Neuer Aufbruch

Diakonen- und Priesterweihe in Kroatien

 

Der 18. September 2010 war ein großer Tag für Kroatiens Alt-Katholiken. In der Pfarrkirche Sveti Križ im Zentrum Zagrebs wurden der Religionslehrer Mario Čengić zum Diakon und der Diplomtheologe Leonardo Beg zum Priester ordiniert. Bischof Bernhard Heitz, der die Weihen spendete, bezeichnete in seiner Predigt diesen Tag als neuen Aufbruch in der Geschichte der kroatischen Alt-Katholiken. „Kroatiens Alt-Katholiken sagen ja zu ihrer Zukunft“, sagte der Bischof.

Eigentlich hat Kroatien eine gute alt-katholische Tradition: Auf der Insel Rab, woher der Neupriester Leonardo stammt, wurde auch Bischof Mark Antun Gospodnjević, italienisch Marco Antonio de Dominis genannt, geboren. Er war im 16. Jahrhundert Erzbischof von Split und ein Verfechter der Rechte der Ortskirchen gegenüber überzogenen päpstlichen Herrschaftsansprüchen; er wurde eingekerkert und in Rom nach seinem Tod im Gefängnis verbrannt. Grgur Ninski, Bischof in Nin und kroatischer Primas, kämpfte bereits im 9. Jahrhundert für die Autonomie der kroatischen Kirche und um das Recht des Volkes auf die Feier der Liturgie in der Muttersprache, während es im 19. Jahrhundert Bischof Josip Juraj Strossmayer aus Đakovo in Slawonien war, der sich lange gegen das Unfehlbarkeitsdogma von 1870 stellte. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand dann eine mächtige alt-katholische Bewegung unter dem späteren Bischof Marko Kalogjera, die bis zu 60.000 Gläubige zählte, dann aber unter der faschistischen Herrschaft unter tatkräftiger Mitwirkung der damals mächtigen römisch-katholischen Kirche fast aufgerieben wurde und nur mehr in kleinen Restgemeinden weiterlebte. Aber sie lebt weiter, sie ist aktiv und einladend und derzeit ist ein großer Aufschwung zu spüren.

 

Die Kirche Sveti Križ war gut gefüllt, Pfarrer Topolski aus Šaptinovci, Pfarrer Mejaški aus Zagreb, Pfarrer Kljajić aus Dubrave Donje in Bosnien geleiteten mit Bischof Bernhard und mir die Weihekandidaten an den Altar. „Wir werden niemandem Schafe stehlen“, rief Bischof Bernhard Heitz in seiner von mir kroatisch übersetzten und vorgetragenen Predigt aus, „aber ihr werdet sehen, wo verlorene Schafe auf euch warten!“ Vorher sagte der Neupriester Leonardo in einem Interview im kroatischen Fernsehen: „Ich fühlte mich immer zum Priester berufen, aber ebenso auch zum Familienvater!“ Dass ihm nun beides möglich ist, erfülle ihn mit großer Freude, so Leonardo.

 

Unter den Teilnehmern, Verwandten und Freunden der beiden Neugeweihten befanden sich auch Mitglieder der vier Bischofsfamilien Kalogjera, Huzjak, Kos und Donković. Der derzeitige Vorsitzende des Synodalrats, Prof. Dr. Damir Boras, ist ein Enkel von Bischof Kalogjera. Vertreter der evangelischen Kirche, der bulgarisch-orthodoxen, der serbisch-orthodoxen Kirche sowie der baptistischen Freikirche feierten mit, wie auch die Leiterin des staatlichen Amtes für die Beziehungen zu den kleineren Kirchen. Ein festlicher Stehempfang beschloss die Feier.

 

Am nächsten Tag wurde in der Kirche Sveti Antun in Zagreb-Stenjevec die Primiz des Neupriesters Leonardo Beg gefeiert, in der auch der neue Diakon Mario Čengić seinen Dienst ausübte. Bischof Bernhard verglich die Rolle der Alt-Katholiken Kroatiens mit einer kleinen Parzelle im großen allgemeinen Weinberg, die aber einen ausgezeichneten Wein beisteuern könne. „Wie heißt der Wein, den wir gestern getrunken haben, Georg …?“ fragte er mich und als ich antwortete: „Graševina“, da lachte die ganze Kirche. Es war eine Feier, die sehr an urkirchliche Verhältnisse gemahnte. Ein sehr bewegender Augenblick war, als der Neupriester seiner Frau, seinen Eltern und seinem Bruder den Primizsegen spendete.

 

Kroatiens Alt-Katholiken leben, wachsen und entwickeln sich weiter. Für mich ist es eine große Freude, an dieser Entwicklung mitwirken zu dürfen. Es ist eine Freude, mitzuerleben, wie die Menschen sich dort für ihre Kirche einsetzen, für eine Kirche, die man schon aufgegeben hatte und der man keine Zukunft mehr zutraute. Gottes Geist wirkt aber nach wie vor in ihr – zum Nutzen vieler Menschen in diesem Land.

 

Diakon Georg Spindler