„Was fort ist, ist fort“

Über Erfahrungen mit sozialen Netzwerken im Internet

 

Wer mich kennt, der weiß, dass ich im Internet ziemlich präsent bin. Facebook und Twitter, ich bin dabei. Oder besser: Ich war dabei. Zumindest bei Facebook. Als ich vor kurzem einmal gefragt wurde, wozu Facebook denn eigentlich gut sei, erschrak ich über mich selbst, denn ich wusste keine gute Antwort. In diesem „sozialen Netzwerk“ teilt man sich mit, was man gerade tut, teilt Informationen, Fotos und Videos miteinander oder beteiligt sich an Spielen wie „Farmville“, bei denen man mit großer Regelmäßigkeit Kuhställe bauen oder Auberginen gießen muss, öffnet „Glücksnüsse“, verschenkt virtuell ein Glas Bier an Freunde oder lässt sich prophezeien, wie lang man noch zu leben habe. Und                                                                                                           von meiner Cousine erfahre ich, wenn sie sich ihre Fingernägel neu lackiert hat. Super!

 

Falschmeldungen

 

Ich habe bei Facebook selbst schon viel Unwesentliches „gepostet“, wie das so schön heißt. Aber manchmal dachte ich mir auch, wichtige Informationen weitergegeben zu haben, zum Beispiel, dass Christian Wulff im ersten Wahlgang zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Dachte ich zumindest, da dies bei Twitter von der Schauspielerin und Wahlfrau Martina Gedeck direkt vom Handy ins Netz gestellt wurde. Es stellte sich jedoch später heraus, dass die Schauspielerin noch nie getwittert hat und jemand unter ihrem Namen im Internet unterwegs war. Bei Alt-Kanzler Helmut Schmidt war es dann doch offensichtlicher. Denn da schrieb einer bei Twitter, Loki würde sich ärgern, weil der Zigarettenautomat an der Ecke abmontiert wurde.

Bei Facebook teilt man seine Informationen nur mit „Freunden“. Aber zu den so genannten Freunden (und je mehr man davon hat, desto mehr kann man sich damit brüsten), kann sich plötzlich auch der Nachbar gesellen, den man eigentlich nur vom Sehen kennt. Man könnte ihn ablehnen oder „ignorieren“, wie es dort heißt, aber das rührt schon irgendwie ans Gewissen. Für mich als Priester wurde es auf einmal schwierig, als mich Leute anklickten, die in unserem Gottesdienst einmal zu Gast waren und mit mir Kontakt aufnehmen wollten. Mit ihnen hätte ich dann die Veranstaltungshinweise für unsere Gemeinde geteilt, aber auch meine WM-Fußball-Tipps und meine Freizeitbeschäftigungen.

Dass es solche Netzwerke gibt, halte ich grundsätzlich für gut und teilweise auch für sinnvoll. Man muss ja nicht gleich alles verteufeln und so konsequent sein wie Alex Rühle, der in seinem in diesem Jahr erschienen Buch „Ohne Netz“ das Experiment beschreibt, als Journalist bei der Süddeutschen Zeitung ein halbes Jahr absolut „offline“ zu sein. Sogar auf E-Mails oder das Handy verzichten zu wollen, würde, auch in meinem Beruf, ziemlich schnell zu großen Problemen führen. Aber darum geht es nicht. Mittlerweile haben sich auch einige unserer Gemeinden bei Facebook vernetzt. Das garantiert einen schnellen Informationsaustausch. Bei mir jedoch hat sich ein Gefühl eingestellt, dass ich mich auf einmal irgendwie gläsern fühlte. Was teile ich einer gewissen Öffentlichkeit mit, und vor allem: warum? Es erschreckt mich selbst, dass ich darauf keine Antwort weiß. Aber ich glaube, das ist symptomatisch für viele, die sich im Netz bewegen. Zudem kann das, was man da schreibt, schnell gegen einen verwendet werden.

So hat es zum Beispiel der angesehene Theologe David Berger erfahren. Berger war Leiter der konservativen Fachzeitschrift „Theologisches“. Er machte in der römisch-katholischen Kirche schnell Karriere und unter anderem aus seiner Begeisterung für die alte Liturgie keinen Hehl, aber auch nicht aus seiner Homosexualität. Seine Freunde bei Facebook, darunter wahrscheinlich lauter gut aussehende Männer, sowie ein Link zu den „Gay Games“ wurden ihm jedoch zum Verhängnis.

 

Zeit

 

Menschen, die sich mit dem Internet nicht so auskennen, können schnell den Eindruck bekommen, sich darin zu bewegen sei sehr zeitaufwendig. Immer wieder bekommt man als Internet-Freak zu hören: „Ich hätte gar nicht die Zeit dafür.“ Das, glaube ich, ist aber nicht der Fall. Mal schnell etwas bei Twitter schreiben oder einen Link bei Facebook setzen, dazu braucht es nur einige Sekunden. Aber genau hier schließt sich der Kreis zu dem, was ich bei Facebook und auch beim bloßen Schreiben von E-Mails erfahren und daraus als Konsequenz gezogen habe: Was fort ist, ist fort! Der kurze Gruß, die schnelle Stellungnahme, die Meinungsäußerung aus dem Bauch heraus. Die „Enter“-Taste entscheidet da manchmal schon über Leben und Tod. Was einmal abgeschickt wurde, ist so schnell nicht mehr rückgängig zu machen.

 

Mittlerweile nehme ich mir vor, über E-Mails, die nicht sofort bearbeitet werden müssen,  erst einmal eine Nacht zu schlafen und sie erst am nächsten Tag zu beantworten. Und noch eines ist mir klar geworden. Was wirklich Zeit braucht, ist, sich hinzusetzen und mal wieder eine Karte oder einen Brief zu schreiben. Als ehemaliger Postbote weiß ich, dass in unsere analogen Briefkästen nur noch Rechnungen und Werbesendungen flattern. Ansonsten herrscht in unseren Briefkästen oft gähnende Leere. Deshalb greife ich wieder verstärkt zum Füller, schreibe mit meiner manchmal holprigen Schrift einen Gruß zum Geburtstag und ermuntere einen kranken Freund mit einer bewusst ausgewählten Postkarte. Das ist etwas anderes als die Glückwunsch-Zeilen in „Times New Roman“ oder „Arial“, die auf dem Bildschirm des Empfängers erscheinen. Das veranlasst mich dann auch, wieder einmal in meinem Adressbuch zu blättern, weil die Adresse auf dem Briefumschlag nicht automatisch von meinem E-Mail-Programm ergänzt wird. Und da finde ich dann noch viele „wirkliche“ Freunde, die sich über einen persönlichen Gruß von mir freuen würden und sich für das interessieren, was mich wirklich umtreibt.

 

Stephan Neuhaus-Kiefel