Sie schläft nur

Zu den Totengedenktagen im November

 

Jede Woche findet in der sehenswerten Freiburger Kirche eine kunsthistorische Führung statt, die auch die Gruft unter der Kirche einbezieht. Zu unserem 300-jährigen Jubiläum nun haben die Kunsthistorikerin Katharina Schumann und ich uns zu einer besonderen Führung zusammen getan, zu einer Nachtführung mit Taschenlampen. Man sieht ganz anders, wenn der Blick auf ein Detail focussiert wird und man das Ganze gar nicht sehen kann.

 

Nicht auslassen wollten wir dabei das bekannteste Grabmal Freiburgs, das sich ursprünglich auf dem Alten Friedhof befand, aber nun zusammen mit den wertvollsten Skulpturen des Friedhofs in der Gruft unter unserer Kirche aufgestellt ist, um sie vor weiterem Zerfall zu schützen. Die meisten Freiburger wissen gar nicht, dass sie auf dem Friedhof nur Kopien sehen. Bei allem, was Frau Schumann und ich den Besucherinnen und Besuchern gezeigt hatten, hatten sich unsere Erläuterungen gut ergänzt, ihre aus kunsthistorischer, meine aus geistlicher Perspektive, obwohl wir vorher nur abgesprochen hatten, was wir zeigen wollten, nicht was wir dazu sagen würden. Aber nun, ganz am Ende der Führung, stellten wir überrascht fest, dass bei diesem Grabmal unsere Deutungen weit auseinander gingen.

 

Die Skulptur zeigt eine junge Frau, die Anfang des 19. Jahrhunderts im Alter von 17 Jahren gestorben ist. Ihre ältere Schwester, bei der sie aufgewachsen war, ließ ihr den Grabstein anfertigen, auf dem sie gerade entschlafen dargestellt ist. Ihre Züge sind entspannt, fast lächelnd, sie hält noch das Buch in der Hand, in dem sie gerade eben noch gelesen hat. Sie sieht nicht wie eine Tote aus, sondern wie eine Schlafende, die jeden Moment aufwachen und weiter lesen könnte.

 

Die Führerin sah in dieser Art der Darstellung die christliche Hoffnung ausgedrückt, dass der Tod eigentlich nur ein Schlaf ist, aber seine Macht ja schon verloren hat, weil er in das ewige Leben mündet. Das wäre dann eine Parallele zu dem verstorbenen Mädchen, zu dem Jesus im achten Kapitel des Lukasevangeliums gerufen wird und über das er den klagenden Menschen sagt: „Weint nicht! Sie ist nicht gestorben, sie schläft nur!“

 

Ich hingegen dachte mir, dass das Mädchen schlafend dargestellt wurde, weil der Tod eines jungen Menschen etwas ist, was wir nur schwer aushalten können. Wenn ein alter Mensch stirbt, schmerzt das diejenigen auch, die ihn oder sie geliebt haben. Aber wenn ein junger Mensch stirbt, kommt dazu das Gefühl, dass da etwas geschieht, was nicht sein darf, was gegen die Natur ist. Ein alter Mensch hat sein Leben leben dürfen, aber bei einem jungen wird das Leben vorzeitig abgebrochen, noch bevor es richtig angefangen hat, so kommt es uns vor. Deshalb habe ich in der Darstellung der Schlafenden ein Zeichen dieses Protestes gesehen und ein Zeichen der Verweigerung, den Tod als Realität anzunehmen. Doch erst wenn die Wirklichkeit des Todes gesehen und dem Schmerz nicht ausgewichen wird, wird Trauer möglich. Die Trauer aber ist die Voraussetzung, um sich dann auch wieder dem Leben zuwenden zu können, trotz allem Schmerz.

 

Vielleicht stimmen ja beide Deutungen: Wenn die Frau, die das Denkmal anfertigen ließ, ihre Schwester geliebt hat, dann wird sie diesen Protest gekannt haben, der aus dem bitteren Gefühl entsteht, hier sei etwas geschehen, was so nicht sein darf, was wider die Natur ist. So kann am Anfang, als sie den Auftrag an den Künstler vergab, die Verweigerung gegenüber der harten Realität des Todes tatsächlich eine Rolle gespielt haben. Aber sie kann durchaus im Laufe der Zeit gelernt haben, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen und die Trauer zuzulassen. Dann kann ihr das Grabmal in der Tat zum Zeichen der Hoffnung geworden sein: Sie ist nicht tot, sie schläft nur. Nicht weil der Tod nicht hart wäre für uns Menschen. Sondern weil Jesus Christus ihn bereits besiegt hat und deshalb am Ende unseres Lebens nicht der ewige Tod auf uns wartet, sondern das ewige Leben.

 

Wenn wir in diesem Monat besonders unserer Toten gedenken, der jungen wie derjenigen, die ein hohes Alter erreicht haben, dann ist uns zu wünschen, dass wir nicht aus Verdrängung sondern aus Hoffnung sagen können: Sie sind nicht tot. Sie schlafen nur.

 

Gerhard Ruisch