Zu Gast beim reformierten Katholizismus

Der Papstbesuch in Großbritannien

 

Was für ein Bild! Jeder Anglikaner, der vor der Zeit John Henry Newmans (1801-1890) die Szene vor dem Grab Edward des Bekenners am 17. September 2010 beobachtet hätte, wäre erstaunt gewesen und hätte sich gefragt, ob denn Westminster Abbey noch anglikanisch sei. Weihrauch steigt vor dem Grabmal auf und der Erzbischof von Canterbury betet Seite an Seite mit dem Papst. Vor der „katholischen Reformation“ im Anglikanismus in der Oxford-Bewegung war man der Ansicht, dass ein Christentum, das sich auf Gehorsam dem Papst gegenüber stützte, nur als Religion für strohdumme, irische Kindermädchen tauge. Und nun diese Szene gegenseitigen Respekts in der Westminster Abbey, die nicht nur die Krönungskirche für die englischen Könige ist, sondern auch vor der Reformation für etwa 600 Jahre als Benediktiner-Abtei monastisches Leben beherbergte. Grund genug, den Papstbesuch entlang von Kapitelüberschriften aus der Regel Benedikts einmal zu beleuchten.

 

Von schweren Verfehlungen (XXV)

 

Heinrich VIII. hatte aus politischem Kalkül, aber auch in Sorge um die zukünftige männliche Linie der Tudors die Kirche von England 1534 vom Parlament als unabhängig von Rom erklären lassen. Die Anfeindungen und Dämonisierungen, die sich damit auf beiden Seiten ergaben, sind in heutigem ökumenischem Kontext unglaublich und unvorstellbar. Elisabeth, die Tochter Heinrichs VIII., musste sich während ihrer gesamten Regierungszeit von papsttreuen Fürsten und Königen als Bastardkind beschimpfen lassen. Vor ihr hatte Maria I. versucht, England wieder ganz römisch-katholisch werden zu lassen und alle reformatorischen Kräfte ausgerottet – ihr Beiname „Bloody Mary“ lebt heute noch als Cocktail weiter. Erst nachdem Elisabeth 1570 von Papst Pius V. für exkommuniziert erklärt worden war und Papst Gregor XIII. die englischen Katholiken zu ihrer Ermordung aufgefordert hatte und in seinem Namen Jesuiten England in hoher Zahl überschwemmten, wurden die Katholiken Englands aus politischen, nicht aus religiösen Gründen verfolgt.

Die politische Unzuverlässigkeit haftete aber nun an Rom-Katholiken, so dass ihnen bis zur bürgerlichen Emanzipation der Rom-Katholiken in Großbritannien und Irland 1829 der Zugang zu den Staatsämtern verwehrt war.

 

Wie die Ausgeschlossenen Genugtuung leisten sollen (XLIIII)

 

Die Oxford-Bewegung, zu der sich auch John Henry Newman bis zu seinem Wechsel von der anglikanischen zur römischen Kirche zählte, bewirkte in fast allen anglikanischen Kirchen eine liturgische Annäherung an den Katholizismus. Als Ideal galt die Alte Kirche, was zu einem wiedererwachten Interesse am katholischen Erbe der Kirche von England führte. Die volle Kirchengemeinschaft zwischen den alt-katholischen Kirchen der Utrechter Union und dem Anglikanismus schon 1931 (Bonn Agreement) wäre ohne dies nicht denkbar gewesen. Und noch vor einigen Jahren war meine Erfahrung aus dem Vikariat in Los Angeles, dass man eine Eucharistiefeier erst dann in lutherisch, anglikanisch oder römisch-katholisch unterscheiden konnte, wenn man im Gesangbuch nachgeschaut oder die Kirchenfahne hinter dem Altar identifiziert hatte. Vom Ritus her war das nicht möglich.

