Die neun Vorgänger

Auf dem Weg zur Bischofswahl

 

Zum zehnten Mal wird am 6./7. November für unser Bistum ein Bischof gewählt. Zum ersten Mal war das 1873 der Fall. Und 1873 war es, wie der Kirchenrechtler Johann Friedrich von Schulte in seinem Buch „Der Altkatholizismus“ (erschienen 1887) bemerkte, in Deutschland das erste Mal seit 600 Jahren, dass ein Bischof von Klerus und Volk ohne päpstliche Bestätigung gewählt wurde. Wie lauten die Namen der bisherigen alt-katholischen Bischöfe? Und was ist über sie bekannt? Ein kurzer Rückblick aus Anlass der Wahlsynode.

Als Joachim Vobbe am 15. November 1994 in der Koblenzer St.-Florins-Kirche zum neunten Bischof des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland gewählt wurde – übrigens gleich im ersten Wahlgang – war er mit damals 47 Jahren unter seinen Vorgängern der jüngste, der für das kirchliche Leitungsamt ausersehen wurde. Der älteste war Johannes Josef Demmel, der 63 Jahre alt war, als er nach dem Tod seines Vorgängers Erwin Kreuzer im August 1953 als sechster Bischof die Leitung unseres Bistums übernahm – und das immerhin für 13 Jahre. Was die Dauer der Amtsausübung betrifft, so ist Joseph Hubert Reinkens, der erste in der Reihe der Bischöfe, mit 23 Jahren Spitzenreiter, gefolgt von Georg Moog, der als vierter Bischof unseres Bistums 21 Jahre lang sein Amt ausübte. Die kürzeste Amtszeit hatte der dritte Bischof, Josef Demmel. Er starb sieben Jahre nach seiner Amtseinsetzung, im Alter von 67 Jahren. Auch Sigisbert Kraft, der achte Bischof, war nur neun Jahre im Amt, während sich die Amtszeit der übrigen Bischöfe zwischen 10 und 20 Jahren bewegte.

Der erste in der Reihe unserer Bischöfe, der nicht bis zum Tod im Amt war, sondern in den Ruhestand ging, war Johannes Josef Demmel. Er war 76 Jahre alt, als er 1966 seinem bereits erwählten Nachfolger Josef Brinkhues die Leitung des Bistums übergab. Auch Josef Brinkhues, der siebte in der Reihe unserer Bischöfe, und sein Nachfolger Sigisbert Kraft, gönnten sich noch einige Jahre im Ruhestand. Anders Joachim Vobbe: Er wird bei der Amtsübergabe an seinen Nachfolger die Altersgrenze noch nicht erreicht haben, was ihn bei der Ankündigung seines Rücktritts zu der Bemerkung veranlasste, er könne sich durchaus vorstellen, für die verbleibenden zwei Jahre als „Altbischof“ zur besonderen Verwendung zur Verfügung zu stehen, sofern sein Nachfolger dies wolle. Übrigens: Die Synodal- und Gemeindeordnung unseres Bistums trifft hinsichtlich der Beendigung des Dienstes als Bischof folgende Regelung: „Der Bischof kann mit Vollendung des 65. Lebensjahres jederzeit in den Ruhestand treten. Er tritt spätestens mit Vollendung des 70. Lebensjahres in den Ruhestand“ (§ 26, Abs. 1 SGO).

 

Vorgeschichten

 

Interessant ist, wie es zur Wahl der einzelnen Bischöfe kam. Dabei spielte die erste natürlich eine besondere Rolle, denn es galt, zuvor einige wichtige Aufgaben zu erledigen. Dazu hatte der zweite Alt-Katholiken-Kongress 1872 in Köln eigens eine Bischofswahlkommission eingesetzt, die direkt im Anschluss an den Kongress unter Leitung des Kirchenrechtsprofessors Johann Friedrich von Schulte ihre Arbeit aufnahm. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben war, für die staatliche Anerkennung eines alt-katholischen Bischofs und seines Bistums zu sorgen. Außerdem musste sichergestellt werden, dass ein gewählter Bischof auch die Bischofsweihe empfangen konnte. Bevor es also am 4. Juni 1873 in Köln zur Wahl des ersten Bischofs der Alt-Katholiken in Deutschland kam, standen Verhandlungen mit der Reichsregierung unter Fürst Bismarck und mit dem Erzbischof von Utrecht an. Und um am 4. Juni überhaupt geordnet wählen zu können, mussten die zur Wahlversammlung Delegierten am Abend zuvor eine von der Bischofswahlkommission vorgelegte Wahlordnung und eine Reihe von provisorischen Bestimmungen verabschieden, da es ja offiziell noch kein Bistum und damit auch noch keine Synode gab, die solche Bestimmungen hätte in Kraft setzen können. Insofern gilt die Wahl vom 4. Juni 1873 auch als Gründungsdatum für unser Bistum.

