wir zurück auf diese Zeit.

 

Der Amtsantritt Joachim Vobbes am 25. März 1995 war kein leichtes Unterfangen. Er fiel mitten hinein in eine tiefe Krise der Utrechter Union. Diese hing mit der Frauenordination zusammen, die in Deutschland schon beschlossene Sache war. Die Internationale Alt-Katholische Bischofskonferenz (IBK) empfand den im Mai 1994 von der deutschen Bistumssynode getroffenen Beschluss als Alleingang und damit als Verstoß gegen eine drei Jahre zuvor getroffene Vereinbarung, den Weg zur Frauenordination gemeinsam zu gehen. Sie beschloss aus diesem Grund, die Mitgliedschaft des deutschen Bischofs vorläufig ruhen zu lassen. Bei der Bischofsweihe Joachim Vobbes herrschte deshalb dicke Luft. Zwar waren seine Bischofskollegen alle da, aber man spürte deutlich: Die deutsche Kirche galt als isoliert, ihr Bischof gehörte zu diesem Zeitpunkt nicht richtig dazu.

 

Es war dem Verhandlungsgeschick Joachim Vobbes zu verdanken, dass die IBK ein Jahr später ihren Beschluss wieder zurücknahm, jedoch unter der Bedingung, er solle sich in der deutschen Kirche für eine Verschiebung der Frauenordination bis zum Abschluss des Gesprächsprozesses 1997 einsetzen, andernfalls würden seine Mitgliedsrechte bis zu diesem Zeitpunkt wieder ruhen.

 

Bischof zwischen allen Stühlen

 

Im Wissen, dass die Erfüllung dieser Bedingung wohl nicht möglich werden würde – man plante die Weihe von Angela Berlis und Regina Pickel-Bossau an Pfingsten 1996 – und in der Befürchtung, damit einen Bruch zwischen deutscher Kirche und Utrechter Union herbeizuführen, wurden Bischof Joachim und der Zweite Vorsitzende der Synodalvertretung, Dr. Hans-Joachim Rosch, damals beim Erzbischof von Canterbury vorstellig. Mit ihm wollten sie für alle Fälle die Möglichkeit einer Aufnahme der deutschen Alt-Katholischen Kirche in die Anglikanische Gemeinschaft erörtern. Der Erzbischof von Canterbury, George Carey, sagte im Fall eines Ausschlusses des deutschen Bischofs aus der IBK der Utrechter Union eine Aufnahme des deutschen Bistums in die Anglikanische Kirchengemeinschaft zu.

Gott sei Dank war diese Rettungsaktion am Ende nicht mehr nötig: 1997 erklärte die IBK, dass die Einführung der Frauenordination in die Verantwortung einer jeden alt-katholischen Orts- bzw. Nationalkirche fällt. Das deutsche Vorgehen war damit rehabilitiert. In Österreich, der Schweiz und in den Niederlanden rüstete man sich für die ersten Weihen.

Mochte Joachim Vobbe bis dahin außerhalb der alt-katholischen Welt noch unbekannt gewesen sein, änderte sich das Pfingsten 1996 durch die erste Priesterinnenweihe einer alt-katholischen Kirche. Es gab kaum eine Rundfunkanstalt, die nicht darüber berichtete, selbst in den angrenzenden Ländern. Auch die Zeitungen waren voll davon; sogar in der „New York Times“ und der „Los Angeles Times“ sowie in zahlreichen europäischen Blättern fanden sich ausführliche Artikel. Dabei wurde nicht nur Bewunderung laut, es wehten unserer Kirche und ihrem Bischof auch kalte Stürme der Ablehnung ins Gesicht. Doch Joachim Vobbe erwies sich als ein wackerer Kämpfer, dem es mit Diplomatie und Humor gelang, das Ansehen der Alt-Katholischen Kirche in der Öffentlichkeit zu stärken.