Und wie so oft bei nahen Verwandten: der Familienstreit kracht dann umso robuster. Entgegen allen Versprechungen und Verpflichtungen in der europäischen Charta Oecumenica, die ja auch vom römisch-katholischen Rat der Europäischen Bischofskonferenzen unterzeichnet worden war, goss Benedikt XVI. im letzten Herbst Öl ins Feuer der hoch emotionalen Auseinandersetzung um Frauenordination und offenen Umgang mit Sexualität in der weltweiten anglikanischen Kirchengemeinschaft, als er erklärte, er wolle für übertrittswillige Anglikaner den roten Teppich in Form von Personalprälaturen ausbreiten. Um endlich mal Ruhe an der lästigen Diskussionsfront zu haben, sollten anglikanische Traditionalisten und Moderne-Verweigerer einfach römisch-katholisch werden. Wenn man bedenkt, dass der emeritierte Augsburger Professor für Pastoraltheologie Hanspeter Heinz mit seiner Veröffentlichung „Das Schweigen brechen“ in sorgfältiger Analyse des Lebensgefühls schwuler Priester die These aufstellt, dass 20% des römisch-katholischen Klerus homosexuell seien, scheint mir jeder Versuch, die Diskussion als geklärt und entschieden zu betrachten, doch reichlich verfrüht.

 

Als Affront gegen anglikanische, alt-katholische wie lutherische Kirchen musste auch die Veröffentlichung von Normen im Vatikan im Juli 2010 gelten, die über die Priesterweihe von Frauen den Stab „Verbrechen“ oder „schwerwiegende Straftat“ (je nach Übersetzung) brach. Auf dem Hintergrund der Missbrauchsdebatte in so vielen Ländern Europas war damit der gute Geschmack meiner Meinung nach deutlich verlassen.

Der Vatikan musste im Vorfeld des Besuchs Benedikts XVI. in Großbritannien aber auch einstecken. Nicht nur Teile der englischen Presse, auch öffentlichkeitswirksame Atheisten mit einem Fanatismus-Level von Religionskriegern machten deutlich, dass ein Papst in England unwillkommen ist. Auf Karikaturen war ein Kommentar „guter Hut, böser Mensch“ zu sehen; auch das ist eindeutig schlechter Geschmack.

 

Von der Aufnahme der Gäste (LIII)

 

Die historische wie zeitgenössische Gemengelage vor dem Papstbesuch lassen jedenfalls spannende dreieinhalb Tage erwarten, als Papst Benedikt XVI. am Donnerstag, 16. September auf dem Flughafen von Edinburgh landet und von Prinz Philipp empfangen wird. Als er dann in Schloss Holyrood, der offiziellen Residenz des britischen Königshauses in Schottland, auf die Queen trifft, wird deutlich, dass der Papst in seiner Funktion als Staatsoberhaupt kommt. Er wird von der englischen Krone gastlich und freundlich aufgenommen. Es war kein Kirchentreffen zwischen dem weltlichen Oberhaupt der Kirche von England, Königin Elisabeth II., und dem Bischof von Rom, denn in Schottland ist die anglikanische Kirche in der Diaspora. Die evangelisch-reformierte (presbyterianische) Kirche von Schottland war dort bis 1926 Staatskirche und gilt noch heute als Nationalkirche.

Die heißen Eisen zwischen Rom und Canterbury (der Erzbischof von Canterbury ist das geistliche Oberhaupt der Kirche von England) wurden meines Wissens sowohl im Gespräch mit der Queen wie mit Dr. Rowan Williams, dem Erzbischof von Canterbury, ausgeklammert – ein sehr britisches, aber auch weises Vorgehen. Auch wenn Johannes Paul II. schon einmal zu Pastoralbesuch 1982 bei den Katholiken in England, Wales und Schottland gewesen ist, so ist der Empfang Benedikts seit der englischen Reformation wirklich historisch, weil er den ersten offiziellen Staatsbesuch eines Papstes in Großbritannien darstellt. Dazu gehört dann auch die englische Staatskirche. Es wäre zum Kennenlernen der Ursprungskirche des Anglikanismus alles andere als förderlich gewesen, gleich über die Differenzpunkte zu streiten, die ja ohnehin bekannt sind und zumindest auf einer Seite recht unbeweglich fest stehen.

In einigen Presseberichten war von der herzlichen und freundlichen Atmosphäre zu lesen, die zwischen Benedikt XVI. und Erzbischof Williams geherrscht habe; kein Wunder, möchte man hinzufügen, verbindet sich im jetzigen Erzbischof von Canterbury doch ein immenses theologisches Gelehrtenwissen mit einem zutiefst frommen und spirituellen Menschen. Der Papstbesuch war mit dem Motto „Von Herz zu Herz sprechen“ überschrieben, und auch Benedikt XVI. betonte in seiner Rede vor den anglikanischen Bischöfen im Lambeth-Palast (Sitz des Erzbischofs von Canterbury) die Gemeinsamkeiten von römischen Katholiken und Anglikanern.

