Thema Ethik

57. Synode beschließt Kommissionen zu ethischen und gesellschaftlichen Fragen

 

Vom 30. September bis zum 3. Oktober 2010 tagte in Mainz die 57. Bistumssynode – Christen heute berichtete ausführlich in der letzten Ausgabe. Mehr als 50 Anträge lagen ihr vor, über die sie die zu beraten und zu entscheiden hatte. Dabei ging es weit überwiegend um rechtliche, organisatorische, finanzielle und personelle Fragen, durchaus wichtig für das Funktionieren unserer Kirche. Dennoch reichlich trockener Stoff für die Synodalen und einigermaßen fremd für Menschen, denen Kirche gewöhnlich als Gemeinde begegnet und nicht als „Körperschaft“.

 

Einige Anträge hoben sich aber auffällig aus den Verwaltungs- und Verfahrensthemen heraus, darunter die der Gemeinde Coburg. Der eine formuliert, dass so genannte Ein-Euro-Jobs für die Betroffenen entwürdigend seien und den Gemeinden daher empfohlen werde, auf solche Beschäftigungsgelegenheiten zu verzichten. Diesen Antrag hat die Synode nicht angenommen.

In ihrem zweiten Antrag wird die Coburger Gemeinde grundsätzlicher. Da wird die Berufung einer Ethikkommission der Alt-Katholischen Kirche gefordert, die „wichtige ethische, gesellschaftliche und kirchliche Fragestellungen erörtert und Empfehlungen an die Synoden und Kirchengemeinden erarbeitet“. Diesen Antrag hat die Synode, wenn auch in einer etwas abgewandelten Fassung, beschlossen. Anstelle eines festen Gremiums sollen „Kompetenzkommissionen“, die je nach Fragestellung zusammengesetzt sein werden, Stellungnahmen erarbeiten.

 

Unser Redaktionsmitarbeiter Veit Schäfer hat über diesen eher ungewöhnlichen Vorstoß einer Alt-Katholischen Gemeinde mit Eduard Adam, Mitglied des Coburger Kirchenvorstands, gesprochen.

 

VS: Sind Sie zufrieden damit, wie die Synode Ihren Antrag auf eine Ethikkommission behandelte?

 

EA: Ja, wir sind durchaus zufrieden damit, wie die Synode mit unserem Antrag umging, zumal wir selber unseren ursprünglichen Antrag so umformuliert hatten, wie er dann verabschiedet wurde.

 

VS: Gewöhnlich sind es ja die beiden großen Kirchen, die kirchliche Standpunkte zu ethischen und gesellschaftlichen Fragen öffentlich vertreten. Ist es da realistisch anzunehmen, dass alt-katholische Auffassungen in der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen werden?

EA: Erst einmal geht es darum, dass wir als Kirche uns selber einen Standpunkt erarbeiten. Wir müssen die Frage beantworten: wie beurteilen wir gesellschaftliche Vorgänge und politische Entscheidungen? Die Alt-Katholische Kirche kann und muss eigene Positionen einnehmen. Diese Worte werden dann gewiss von den Medien auch wahrgenommen werden. Es geht sicher nicht darum, dass der „alt-katholische David“ den „Goliath-Kirchen“ mal zeigt, was eine Harke ist. Mit unserem Antrag verbinden wir den Wunsch, dass unsere Kirche sich überhaupt öffentlich zu Wort meldet. Das muss sich – je nachdem – inhaltlich nicht unterscheiden von den Positionen der großen Schwestern. Aber ausgesprochen werden muss es schon von uns selber. Zudem weise ich darauf hin, dass viele Fragen von den anderen Kirchen nicht beantwortet werden.

 

VS: Das heißt dann aber auch, sich als Kirche politisch einzumischen?