 

Dienst an der Einheit

 

In der Frauenordinationsfrage wusste er sich dabei vom Großteil ihrer Mitglieder getragen. Anders wurde dies, als die Frage auftauchte, wie wir mit Christinnen und Christen umgehen sollen, die sich als homosexuell bekennen. Dahinter verbarg sich nicht nur das Bedürfnis nach Integration, sondern auch nach Übernahme kirchlicher Ämter und nach Partnerschaftssegnungen. Arbeitskreise bildeten sich, Broschüren erschienen, Synodenvorlagen wurden erarbeitet. Bischof Joachim nahm dies eher besorgt zur Kenntnis. „Was wir durch die Frauenordination an Zustimmung erfahren haben, könnte bei vorschnellen Entscheidungen ins Gegenteil umschlagen“, befürchtete er. Trotzdem setzte er überzeugende Zeichen. Eines der beeindruckendsten findet sich in der Broschüre über das Ehesakrament. Dort ist in einem eigenen Kapitel über gleichgeschlechtliche Partnerschaften ein Schuldbekenntnis zu lesen, das er stellvertretend für seine eigene Kirche ablegt. Erst dann entwickelt er seine Gedanken zur Segnung solcher Partnerschaften, und diese fallen grundsätzlich positiv aus, auch wenn er deutlich zum Ausdruck bringt, dass es vom Offenbarungsgeschehen und von den Offenbarungsschriften her nicht möglich ist, neben der Ehe eine weitere Institution der Lebensbindung zu begründen.

Diese Position wurde allerdings nicht von allen Kirchenmitgliedern geteilt. So kam es, dass der Bistumssynode 2003 ein Antrag vorlag, zur Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ein liturgisches Formular zu erstellen. Gleich zwei Gemeinden stellten ihn. Schon im Vorfeld der Synode gab es darüber harte Auseinandersetzungen. Doch auf der Synode selbst gelang es Bischof Joachim in mehreren Gesprächen, einen Kompromiss auszuhandeln: Die Liturgiekommission solle eine Dokumentationsstelle einrichten, in der die einzelnen Entwürfe kirchlicher Partnerschaftssegnungen gesammelt und abgerufen werden können. Als Antrag des Bischofs wurde dieser Vorschlag beinahe einstimmig angenommen; der ursprüngliche Antrag wurde zurückgezogen. Das war eine synodale Sternstunde, und Bischof Joachim brachte darin erfolgreich einen Wesenszug bischöflichen Handelns zum Ausdruck: die Sorge um die Einheit der Kirche, die natürlich in der eigenen Kirche zu beginnen hat.

Ebenfalls eine Sternstunde, wenn auch in ganz anderer Weise, gab es auf der Bistumssynode 2000 in Bad Herrenalb: Dort kam – im Blick auf das Millennium – die Haltung der deutschen alt-katholischen Kirche in der Nazizeit zur Sprache. Bischof Joachim hatte dazu extra den damaligen niedersächsischen Landesrabbiner Dr. Walter Homolka eingeladen, den er bei der Amtseinführung von Bischöfin Margot Käßmann kennengelernt hatte. Wichtig war ihm deutlich zu machen, dass es in diesen dunklen Jahren deutscher Geschichte nicht nur die Schuld dieses oder jenes Alt-Katholiken gab, sondern auch die Schuld der Institution und ihrer offiziellen Vertreter in offizieller Mission. Der berührenden Ansprache des Bischofs folgte ein Schuldbekenntnis der Synode, in dem die Abgeordneten einmütig sprachen: „In aufrichtigem Erinnern und in Kenntnis unserer Geschichte stehen wir zum Versagen unserer Kirche.“

 

Ökumene als Freundschaftspflege

 

Aber auch in den Dialog zwischen den Kirchen brachte Bischof Joachim sich ein. Allerdings zog er hier andere Begegnungsformen den sonst üblichen in Gremien und Konsultationen vor. Diese pflegte er lieber zu delegieren. Stattdessen lud er immer wieder Gäste aus der Ökumene ins Bonner Bischofshaus ein – darunter den Erzbischof von Canterbury und den früheren Vorsitzenden der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann. Dem Präses der Rheinischen Landeskirche, Nikolaus Schneider, und dem badischen Landesbischof Ulrich Fischer fühlt er sich freundschaftlich verbunden. Mit letzterem zog er sich vor Jahren sogar für eine Woche ins elsässische Fouday zurück, um über ein so heikles Thema wie das Amtsverständnis zu diskutieren – die Frucht dieses außergewöhnlichen Gesprächs im Beisein von Mitgliedern beider Kirchen liegt in der Broschüre „Von Amts-Wegen“ vor.