Die ersten beiden Bischöfe, Joseph Hubert Reinkens und Theodor Weber, waren Universitätsprofessoren. Reinkens war Kirchenhistoriker in Breslau, Weber Philosoph zuerst in Breslau und dann in Bonn. Beide waren, wie auch alle Kandidaten, die am 4. Juni 1873 zur Wahl standen, durch ihre zahlreichen Vortragsreisen in Sachen Alt-Katholizismus weithin bekannt. Und beiden bescheinigt die Kirchengeschichte, dass sie – nicht zuletzt auch durch ihre Hirtenbriefe – zur Stabilisierung des noch jungen Bistums beigetragen haben. Georg Moog, der als erster der Bischöfe aus einer alt-katholischen Familie hervorging und in Bonn alt-katholische Theologie studierte, wurde dort 1907 Professor für neutestamentliche Exegese am Bischöflichen Seminar. Moog war übrigens auch der erste Bischof unseres Bistums, der verheiratet war und Familie hatte; ein Sohn, Dr. theol. Ernst Moog, wurde alt-katholischer Priester und Pfarrer.

 

Generalvikare und

Bistumsverweser

 

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit an der Universität übte Theodor Weber von 1890 an, also vor seiner Wahl, auch das Amt des Generalvikars aus. Dessen Aufgabe ist es, „ständiger Stellvertreter des Bischofs für das ganze Bistum“ zu sein, vor allem in Verwaltungsaufgaben, aber auch, soweit der Bischof ihn dazu bevollmächtigt, in geistlichen Angelegenheiten (§ 27 SGO). Das Amt ist traditionell an die Person des Bischofs gebunden; der Generalvikar wird deshalb vom Bischof, nach Anhörung und mit Zustimmung der Synodalvertretung, ernannt. Stirbt der Bischof bzw. emeritiert er, erlischt damit auch das Amt des Generalvikars. Es fällt bei Betrachtung der Biographien unserer früheren Bischöfe auf, dass des öfteren Generalvikare ins bischöfliche Amt gewählt wurden (Weber, Demmel I, Kreuzer, Brinkhues). Einige von den Gewählten wurden nach dem Tod beziehungsweise der Emeritierung ihrer Vorgänger zu Bistumsverwesern bestimmt (Demmel I, Kreuzer, Brinkhues). Dieses Amt sieht die Synodal- und Gemeindeordnung für den Fall vor, dass das Amt des Bischofs nicht mehr besetzt ist. Dem Bistumsverweser, der nach der geltenden Ordnung von der Synodalvertretung gewählt wird, obliegt „die gesamte bischöfliche Amtsbefugnis, ausgenommen die nur mit der Bischofsweihe übertragbaren Rechte“, wobei er „sich aller Neuerungen zu enthalten hat und die Rechte des Bistums und des künftigen Bischofs nicht schmälern darf … Das Amt des Bistumsverwesers erlischt mit der Wahl und Vereidigung des neuen Bischofs“ (§ 28 SGO). Andere der später Gewählten wurden zu Koadjutoren bestimmt, empfingen daraufhin die Bischofsweihe und übernahmen nach dem Tod oder der Emeritierung des Vorgängers die Bistumsleitung (Moog, Demmel II, Brinkhues, Kraft). Bischofskoadjutoren werden einem amtierenden Bischof – meist aus gesundheitlichen oder altersbedingten Gründen – als Beistand zur Seite gestellt. Ihre Wahl ist gewöhnlich mit dem Recht der Nachfolge verbunden und wird deshalb nach den Bestimmungen der Bischofswahl durchgeführt. Zwei der Gewählten waren Weihbischöfe: Theodor Weber und Georg Moog. Theodor Weber erhielt ein knappes halbes Jahr vor dem Tod seines Vorgängers die Bischofsweihe und wurde dann bis zu seiner Wahl und Amtsübernahme Bistumsverweser. Bei Georg Moog fällt auf, dass er durch bischöfliches Dekret seines Vorgängers Josef Demmel schon 1907, also bereits ein Jahr nach dessen Amtsübernahme, zum Weihbischof bestimmt wurde, aber erst fünf Jahre später, 1912, die Bischofsweihe empfing. Außerdem hatte Bischof Demmel ihn 1911 zum Generalvikar ernannt. Sieben Monate nach seiner Bischofsweihe wurde er zum Koadjutor gewählt; die Amtsübernahme erfolgte schließlich im November 1913, nachdem Josef Demmel gestorben war. Noch einmal anders war es bei Joachim Vobbe: Er übernahm die Bistumsleitung erst bei seiner Bischofsweihe, die vier Monate nach seiner Wahl in Frankfurt stattfand.