 

EA: Es gibt zwei Grundsätze, die wir stets beachten müssen. Der eine kommt aus der Pädagogik, der besagt: „Du kannst nicht nicht kommunizieren!“ Das bedeutet, egal, wie Du Dich verhältst, es ist immer eine Form der Kommunikation, auch Schweigen oder sich Abwenden ist Kommunikation. Der zweite Grundsatz ist inhaltlich der gleiche, nur auf die Politik bezogen: „Du kannst nicht nicht politisch sein!“ Selbst schweigen, nicht an Wahlen teilnehmen, ist eine politische Äußerung. Unsere Kirche hat sich seit dem Desaster im Dritten Reich generell sehr still und schweigend verhalten (wir müssen daraus unsere Lehren ziehen). Aus unserer Sicht ist dieses Schweigen jedoch für allgemeine gesellschaftliche und christliche Fragestellungen nicht angemessen. Eine christliche Kirche muss sich politisch einmischen. Je spiritueller ein Mensch ist, je intensiver verortet eine Kirche in der Gesellschaft ist, desto lauter wird sie ihre Standpunkte vertreten. Das ist eine Frage der christlichen Glaubwürdigkeit.

 

VS: Wie kam es eigentlich zu dem Synodenantrag der Coburger Gemeinde?

 

EA: Seit Juni 2004 veranstalten wir in Coburg regelmäßig einmal pro Monat ein „ökumenisches politisches Nachtgebet“. Die Katholische Betriebsseelsorge der Erzdiözese Bamberg und der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt auf evangelischer Seite und wir arbeiten hier gut zusammen. Dabei wächst unter den Gemeindemitgliedern die Sensibilität für „weltliche Fragen“, wir spüren, dass solche Fragen in den Gottesdienst gehören, in die Liturgie als den Kern unseres Lebens als christliche Gemeinde. Es berührt uns, was außerhalb der Kirche geschieht, weil wir als Kirche auch Mitglied und somit Betroffene unserer Gesellschaft sind. Den Antrag an die Synode hat die Gemeindeversammlung einstimmig beschlossen.

 

VS: Kann man den Synodenantrag Ihrer Gemeinde also auch als den Wunsch oder die Absicht deuten, mittels einer alt-katholischen Ethikkommission oder, wie sie nun heißt, Kompetenzkommission in der ganzen Kirche, in möglichst viele Gemeinden das Interesse für „weltliche“ Fragen zu wecken?

 

EA: Das dürfen Sie durchaus so deuten. Sehen Sie, wir Christen leben doch zugleich als Angehörige, als Bürger unseres Staates, unseres Landes, unserer Gemeinde. Insofern sind wir von allen Fragen, Vorgängen, Problemen „der Welt“ gleichermaßen berührt. Selbst wenn wir wollten, könnten wir alle diese Dinge nicht vor den Kirchenmauern lassen. Die künftigen Kompetenzkommissionen haben die Aufgabe, unserer Kirche, uns Gläubigen das aus der Perspektive des Glaubens im Einzelfall zu erklären und zu zeigen, wie wir als Christen mit der jeweiligen Frage umgehen können.

 

VS: Eine Gemeinde, die einen solchen Antrag formulierte, wird ja nun kaum damit zufrieden sein, dass ihr Antrag bei der Synode durchging. Können wir demnächst damit rechnen, dass „Coburg“ die Einberufung einer ersten alt-katholischen Kompetenzkommission beantragen wird und was wird deren Thema sein?

 

EA: Wir fragen uns nicht, ob wir mit dem, was wir tun, Erfolg haben, wir fragen uns, was wäre denn nötig, was wäre sinnvoll. Wir machen uns dann auf den Weg, wenn wir auch nicht wissen können, ob dieser Weg der Richtige ist, beziehungsweise wohin dies führen mag. Das wird die Geschichte zeigen. So war das mit unserem Antrag zum Thema Ein-Euro-Job. Hier hätte die Alt-Katholische Kirche ein weithin sichtbares Signal setzen können. Die Synode hat sich gegen diesen Antrag ausgesprochen. Das Thema ist aber keinesfalls vom Tisch. Hier könnte durchaus ein Antrag an den Bischof kommen, mit der Bitte, das Thema SGB II von Experten nach christlichen Werten beurteilen zu lassen und dann für unsere Kirche Konsequenzen zu ziehen. Dies werde ich der Kirchengemeinde Coburg bei der nächsten Gemeindeversammlung zur Beratung vorlegen. Alt-Katholische Experten könnte ich Ihnen durchaus nennen.