Joachim Vobbes Beziehungen zur Orthodoxie werden unter anderem in den festlichen Stolen augenscheinlich, die er immer wieder gern verschenkt und zu größeren Gottesdiensten vor Ort mitzubringen pflegt, um die konzelebrierenden Geistlichen – des einheitlichen Bildes wegen – damit auszustatten. Hergestellt werden sie in einem rumänisch-orthodoxen Frauenkloster, das Bischof Joachim regelmäßig besucht und fördert – eine Gelegenheit, die er immer wieder auch zur Begegnung mit Vertretern der Kirchenleitung nutzt; beim inzwischen verstorbenen Patriarchen Teoctist war er ein gern gesehener Gast. Aber auch in Deutschland pflegt er gute Beziehungen mit den orthodoxen Kirchen, die Frauenordination hat sie nicht, wie befürchtet, beeinträchtigt. Bei der Feier des 125-jährigen Bestehens unseres Bistums im Juni 1998 überbrachte der griechisch-orthodoxe Metropolit Augoustinos sogar die Grüße des Ökumenischen Patriarchen Bartolomäus I. von Konstantinopel.

Diese in Köln veranstaltete Feier, in der Stadt, in der im Juni 1873 die erste Wahl eines alt-katholischen Bischofs stattfand, machte übrigens deutlich, dass das deutsche Bistum sich zahlreicher Freundschaften erfreut: Besonderer Gast war neben hochrangigen Vertretern der Bundesregierung und der politischen Parteien der frühere Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen und spätere Bundespräsident Johannes Rau, der den Festvortrag hielt – Thema: „Was erwartet der Staat von den Kirchen?“ Der Erzbischof von Utrecht, damals Antonius Jan Glazemaker, repräsentierte die unmittelbaren Schwesterkirchen. Selbstverständlich waren alle Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland vertreten, Bischof Jonathan Gledhill war im Auftrag des Erzbischofs von Canterbury da, und mit Bischof Fernando Soares war sogar die Lusitanische Kirche von Portugal anwesend, die gemeinsam mit der Spanischen Reformierten Episkopalkirche, den alt-katholischen Kirchen der Utrechter Union und den anglikanischen Gemeinden den selbstständigen und romunabhängigen Katholizismus in Europa darstellt.

 

Bischof mit Bodenhaftung

 

Um bei soviel Repräsentation und Diplomatie den Bodenkontakt nicht zu verlieren, führte Bischof Joachim die Herdenbrieftage und ein Jugendwochenende ein. Zu beiden Anlässen, die von 1996 an jährlich stattfanden, traf man sich in Fouday, einem kleinen Dorf in den Vogesen. Das Ergebnis der Herdenbrieftage liegt in den Bischofsbriefen über die Sakramente und den Jahrtausendwechsel vor, später entstanden hier das neue Gebetbuch „Gottzeit.“ und das Bildbändchen über den Isenheimer Altar. Für die Jugendlichen war das Treffen mit Bischof Joachim der Hit: die Wochenenden unter dem Namen „Episcopussy“ waren stets ausgebucht, und als die ersten Jugendlichen keine Jugendlichen mehr waren, gründeten sie mit Bischof Joachim „EpiscoPlus“, das Wochenende für junge Erwachsene – siehe Berichte weiter hinten. Hier war der Bischof für alle nur noch Joachim, man duzte sich und hielt das selbstverständlich über die Wochenenden hinaus aufrecht.