 

Jeder der neun Bischöfe hat in unserem Bistum seine Spuren hinterlassen. Besonders eindrücklich sind diese bei Joseph Hubert Reinkens, der eine Fülle von Schriften hinterlassen hat, die ihn nicht nur als kundigen Kirchenhistoriker ausweisen, sondern auch als begabten Dichter und erfahrenen geistlichen Schriftsteller. Theodor Weber war bekannt für sein soziales und ökumenisches Wirken. Mit Erwin Kreuzer verbindet sich das dunkle Kapitel des nationalsozialistischen Deutschlands (Matthias Ring hat in seinem Band „Katholisch und deutsch“ ausführlich darüber berichtet). In die Amtszeit Josef Brinkhues’ fällt die Zeit eines Neuaufbruchs, insbesondere in geistlicher Hinsicht. Sigisbert Kraft und Joachim Vobbe konnten daran tatkräftig anknüpfen – Sigisbert Kraft vor allem mit seinen Fertigkeiten auf dem Gebiet der Liturgie und seinen vielfältigen ökumenischen Beziehungen und Joachim Vobbe mit der Einrichtung der Herdenbrieftage und den daraus resultierenden Bischofsbriefen, die in dem Bändchen „Brot aus dem Steintal“ gesammelt sind. Auch mit ihrer Anregung von Pastoralsynoden (1987, 2000, 2007) konnten beide Bischöfe viel bewirken, ging es bei diesen Synoden doch vornehmlich darum, wie der Glaube der Kirchenmitglieder gestärkt und durch sie weitervermittelt werden kann.

In ökumenischer Hinsicht fallen in die Amtszeit von Joseph Hubert Reinkens die Bonner Unionsgespräche und die daraus resultierende Annäherung zu den anglikanischen Kirchen, wenn eine Kirchengemeinschaft auch erst 1931 möglich wurde in der Amtszeit von Georg Moog. Mit dem Episkopat von Josef Brinkhues und Sigisbert Kraft verbindet sich die 1985 getroffene Vereinbarung mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sich gegenseitig zu Abendmahl und Kommunion einzuladen. Aufsehenerregend waren die Weihe der ersten Diakoninnen durch Bischof Sigisbert Kraft (1988 und 1994) und der ersten Priesterinnen durch Bischof Joachim Vobbe (1996).

Joachim Pfützner

 

Bischöfe unseres Bistums

 

1. Dr. Joseph Hubert Reinkens, * 1.3.1821, B 1873-1896, + 4.1.1896

2. Dr. Theodor Weber, * 28.1.1836, B 1896-1906, + 12.1.1906

3. Josef Demmel, * 29.12.1846, B 1906-1913, + 11.11.1913

4. Dr. theol. h.c. Lic. theol. Georg Moog, * 19.02.1863, B 1913-1934, + 28.12.1934

5. Erwin Kreuzer, * 24.2.1878, B 1935-1953, + 20.8.1953

6. Johannes Joseph Demmel, * 5.9.1890, B 1953-1966, + 30.11.1971

7. Josef Brinkhues, * 21.6.1913, B 1966-1986, + 7.6.1995

8. Dr. Sigisbert Kraft, * 7.9.1927, B 1986-1995, + 6.1.2006

9. Joachim Vobbe, * 5.1.1947, B seit 25.3.1995