„Filmriss“

 

Bei der diesjährigen Synode hatte ich einen „Filmriss“. Keine Sorge, ich bin bei den allabendlichen Begegnungen in „Doctor Flotte“, im „Beichtstuhl“ oder wie die zahlreichen Kneipen und Weinhäuser in Mainz sonst noch heißen, nicht abgestürzt, obwohl sich an den Abenden bei Wein und Spundekäs schöne und lockere Gespräche ergeben haben. Nein, meinen „Filmriss“ hatte ich am letzten Synodentag, dem Sonntag, als der Abschlussgottesdienst in der Augustinerkirche begann.

 

Als Synodenmitglied ohne Stimmrecht war ich für die Gottesdienste verantwortlich. Ich hatte nicht die inhaltliche Vorbereitung, aber da ich nicht abstimmen konnte, war es für mich gut möglich, rechtzeitig in der Sakristei zu sein und alles für die Eucharistiefeiern sowie für die Lichtvesper vorzubereiten. Als sich am Sonntag Morgen die Kirche füllte, hatte ich ein seltsames Gefühl. Irgend etwas war anders. Beim Durchblättern der Webalben mit den Fotos, die meine Frau gemacht hat, fiel mir im Nachhinein auf: Alle, die die Kirche betraten, hatten ziemlich ernste Gesichter, einschließlich der Konzelebranten.

 

Erst beim Mittagessen in aller Ruhe füllte sich die Lücke, die mir fehlte, als mir meine Frau von der Verabschiedung im „Plenarsaal“ erzählte. Eigentlich war ich noch ganz aufgewühlt, weil bei der Liturgie das Orgelspiel nicht so klappte, wie man sich es als Zeremoniar wünschen würde. Eigentlich hätte die hessische Dekanatsband spielen sollen, musste aber für diesen Gottesdienst absagen; da war unsere Wiesbadener Organistin kurzfristig eingesprungen. In diesem Zusammenhang möchte ich etwas anregen: Wir sollten im Vorfeld der Synode 2012 viel früher beginnen, die Gottesdienste vorzubereiten und die Laien sowie musikalische Talente einzubeziehen. Natürlich ließ sich in diesem Jahr die Fülle der Konzelebranten irgendwie erklären. Ich würde mir jedoch wünschen, dass wir mit einer stärkeren Beteiligung der Nicht-Geistlichen und durch musikalische Vielfalt auch noch einmal neu unsere Synodalität zum Ausdruck bringen würden.

Zurück zum „Filmriss“. Ich hatte also an diesem Morgen etwas verpasst. Ich hatte mich auf eine entspannte und vielleicht auch heitere Eucharistiefeier gefreut. Schließlich konnten wir auf eine ebenso entspannte Synode zurückblicken. Als mir meine Frau jedoch von der Verabschiedung des langjährigen stellvertretenden Vorsitzenden Hans-Joachim Rosch erzählte, war mir klar, dass die Emotionen, die Rührung und ein gewisser Abschiedsschmerz nach vielen Jahren in diesen Gottesdienst mit hinein genommen wurden. Und das ist auch gut so.

 

Ich bedauere diesen „Filmriss“ sehr, zumal ich nicht nur den lockeren, zu Späßen aufgelegten Hans-Joachim Rosch erlebt habe, sondern auch das kantige und zeitweise unorthodoxe Mitglied der Synodalvertretung. Ich bin froh, dass es mir die lebendige Berichterstattung meiner Frau ermöglich hat, mich für kurze Zeit in die Atmosphäre des Ketteler-Saales zu versetzen.

Eines hat mich dieser Sonntagmorgen gelehrt: Vieles ist eine Frage des richtigen Zeitpunktes. Da tritt jemand nach einer Fülle von Jahren engagierten Handelns von der Bühne, und danach verpasst jemand im Gottesdienst im richtigen Moment den Einsatz. Aber letztendlich ist das doch ein Trost: Zum Leben gehören Höhen und Tiefen, große Momente und kleine Patzer. Auch deshalb sind wir eine fehlbare Kirche, um im Nachhinein über das eine oder andere zu schmunzeln.

 

Nach dem Gottesdienst erzählte mir die Organistin folgende Begebenheit: Eigentlich wollte sie zur Kommunion gehen, wusste aber nicht, wie sie das mit dem Orgelspiel in Einklang bringen sollte, zumal sie ja einen weiten Weg zurückzulegen hatte. Dies bekam die ansonsten sehr hilfsbereite und nette Schwester des Priesterseminars mit, und sie fragte die Organistin: „Sind Sie römisch-katholisch? Dann gehen Sie besser nicht zur Kommunion, denn das hier ist nicht katholisch!“ Ich finde: Im Vergleich zu diesem Patzer hat sich unsere Wiesbadener Organistin tapfer geschlagen. Und ich bin froh, dass ich an diesem Morgen anscheinend nicht der einzige war, der einen „Filmriss“ hatte.

 

Stephan Neuhaus-Kiefel