„Zwischen Einheit und Verschiedenheit“

Symposium anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der gegenseitigen Einladung zum Abendmahl

 

Aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums der Unterzeichnung der „Vereinbarung über eine gegenseitige Einladung zur Teilnahme am Abendmahl“ fand in der alt-katholischen Gemeinde St. Cyprian in Bonn am 18. September 2010 ein wissenschaftliches Symposium statt, zu dem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) und das Katholische Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland (AKD) gemeinsam eingeladen hatten. Im Mittelpunkt dieses Symposiums stand das Dokument, das eine Dialogkommission von AKD und VELKD im Frühjahr 2010 verabschiedet hatte. Es wurde von den beiden Co-Vorsitzenden der Kommission, Herrn Oberkirchenrat Dr. Oliver Schuegraf (VELKD) und Prof. Dr. Günter Eßer (AKD) den etwa 50 Teilnehmern des Symposiums vorgestellt.

 

Grenzen und Perspektiven

 

Das ökumenische Gespräch zwischen Lutheranern und Alt-Katholiken habe eine lange Tradition, betonte Prof. Eßer. Aus den zunächst in Bayern geführten Lehrgesprächen, an denen später dann auch Vertreter der EKD teilnahmen, sei schließlich 1985 die Vereinbarung hervorgegangen. Allen Beteiligten damals sei klar gewesen, dass diese „Vereinbarung“ zwar ein wichtiger ökumenischer Schritt war, dem aber weitere folgen müssten. So wurde dann auch der Dialog bis 1996 fortgesetzt.

Es habe sich jedoch bald gezeigt, dass das damalige Dialogpapier auf beiden Seiten nicht durchsetzbar war. Eine mehrjährige Gesprächspause folgte, bis schließlich im Frühjahr 2004 der Dialog wieder aufgenommen werden konnte. Beide Seiten seien sich jedoch der Grenzen einer möglichen neuen Vereinbarung bewusst gewesen: Für Alt-Katholiken ist das historische Bischofsamt in apostolischer Tradition unverzichtbare Voraussetzung für eine volle Kirchengemeinschaft, dies aber ist bei den Gliedkirchen der VELKD nicht durchsetzbar. Das Ziel des neuen Dialogs konnte also aufgrund der unterschiedlichen Auffassungen von Kirche und geistlichem Amt nur „unterhalb“ einer vollen Kirchengemeinschaft liegen.

Dem trägt auch das vorgelegte Abschlussdokument „Überlegungen zur Realisierung weiterer Schritte auf dem Weg zur sichtbaren Kirchengemeinschaft von Alt-Katholischer Kirche in Deutschland und Vereinigter Evangelisch-Lutherischer Kirche Deutschlands“ Rechnung. Die fast barock anmutende, etwas langatmige Überschrift macht deutlich, dass alle Kommissionsmitglieder bemüht waren, die gesetzten Grenzen nicht aus dem Auge zu verlieren, dennoch aber Perspektiven für eine Fortsetzung der ökumenischen Weggemeinschaft aufzuzeigen. Wie die Vereinbarung von 1985 wollen auch die Überlegungen von 2010 als ein Dokument „in via“, das heißt „unterwegs“ verstanden sein: zwei Kirchen, die sich beide als Teile des einen Pilgernden Gottesvolkes verstehen, versuchen, bei allen Unterschieden, die gemeinsame Mission als Kirche zu leben, nämlich das eine Evangelium zu verkünden.

 

Einheit als Prozess

 

Dr. Schuegraf gab einen kurzen Werkstattbericht über die Entstehungsgeschichte des Dokuments. Wie ein roter Faden habe sich durch alle Sitzungen die methodische Schlüsselfrage gezogen: Welche Art von Kirchengemeinschaft streben wir an? Auf welches Modell gehen wir zu? Dazu seien immer wieder auch andere bestehende Modelle von Kirchengemeinschaft zu Rate gezogen worden, so unter anderem die Porvoo-Vereinbarung zwischen den Anglikanischen Kirchen Großbritanniens und Lutherischen Kirchen Skandinaviens und des Baltikums und die nordamerikanischen Vereinbarungen zwischen Lutheranern und Anglikanern. Auch die Sendung der Kirche wurde in mehreren Sitzungen ausgiebig diskutiert: Was ist das Zentrum und die Aufgabe der Kirche? Welche „Sendungsbereiche“ gibt es, in denen wir bereits Gemeinschaft praktizieren können? Dr. Schuegraf machte deutlich, dass der Horizont aller Überlegungen der Kommission eben diese Berufung zur gemeinsamen Sendung in die Welt war.