 

Von der Rangordnung in der Gemeinschaft (LXIII)

 

Dass der Papst den anglikanischen Priester und späteren römisch-katholischen Kardinal John Henry Newman im Zuge seines Besuchs selig gesprochen hat, wirkt nur auf den ersten Blick anti-anglikanisch. Auf anglikanischer Seite hat man das „Verräter-Trauma“ längst überwunden: im liturgischen Kalender der Kirche von England wird der Todestag John Henry Newmans (11. August 1890) mit einem Gedenken geehrt, und in der anglikanischen Grace Cathedral in San Francisco ist er auf dem Fenster der theologischen Reform abgebildet. Unter der Überschrift „Licht folgt der Finsternis“ findet er sich zusammen mit den anglikanisch gebliebenen Protagonisten der Oxford-Bewegung John Keble und Edward Pusey, just über Karl Rahner und Martin Buber. Benedikt XVI. hat somit einen Mann geehrt, der in einer Zeit ökumenischen Misstrauens sich für die „Zweisprachigkeit“ entschieden hat, der Zeit seines Lebens nie seine gewachsenen Freundschaften zu anglikanischen Mitstreitern gekappt hat und der für seine neue geistliche Heimat alles andere als bequem gewesen ist.

So befürwortete John Henry Newman die Stärkung der Laien in der römischen Kirche immer nachdrücklicher, was ihm 15 Jahre nach seinem Konfessionswechsel einen handfesten Konflikt mit den römischen Theologieprofessoren und Bischöfen bescherte. Einer seiner Gegner, Monsignore Talbot, beschwerte sich beim Erzbischof von Westminster: „Es ist vollkommen richtig, dass Newman in Rom immer verdächtig war …“, denn er verlangte nicht nur, dass der Klerus vor den Laien Respekt zeigen solle, er gestand den Laien auch das Recht zu, in Glaubensfragen konsultiert zu werden.

Außerdem zeigte Newman keinerlei Berührungsängste gegenüber der modernen Kultur und Wissenschaft. Er verschlang die kirchenkritischen Schriften der Aufklärer, um ihnen im Geist eines offenen Katholizismus entgegen zu treten: „Diese plurale, offene Gesellschaft ist der adäquate Ort, in der Glaube gelebt werden kann …“ Hierin unterscheidet er sich meines Erachtens fundamental vom jetzigen Bischof von Rom, dessen Klagelieder über die Gefahren der Moderne eher auf einen ängstlichen Geist schließen lassen. Newman war entsetzt über den Moderne-feindlichen Syllabus errorum des Papstes Pius IX., in dem sämtliche vom römischen Denken abweichenden Weltanschauungen in Bausch und Bogen verdammt wurden, vom Protestantismus über die Religionsfreiheit bis hin zum Sozialismus.

Von einer Verbunkerungs- und Abschottungs-Theologie hielt Newman überhaupt nichts: „Unsere theologischen Philosophen sind wie die alten Ammen, die das unglückliche Kind in Wickelzeug und Wickelkissen einschließen, einen Haufen Decken darauf legen und die Fenster geschlossen halten, damit kein Hauch frischer Luft seine Haut streift.“ Demgegenüber plädierte Newman in der Theologie für freie Bildung in Unvoreingenommenheit und Gelassenheit, und es klingt wie aus der Weltkirchenrats-Ökumene, wenn er sagt: „Wahrheit wird durch vieler Geister freies Zusammenwirken erarbeitet.“ Den Bischöfen waren Newmans Vorstellungen ein Gräuel; für mich klingen sie recht alt-katholisch und auch immer noch ur-anglikanisch. Newman sagte immer, wenn er gezwungen wäre, einen Trinkspruch nach dem Essen als ein Hoch auf die Religion auszubringen, „dann würde ich trinken – freilich auf den Papst – jedoch zuerst auf das Gewissen und dann erst auf den Papst.“

 

Von der Ehrfurcht beim Gebet (XX)

 

Das Abendgebet am Freitag, 17. September, in der Westminster Abbey weitete die Begegnung zwischen dem obersten anglikanischen Repräsentanten und dem Papst in die globale Ökumene. Und dazu gehören nun einmal mehr Kirchen als zwei Kirchenfamilien, die eindeutig beide der lateinischen Westkirche zuzuordnen sind. So zogen in der Einzugsprozession zum Sung Evening Prayer auch Bischöfe der orthodoxen Kirchen und der orientalisch-orthodoxen Kirchen mit ein. Die Vielfalt der Ökumene war durch Freikirchen, Baptisten, Methodisten, Lutheraner, Unierte und Reformierte repräsentiert.

