Plädoyer für den Advent

 

Ich weiß, das Rad lässt sich nicht mehr zurück drehen. Deshalb bringt auch großes Lamentieren nichts. Aber vielleicht muss man ja nicht jeden Unsinn mitmachen?

 

Das Kirchenjahr hat natürlich seinen liturgischen und theologischen Sinn. Über Jahrhunderte ist es gewachsen und wurde immer ausgefeilter. Aber es geht beim Kirchenjahr eben nicht nur darum, dass es theo- und überhaupt logisch stimmig ist. Es geht um Mitvollzug des Geglaubten. Und deshalb ist die Rolle der Psychologie nicht zu unterschätzen. Auch psychologisch muss es stimmig sein. Das aber gelingt jetzt vor Weihnachten kaum noch.

 

Ich komme mir richtig alt vor, wenn ich überlege, was sich seit meiner Kindheit da geändert hat. Da war doch der Advent tatsächlich eine ruhige Zeit. Er hieß auch noch nicht Vorweihnachtszeit – ganz abgesehen davon, dass immer mehr Leute heute Weihnachtszeit dazu sagen. Natürlich hat man auch schon Weihnachtsgeschenke eingekauft, aber das ging eher unspektakulär. Und Weihnachtsmärkte gab es kaum. Es war eine schlichte und dunkle Zeit. Sie wurde genutzt, um etwa mehr als sonst den Kindern vorzulesen oder zu basteln. Selbstverständlich wurde auch gebacken. Aber in unserer Familie war die strenge Regel: Gegessen wurden nur die Plätzchen, die zerbrochen waren. Die anderen kamen in eine Dose, und die wurde auf dem Schlafzimmerschrank sicher verwahrt.

 

Es war keine Zeit, auf die man sich besonders gefreut hätte. Man litt unter der Dunkelheit und an der Einfachheit, nicht wirklich schrecklich, aber doch so ein bisschen. Und zugleich baute sich die Spannung auf, und die Vorfreude – womit wir wieder bei der Psychologie wären. Die Adventskranzkerzen zeigten es an: Jeden Sonntag wurde das Licht ein bisschen mehr. Und dann kam der Heilige Abend, und vorbei war es mit dem Warten, mit der Dunkelheit, mit dem Verzicht. Endlich gab es Geschenke, endlich gab es die Plätzchen, endlich das Festessen – und endlich, da, wo das Jahr am dunkelsten ist, eine Überfülle von Licht am Christbaum!

 

Heute bin ich schon froh, wenn die Menschen in meinem Umkreis den Unsinn der Supermärkte nicht mitmachen und im September Christstollen essen. Wenn sie bis zum Advent warten, ist das ja schon gut. Und wenn die Christbäume wenigstens nicht vor dem ersten Advent stehen. Aber die psychologische Wirkung ist hin. Wie sollen wir auch äußerlich, leiblich spüren und nicht nur vom Kopf her glauben, dass Weihnachten etwas ganz Außerordentliches ist, wenn man schon am Heiligen Abend keine Plätzchen mehr sehen kann, wenn der Christbaum schon nadelt, wenn man die Weihnachtslieder schon über hat? Es ist zumindest schwerer geworden.

 

Warum es so kam, ist klar: Es stehen die Interessen des Handels gegen den überkommenen Zeitplan. Aber es ärgert mich, dass die Verschiebung so sinnlos ist. Denn es ist ja nicht so, dass die Menschen früher weniger gekauft oder gefeiert hätten. Geschenke gekauft wurden ja trotzdem vor Weihnachten. Und gefeiert wurde eben nach Weihnachten, in der Weihnachtszeit. Für alle, die es nicht mehr wissen: Die Weihnachtszeit geht von Weihnachten bis Mariä Lichtmess, das heute theologisch korrekt „Darstellung des Herrn“ heißt und immer noch am 2. Februar ist. Das ist ja wahrlich genug Zeit zum Konsumieren.

 

Nun, irgendwie bin ich doch ins Lamentieren gekommen. Ich find’s halt einfach schade. Ich finde, vor allem den Kindern hat man da etwas weggenommen. Und deshalb träume ich ein bisschen. Nicht davon, dass das Rad zurückgedreht wird, denn das wäre Illusion. Aber davon, dass die Leserinnen und Leser von Christen heute dem Rad ein bisschen Sand in die Nabe streuen, damit es nicht mehr so wie geschmiert läuft. So ein bisschen aussteigen aus dem Strudel, das ginge doch, oder? Im Advent genügend ruhige Zeit einbauen. Den Christbaum nicht vor dem Heiligen Abend anzünden, auch nicht den auf dem Balkon oder im Garten, aber dafür den Adventskranz. Das Gros der Plätzchen nicht vor Weihnachten servieren.

 

Nicht dass dies die theologische Bedeutung des Christfestes steigern könnte. Aber es würde helfen, dass unsere Seele mitkommt. Sie braucht den Advent.

 

Gerhard Ruisch