Sehr früh habe sich außerdem die Idee herauskristallisiert, Vorschläge zur praktischen Umsetzung einer gelebten Ökumene zu sammeln. Die im Dokument aufgeführte lange Liste ganz konkreter Punkte folgt den drei klassischen Säulen des kirchlichen Lebens, nämlich leiturgia (Gottesdienst, Gebet, geistliches Leben), martyria (Gemeinsames Glaubenszeugnis und Verkündigung) und diakonia (das gesellschaftliche Engagement mit einschließend). Abschließend betonte er, dass es aus Sicht der Dialogkommission zweifellos ein ökumenisch bedeutsamer Schritt sei, wenn beide Kirchen gemeinsam und offiziell zustimmen könnten, dass Einheit als solch ein Prozess verstanden werde, in dem unsere Kirchen verpflichtet seien, weitere sichtbare Schritte auf dem Weg zu einer vertieften Gemeinschaft zu gehen.

 

Für Lutheraner: Volle Gemeinschaft

 

Im Mittelpunkt des Symposiums standen zwei Referate, die aus lutherischer und alt-katholischer Perspektive das Dialogpapier einer kritischen Würdigung unterziehen und der Frage nachgehen sollten, ob das in den Überlegungen angedachte Modell ein ökumenischer Weg für Kirchen sein könnte, denen aus theologischen Gründen eine volle Kirchengemeinschaft (noch) verwehrt ist.

 

Professor Bernd Oberdorfer vom Institut für Evangelische Theologie an der Universität Augsburg begann sein Referat mit einem Rückblick auf die Vereinbarung von 1985. Vor dem Hintergrund der Frage, wieweit ein Konsens gehen müsse, damit eine Zulassung zum Abendmahl möglich sei, stellte er fest, dass aus lutherischer Sicht alle wesentlichen theologischen Streitfragen – wenn auch in recht komprimierter Form – geklärt worden seien. Die „Vereinbarung“ sei Zeichen und Schritt auf Einheit hin. Ja, für Lutheraner reiche sie sogar aus, um volle Kirchengemeinschaft festzustellen, da nach der Confessio Augustana die Einheit der Kirche dort realisiert sei, wo das Evangelium in rechter Weise verkündet und die Sakramente ordnungsgemäß verwaltet würden (vgl. CA 7). Und dies sei nach den Aussagen der Vereinbarung bei den Alt-Katholiken der Fall.

Aber dies sei eben die lutherische Sicht. Im ökumenischen Dialog müsse man eben feststellen, dass die für die Alt-Katholiken wichtige Differenz in der Amtsfrage bleibe. Trotz dieser Differenz habe man aber von Seiten der Alt-Katholiken die lutherische Abendmahlsfeier nie für ungültig erklärt. Deshalb sei die „Vereinbarung“ von 1985 auch ein ökumenischer Meilenstein im Umgang zweier Kirchen miteinander und es sei sinnvoll, die „Vereinbarung“ fortzuschreiben.

Ausgangspunkt der „Überlegungen“ und maßgebend für die weitere ökumenische Weggemeinschaft von Alt-Katholiken und Lutheranern sei die gemeinsame Verantwortung für die Verkündigung des Evangeliums in einer säkularen Gesellschaft, nahm Oberdorfer dann einen zentralen Punkt der „Überlegungen“ auf. Da diese gemeinsame Zeugenschaft die drängendste Aufgabe der Kirche sei, sei eine ehrliche Selbstreflektion des eigenen Standpunktes und vielleicht sogar eine gewisse Relativierung eigener theologischer Positionen notwendig. Dabei sollten Unterschiede nicht nivelliert werden, aber die Frage sei doch, ob nicht eine gewisse Vielfalt hilfreicher sei für das gebotene Zeugnis für das Evangelium als eine Einheitsform.

Es sei zu vermuten, dass die Gemeinschaft von Alt-Katholiken und Lutheranern ähnliche Merkmale aufweise wie die zwischen Lutheranern und Anglikanern und deshalb auch als ein Prozess zu verstehen sei. Für diesen Prozess schlage das Dialogpapier eine ganze Liste von Möglichkeiten vor. Man solle aber die Erwartungen nicht zu hoch ansetzen, sonst gebe es zu viele Enttäuschungen. Auf das Machbare vor Ort komme es entscheidend an. Darüber hinaus sollten Lehrgespräche den theologischen Dialog fortführen. Denn geklärt werden müsse die entscheidende Frage, ob das fehlende Bischofsamt in den lutherischen Kirchen kirchentrennend sei oder nicht.

 

Gemeinsames Mahl für alle Getauften

 

Dr. Mattijs Ploeger, Direktor des Alt-Katholischen Seminars an der Universität Utrecht, sprach zu Beginn seines Referates von inner-altkatholischen Spannungen, die es wegen der „Vereinbarung“ von 1985 gegeben habe, dies jedoch nicht so sehr wegen Vorstellungen eines mangelhaften protestantischen Amtes, sondern weil es einen alt-katholischen Grundkonsens gebe, der Kirchengemeinschaft mit Eucharistiegemeinschaft gleich setze. Diese ökumenische Vorstellung von Einheit hänge stark mit der alt-katholischen Ekklesiologie zusammen, nach der die Kirche in der Feier der Eucharistie zu ihrem eigentlichen Selbst komme, das heißt zum Volk Gottes werde.