Der Papst betonte in seiner Ansprache die Gemeinsamkeiten der christlichen Konfessionen und hob das 100-jährige Jubiläum der Ökumenischen Bewegung hervor. Begeisterte Christen aller Konfessionen hätten zu dem maßgeblichen Fortschritt beigetragen, der in den letzten 100 Jahren auf dem Weg zur christlichen Einheit hin erreicht worden sei. Hoffnungsvoll finde ich, dass Benedikt XVI. die Einheit eindeutig im apostolischen Glauben grundgelegt sieht, der in der Taufe jedem Christen zur Bewahrung aufgegeben wird. Der Papst verwendete sogar den Koinonia-Begriff (Kirche als Gemeinschaft), durch den die Getauften am Leben der Dreifaltigkeit Anteil erhalten. Ich weiß nicht, ob die Traditionalisten sich schon über die Papst-Ansprache geärgert haben; jedenfalls ist die Beschreibung der Einheit der Kirche(n) wie die Beschreibung der trinitarischen Beziehungen mit dem Begriff Koinonia alles andere als statisch!

Der Erzbischof von Canterbury beschäftigte sich in seiner Ansprache mit dem Namenspatron des Papstes, des zu Recht als Vater des abendländischen Mönchtums bezeichneten Benedikt von Nursia (ca. 480 – 547). In der Balance zwischen Arbeit und Gebet, zwischen Aktivität und kontemplativer Einkehr habe Benedikt für die ganze Kultur Europas Maßstäbe gesetzt. Diese Mischung aus Freude, Dienst, gegenseitiger Hilfe und Selbstversenkung in einen liebenden Gott spräche in jeder Faser der Mönchsregel von der Würde der Menschen, die sie im Angesicht Gottes hätten. Der Wechsel von Produktivität und Erholung beziehungsweise Empfangen liege einem umfänglichen Begriff menschlicher Freiheit zugrunde. Dass diese Vision Benedikt von Nursias in der heutigen Wirtschaftswelt fast vollständig verloren gegangen ist, sei eine der Ursachen für eine Kultur, die von vielen als unmenschlich, als würdelos (zum Beispiel Arbeitslosigkeit) und als erkaltete Liebe wahrgenommen würde. Erzbischof Rowan Williams schreibt (in freier Übersetzung): „Arbeit ist zu oft zu einer angstbesetzten und obsessiven Angelegenheit geworden, so als ob unser ganzer Wert als Menschen davon abhinge … Wir leben in einem Zeitalter, in dem eine dringende Notwendigkeit besteht, die Würde von beiden Aspekten menschlichen Lebens wiederzuentdecken: Arbeit und Freizeit. Wir brauchen hierzu notwendigerweise die Stille, um uns für Gott zu öffnen, damit schließlich unser wahrer Charakter dadurch wachsen und gedeihen kann, indem er an der unendlichen Liebe teilhat, die das Universum durchströmt.“

Den Segen am Ende des Gottesdienstes erteilten Erzbischof Williams und Benedikt XVI. gemeinsam.

Nach allem, was ich aus anglikanischen Quellen entnehmen konnte, überwiegen die positiven Eindrücke dieses Besuchs bei weitem den Ärger, der im ersten Absatz unter den „schweren Verfehlungen“ angesprochen wurde. Das Christentum als Ganzes ist in Großbritannien, einer weit mehr säkularisierten Gesellschaft als Deutschland, wieder zur Sprache gekommen und durch zwei BBC-Gottesdienstübertragungen öffentlich sichtbar geworden. Mich haben diese Stimmen dann auch nach anfänglicher Skepsis überzeugt; schließlich bleibt die Welt nicht, wie sie ist, wenn Christen miteinander beten. Dr. Barry Morgan, der Nachfolger Rowan Williams als Erzbischof von Wales, schreibt über die Veränderungskraft des Gebets: „Die Juden haben keine Proselyten gemacht. Sie vertrauten ganz auf die Kraft des Gottesdienstes, um Menschen zu bekehren. Wir sollten den Effekt nicht unterschätzen, den ein schöner Gottesdienst als Mittel der Evangelisierung haben kann, wenn Sinne und Herzen von Menschen wirklich berührt werden.“

 

Holger Laske