Auch bei den jährlichen Konferenzen der Geistlichen stand neben den dort zu verhandelnden Themen die Gemeinschaft im Mittelpunkt. Bischof Joachim tat viel, um sie zu fördern. Meist war er von Anfang bis Ende dabei, und abends griff er beim gemütlichen Zusammensein auch mal zur Gitarre. Dann war man schnell um einen Tisch versammelt, und nicht selten erfüllte vierstimmiger Gesang die Kellergewölbe der Tagungshäuser. Es waren nicht nur  geistliche Lieder, die dort erklangen, es waren vor allem auch Lieder aus dem rheinischen Karneval. Darin fühlt sich Joachim Vobbe zu Hause, und er wusste sich dabei nicht nur von seinen rheinischen Landsleuten getragen, sondern auch von vielen anderen Kollegen, die das so wachsende Miteinander begrüßten.

 

Jedes Wochenende in den Gemeinden

 

Nicht alle im Bistum haben diese Seite ihres Bischofs erfahren. Wenn Joachim Vobbe vor Ort war – und das war beinahe jedes Wochenende so – war das Programm viel zu gedrängt, als dass es Zeit für viel gemütliches Beisammensein gelassen hätte. Nur selten ist man dann auch unter sich – und das ist gut so, denn wir wollen als kleine Gemeinden ja wahrgenommen werden und nutzen deshalb diese Gelegenheiten, die örtliche Prominenz und die Freunde und Partner unserer Kirche einzuladen. Diakonatsweihen und die Weihen von Priesterinnen und Priestern gaben dazu ebenso Anlass wie Firmungen, Jubiläen und – in unserer Kirche eher selten – Kirchen- und Altarweihen.

Organisiert hat diese Reisen übrigens in aller Regel Joachim Vobbes Frau Mariette. Mit großem Elan unterstützte sie ihren Mann durch alle Jahre seines bischöflichen Wirkens. Anfangs tat sie das zusätzlich zu ihrer Hauptaufgabe als Mutter zweier Söhne im Teenyalter. Als diese dann flügge geworden waren, brachte sie sich außerdem noch ins Bischöfliche Ordinariat ein. Und wenn das Bischofshaus, wie so oft, zum Treffpunkt illustrer Gäste wurde, war sie es, die mit ihren Kochkünsten dafür sorgte, dass solche Abende als unvergessliche Erlebnisse in Erinnerung blieben. Noch wertvoller aber als das dürfte Mariette Kraus-Vobbes seelische Unterstützung ihres bischöflichen Ehemanns sein, denn Leitungstätigkeiten – das wissen wir auch aus anderen Bereichen – werden nicht nur kritisch beäugt, sondern stehen außerdem unter enormen psychischen Belastungen. Dass Bischof Joachim trotz der vielen Aufregungen, die der Ordinariatsalltag gelegentlich mit sich brachte und die ihm nicht selten den Schlaf raubten, aufgeräumt und gut gelaunt vor Ort erschien und darüber hinaus nie eine kleine Aufmerksamkeit für die Pfarrfrau oder den Pfarrmann vergaß, ist das unschätzbare Verdienst seiner Frau.

Bei so viel Einsatz wundert es nicht, dass Joachim Vobbes Gesundheit immer mehr in Mitleidenschaft gezogen wurde. Es geschah auf den dringenden Rat seiner Ärzte, als er vor den Pfarrerinnen und Pfarrern im Juni letzten Jahres seinen vorzeitigen Rückzug aus dem Leitungsdienst des Bistums ankündigte. Nach anfänglichem Schock wurde ihm für diesen Entschluss viel Verständnis entgegengebracht. So bedauerlich es ist, dass die Ära Vobbe auf diese Weise enden musste, so erfreulich ist es aber auch, dass es Bischof Joachim seitdem gesundheitlich deutlich besser geht. Bei der Wahlsynode seines Nachfolgers im November 2009 war er fast schon wieder der Alte. Nur der Applaus, den die Abgeordneten ihm am Ende der Synode spendeten, war sehr viel länger als die sonst üblich gewordenen Standing Ovations auf den bisherigen Synoden. Der Bischof sollte spüren, dass das Bistum ihn und seine Arbeit schätzt.

Joachim Pfützner