Es gelte also zu fragen, ob es neben diesem alt-katholischen Grundprinzip Kirchengemeinschaft ist Kommuniongemeinschaft noch andere Formen von eucharistischer Gemeinschaft geben könne. Und hier böte sich, so Ploeger, als neuer Ansatz die gegenseitige Anerkennung der Taufe an. Denn diese Anerkennung der Taufe habe zur Konsequenz, dass wir mit Christinnen und Christen sakramental verbunden seien, mit denen wir nicht in voller Gemeinschaft stehen. Es bestehe also eine ekklesiologische Anomalie und es sei unmöglich, diese Spannung zu einer Seite hin zu lösen. So rät Ploeger, in der Praxis die kleinste der Anomalien zu wählen, nämlich eucharistische Gastfreundschaft zu gewähren, die größte der Anomalien dagegen wäre, Getaufte nicht zur Eucharistie zuzulassen.

Mit Blick auf die „Überlegungen“ meinte er, die Amtsfrage sei sicher nicht das einzige, was Alt-Katholiken von Lutheranern trenne, man dürfe die Amtsfrage nicht isoliert betrachten, denn es sei anzunehmen, dass hinter diesem Dissenz noch andere theologische Differenzen zum Beispiel in Fragen der Ekklesiologie oder gar der Christologie stünden. Auch sei mit Blick auf die Mission der Kirche, die die „Überlegungen“ als wichtigste gemeinsame Aufgabe benennen, festzustellen, dass die Kirche ja mehr sei als lediglich ein Instrument zur Verkündigung des Evangeliums in einer säkularen Gesellschaft. Das Dialogpapier sage zum Beispiel nichts über die Kirche als „Leib Christi“ aus, und diese Grundbestimmung von Kirche müsse doch allen missionarischen Aktivitäten vorausgehen.

Ebenfalls sei kritisch zu überprüfen, wie sich die „Überlegungen“ zu anderen ökumenischen Dialogen verhalte und ob auch hier dem Prinzip der altkirchlichen Ökumene gefolgt wurde, die der Schweizer Bischof und Theologe Urs Küry einmal als die spezifisch alt-katholische Form der Ökumene beschrieben hat.

Abschließend verweist Mattijs Ploeger noch einmal auf die Wichtigkeit der Anerkennung der Taufe. Sie sei der entscheidende ökumenische Faktor, denn als Getaufte seien wir Glieder an dem einen Leib Christi. Auch wenn zwischen Konfessionen volle Kirchengemeinschaft nicht bestehe, bestehe doch die Gemeinschaft der Getauften. Und sie sollte Grund genug sein, auch die Gemeinschaft am eucharistischen Tisch nicht zu verweigern.

 

Nach dem Mittagessen hatten die ca. 50 Teilnehmer des Symposiums nicht nur Gelegenheit zur Rückfragen an die Referenten und die beiden Co-Vorsitzenden der Dialogkommission, sondern konnten auch durch eigene Beiträge das Gehörte noch vertiefen und ergänzen. Von dieser Gelegenheit wurde reichlich Gebrauch gemacht.

 

Festgottesdienst

 

Den Abschluss dieses Tages bildete ein feierlicher Gottesdienst, der vom Leitenden Bischof der VELKD, dem bayerischen Landesbischof Johannes Friedrich und dem Bischof der Alt-Katholischen Kirche in Deutschland Matthias Ring, gewissermaßen den beiden Gastgebern dieser Veranstaltung, gemeinsam gestaltet wurde. Das Anliegen der Einheit kam dabei auch in den beiden Kurzpredigten zur Sprache. Landesbischof Friedrich predigte über Epheser 4,1-7: Was die Gemeinde zu einer Einheit macht und sie in dieser Einheit zusammenhält, Bischof Ring über das bekannte Gebet Jesu um die Einheit der Glaubenden in den Abschiedsreden Johannes 17,20-26.

Mit dem gemeinsamen Segen der beiden Bischöfe wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entlassen. Allen Beteiligten war wohl bewusst geworden, dass seit der Verabschiedung der „Vereinbarung“ vor fünfundzwanzig Jahren sicher einiges erreicht wurde, aber noch ein langer Weg vor uns liegt, größere Einheit zu erreichen. Aber das ist wohl das Schicksal der Kirche als Pilgerndes Gottesvolk auf dem Weg durch diese Zeit. Diese Erkenntnis sollte uns aber nicht mutlos machen, sondern eher anspornen, auf dem Erreichten weiterzubauen, Kirche weiterzubauen, damit sie Heimat sein kann für viele, die auf dieser Pilgerschaft müde geworden sind.

 

Günter Eßer